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Ein einzelner heller Tropfen fiel von seiner Stirn. Keuchend folgte er den Anderen durch das Unterholz der Wälder. Er konnte nicht mit ihnen Schritt haltend, außerdem machte ihm das schwarze Fell, in welches er gehüllt war, schwer zu schaffen. Die erdrückende Hitze, aufgestaut durch seinen angespannten Körper, und schwüle Feuchtigkeit des Waldes quälten ihn unnachgiebig. Moran war noch nicht lange bei den schwarzen Wölfen und doch empfand er eine tiefe Verbundenheit zwischen sich und dem Rest. Ihre grausame und brutale Art, ihren Standpunkt deutlich zu machen, hatte ihn anfangs noch zurück schrecken lassen, doch inzwischen hinterließen die Eindrücke nur noch verschwommene Bilder, die ihn nicht zu treffen vermochten. Sie reisten nun schon mehrere Tage unablässig, als wären sie das Vieh was man jagte und nicht mehr jene Wölfe, für die sie sich ausgaben. Doch der schwarze Wolf, ihr Anführer, hatte einen Plan, der keinen Aufschub duldete.
Matt erinnerte er sich noch an den frühen Morgen nach ihrer Rast, als er es gewagt hatte, ihn anzusprechen…
Schwacher Dunst lag in der Luft des Waldes, vermischt mit der Wärme ergab die Feuchtigkeit beinahe tropische Ausmaße. Koras, der schwarze Wolf, brütete Gedanken versunken über eine Karte. Selbst er hatte für die Rast das schwarze Fell abgelegt, welches er wie einen Umhang trug. Moran hatte in der Frühe festgestellt, dass ein Reiter zuvor einen ähnlichen Weg genommen hatte und wollte dies persönlich ihrem Anführer mitteilen.
„Verzeiht, wenn ich euch stören sol-“ Moran schalt sich insgeheim dafür wie er sprach. Er musste sich daran gewöhnen nun nicht mehr in der Stadt zu sein. Hier draußen würde man ihm kein Gehör für edle Worte schenken! Er machte einen Schritt vor und stand vor der Karte, über welche Koras gebeugt saß. Nur langsam hob dieser seinen Kopf. Er hatte langes, schwarzes, glattes Haar und ein etwas längliches Gesicht. Seine Haut war dunkel vom Schmutz und der Erde, kurz fragte sich Moran ob Koras nicht sogar sehr blass wäre, würde er ein Bad nehmen und man könnte unter den Mantel des Dreckes blicken.
Die kalten grünen Augen Koras’ fixierten ihn abwartend. Moran hatte schnell gelernt, dass man Koras nicht unnötig störte, wenn er etwas Wichtiges tat.
„Jemand ist bereits vor uns hier durch gekommen, ein einzelner Reiter. Wir vermuten, dass…“
Koras hob seine linke Hand an.
„Ja… er wird es sein.“ Seine Stimme klang fest und schneidend, als würde sie selbst durch den stärksten Wind hindurch zu vernehmen sein.
Moran blickte ihn verdutzt an. „A…aber wenn ihr wisst, dass es der Sohn von Gräfin Karvel war… wieso rasten wir dann? Sollten wir ihn nicht jagen und töten?“
Nun formten sich Koras’ Lippen zu einem schmalen Strich. „Nein.“ Er senkte seine linke Hand und strich sich mit ihr über das stoppelige Kinn. „Gewiss fürchtet ihr, dass er von uns erzählen könnte… aber das wird ihm auch nichts mehr bringen. Ja, er ist es sogar definitiv. Kein anderer hätte es riskiert so nah an uns vorbei zu müssen um zu diesem Ort an der Schwertküste zu gelangen, außer er. Er will schneller sein als wir, er ist amüsant.“
Moran ließ seine Schultern hängen, er konnte es nicht belustigend finden, wenn jemand der nach all’ ihrer Leben trachtete so nah war und sie ihn nicht jagen konnten – nun da er allein schien.
„Es ist gleichgültig wohin er reitet, wir bekommen ihn. Gleich auch wie tollkühn sein Handeln wirken mag, so stinkt seine Spur doch nach Angst. Denn er weiß, dass wir ihn zu uns holen werden. Also mach’ dir keine Gedanken Moran.“
Zögernd nickte er, obgleich es ihm schwer fiel den Schauer der über seinen Rücken kroch zu verbergen. An vieles hatte er sich gewöhnen können, aber nicht mit welcher Selbstverständlichkeit sein Anführer vom Töten sprach. Mit einem Kopfschütteln versuchte er sich wieder zu konzentrieren – eines Tages würde ihm auch dies nichts mehr ausmachen.
„Geh’ nun zu den anderen zurück, wir brechen bald auf.“
„Verzeiht Meister… aber stimmt es wovon Keldrik sprach? Ich meine die Zusammenkunft.“
Koras hob den Kopf, den er kurz zuvor wieder gesenkt hatte um die Karte weiter zu studieren, wieder an.
„Ja, es stimmt.“
Moran nickte leicht und wand sich um. Seine Kehle hatte sich zugeschnürt. Es würde also zu einer Zusammenkunft kommen, eine wie es sie nie zuvor gegeben hatte.
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