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Rasch erkannte sie, dass ein steinernes Tor den Weg in das Innere des Grabmals versperrte. Kein Schloss und kein Riegel zeigten sich dort und auch sonst nichts, was darauf hindeuten mochte, wie man die massive Steinplatte bewegen könnte. Nun würde sich zeigen, ob Fenn die richtige Schriftrolle hatte stehlen können. Mit einer Hand gebot sie ihm Einhalt, als er sich mit unruhiger Miene und nervös am Kopf seiner im Gürtel steckenden Streitaxt spielend näherte. Es war schon immer eine etwas seltsame Waffe für einen Langfinger wie ihn gewesen, dachte sie kurz beiläufig. Dann zog sie die Pergamentrolle hervor, entrollte sie und begann sorgsam, die dort geschriebenen Zeilen zu lesen. Die fremdartigen Worte, deren Bedeutung ihr nicht geläufig war, kamen nur schwer über ihre Lippen, aber sie versuchte, sie so klar und langsam zu betonen, wie es ihr ihr Auftraggeber gezeigt und aufgetragen hatte. Ein neuerlicher, kalter Windstoß fegte über das Tal, bauschte ihren Umhang und ließ sie den Blick einen Moment lang von den sich kompliziert über das Pergament windenden Schriftzeichen abschweifen. Es wäre doch beruhigend gewesen, Vermithrax nun bei sich zu haben. Mit neuerlicher Entschlossenheit zwang sie sich, die letzten Silben von der Schriftrolle abzulesen. Sie hatte keine Ahnung von dem, was nun geschah, doch das zuvor so massiv wie nur irgendeine Steinwand scheinende Tor begann zu flimmern wie Luft über einem Lagerfeuer und löste sich dann in Nichts auf. Instinktiv trat sie einen Schritt zurück, legte die Hand um den vertrauten Griff des über ihrer Schulter aufragenden Claymore und starrte angespannt in die sich auftuende Schwärze hinter dem Tor. Doch nichts kam daraus hervor, nur der Wind schien noch einmal an Wut zuzunehmen und ließ sie nun doch frösteln. „Na, was habe ich dir gesagt, natürlich habe ich die richtige…“, hörte sie plötzlich die Stimme Fenns hinter sich. Ihr kurzes Zucken verriet ihr mehr über ihre Angespanntheit als sie gerne hätte wissen wollen und sie wandte den Kopf herum, um ihn mit strafenden Blicken zu durchbohren. Ruppig legte sie sich den Zeigefinger auf die Lippen und lies ihn so mitten im Satz verstummen. Unnötiges Geplapper konnten sie nun nicht gebrauchen und für gewöhnlich verstanden sie sich weitgehend wortlos. Ein blindes, empathisches Verständnis, welches vielleicht nur Kinder entwickelten, die schon gemeinsam im Mutterleib gelegen hatten, das sich von Kindheit an bei vielen Jagdzügen noch verstärkt hatte und in vielen Kämpfen zu traumwandlerischer Abstimmung perfektioniert worden war. Sie wusste genau, wie nervös er war. Und er wusste dasselbe von ihr.
Mit angespannten Muskeln näherte sie sich dem schwarzen Schlund, der in die Gruft hinabführte. Nur schnell hinein und wieder hinaus, dachte sie bei sich. Ein paar Abwehrflüche, ein paar durch Fenns geschickte Finger lahmgelegte Fallen und vielleicht ein paar magische Wächterkreaturen. Nichts, was sie nicht meistern konnten und nicht schon gemeistert hatten. Und dennoch machte irgendetwas an diesem Ort sie verdammt unruhig. Sie griff wieder unter ihren Umhang und holte eine mattblau leuchtende Kugel hervor, die ihre Umgebung erhellte, als sie durch die Schwelle hinein trat. Der Raum war überraschend schlicht. Etwa fünf Schritte lang und ebensoviele breit. Er wies ein hübsches Kuppeldach auf und war eigentlich nur von einer einzelnen Statue in seiner Mitte dominiert, die eine kämpferische Frau mit langen, wallenden Gewändern und mittellangem Haar zeigte, die einem unsichtbaren Feind herausfordernd ein schlankes Schwert entgegen reckte. Ylvi hielt nur kurz an, um die Statue zu betrachten, dann fiel ihr Blick auf den Gang, der am anderen Ende der kleinen Kammer in schrägem Winkel in die Tiefe führte. Sie blieb stehen und Fenn tastete sich hinter ihr an der Mauer der Kammer entlang, die Blicke wachsam abwechselnd auf den Boden und die Decke gerichtet. Kurz kniete er sich nieder, um mit den Fingern nach etwas zu tasten, dann hielt wiederum er inne, als er den Durchgang erreicht hatte. Ylvi folgte ihm weitgehend in seinen Fußstapfen und drückte sich mit der Schulter um die Mauerecke herum, um hinunter zu sehen. Nichts. Ein leerer, schmaler Gang, der in Treppen in die Tiefe führte. Vorsichtig ging sie weiter hinab, immer darauf vorbereitet, das Schwert zu ziehen oder einen Satz zurück zu machen. Nach etwa zehn Schritten ließ sie sich auf ein Knie hinab und rollte die kleine gläserne Lichtkugel vorsichtig die Steigung hinab. Sie rollte und holperte eine ganze Weile die Stufen hinab und blieb dann etwa zwanzig Schritte weiter unten liegen. Der beruhigende Lichtradius vor sich lies sie aber nicht vergessen, dass um sie und Fenn herum nun weitgehende Dunkelheit herrschte. Langsam, Schritt für Schritt, schoben die zwei Abenteurer sich weiter hinab. Eine plötzliche Erkenntnis ließ Ylvi plötzlich ruckartig stehenbleiben, so dass Fenn hinter ihr Mühe hatte, nicht mit Getöse in sie hineinzulaufen. Die Kugel, die dort unten lag, lag nicht dort, weil der Boden dort wieder eben wurde. Sie lag wie von Geisterhand gehalten weiter auf der Kippe einer Treppenstufe, als wäre sie gegen etwas Unsichtbares gestoßen. Mit einem leisen Scharren zog Ylvi das lange Schwert vom Rücken, und suchte in ihrem Inneren nach der Leere, in die sie alle ihre Furcht und Unruhe hineintun und versiegeln konnte, wie es ihr der calishitische Schwertmeister Hasan al‘ Saabah beigebracht hatte. Sie wirkte vielleicht wie eine Nordlandbarbarin, aber die meisten ihrer Gegner wurden am Ende ihres Lebens sehr davon überrascht, mit welcher Kunstfertigkeit sie das klobige Claymore verwenden konnte. Körper und Geist sind eins. Der Körper ist eine Waffe. Mit geleertem Geist und kampfbereit hielt sie die Schwertklinge vor sich und näherte sich langsam der Stelle, wo die leuchtende Kugel auf so seltsame Art und Weise gestoppt worden war. Plötzlich stieß ihre Klinge auf ein Hindernis und glitt ab. Dort, wo nur Luft hätte sein sollen, standen sie vor einem Hindernis, das offenbar unsichtbar war. Langsam und vorsichtig legte sie die Hand auf die Stelle im Gang, aber sie fühlte nichts. Keinen rauen Stein, kein kaltes Metall. Sie schürzte ärgerlich die Lippen und winkte Fenn an ihre Seite, was der enge Gang gerade noch so zuließ. „Eine Ahnung, was das ist?“, flüsterte sie ihm leise zu. Auch er tastete das seltsame Hindernis einen Moment ab und legte die Stirn in Falten. „Irgendeine Art Bannmauer, schätze ich. Eine magische Kraft, die Eindringlinge abhält.“ Eindringlinge wie uns, fügte sein Tonfall unmissverständlich hinzu. Dann begann er, in seinem Rucksack zu kramen. Diese Art von Hindernis war sein Gebiet. Wieder betrachtete Ylvi die unsichtbare Mauer, drückte probeweise und lehnte sich dagegen. Und gerade als sie begann, sich mit ein wenig Kraft gegen die Mauer zu stemmen, schien diese sich wieder in das Nichts aufzulösen, aus dem sie eigentlich bestand. Einen erschrockenen und überraschten Ruf nicht ganz unterdrücken könnend stolperte Ylvi nach vorne und drehte im letzten Moment noch die Schwertklinge beiseite, die durch ihr Straucheln ihrem eigenen Hals gefährlich nahe gekommen war. „Bei Uthgars steif gefrorenem Bart,“ hörte sie Fenns Ruf. „Was hast du gemacht?“ Sie wandte sich ihm mit ratlosem Blick zu und antwortete auch nur mit einem Schulterzucken. Sie hatte keine Ahnung. Vielleicht war der Bann ganz einfach über die Jahre schwach geworden und sie hatte ihn wirklich mit ein wenig Kraft durchbrechen können. Dann fiel ihr Blick mit verzogenen Lippen auf ihre Brust. Dort hing das Amulett, das beim Stemmen gegen die unsichtbare Wand aus dem Umhang hervor gerutscht war. Aus irgendeinem Grund machte sie das stutzig, als sie es rasch wieder unter dem Umhang auf der Perlmuttrüstung verbarg. Fenn setzte schnell wieder seinen Rucksack auf und sie beide blickten weiter hinab, wo die leuchtende Kugel nun weitere zehn Schritte entfernt wirklich am Ende der Steigung ausgerollt war. Das Schwert weiter locker in der Hand tastete Ylvi sich weiter vor, bis sie an einem erneuten kleinen Torbogen ankamen. Die Kugel wieder an sich nehmend bückte sie sich und spähte dann in den sich neu unter der steinernen Haut der Berge aufgetanen Raum, welcher deutlich größer schien als der, den sie oben durchquert hatten. Ihre Schritte hallten weiträumig durch das Gewölbe und der matte Lichtschein der Kugel erreichte kaum die Hallendecke. Die Kammer war an ihrem Anfang leer, doch an seinen beiden Seiten schienen große Flächen des Steins wie verflüssigt. Sich zäh bewegender Schlamm trieb dort in zwei großen Becken, die modrig braun aussahen und auch so ähnlich rochen. Langsam bewegten sie sich weiter fort, ein paar flache Treppenstufen empor und dort sahen sie ihr Ziel. Auf einem Podest aus schwarzem Stein und bewacht von einer mindestens drei Schritte hohen Gestalt aus Stahl, die wie ein eherner Wächter reglos hinter dem Podest stand, schwebte gefangen von einer Art bläulich schimmernder Aura ein in reiche Gewänder gehüllter Körper. Unter größter Anspannung und vor allem den eisernen Wächter im Blick traten sie näher an das Podest heran. Erst langsam wagte sie, einen Blick hinab auf den Körper der toten Magierin zu senken. Sie war überrascht, wie jung sie schien. Natürlich nicht wirklich jung, aber auch kein verwelkter Leichnam oder eine vertrocknete Alte, sondern allenfalls in mittleren Jahren mit ersten grauen Strähnen im nordisch blonden Haar. Ihre Züge waren streng, etwas eingefallen und recht scharf ausgeprägt, aber nicht unansehnlich. Der Körper trug ein langes Kleid aus blauer Seide und hatte die Hände auf dem Bauch gefaltet. Sie schien nicht sehr groß. Dann glitt ihr Blick zur Stirn der toten Frau, wo sich das fein goldene Diadem mit einem kleinen, eckig geschliffenen blauen Edelstein befand. Sie blickte kurz zu Fenn auf, der die Gestalt des Eisenwächters im Auge behielt, lehnte das Schwert gegen das Podest, und streckte langsam die Hände aus. Irgendwie fühlte sie sich jetzt doch schuldig, dieser toten Frau ihr Schmuckstück zu nehmen. Sie sah nicht wie eine üble Person aus oder eine jener Magier, die ihre Fähigkeiten nur dazu erlernten, um ganze Landstriche oder sogar Völkerschaften damit zu knechten. Ihre Hände glitten ohne Probleme durch das bläuliche Feld der Magie, welches den Körper vor ihr hielt, und legten sich dann sacht auf das kühle Metall des Stirnreifs. Leise wisperte sie ehrfürchtig den Namen der Toten, dann zog sie ihn von der dünnhäutigen Stirn. Nichts geschah. Ein kurzer Blick zu Fenn signalisierte ihm, dass sie hatte, was sie hatte haben wollen.
Sie steckte das Stirnband vorsichtig in ein Ledertäschchen am Gürtel und griff wieder nach der Schwertklinge. Als sie sich in schnellerem Schritt wieder auf den gegenüberliegenden Ausgang der Halle zubewegten, stach ihnen der Gestank der seltsamen Schlammgruben erneut in die Nasen. Zögerlich trat sie einen Schritt näher und betrachtete eines der seltsamen Becken. Sie brodelten nun etwas heftiger als zuvor, so kam es ihr vor. Fenn hinter ihr scharrte ungeduldig mit den Füssen, er wollte weiter. Sie wollte sich gerade wieder umwenden, als sie sein überraschtes Keuchen hörte. Noch ehe sie herumwirbeln konnte, fuhr auch aus dem Schlamm vor ihr eine plumpe Hand hervor und schloss sich kraftvoll um ihren Unterarm. Der Griff der scheinbar aus dem braunen Matsch bestehenden Hand war schmerzhaft und beinahe hätte sie das Schwert fallengelassen. Ruckartig zerrte sie an der Hand, um ihren Arm freizubekommen, riss dabei aber nur etwas aus dem Schlamm, das wie Kopf und Schultern eines unförmigen Wesens aus dem gleichen Material schien. Und auch aus den anderen Stellen des Schlammbeckens vor sich schoben sich nun weitere klobige, menschenähnliche Gestalten ohne Gesichter, die wie die ersten Versuche eines untalentierten Töpfers wirkten. Einen Sekundenbruchteil war sie schreckensstarr, dann jedoch übernahmen antrainierte Reflexe die Oberhand. Mit einer kurzen Drehbewegung des Handgelenks ließ sie die rasiermesserscharfen Zähne an der Armschiene ihrer freien Linken hervor schnappen und hieb zu. Sie wusste nicht, ob sie dem grausigen Wesen damit Schaden zufügte oder ob es überhaupt Schmerz spüren konnte, doch die Reißzähne gruben tief genug, dass der entsetzliche Griff um ihre Schwerthand sich löste. Sofort prallte sie zwei taumelnde Schritte von dem nun brodelnden Schlammbecken zurück, packte das nun freie Claymore mit beiden Händen und ließ sich auf ein Knie fallen, um mit voller Kraft ihrer Schultern einen waagerechten, weitausholenden Hieb zu führen, auf den sie vor ihrem Lehrmeister sicherlich nicht stolz gewesen wäre, der aber mit seinem sensenartigen Schwung ausreichte, den Kopf der Kreatur, des widerwärtigen Golems, der sie gepackt hatte, sauber von den Schultern zu trennen und ihn mit einem gurgelnden Laut zurücksinken zu lassen. Von dem Schwung der schweren Klinge, den sie ohnehin nicht mehr brachen konnte, lies sie sich wieder auf die Füße reißen und die Klinge leicht abgeschrägt über den Kopf in eine Grundposition gleiten. Die Falkenwacht. Doch ein schneller Blick um sich herum lies sie den Hieb nicht mehr ausführen. Mindestens ein Dutzend der Schlammonster hatte sich nun aus den Gruben erhoben und näherte sich ihr und Fenn, der seine Axt tief in der Schulter eines der Wesen vergraben hatte, was diesem aber nicht besonders viel auszumachen schien. Zudem hatte er den Griff der Waffe loslassen müssen und stand nun vier der mit ausgestreckten Armen auf ihn zutaumelnden Gestalten nur mit einem langen Dolch bewaffnet gegenüber. Sie mussten sofort raus. Fenn blickte zu ihr zurück und wieder profitierten beide von dem blinden Verständnis zwischen ihnen. Fenn tauchte ab und trotz seiner Körperlänge elegant unter dem Arm eines der Monstren hindurch, um die Treppe zu erreichen. Auch Ylvi wandte sich nun blitzschnell um und rannte vor den unheimlichen Gestalten davon. Es fiel ihr nicht gerade leicht, aber sie wusste auch, wann ein Kampf sinnlos und vielleicht sogar von vornherein verloren war. Beinahe hätte sie mit ihren langen Sätzen auch die Treppe hinter Fenn erreicht, doch eines der Schlammonster war schneller gewesen als gedacht. Mit einem gellenden „Tempus!“ machte sie statt zurückzuweichen einen noch schnelleren Sprung nach vorne und drehte das Schwert über dem Kopf herum. Erneut erwies sich die lange Fehlschärfe vor dem Griff ihrer Waffe als von Vorteil für den Kampf auf engstem Raum. Mühelos und geübt von tausend Stunden Training packte sie das Claymore im Halbschwert, verkürzte so seine Reichweite und verschaffte ihr einen besseren Winkel, um zuzustossen. Der Aufprall war hart, härter als er es selbst bei einem schweren Gegner gewesen wäre. Ihre Stiefel trafen, im Schwung ihres Sprunges, auf den Leib des Ungeheuers, das zurückprallte und fiel. Somit plötzlich aufrecht auf der gefallenen Kreatur stehend konnte sie die Spitze des Schwertes in kurzem Bogen mitten durch den Rumpf des Gegner rammen. Sie sahen vielleicht aus wie wandernde Misthaufen, aber ihre Körper schienen eher die Konsistenz von gebranntem Ton zu haben. Dennoch reichte die Wucht des Schlages und ihres Schwunges aus, das Wesen zu durchbohren und vielleicht wenigstens für einen kurzen Moment kampfunfähig zu machen. Sofort sprang sie weiter auf die Treppe, riss das Schwert aus dem gefallenen Etwas hervor und jagte weiter hinter Fenn die Treppe hinauf. Dieser war bereits beinahe oben angelangt, doch ihr Sprunggelenk schmerzte heftig, als sie auf einer der unteren Stufen landete. Vielleicht war ihr Angriff doch zu tollkühn gewesen. Und hinter sich hörte sie bereits das unbeholfene, aber doch schneller als erwartete Tappsen ihrer unheimlichen Angreifer. Mit vor Schmerzen verzogenem Gesicht kämpfte sie sie so schnell sie konnte die Treppe hinauf. Nun konnte es kein Zögern und keine Zurückhaltung mehr geben, oder alles war umsonst und Schlimmer. Sie würde nie wieder in die Zuflucht zurückkehren. Fenn war oben bereits verschwunden als sie endlich die letzte quälende Treppenstufe erreichte. Ihr Knöchel pochte mittlerweile grauenhaft und der Schmerz trieb ihr beinahe die Tränen in die Augen. Dennoch humpelte sie weiter, um die Statue herum und dem verheißungsvollen Rechteck der Tür entgegen, die den Ausweg in die graue Berglandschaft verhieß. Ihre Verfolger waren nun nur noch wenige Schritte hinter ihr. Sie würde es nicht bis zurück schaffen, aber wenigstens unter freiem Himmel sterben. Sie konnte sich Schlimmeres vorstellen. Doch gerade als sie hinausgetreten war, der frische Wind endlich den Gestank der Schlammunholde vertrieb und sie sich zum Gefecht umwenden wollte, packte sie eine Hand hart am Kragen und riss sie zur Seite aus der Tür hinaus. Ein Gurgeln entkam ihren Lippen als sie zusammen mit Fenn von der Tür weg stürzte und hinter einen der Dolmen rollte.
Gerade wollte sie ihn wütend anfahren, wieso er sie auch noch zu Fall bringen musste, da peitschte ein neuerlicher Windstoß ober die kleine Ebene. Hinter den stehenden Steinen hervor erhob sich flügelschlagend die riesenhafte, imposante Gestalt Vermithrax. Seine Schuppen blitzten selbst im trüben, wolkenverhangenen Zwielicht so blank wie die Schilde von hundert Silberrittern bei der morgendlichen Parade in Silbrigmond. Der schlanke Hals ihres Gefährten bog sich nach hinten, dann schoss er nach vorne und mit einem markerschütternden Brüllen brach die Hölle aus seinem aufgerissenen Maul hervor. Flammen, zehnmal heißer als ein normales Feuer, griffen in Richtung des Grabmals und fegten um den Dolmen herum, hinter dem Ylvi und Fenn kauerten. Sie tosten durch die offene Tür der Kammer und mit vor Hitze brennendem Gesicht und tränenden Augen schien es Ylvi so, dass sogar der Stein des niedrigen Gebäudes, das den Eingang markierte, Blasen warf. Keiner ihrer Verfolger erschien in der Tür. Der majestätische Wyrm schloss sein zahngespicktes Maul wieder und sein Kopf schwenkte suchend herum. Sie spürte einen Stich der Sorge in ihrem Herzen, die sie nicht als ihre eigene erkannte, und beeilte sich, sich aufzurappeln und keuchend hinter dem Dolmen hervorzutorkeln. Die ganze Umgebung dampfte noch von dem alles verzehrenden Drachenfeuer und der Boden unter ihren Stiefeln schien zu glühen, aber sie eilte dennoch so schnell sie konnte und Fenn, obgleich er sich nicht das Bein verletzt hatte, hinter sich herziehend zu dem Drachen hinüber. Ein Gefühl der Zuneigung, sogar der Liebe, wallte in ihrer Brust auf und diesmal wusste sie, dass es sowohl ihr selbst als auch ihm entsprang. Danke, sagte ihm ihr Blick, aber laut rief sie nur: „Wir haben, was wir wollten! Beim Geiste dieser armen, total verrückten Magierin, die uns das eingebrockt hat, lasst uns verschwinden!“. Der Drache neigte seinen langen Hals, doch als er erkannte, dass Ylvi kaum noch imstande war, zu gehen, geschweige denn, auf seinen Rücken zu klettern, streckte er vorsichtig eine seiner Vorderklauen aus und umschloss sie damit beinahe vollständig von Kopf bis zu den Füßen. So sanft wie eine Feder trug sie diese Klaue, von der sie wusste, dass sie selbst einen Riesen in Sekunden zerreißen konnte, hinauf zum geschwungenen Rücken des Drachen. Fenn hatte noch ein wenig Mühe, hinaufzuklettern, gesellte sich dann aber mit einem zugleich erleichterten wie grimmigen Gesichtsausdruck hinter sie. Vermithrax wendete sich ohne weiteres Zögern um und sein langer Schwanz peitsche durch die Luft, als er mit einem kurzen Anlauf die Schwingen spreizte und sich zuerst ruckartig, dann aber erstaunlich sanft in die Luft erhob. Das Grabmal blieb hinter ihnen zurück und Ylvi hoffte inständig, dass es nun seine ewige Ruhe finden würde. Erschöpft sank sie nach vorne, tastete nach dem Stirnreif, wegen dem sie das alles durchgemacht hatten, und dann nach dem Medaillon auf ihrer Brust. Als Fenn ihr die Arme stützend um den Körper legte, war sie schon fast eingeschlafen.
_________________ Hohepriester: "...and I think the worse part is the jealousy."
Vaarsuvius: "As if it is OUR fault that they chose a class not capable of doing everything."
OOTS #764
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