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Eine andere Halbelfe wanderte im Schutz der Dunkelheit die Waldwege entlang. Sie wollte nicht sprechen über das was sie soeben gesehen hatte. Sie musste es selbst zunächst realisieren und begreifen ehe sie irgendwem etwas davon erzählen würde.
Als die Priesterin im Turm der Magier erwähnte, dass Silbrigmond zerstört wurde, schlugen die Erinnerungen gnadenlos auf sie ein. Sie senkte für Momente das Haupt und ihre Lider, um den Schmerz hinter ihrem silbrig-weißen Haar zu verbergen, der damit einherging. Denn sie hatte mehr von dem gesehen als es ihr selbst bewusst gewesen war. Ein Teil einer Geschichte, der ihr jetzt wieder in den Sinn kam.
Trauer und Elend
Irgendwo anders auf dieser Welt lag ein Brief aus Silbrigmond in zwei zierlichen Händen. Die Bardin hatte ihre Tochter mit den anderen Kindern zum Spielen geschickt. Freunde waren bei ihnen und auch Stille hatte oft ein wachsames Auge auf sie.
Sie ahnte nichts Gutes, denn der Umschlag fühle sich seltsam schwer an. Dennoch brach sie das Siegel, welches eine Triangel mit drei Sternen zeigte, das Symbol Liiras. Die junge Frau las die Zeilen – mehrmals und dennoch war ihr als würden sich bestimmte in Herz und Seele einbrennen. Die anderen schien sie zu überlesen. Das gewohnte Leuchten in ihren Augen verblasste, schwand dabei zusehends.
Sei gegrüßt liebe Schwester,
…welche Ironie ist es, dass ich als Freudenbringerin nun Überbringerin trauriger Nachrichten bin. Wie gern würde ich jetzt bei dir sein, dich in die Arme schließen und dir Trost spenden. Denn mir ist bewusst, dass man manche Dinge nicht schonend ausrichten kann. Ganz gleich in welche Worte man es kleidet, die Botschaft bleibt die gleiche….
... die Schlacht war lang und mag auch noch immer andauern. Es gab viele Opfer. Unter ihnen auch Laer. Seine letzten Worte und Gedanken galten dir und Luarhyl. Er wollte, dass dein Geschenk den Weg zu euch zurück findet….
Friede sei mit euch, Freude und Zuversicht, ganz gleich welches Leid uns alle noch erwarten mag.
~Myriana Lelwani~
Die Leserin fiel in sich zusammen. Viele Tränen flossen in den folgenden Stunden und durchweichten das Pergament. Dennoch blieb die Hoffnung, dass Laer den Weg nach Arvandor gefunden haben möge. Sie würde ihn immer in liebender Erinnerung halten. Sein Andenken trug ihrer beider Tochter nun um ihren Hals. Ein Mondstein, dessen Bild man nur bei bestimmtem Lichteinfall sehen mochte, ähnlich einem Hologramm. Wie durch ein Wunder war auch die silberne Kette unbeschädigt geblieben.
Trotzdem das kleine Halbelfen-Mädchen ihren Vater nicht so nahe kannte wie andere Kinder ihre Eltern, war eine gewisse Trauer von nun an ihr ständiger Begleiter. So klein sie für ihr Alter schon immer gewesen war und so scheinbar unbekümmert, so konnte man ihr auch selten etwas vormachen. Dies sah man vor allem in den Momenten, in denen sie ihre Mutter aus heiterem Himmel umarmte.
Jene wiederum blieb stark für sie und andere. Nach einer Weile lächelte sie wieder, doch ihr Herz weinte… nicht nur um ihre eigenen Verluste, sondern aus Mitgefühl über das Leid das die Welt ertragen musste. Noch heute hallten die Worte anderer teilweise in ihrer Erinnerung wider „Du hast kein Ermessen…“. Und sehr wohl hatte sie es. Nur wollte niemand auf ihre Warnungen hören, ob sie offen oder subtil waren. Sie hatte geahnt, was geschehen mochte, wenn niemand einlenkte und etwas tun würde. „Was sollte eine kleine Bardin schon wissen?“, dachten sich viele. Barden schreiben ihre Lieder und erzählen viele Geschichten, wenn der Tag lang war. Sie unterhielten die Leute. Doch begriff manch einer nicht, dass den ihren irgendwo ein Funke Wahrheit innewohnte. Denn das, vor dem sie gewarnt hatte, war eingetroffen.
Sturheit, Ignoranz und Machtgier hatten nicht nur Rivin und Silbrigmond fallen, sondern auch den Rest der Welt langsam und qualvoll sterben lassen. Doch sie würde weiter kämpfen solange nur der kleinste Funke Hoffnung besteht - auf ihre Art.
Und so… begann ein immer größer werdender Teil von Sarina Lelwani zu sterben von diesem Tage an.
Als sich Luarhyl einen Moment nur unbeobachtet fühlte, zog sie ihr Symbol unter ihrer dunklen Jagdkleidung hervor. Ein melancholisches Lächeln stahl sich auf ihre Züge. Sie wusste nun, woher es kam.
Noch immer wusste sie nicht, wer genau ihre Eltern waren und was sie taten. Doch sie lebten beide mit dem gleichen Bestreben, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Die Liebe blieb bis zum finsteren Ende. Nur der Tod hatte sie getrennt und nicht sich scheidende Ansichten oder gar der Kampf gegeneinander. Sie hatten beide ein Opfer gebracht und so mochte vielleicht auch sie eines bringen. Sie erreichte schließlich einen weiten ebenen Platz, der noch leicht mit Schnee bedeckt war. Hierhin hatte es sie also gerufen. Sie erkannte die Statue und inzwischen stand der Mond hoch am Himmel. Ihr Gebet war wie so oft ein gefühlvoller, wortloser Gesang, doch formten sich die Worte in Gedanken:
Manchmal mag es uns erscheinen, dass das Leben, grausam kahl ist, doch möcht ich es leben weiß ich, dass ich, wenn auch fahl
Leuchten muss in meinem Leben. Stetig mich der Nacht ergeben. Muss mich grämen ihrer nicht Werde sein im Dunkeln Licht
Sich noch einmal vergewissernd sah sie sich um, ehe sie Stunden später ihren Weg fortsetzte. Noch immer wollte sie wissen, was geschehen war, was all diese Zerstörung und das Elend mit sich brachte. Doch sie hatte nun etwas, das ihr Sicherheit und mehr Entschlossenheit gab bei dem was sie tat. Es war Gewissheit, und sei sie noch so bitter und so verschwindend klein.
_________________ Luna Novar - Verfechterin des Glücks & Verteidigerin der Selbstbestimmung Sara Abendstern - Die häuslichste Bardin Rivins Faen Celefân - Das letzte Einhorn auf Reisen, schon wieder
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