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31.05.1377:
Die ganze Nacht war Natalie wach geblieben, die Bestände des Lagers überprüfend, die Armeeliste durchgehend, wachend, nach ihrer seltsamen Begegnung mit der Schattenhaften Person. Sie war selbst recht verwundert, dass sie die möglichen Implikationen der strategischen Lage so leicht durchschaut hatte. Doch da war mehr. Irgendetwas an der gesamten Geschichte wirkte seltsam. Das wenige, was sie über Aret Silberschwert erfahren hatte, hatte nicht so geklungen, als würde er einen General brauchen, der an seiner Stelle agieren würde, geschweige denn eine Armee, um die Stadt einzunehmen. Nein, wenn Aret Silberschwert wollte, würden ihm andere Truppen zur Verfügung stehen. Gnolle waren zwar physisch den Menschen überlegen, allerdings weit unter den Möglichkeiten eines Magiers wie Silberschwert.
Je länger sie in diesem Ort festsaß, desto klarer wurde ihr, dass es kaum etwas tat, das man machen musste. Die feindliche Informationsbeschaffung schien ausgesprochen perfekt zu sein, man hatte Auftragsmörder und Spione zu erwarten. Die Situation war alles andere als angenehm. Ein Ausfall verbot sich zumal fast immer automatisch, da die feindlichen Truppen viel zu weitreichend waren. Natalie hatte einige Momente überlegt, ob es möglich war, eine Bresche bis zu den feindlichen Katapulten zu schlagen, aber dafür waren es einfach zu viele. Zumal der Verlust ihre Seite zu stark schwächen würde.
Alchemistenfeuer und Belagerungsgerät wäre eine andere Option gewesen, allerdings stand nichts davon zur Verfügung, ansonsten hätte sie versucht, den Spieß umzudrehen. Sabotage von unten war mit den gegebenen Möglichkeiten auch weit jenseits des Möglichen: Magie hielt nicht lange genug und Menschen konnten nicht in Stunden oder wenigen Tagen sich die notwendige Strecke vorgraben.
Selbstmordkommando, natürlich, war eine Möglichkeit, auch wenn sie niemanden bitten konnte, sich für die Stadt zu opfern. Allerdings wäre es Möglich, so kurzfristig eigene Streitkräfte ins feindliche Lager zu bringen. Doch eine solche Taktik war verzweifelt und würde kaum die Verteidigung der Stadt langfristig stabilisieren. Ihr musste etwas besseres einfallen;
Während sie so überlegend durch die Stadt strich, bemerkte sie den besorgniserregenden Mangel an Verteidigern auf den Türmen. Es konnte doch nicht sein, dass…? Noch lange, bevor sie den Gedanken fertigdenken konnte, war sie auf dem Weg ins Verwaltungsgebäude und rief nach den Verteidigern Rivins, für die die Verteidigung der Stadt auf irgendeine Weise weniger grausame Realität als eine Art von Spiel war. Sie mochte ihre Präsenz nicht. Es war, als würde sie in ihren Augen eine lauernde Bestie bemerken, wann immer sie nahe genug kam. Ein Tier, das wie sprungbereit auf sie wartete, mit gefletschten Zähnen, gierig geöffnetem Maul und rasiermesserscharfen Krallen. Und manchmal, ganz selten, erkannte sie sich selbst in den Augen der Bestie wieder.
Das feindliche Kommando war schnell alarmiert: Dalendon und die anderen waren, wie immer, im Verwaltungsgebäude und beratschlagten bei Tee und Biskuit. Zumindest ermittelten sie fast stets diesen Eindruck, wenn sie ihnen begegnete. Sie hatte bereits bemerkt, dass sie langsam, aber sicher, eine gewisse Aversion gegenüber ihren Mitverteidigern entwickelte, zumindest ihren Mitverteidigern aus Rivin. Keine echten Soldaten und keine echten Heroen, sondern nur ein seltsames Etwas, das ihr ein flaues Gefühl im Magen bescherte.
Als sie das Gebäude verließ, traf sie ein Bolzen. Sie taumelte erschrocken zurück und starrte nach unten, betrachtete entsetzt den gefiederten Schaft, der ihr mitten aus der Brust, mitten aus dem Herzen ragte. Ein einzelner Gedanke durchzuckte sie: Sie war tot. Dann: Magie. Sie erweckte ihr Herz wieder zu einem Schlag, dann ein erneutes Aufreißen der empfindlichen Herzwände, als der noch feststeckende Bolzen ihr Herz erneut zerriss. Eine Hand zog ihn mit aller Kraft aus ihrer frisch verheilten Brust, erneut Magie, dann kehrte das Leben in sie zurück. Mit einem leichten Blinzeln erhob sie sich.
Der Schütze schoss noch weitere Bolzen ab, nach der Hohepriesterin Mystras und auch nach ihr. Der zweite nach ihr gerichtete Bolzen prallte an ihrem Schild ab, als sie diesem mit einer Reflexbewegung in die Bahn des Bolzens lenkte. Der letzte Bolzen fuhr durch den Himmel, das Tor des Verwaltungsgebäudes und, wie sie später erfahren würde, mitten in das Herz Samsons, des Mannes, der Trotz der für ihn katastrophalen Lage tapfer für die seinen einstand. So tapfer, wie er es vermochte, zumindest.
Natalie verstärkte daraufhin das Tor; erst später erfuhr sie, dass eine Frau Namens Samiela, die Köchin, die Bolzen verschossen hatte. Dennoch würde sie nicht so verwundert sein, wie erwartet. Es würde sein, als hätte sie es in ihrer Seele bereits erwartet. Als hätte sie die Frau selbst beauftragt, mit todbringenden Bolzen die Führer der Feinde sowie die Turmbesatzung, einen nach dem anderen, gnadenlos auszuschalten. Gespenstig.
Für den Moment wurde sie am Tor gebraucht, wo die Gnolle, wie jeden Tag, anstürmten, aus dem südlichen Lager, in dem sich die Katapulte befanden. Der Beschuss war schrecklich. Ständig schlugen Geschosse in der Nähe ein. Man machte sich bereit, zurückzufallen.
Wie konnte man die Katapulte aufhalten? In diesem Augenblick durchjagten ihren Geist hunderte von Plänen, unfertig, möglich, sinnlos, todesmutig oder einfach nur absolut gar nicht umsetzbar. Wäre Natalie in diesem Moment noch der General gewesen – vielleicht wäre ihr etwas Besseres eingefallen. Ein Plan, der sie alle hätte retten können, aber nein; selbst als General war sie Aret Silberschwert nicht gewachsen. Natürlich standen sie nur Marius entgegen, aber wer konnte schon sagen, ob Aret Silberschwert nicht einfach später hinzustoßen würde?
Was machte sie also? Sie schlug den einzigen Plan vor, der eine Erfolgsaussicht hatte, die Katapulte zu zerstören, allerdings war es nie mehr als ein Selbstmordkommando. Diejenigen, die den Plan durchführten, würden sich Aret Silberschwerts Zorn zuziehen, während sie mitten in seinem Lager waren. Selbst Marius wäre mächtig genug, seine Feinde für solches Vorgehen zu strafen. Und so schickte sie Männer und Frauen in den Tod.
Erst später sollte sich abzeichnen, dass sie zu feige gewesen waren: Sie hatten das Selbstmordkommando akzeptiert, sich aber Augenblicke vorher umentschieden, bisweilen sogar bevor sie überhaupt aufgebrochen waren. Und so zerstörten sie die Möglichkeit, alle Katapulte auszuschalten und nur einer, Darius, obsiegte; ein Mitglied ebendes Ordens, der sie selbst gerettet hatte.
Doch davon sollte sie erst weit später erfahren: Sie selbst zog sich nach einiger Zeit zur Planung ins Verwaltungsgebäude zurück, um mit den Magiern einen erweiterten Verteidigungsplan auszuarbeiten. Doch im Gebäude erwartete sie Chaos.
Die unsichtbaren Pirscher und Doppelgänger, die sie ursprünglich selbst für diese Aufgabe ausgewählt hatte, führten ihren Plan nun in militärischer Präzission aus, wenn auch jetzt gegen ihre einstige Herrin. Sie überlebte den Kampf mit einem Doppelgänger und drei Pirschern, zog sich in ihre Räume zurück und machte sich bereit, zu sterben. Doch jeden Feind konnte sie zurückdrängen, aufhalten, vernichten. Bis er kam. Janald Dalendon.
Auf einmal war sie die Mörderin der Bürger, der Soldaten, der unzähligen, die im Verwaltungsgebäude gefallen waren. Auf einmal war sie schuldig, schuldig, schuldig! Sie hasste ihn, verabscheute ihn. Sie wollte ihn niemals mehr sehen. Aber töten? Töten war unverhältnismäßig, war böse. War ihrer nicht würdig. Bis sie entlastet war, vegetierte sie in ihrem Zimmer, der Dinge harrend, die da kommen mochten.
Später am Abend verhörte ein Mann, ein Hohepriester des Ordens, einen toten Doppelgänger. Die Aussagen waren wage, nichts sagend, nur sprach er, dass er von seinem Meister verraten wurde. Erst später sollte sie verstehend, wovon der Tote gesprochen hatte.
_________________ "I have altered the deal, pray I don't alter it any further" - Vader
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