|
Ein kleiner braunhaariger Junge zog die Nase kraus.
„Woher kam die Prinzessin?“
Miras wandte sich mit einem offenen Lächeln dem Jungen zu.
„In einem Land, weit entfernt dem unseren! Wo die Sonne nur zur Mitternachtsstunde zur Ruhe kommt, wie auch die Menschen des Fremden Landes, denn sie arbeiten unentwegt! Daher auch ihre schmaleren Augen als die unseren – durch die viele Sonne mussten ihre Vorfahren die Augen stets zusammen kneifen um sie zu schützen und eines Tages… waren sie schmaler geworden!“
Erschrockenes Raunen ging durch die Kindermenge, einige weiteten ihre Augen nun demonstrativ als wollten sie dem vorbeugen, andere wiederum kniffen sie zusammen als wollten sie ihre Augen wie die des fremden Volkes erscheinen lassen. Ein aufmunterndes Lächeln wurde ihnen von ihrem Erzähler geschenkt.
„Keine Sorge Kinder Rivins, bei uns kann euch dies nicht geschehen, denn unsere Sonne schenkt uns weitaus mehr Ruhe als jene in diesem fremden Lande…“
…wann sonst sollte die Arbeit in den Slums beginnen? Fügte er gedanklich hinzu.
Dann jedoch richtete er sich wieder vollends auf und erhob die Stimme und seine eigentliche Geschichte fortzuführen.
„Da waren sie also – im Dunkel der Trollborken, umgeben von lauernden und hungrigen Trollen die nach ihrem Fleisch und Blut gierten, getrieben vom Willen der Gerechtigkeit und ihres unbeugsamen Mutes… alleine und doch trotzten sie den Gefahren mehr als nur einmal!“
Nun wand er sich zu einer Seite der anwachsenden Kinderschar. „Einmal kamen drei Trolle auf einmal und wollten ihnen das Fleisch von den Knochen nagen, doch Lucian bezwang sie trotz einer schweren Verwundung die ihm Troll beim Stürmen hinzugefügt hatte!“
Er wendete sich zur anderen Seite und blickte in aufmerksame Kinderaugen. „Ein anderes mal kam ein Oger vorbei, der ihr Lager für sich beanspruchen wollte und dennoch trotzte das ungleiche Paar auch dieser Gefahr!“
„Lucians Kampf ließ selbst die verborgenen Waldbewohner aufhorchen! Ein starker Mann, dessen Haut so schwarz wie Kohle und dessen Augen die Farbe der Erde hatten, ein Kreuz dreimal, nein viermal so breit wie das meine und größer noch als Lucians’ Zweihänder, beeindruckt von dem Ruf unseres Heldens, schloss sich ihm ebenfalls an! Und auch wir, beeindruckt von der Fülle an seinen Taten in solch kurzer Zeit mühten uns ihm nachzueilen…“
Vertieft in den Erzählungen Miras’ vergas ein blonder Junge, dass er sein Brot bereits aufgegessen hatte und biss sich in seine Finger, ein Mädchen mit zwei schiefen Zöpfen daneben hob ihre Hände vor den Mund, beeindruckt stellte sie sich den fremden Mann vor.
"…der Weg durch den Wald war verwinkelt und fremd, die Bäume selbst schienen uns an der Nase herum führen zu wollen, doch schließlich fanden wir das Lager, durch ein Licht, welches Lucian für Nachzügler aufgestellt hatte, abermals bewies er vorausschauendes Denken und wir waren durch ihn gerettet."
Unruhig rückten zwei Mädchen zusammen. „Und dann?“
„Als wir bei ihm waren, verschloss uns die Schönheit der exotischen Frau die Kehle, wir vermochten kaum in ihrer Gegenwart zu sprechen und doch verrieten ihre Blicke welch Gefühle sie für den mutigen Recken hegte, in so kurzer Zeit hatte er ihr Herz gewonnen, eine Tat um die wir ihn alle beneideten.“
Seine Augen huschten über die inzwischen recht große Menge von Kindern, ein flaues Gefühl breitete sich in seinem Magen aus, er wusste nach dieser Geschichte musste er schnell verschwinden. Jene Feinde von Lucian mochten solch eine Erzählung gewiss nicht hören und würden Miras deutlich machen wollen, was sie hiervon hielten.
„Doch unser Held hatte keine Zeit zu verlieren, Orks hatten sich nach unserer Ankunft angeschlichen, sie waren den Spuren der Nachzügler gefolgt … es hieß schnell zu handeln!
Er stellte sich vor uns und befehligte die chaotischen Streiter als wäre er von Tempus selbst in Kriegskunst unterrichtet worden, als würden wir ein frisches Brot durchschneiden, so leicht war dieser Sieg und wir hatten noch mehr geschafft: Einen gefangenen Ork, von dem Lucian Informationen gewinnen konnte!“
Miras hob seine rechte Hand in die Höhe.
„Wichtige Informationen, die selbst unseren Fürsten interessieren, dass er einen Boten schicken ließ um Lucian aus dem Wald herzubestellen.“
Er spürte die bohrenden Blicke einiger Erwachsener, er konnte die Geschichte nicht zu dem Ende bringen als das er wollte – das würde zu gefährlich werden. Es gab ihnen nur Zeit sich vorzubereiten.
„Und nun, in diesem Augenblick in dem ich einfacher Mann, mit dem Namen Miras euch diese Geschichte erzähle, spricht Lucian mit den hohen Leuten, begleitet von der Schönheit aus dem fremden Land der Sonne, um sie vor der nahenden Gefahr zu unterrichten. Ja, Kinder, er wird dafür sorgen, dass der Kriegshetzer, der düstere Krieger in den Borken von dem ich euch zu Anfang erzählte, Rivin nichts anhaben kann! Er wird zerschmettert werden und das wird uns die gesuchte Sicherheit bringen, dank Lucian werden wir wieder aufatmen können.“
Sein Lächeln wurde verschlossener und als er dies bemerkte verneigte er sich tief.
„Ich hoffe auch auch das weitere Geschehen um die Taten dieses Helden Lucian Graves erzählen zu können, Kinder der Slums. Denn zweifellos kann ich sagen, das wird nicht seine letzte Tat gewesen sein.“
Er erhob sich wieder und grinste flüchtig, es war ein aufgesetztes Grinsen was seinen Beobachtern ein unbeschwertes, naives Gemüt vortäuschen sollte. Miras dagegen war nicht nur besorgt, nein er fühlte eine innere Wut darüber, dass er die Geschichte so abrupt enden lassen musste, sie war nicht mehr als das Werk eines Laien. Gut war nur, dass er in den Slums begann – hier mochte man sie dennoch als unterhaltsam und gelungen halten, in höheren Schichten hätte man ihn belächelt.
Die rechte Hand griff zum Dreispitz und er hob diesen kurz an, die Kinder sprangen auf als sie realisierten, dass die Geschichte geendet hatte. Manche liefen zu ihren Eltern, andere begehrten auf und verlangten nach weiteren Geschichten. Rasch huschten Miras Augen zu dem Dach der Suppenküche, doch verwarf schnell den Gedanken darüber zu fliehen. Die Gefahr abzurutschen war zu hoch.
Er senkte sein Augenmerk auf jene Kinder die ihn noch umgaben und trat langsam von seinem Podium hinunter, er gab Bruchstücke weiterer Erzählungen preis um sie noch länger an sich zu binden und langsam in die Gassen gehen zu können, umgeben von einem Schutzschild welches die Feinde Lucians nur schwer durchbrechen würden: Kinder.
Schließlich machte er einen weiten Satz vor, verneigte sich nochmals vor den Kindern und wendet sich wieder los laufend um. War es seinen Feinden wichtig genug, jemanden der solch eine Geschichte erzählte in die Hände zu bekommen, oder war die Feindschaft bereits verjährt und abgekühlt, dass nur Einzelne aktiv gegen Miras versuchen würde vorzugehen? Das waren die Slums, auch ihnen würde nicht viel geholfen werden.
Aber er würde kein unnötiges Risiko eingehen.
Er lief durch die verschlungenen Gassen, nahm einen Umweg und wählte schließlich den Weg ins Abenteuerviertel. Als er dort ankam atmete er erleichtert durch, seine Vorsicht hatte sich ausgezahlt. Und dennoch würde er seinen nächsten Plan besser überdenken, es gab anscheinend noch viel mehr, dass Lucian ihm vergessen hatte zu erzählen.
|