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Engelsreigen
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Autor:  Tear [ Do 1. Nov 2007, 00:01 ]
Betreff des Beitrags:  Engelsreigen

Ihre grünen Augen blicken ins Feuer. Früher verschluckten sie den unruhigen chaotischen Schein der glühenden Flammen. Heute spiegeln die klaren Pupillen das Feuer wieder, wie sie vieles wiederspiegeln, dass ihren Blick trifft.
Zwei schlanke Finger stützen nachdenklich das kleine spitze Kinn, die Finger der anderen Hand streichen fast zärtlich über das Holz der Armlehne.

Es ist Winter geworden...Winter nach einem verlorenen Herbst, einem wortlos gegangenen Frühling und dem Rest eines erlebten Sommers...

WORÜBER DENKST DU NACH?

Seine Arme sind noch immer dünn, viel zu dünn, dass der Schreck, den der Ungewohnte erfährt, tief geht, bis ins Herz. Sie sind lang, unförmig und enden in überdimensionierten schwarzen Fängen. Wie seltsam, dass sie in ihrer absurden Abnormalität, wie die Hände einer sorgenvollen Mutter auf ihren Schultern ruhen. Wie seltsam, das der konturlose schwarze Kopf mit seinem glühenden roten Augen an ihre Wange gebettet ist.

Ich denke darüber nach, ob dieser Körper hier frieren wird...

WARUM SOLLTE ER NICHT, ES IST EIN MENSCHLICHER KÖRPER, KOMPLETT NACH DEINEM EBENBILD GESCHAFFEN...ER REAGIERT WIE DEIN ALTER KÖRPER, ER ENTSPRICHT SEINEM GEWICHT UND DEM ÄUSSERLICHEN ERSCHEINUNGSBILD DEINER SELBST...

Aber es ist nicht mein Körper, mein Körper liegt irgendwo in den SLums und schimmelt vor sich hin...

NEIN, DASS TUT ER NICHT, SOVIEL SEI GESAGT...

Sie hebt ihren Kopf und entflieht mit ihrem Blick dem Flammenschein, der sie so fesselte...

Warum sagst du mir nicht, was geschehen ist...warum beschwörst du meinen Zorn herauf?

DEINEN ZORN KANN ICH ERTRAGEN UND WERDE DENNOCH WEITER SCHWEIGEN.

Ihre Züge verfinstern sich. Die Augen werden dunkel, bis das Grün ganz verschwindet und ihre wahre Natur offenbart, absolute Schwärze.

Die Flammen im Kamin verlieren ihre Kraft. Sie können die Ecken des kleinen Raumes nicht mehr erhellen. Fliehend verschwinden sie in den Tiefen der der steinernen Feuerstelle.

MÄSSIGE DICH!

Die schwarze Gestalt hebt ihren Kopf und sieht den fliehenden Flammen nach. Die langen Finger ziehen sich von den Schultern der Frau zurück.
Ihre schlanke Hand ist schneller, greift die Lehne zurücklassend zu und zieht sich wie ein Schraubstock um das schwarze Gelenk der Gestalt zusammen.

Befehle mir nichts...Breche den Pakt unserer Welten nicht...

Die Schattengestalt verharrt, die glühenden Augen senken sich auf das Ungleichgewicht der Farben an seinem Handgelenk. Blasse narbenlose Haut und das Schwarz einer Welt ohne Licht. So gegenteilig und doch vereint in dieser zornigen Bewegung. Die roten Augen können keine Emotionen wiederspiegeln, doch der Pakt zwischen Beiden offenbart alles. Vor ihm gibt es keine Geheimnisse..., keine Rückzugsmöglichkeiten...

WIR SIND EINS VERGISS DAS NIEMALS... WIR SIND EIN UND DAS GLEICHE SCHICKSAL. DESWEGEN KANN ICH DIR DEINE FRAGEN NICHT BEANTWORTEN...DIR NUR IN DER ZEIT DES WARTENS UND DER EINSAMKEIT BEISTEHEN

Die dunkle Hand zerfasert, ihm folgt der Rest des schwarzen Körpers, bis ihre eigenen Finger ins Leere greifen und sich die Schlieren, die der Schatten bildete, mit ihrem eigenen Körper vereinen. Es dauert lange, ehe sich ihre Augen wieder ins Grüne färben.

Ja, warten wir...warten wir und wachsen...irgendwann werden wir erneut erwachen und mein Zorn wird dann das Geringste aller Übel sein.

Autor:  Tear [ Mo 12. Nov 2007, 18:28 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen

Der Tag war lang gewesen...

Ob sie darüber glücklich war oder nicht war eine seltsame Frage nach all der Trägheit, die der Frieden, für den sie maßgeblich mitverantwortlich war, mit sich gebracht hatte. Die Wunde, an ihrer Seite pochte und erinnerte sie daran, dass heute viele Dinge geschehen waren, im Grunde viel zu viele und das der Frieden am Ende nicht mehr war, als ein Deckmantel, unter dem alte Dinge wieder aufbrachen und neue Krankheiten sich ihren Platz in dem Ach so wunderbaren Rivin erkämpften.

Die Naht war frisch, die gerötete Haut schmerzte bei jeder noch so kleinen Berührung. Jeder Mensch... fast jeder Mensch in Rivin hatte eine solche Wunde aufzuweisen, an der gleichen Stelle und an jeder anderer...

Ihre Finger wanderten weiter, ehe sie unter ihrer Brust zur Ruhe kamen, dort, wo ein anderer Körper, ihr Körper, eine Narbe sein Eigen genannt hatte, die so vieles widerspiegelte. Die Tatsache, dass sie einst wirklich liebte... das sie verraten wurde und das sie verraten hatte. Das sie sogar das zu Töten im Stande gewesen war, was sie liebte und das er, es schließlich getan hatte.

Du hast doch keine Ahnung Kahri!

Sie drehte sich zur Seite, legte ihre Wange auf ihre, wie zum Gebet gefalteten, Hände und schloß ihre Augen. Das leuchtende tiefe Grün verschwand. Das Pochen der Wunde lies leicht nach.

Es ist eine Sache, Teil des Leides zu sein, eine andere, weit mehr als das, darüber hinaus zu erleben.

Sie hatte ihm nicht viel gesagt, das hätte nichts gebracht. Für sie war es ebenso unmöglich sein Leid nachzuvollziehen, noch ihm das ihre begreiflich zu machen. Das ist auch Unfug.

Mit der Schuld ist das eine andere Sache. Schuld und Sühne ist eine mächtige Triebfeder, weil sie Gefühle beschreiben und wir in allem, was wir tun, am Ende immer nur einem Gefühl nachjagen.

In allem, was wir tun, befriedigen wir unsere persönlichen Gefühle, daran ist oft wenig Nobles aber auch oft wenig Verwerfliches.

Allerdings...

Sie öffnete ihre Augen und drehte sich gänzlich auf den Bauch. Das kalte Laken kitzelte über die Wunde und kühlte sie. Das Kissen zusammen knautschend, atmete sie tief aus.

Wir haben immer eine Verantwortung gegenüber unseren Taten, gleich warum sie geschehen oder welche Triebfeder sie leitet. Wir können uns nicht damit entschuldigen. Ein „das ist eben so“ gibt es nicht, wenn wir abstreiten, wer wir sind und warum wir handeln, wie wir handeln, dann tun wir etwas grundlegend Falsches.

Die Götter haben uns die unerschöpfliche Quelle der Emotionen gegeben. Sie bestimmen uns und das zu Recht. Mensch zu sein, heißt zu fühlen. Mit allen Konsequenzen.

Und genau das ist der entscheidende Punkt... Amelie.

Mit allen Konsequenzen.

Autor:  Tear [ Do 6. Dez 2007, 11:37 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen

Schnee fällt in leisen Bahnen, vom Wind getragen. Häuft sich zu kleinen Hügeln, zu Bergen, die den Horizont verbergen.

Die kleine Hand wiegt so wenig. Leicht wie der Schnee, leicht wie Wind. Die winzigen Fingerkuppen, Nägel, die noch an keinen Gefängnissen dieser Welt, blutig gekratzt worden.

Ich darf die Unschuld nicht vergessen, mit der alles beginnt.
Ich darf die Schuld nicht vergessen, die den Weg der Dinge weist.

Ihr Lächeln ist wie die Sonne.
Ist sie die Sonne?

In ihren Augen finde ich mich wieder, ihr Lächeln gibt mir Flügel. Nicht der Schnee vertreibt die Dunkelheit, es sind diese kleinen weißen Zähne, die sich so mutig in die Welt recken, eine Geschichte erzählen, die nicht mit schwarzer Tinte geschrieben ist.

Wird sie?

Wirst du mich wiederfinden?

Sie neigt ihren Kopf, sie neigt ihn wie ich, doch sie hat keine Antworten.

Sag mir, wirst du mich wiederfinden?
Ich hab mich verloren.
Ich vermisse mich.
Finde mich.


Du bist doch bei mir...
Du sitzt doch hier bei mir im Schnee.
Ich kann dich sehen.
Du bist hier.

Ein Rabe erhebt sich von einem schlafenden Baum, gefrorener Schnee fällt auf den Boden und wird eins mit ihm.

Eine Katze streift mit grünen Augen und schwarzen Fell durch den Schnee und schüttelt ihre kleinen Pfoten ab, die weiße Schuhe tragen.

Ihr kleiner Körper hält mich warm aber mein Blick ist in die Ferne gerichtet.

Im Winter wird es schneller dunkel...

Sie sieht mit mir in die Ferne. Ihre grünen Augen leuchten, weil der Schnee leuchtet.

Du willst nicht wieder dunkel werden...
Du hast zu lange gekämpft, um nicht in der Finsternis zu wandeln.
Sie schmeckt dir nicht mehr.
Das Blut ist nicht mehr das Selbe.

Schnee schmilzt...Tropfen für Tropfen...Ich stehe auf.

Ich hebe sie hoch, halte sie fest, spüre sie. Ich streife ihr eine Strähne aus den Wangen, meine Augen, deine Augen, zu klein, zu winzig. Unendlich stärker als ich. Sie sieht über meine Schulter und in die Ferne der schneebedeckten Hügelgräber.

Der schwarze Mann Kahri, warum ist er bei uns?

Wimper für Wimper über grüne Augen, tief wie die See.

Weil es sein Schicksal ist.

Ist er ein Freund? Darf ich mit ihm spielen?

Nein Ino, mit ihm darfst du nicht spielen.

Warum nicht?


~ Nevermind me ~ Maria Mena 03:55

Autor:  Tear [ So 20. Jan 2008, 14:06 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen

Die Träume kamen und gingen wie finstere Sendboten, die von Vergangenem und von Kommendem berichteten. Der zierliche Körper zuckte und wendete sich unter den seelischen Schmerzen, denen sie anders als im Wachzustand, hier in der Welt der Träume, schutzlos ausgeliefert war.

Doch die Träume waren wichtig. Sie gaben ihr das Maß an Verständnis und Grauen zurück, dass so bitter notwendig war, um die Ernsthaftigkeit und die Verdammnis, die auf ein eventuelles Scheitern folgen würde, in all seinen grausamen Details zu erkennen.

Die schwarzen Arme ihres Zwillings lagen auf ihrer schwer atmenden Brust und hüteten, was nicht zu behüten war. Auch er wusste, dass sie nicht wach sein durfte und das die Träume, die ihr Schweißperlen auf die Schläfen trieben, sie läuterten, genauso wie sie quälten. Seine Wangen von keiner Kühle oder Hitze begleitet lagen auf dem Kissen neben ihr, während sein Körper am Kopfende kniend verharrte. Schließlich öffneten sich Kahris Augen und es dauerte einen Moment, bis der Schrecken in ihnen verschwand und sie die Decke des Zimmers als solche wahrnahm.

„Fertig?“

Das Säuseln des Schattens wanderte über ihr empfindliches Ohr.

„Fertig!“

Ihre Stimme klang belegt, der Körper schmerzte, wie die heilende Wunde auf ihren Zügen.

„Erkenntnisse?“

Seine schwarzen Finger entwichen ihrem Körper mit einer zärtlichen Berührung.

„Ich habe Angst.“

„Das ist sehr gut Kahri, sehr gut.“

Autor:  Tear [ So 20. Jan 2008, 14:31 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen

...

Das Wasser in der Schale war lauwarm und gab ihren Gesicht nicht den Wachzustand zurück, den sie brauchte, um klar denken zu können.

Die blutbesudelte Lederrüstung neben ihr erinnerte sie, ebenso wie ihr geschundener Körper an die Ereignisse der letzten Nacht. Vor dem Spiegel auf der kleinen Kommode stand sie und betrachtete ihren zierlichen mitgenommenen Körper. Schließlich wendete sich ihr Blick im Spiegel zu ihrem Zwilling hinter sich.

„Ich weiß nicht, was ich tun soll. Jene, die ihm die Stirn bieten sind mit anderen Dingen gefangen und ich habe Angst, das sie sich dem Ausmaß dessen, was geschieht, wenn sie sich nicht zurück besinnen.“

Der Schatten wiegte seinen Kopf hin und her.

„Ich habe gesehen, was geschehen ist, was dem vorging und was dem folgte, bis du den Schauplatz verlassen hast. Ich könnte dir Namen nennen, an denen du festhalten solltest aber ich kann nicht in ihre Köpfe, ihre Gedanken klären oder ihren Gemeinschaftssinn fördern.“

Ihre nassen Hände fuhren erneut über ihr Gesicht, dann über ihr langes offenes Haar.

„Sie lassen sich nicht führen, außer durch sich selbst und Ihr selbst ist gefangen in ihren Plattitüden, kleinkarierten Charakterspielchen, Machtbefugnisse. Manche sind so sehr davon geleitet, das Richtige tun zu wollen, dass sie außer Acht lassen, das sich ihr Schicksal an einem anderen Ereignis zu beweisen hat, als in dieser Geschichte... und dennoch bringen sie alles zusammen, bis das Chaos über ihnen hereinbricht.“

„Der Waldläufer?“

Kahri nickte.

„Es verkompliziert sich nur. Er soll seinen Weg suchen, er hat dort seine eigenen Baustellen, die er sich mit dem Schwert, das er an sich genommen hat, aufgebürdet hat. Er stellt eine potenzielle Gefahr da, sollten sich diese beiden Geschichten vermischen, wenn sie das nicht längst schon haben.“

„Wirst du mit ihm darüber reden?“

Kahri hob die Schultern.

„Er hat in das Spiel eingewilligt und sollte es noch Bestand haben, was mir merkwürdig erscheinen würde, im Augenblick dessen, was ich nun weiß, ist es eh zu spät.“

„Dann konzentrieren wir uns auf das, was du tun wirst.“

Sie wendete und blickte den Schatten vor sich an.

„Was kann ich tun? Ich bin Stratege, Taktikerin, ich sammle Informationen, werte sie aus und schmiede Pläne. Alles andere liegt im Auge des jeweiligen Zuhörers und Betrachters.“

Der Schatten nahm vor ihr Platz.

„Die Herrin hat dir den Weg gezeigt, mit den Kindern umzugehen. Warum folgst du ihrem Rat nicht? Du kannst nicht ändern, was nicht geändert werden will. Deine Worte sind wie Wind, egal wie viel Wichtigkeit, du ihnen selbst beimisst.“

Kahris Hand ballte sich zu einer Faust. Die winzigen Kratzer, der Bogensehne rissen wieder auf.

„Warte ab Kahri, warte und richte am Ende über das was steht und was nicht steht. Wenn es weitere Tote gibt, und dessen bin ich mir sicher, werden die Dinge bald anders gewichtet sein.“

„Die Liste ist schon ein wenig lang oder?“

„Anscheinend nicht lang genug.“

Autor:  Tear [ So 27. Jan 2008, 13:58 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen

Der trübe grüne Nebel verteilte sich von ihren Lippen über das Bett und schwellte sich in in kleinen Gruppen sammelnd über den Teppich, die schäbige kleine Bar und die abgesessenen Stühle ihres Raumes.

Sie hatte ihre Knie angewinkelt und die Unterschenkel mit ihren Armen umklammert, während ihr Blick auf den Tabak in ihrer Hand gerichtet war. Die nackten Zehen bohrten sich in das ungemachte Laken des Bettes.

Die Wirkung der Drogen im Tabak begann etwa dort in ihrem Körper, wo der Magen saß, breitete sich wie ein wohliges Gefühl unter ihren Rippen aus und wanderte wie unsichtbarer schmeichelnder Dunst in ihre Arme und Beine. Das Gefühl, als sie schließlich in kleinen fühlbaren Berührungen in ihren Zehen und Fingerspitzen explodierte, war wie eine Offenbarung.

Das betäubte Blut kroch an ihren Haaren vorbei, die noch immer feucht auf ihrem nackten Rücken lagen, wanderte die Wirbelsäule hinauf und ergoß sich in tausenden von kleinen Bächen in ihrem Nacken, bis es ihr Gehirn erreichte.

Regungslos und nur von einem schneller werdenden Atem begleiteten, verengten sich ihre Pupillen kurz darauf und vergrößerten sich wieder. Das tiefe immer etwas glühende Grün verwandelte sich in ein dunkles, das fast schwarz zu werden schien. Flucht!

Bilder überschwemmten die Dunkelheit um ihre Augen. Gesichter kamen und gingen...Sie roch Dinge, die sie erinnerten, Dinge die ihr Fragen stellten. Leise Stimmen wisperten. Eindrücke, viele Hunderte, die in schnellen Abfolgen auf ihren Geist einprasselten, als suchten sie alle gleichzeitig eine Türe in ihre Seele, um dort wie ein Sturm zu toben.

Mit einem seufzenden Atemzug fiel Kahri nach hinten auf das weiche Bett zurück und legte ihre Hände auf das Gesicht. Wieder schien eine lange Zeit zu vergehen, in der sie sich nicht bewegte und nur mit dem Strom der Bilder schwamm.

Der Druck, der plötzlich auf ihren Hüften und ihrem Bauch lag, nahm sie zuerst gar nicht wahr aber als sich zwei Hände um ihre Wangen schlossen, große Hände, rau und schwielig, wie die eines Kriegers riss sie die Augen auf. Panik kam in ihr auf. Sie hatte ihn nicht gehört, hatte ihn nicht gerochen, ihre Waffen lagen eine Ewigkeit weit weg von ihr.
Sie begann zu strampeln, ihre Hände wollten zum Stuhl neben ihrem Bett, doch es war sinnlos, sie konnte sich nicht bewegen, kein Finger, kein Bein, nicht einmal ihren Hals. Augenblicklich wollte sie schreien aber auch aus ihrem Mund kam kein Ton heraus. Sie war wie eine leblose Hülle, in der ein Geist gefangen schien, hatte er Gift benutzt? Der Körper des Mannes über ihr nahm ihr den Atem. Dann sprach er...keine Einleitung, kein überlegendes Lachen, dass sich über ihre Hilflosikeit amüsierte.

„Deine Schwäche für die bösen Jungs Kahri...sie erinnert sich an dich selbst nicht wahr...? Deine Schwäche Kahri... dein ganzer Körper schreit danach, weil sie die einzige Möglichkeit ist, wieder irgendwas zu fühlen, du bist erbärmlich...du bist schwach!“

Der Druck seiner Beine um ihre Hüften wurde spürbarer. Der im Schatten liegende Kopf, mit den langen dunklen Haaren, beugte sich zu ihr hinunter.Sie spürte, wie die Spitzen seiner Haare ihre Lippen berührten und Teile ihres Kinns. Wieso konnte sie sein Gesicht nicht sehen, wieso hatte sie ihn nicht gehört?
In ihrem Kopf explodierten derweil Synapsen. Eine jede davon verpasste ihr einen neuen Schlag, trieben sie tiefer in die Bewegungslosigkeit. Keine ihrer wehrhaften Bemühungen fruchtete, die Angst fesselte sie zusätzlich.
Dann schien sie im Halbschatten des über ihr gebeugten Gesichtes etwas zu erkennen, immer mehr je näher es kam.

„Du wehrst dich nur, weil du dir beweisen willst, das du dich gegen deine Natur wenden kannst aber du irrst. Dein ganzer Körper schreit danach und dein Verstand...ist nur noch ein winziger Funken auslöschbarem Willen. Ich kann riechen, wie du deinen sinnlosen Kampf verlierst. Man kann es fühlen, fühlen, fühlen...“

Die wispernden Worte berührten ihre Lippen, was immer über ihr war küsste sie, während es sprach. Wieder wehrte sie sich, sinnlos, ihr Körper arbeitete trotzig gegen sie.

„Du machst es nur schlimmer Kahri, je mehr du dich dagegen wehrst, desto näher sind wir dir alle.“

Eine der Hände wanderte von ihrer Wange ihren Körper hinunter, während die andere sie noch immer ihren Kopf wie einen Ball aus Federn in der Luft hielt. Sie war ausgeliefert und das erschreckende daran war die Tatsache, dass sie einen Moment sogar dachte, dass es in Ordnung so ist. Sie wehrte sich nicht mehr, lag einfach nur still da, die Augen aufgerissen, nach Anhaltspunkten suchtend.

Dann sah sie es...grüne Augen, die sie ansahen, während die fremden Lippen, sie noch immer berührten. Eisgraue Augen, die so voller Lügen waren, so voller Schuld und in denen sich ihre eigenen Pupillen spiegelten. Ihr Atem ging schneller. Es schien ihr wie eine Farce, dass sie obgleich sie sich nicht mehr bewegen konnte, den Kuss zu erwidern begann und keinerlei Schuld dabei spürte. Das Grau der Augen wandelte sich in ein züngelndes dunkles Rot und der Geruch von Schwefel stieg ihr in die Nase.

„Nicht mehr wehren, nicht mehr wehren Katze, so ist es gut...deine Schwäche für die bösen Jungs...genieße sie...sie bringt dich näher an dich selbst heran, näher, als du jemals dachtest.“

Seine Hand drückte sich gegen ihren Oberschenkel und sie spürte wie ein brennender Schmerz durch ihren Körper zuckte.
Der Schrei, der den Kuss von ihren Lippen auflöste und von ihr selbst zu kommen schien zuckte durch den Raum, in dem sie lag, wie ein scharfe Klinge.

Dann saß sie im Bett, mit einem Mal war der Mann über ihr verschwunden, kein Druck mehr, keine Hilflosigkeit, keine Gerüche und fesselnde Augen mehr...Der Schmerz blieb.
Ihre Augen gingen nach unten...sie hatten den Tabak nicht ausgedrückt, er brannte sich gerade in ihr Laken. Es stank nach verbrannter Haut und verbranntem Stoff.

„Scheiße.“

Sie wischte in hastigen Bewegungen die schwelige Glut vom Laken und trat mit dem Stiefel unten nach, bis sie aus war. Die letzten Reste des Tabaks landeten im Tonbehälter neben dem Bett. Als sie sich sicher war, dass alles aus war, rutschte sie an das Kopfende des Bettes, zog die Knie an und verschwand fast in ihrer Bettdecke. Als ihre Fingernägel in das Fleisch ihrer Unterarme drang wurde das Gefühl in ihr tauber...aber es wollte einfach nicht verschwinden.

Autor:  Tear [ Do 31. Jan 2008, 12:59 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen

Ohne Schwerkraft...
Ein winziger Moment völlig frei...
Ich bin nicht mehr gefangen...

Ihre Arme öffnen sich, die Augen schließen sich...

Wenn ich falle, fallen andere nicht...

Der Wind, der durch ihre Wimpern tanzt, ihre Haare wirbeln auf... ein Mantel aus schwarzer Seide. Die Katze hat neun Leben, eines wird sie nun verlieren.

Im freien Fall entschwindet die obsidianfarbene Maske, der Geruch von Schwefel, die höhnischen Züge...

Etwas füllt die Leere in ihr, wagt sich herein in die große Dunkelheit, eingeschlossen in einem fallenden Panzer aus Stahl und vergeht, als der Schmerz die kurze Reise in die einzige Freiheit jäh zerstört. Sie hört wie ihre Knochen brechen, wie sich der Boden in ihren Rücken bohrt, ihr Bein splittert. Das Handgelenk, ihre vergessene Schwachstelle, bricht unter dem Druck wie ein Streichholz.

Sie spürt Blut in ihrem Mund, wie seltsam, dass sie sich nur fragt, ob sie sich wohl auf die Zunge gebissen hat. Sie hört Schritte auf dem Pflaster nahen, dreht ihren Kopf. Etwas rotes färbt ihren Blick, vermutlich hat sie sich den Kopf aufgeschlagen. Es sind grobe Stiefel, der feste Schritt ist lauter als ihr keuchender Atem. Jemand ruft nach einem Heiler, jemand hebt sie auf und es explodieren Schmerzwellen in ihrem Körper.

Ihr Bewußtsein geht auf die Reise... und findet nichts in der Dunkelheit. Als sie die Augen wieder öffnet steht jener vor ihm, um den sich ebenso viel dreht, wie um den schwarzen Engel. Seine Hände richten Knochen, sie will bei Bewußtsein bleiben, doch er sorgt dafür, das ihre Schreie aufhören.

„Versorgt sie, es wird keinen Bericht geben, lasst sie unbehelligt gehen, sobald sie wiederhergestellt ist.“

Sie kennt nun seinen Namen, er hat zu ihrem Namen ein Gesicht. Sie weiß, das seine Hände nicht nur heilen, sondern prüfen. Das ist seine Bestimmung..

...Prüfe mich, sie prüfen mich alle...

„Ist das nicht Kahri? Die Kleine von unserem ehemaligen Hauptmann?“

„Weiß ich nicht, ich dachte, er hätte ihr nur seine Tochter gegeben.“

„War das nicht die Frau mit den Zentarim?“

„...Die war mal inner Triade.“

„...echt inner Garde war sie auch oft, ging hier ein und aus... als wär‘s das Normalste der Welt.“

„Einige sagen, sie sei ne Hexe...“

„Schöne Augen aber Vorsicht, das is ne Schlange.“



....wer bist du...


Ich bin nur ich, nie mehr und niemals weniger. Ich bin ein Mensch und während es am Tag so ist, ist es des Nachts ganz anders...

Autor:  Tear [ So 3. Feb 2008, 12:19 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen

Sie hockte weit über den Gassen, auf jenem einen hölzernen Giebel, des einen erinnerungstrunkenen Hauses und sie war wütend.

Wütend über diese Hybris sich ein Urteil über sie anmaßen zu können, das konnte niemand. Von allen am ehesten ihre ehemalige Lehrmeisterin und bei den Göttern auch sie hatte sich fürchterlich geirrt.

Die dunkle Maske auf ihren Zügen, folgte wie ein lebender, atmender Symbiont ihren Kopfbewegungen, die sich ziellos mal hier mal dort hin wendeten.

In dieser Stadt hängt eine jede Seele in einem hauchzarten Spinnennetz und strampelt um seinen winzig kleinen Freiraum. Jede Bewegung löst eine Bewegung in einem anderen Faden aus... und irgendwann weiß die Spinne, dass ihr Beute ins Netz gegangen ist.

Ihre freie Hand, jene, die sich nicht am Giebel abstützte, um ihren hockenden Körper zu stützen, fuhr zu ihren Gesichtszügen. Die schwarze Maske zerfaserte und zog sich in die Innenseite ihrer Kapuze zurück. Dann wanderten nackten Fingerkuppen über ihre eiskalten Lippen.

...ich brauche niemanden, der mich anführt, sondern jemanden, der an meiner Seite ist.

()...Soll ich dieser jemand sein? Ich bin ein Stachel in deinem giftigen Fleisch, ich bin da, um dir weh zu tun, wenn du anderen Schmerz zufügst. Willst du mich so haben, das kann ich dir gern geben, alles andere hast du noch nicht verdient.

Glaubst du, dass mir Schmerz hilft, meine Grenzen zu erkennen?

Sie hob ihren Kopf in den Himmel und knurrte leise auf. Die Finger entschwanden ihren Lippen und die Maske aus Nebel und Schatten schnellte aus den Ecken ihrer Kapuze hervor und lies die fast lieblichen Züge ihres Gesichtes erneut verschwinden.

Dann stieß sie sich ab. Ihr Körper wiedersetzte sich nur für Wimpernschläge den Gesetzen der Schwerkraft, landete auf einem Erker und sprang von dort auf den eiskalten nassen Gassenboden. Neben ihr in der Dunkelheit der schlecht ausgeleuchteten Armutsviertel kam eine zweite Gestalt auf. Beide richteten sich gleichzeitig aus der Hocke auf.

Jeder braucht Sehnsüchte, die um Erfüllungen buhlen.
Jeder hat Bedürfnisse.
Jeder strebt nach etwas.


Aber du nicht...Sehnsüchte machen dich angreifbar, dein Streben nach persönlicher Erfüllung macht dich berechenbar und eines Nebelgängerin solltest du nie werden, .... ein Teil einer berechenbaren Gleichung.

Autor:  Tear [ Mi 13. Feb 2008, 20:28 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen

Die Neigungen des Herzens

Die Neigungen des Herzens sind geteilt wie die Äste einer Zeder.
Verliert der Baum einen starken Ast, so wird er leiden, aber er stirbt nicht.
Er wird all seine Lebenskraft in den nächsten Ast fließen lassen,
auf dass dieser wachse und die Lücke ausfülle.

-Khalil Gibran-

Autor:  Tear [ So 17. Feb 2008, 13:17 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen

„....Ich habe sie erst befreit. Ich bin hierfür verantwortlich. ICH trage diese nie endende SCHULD.“

„...und wenn...es ist nun mal geschehen...die Götter wissen, wie wütend ich darüber bin, das ihr es soweit habt kommen lassen...Aber diese SCHWÄCHE...euch nun töten zu lassen...und UNS ANDREN,...die wir LEBEN wollen, in dieser Qual zurück zu lassen...das ist wirklich niederträchtig!“

„...Und was soll ich noch beitragen? Ich kann nicht helfen. Nicht so, wie ich derzeit bin.“

„Ihr habt eine Verantwortung zu tragen für eure Taten, doch sie geht nicht mit eurem Tod durch den Henker einher. Ihr habt ihr die Stirn zu bieten und in Demut für Wiedergutmachung zu kämpfen, mit eurem Geist, mit eurer Waffe, mit eurem Gewissen! ...Ich habe mehr erwartet!“

„...Das habe ich. Ich habe alles in Bewegung gesetzt, was mir möglich war. Aber ihr seht. Ich selbst kann nicht mehr helfen. Ein Wrack, gestrandet und zerschmettert.“

„Ihr seid es nur, wenn ihr euch selbst dazu macht!“

Ihre zierliche kleine Hand, an deren Nägeln noch das getrocknete Blut klebt, umschließt die andere weitaus Größere mit festem Griff und legte ihre Zweite schützend auf sie. Er erwidert die Berührung mit leichtem Druck und so warteten sie, einander anblickend, bis ihre Atemzüge sich beruhigt haben, ihre Blicke klar und wach werden und die Angst, die in ihnen gewütet hatte, verschwindet, ausgemerzt wird, so das sie ihn heute Abend nicht länger mit ihrem Bruder, der Schuld, quälen kann.

„Ihr Name ist Ino...ich bin nicht ihre leibliche Mutter aber ich habe geschworen ihr Leben zu beschützen, egal was da kommt. Ich habe es bei ihrer kleinen Unschuld geschworen. Sie ist Serenas beste Freundin...wir haben die Pflicht...immer.“

Für einen Moment war es ganz still geworden, nur noch das monotone Tropfen der nassen Zellenwände durchbricht die Ruhe. Das Getrippel der Ratten und Mäuse auf dem kahlen Steinboden, das Rascheln von modrigem Stroh, die hasserfüllten Tiraden von Korporal Janus und seiner aufgestachelten Meute, der sich wie ein hungriges Mastschwein auf seinen Vorgesetzten freut, damit dieser ihn mit Ehrungen und Lob überschütten kann, für die Festsetzung des Teufelanbeters Janald Dalendon und der angeblichen Hexe Kahri.

„Sie wird nicht dastehen, dereinst...und sagen können, sie habe ihn besiegt, jenen den man Janald Dalendon nannte.“

Sie mag die Schwäche nicht, das Aufgeben hatte noch nie eine Option in ihrem Handeln und Denken eingenommen, war niemals ein endgültiges Ziel, nie die Lösung einer Aufgabe gewesen.

Janald hatte menschlich gehandelt. In ihrer Wut über seine Hybris hatte sie für einen Moment vergessen, dass sein Handeln nur natürlich gewesen war. Das er Fehler machte, genau wie sie und das diese Fehler, aus dem Wunsch zu behüten und zu schützen heraus, entstanden waren.

„Was seht ihr in mir?“

„Einen Menschen.“

„Was für einen?“

„Einen Menschen wie mich, wie meinen Bruder, wie meine Schwester, einen wie den Fürsten, wie Conan oder Amelie...einen Menschen...dich.“

...
...
...

Panik.

Hände, die nach ihr greifen, ihre Gelenke umschließen, sie zurück drücken, Fesseln, die in ihre Haut schneiden, ein Knebel, der ihre Zunge in die Kehle drückt und den Brechreiz weckt. Die Wände der Zelle sind eng, sie erschweren das Atmen, die Gitterstäbe schmettern ihr entgegen...

GEFANGEN KAHRI. HILFLOS KAHRI...

Ihre Schulter brüllt vor Schmerz. Sie ist angeschwollen, vom stundenlangen Versuch, die Gefängnistüre einzuschlagen.

Panik.

Ich will raus hier...
Ich will nicht gefangen sein, wie ein Tier...


Blut spritzt auf den Boden. Es ist ein scheußliches Geräusch, es klingt ein wenig so, als würde ein Wassersack platzen, der von Metall umgeben, dass zur Seite gedrückt wird. Reubens Augen brechen, die Seele entschwindet einfach, als habe sie nur darauf gewartet, dem Gefängnis Körper zu entwischen. Aus seinem Rücken thront das blutüberströmte Klingenblatt von Uruks Axt.

„Er... sagte ja immer, er habe so viel zu tun und könne sich schwerlich in zwei Hälften teilen.“

Ihre höhnische Stimme echoviert in der Wachstube und geht ohne Beachtung vorüber an den bleich gewordenen Gesichtern der Gardisten. Der Teufel holt zum nächsten Schritt aus. Sie spürt es und kann nichts tun. Ihre Hände krallen sich in die Gitterstäbe. Sie hat versucht ihn zu warnen, kann nicht begreifen, wie die Botin des Teufels einfach in der Wachstube wandelt, in ihrer schmutzigen blutverkrusteten Garderüstung, den Insekten, die vor aller Augen aus ihrer Augenhöhle wandern und die sie mit einem überlegenen Grinsen einfach zwischen ihren Zähnen aufknackt.

„DU WIRST DAMIT NICHT DURCHKOMMEN DU VERFLUCHTES SCHEUSSAL, DIE MENSCHEN WERDEN DICH RICHTEN FÜR DEINE DUNKLEN GRAUSAMEN TATEN. HÖRST DU SCHEUSAL...WIR WERDEN IMMER STÄRKER SEIN, ALS DIE DUNKELHEIT. DU WIRST WIEDER SCHEITERN...DU BIST ZUM SCHEITERN VERURTEILT BRUT.“

Niemand hält sie auf. Sie verlässt den Raum und zurückbleibt die Utopie, dass irgendjemand den Wahnsinn durchschaut haben muss, dass nicht alle blind und taub, dem ganzen beiwohnten. Als die Hoffnung darüber gegangen ist, bleibt nur der kahlrasierte Schädel des Helmiten übrig. Scharfe Augen, Augen eines Fanatikers.

„In meiner Heimat näht man Hexenweibern die Lippen zusammen und verbrennt sie, hier bekommen sie ein Zimmer mit Kost und Logis und werden nicht mal geknebelt?!“

Nadel und Faden nähern sich ihren Lippen, doch sie kann Zeit heraus schinden. Kann ihn zum zuhören zwingen. Holt zwei Tage heraus.

„...Lass ankündigen, dass es eine Doppelhinrichtung geben wird und sie in Form einer Steinigung ausgeführt werden soll. Das Volk benötigt solch ein Ereignis....zur Beruhigung.“

Sie wehrt sich nicht, als man sie hochreisst und wegschleift, tiefer in die Gewölbe der Garde, in einen anderen Kerker, wo sie ausharren soll, bis die Menschen, sie mit Steinen zerschmettern sollen, jene Menschen, für die sie da ist und die sie geschworen hat zu behüten. Das wird nicht geschehen, soviel ist sicher.

Sie ist ein Wächter, sie ist, was sie beschützt.

Die Panik über ihren aussichtslosen Zustand bricht nicht über sie hinein. Das ist seltsam, weil allein der Gedanke gefangen zu sein, ihren Instinkten alle Türen öffnet. Ihr einziger Gedanke gilt dem Waldläufer, vielleicht ist das auch nur menschlich, in Anbetracht ihrer Situation. Man hat ihn Stunden zuvor aus der Zelle weggebracht, vermutlich um ihn zu foltern, ihm Geständnisse zu entlocken.
Ja, ihre Gedanken sind bei ihm, während sie die Bettlerin festhält und ihr Trost spendet, über den gebrochenen Geist hinwegsieht, den der Teufel in ihr zurückgelassen hat.

„Nicht aufgeben Janald...niemals aufgeben.“

Ihr Flüstern wird von den Wassertropfen der Zellenwände weiter getragen, von den Mäusen und Ratten. Von Zelle zu Zelle, von Schatten zu Schatten. Dann schließt sie die Augen und wartet.

Autor:  Tear [ Mi 20. Feb 2008, 19:11 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen

Etwas blitzt in der Dunkelheit auf. Erhellt ein lückenloses Gebilde ohne Form und lässt winzige Tropfen Blut aufleuchten, die sich durch scheinbar luftleeren Raum bewegen, stumm, ohne eine Richtung.

Der Docht der Kerze knistert. Ihre Augen öffnen sich und statt des mit Blut besprengtem Vakuums offenbart sich ein gemütlicher warmer Raum. Sie sitzt auf einem großen Bett, ihr frisch gewaschenen Haare duften nach wilden Rosen. Zwei Arme legen sich um ihre Schultern und schließen sich vor ihrem Brustkorb zusammen. Sie spürt Atemzüge in ihrem Nacken, wie sich ein Körper an ihren Rücken bettet und beschließt ihn eine Zeitlang festzuhalten, um sich ihm sicher zu sein.

„...ich dachte, ich verliere dich... erneut...“

Ihr Hände legen sich auf die seinen, umfassen sie, halten sie. Ihre Augen schließen sich wieder.

„...nein, du wirst mich nicht verlieren...“

Ihr Kopf legt sich in den Nacken, das lange gelockte Haar fällt wie duftende schwarze Seide über seine Schultern. Ein Kopf bewegt sich auf ihrem Schoß, ein unschuldiges Lächeln, auf schlafenden Lippen. Winzige Finger drücken sich gegen ihren Bauch. Sie spürt die Wärme des kleinen Körpers auf ihren Beinen.


Der Geruch frischen Tabaks mischt sich unter den Gestank modrigen Strohs und Exkremente. Er steht dort in seiner weißen Kleidung, ruhig distanziert.

„... Es ist bedauerlich, dass ich persönlich intervenieren muss...“

Seine Augen sind noch so jung, doch sie scheinen ebenso viel gesehen zu haben, wie sie, vielleicht noch mehr? Er ist hübsch, nicht wirklich schön, aber hübsch genug, um aufzufallen. Er besitzt einen Wiedererkennungswert und vielleicht ist es das, was sie schließlich erkennen lässt.

„Die Dinge liegen finster.“

Er entzündet Tabak und reicht ihn ihrdurch die Zellenstäbe. Sie hat mehr Hunger, als Lust auf den beruhigenden Rauch aber sie nimmt ihn und zieht den grauen Nebel tief in ihre Lungen.

„Es scheint Elemente zu geben, die euch nicht wohlgesonnen sind, in der Regierung so wie in der Stadt. Ihr wisst sehr wohl, dass ihr nicht nur Freunde habt.“

Ihre Hinrichtung ist beschlossener Sache, der Übergriff der Teufel auf ihre Seele - die Beherrschung - nicht mehr als ein tragischer, doch glücklicher Zufall, die störende „Hexe“ aus dem Weg zu schaffen.

„Wollt ihr weiterleben, Kahri?“

„...Wie könnte ich das verneinen... aber nicht um den Preis meiner Integrität oder meiner Seele.“

Seine Macht ist groß, größer als der Fanatismus und die Mordlust in diesen Mauern. Seine Pläne offenbaren die Spinnenweben, weit oben im Senat, im Fürstentum, in dem ganzen Regierungsapperat, gesponnen werden. Seine Worte zeigen ihr auf, dass die Ratten das sinkende Schiff noch immer nicht verlassen haben, doch sie zeigen auch auf, dass sie heute nicht sterben wird. Für heute hat sich die Waage wieder ausgeglichen.

Der Preis für ihre Freiheit bleibt im Dunkeln, er ist nur ein Versprechen, dass in der Zukunft beglichen wird. Als sie einwilligt, wählt sie ihre Worte mit Bedacht...Ihre Integrität verbietet ihr es, Versprechen zu brechen, das ist nicht ihre Art aber sie kennt die Preise dieser Welt für das Leben und das nicht alles, alles wert ist. Als sie einander zu nicken, beschließt sich ihr Plan sich mit den Worten...

„Dann hoffe ich, dass wir einander nicht enttäuschen werden.“

Autor:  Tear [ Mo 17. Mär 2008, 19:30 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen


Tagebucheintrag, 17. Ches 1377

Ich erschrecke mich über den Hochmut, der aus machtvollen Menschen, Kreaturen macht, die sich in ihrer ganzen Eitelkeit, einzig auf ihren Instinkt verlassen und dies als Begründung ihrer Taten anführen, als wäre es die einzige wirkliche Entschuldigung, die es zu akzeptieren gilt.
Wer sind wir noch, wenn wir uns nur auf unsere Triebe reduzieren, auf die schnell getroffenen Vorurteile, auf die irrtümlichen Ansichten, das einzig und allein unsere Meinung, fundamentiert in der Macht, die wir haben, um sie zu vertreten, Recht ist?

Wir sind nicht die Herren über Leben und Tod, wir sind kein Gericht, selbst wenn unsere Macht uns manchmal eben dazu verleitet. Wir sind Wächter, wir hüten, jene, die sich nicht selbst behüten können.
Unsere Urteilskraft darf sich weder an der Meinung anderer, noch an Hysterie oder Subjektivität orientieren. Wer das vergisst, der macht sich schuldig und der verspottet das Ideal, das er einst mit ganzem Herzen vertreten wollte.

Wir besitzen alle nicht die letzte, allumfassende Wahrheit, die Klarheit der Gerechtigkeit, wir haben nur Meinungen, die erst zum Fundament einer Entscheidung beitragen, wenn sie bekräftigt oder revidiert werden, durch Beweise. Wer die Arroganz vertritt, das er dies durch die Macht, die er hat, durch die angeblichen Erfahrungen, die er gesammelt hat, das ganze erlebte Leid, das seine Lebensgeschichte mitgeschrieben hat, auch ohne die Wahrheit der Beweiskraft entscheiden kann, der irrt, der irrt in jedem Moment und der hat nichts gelernt.

Macht zu haben, bedeutet nicht Weise zu sein. Ich sehe das immer und immer wieder und es betrübt mich. Dieser Irrsinn lässt mich Feinde erahnen, die eigentlich auf der richtigen Seite sein sollten. Dieser Wahnsinn macht aus Idealisten Fanatiker. Menschen, die vergessen haben, wo ihr Platz ist.

Gut und Böse sind die Gesichter ein und desselben Monsters. Wir können uns nur selbst über uns erheben, wenn wir maßvoll mit dem umgehen, was die Waage des Lebens hergibt. Die Welt ist für uns ein Spiegel. Wir wären blinde peinliche Geschöpfe, wenn wir uns nicht selbst in ihr erkennen können, bedenken, was uns gegenübertritt, maßvoll zu sein, mit dem was wir dem Gegenüber entgegenbringen. Wir finden uns immer in unserem Nächsten wieder, so oder so... wenn wir gewillt sind zu töten... riskieren wir unsere Seele, wenn wir getötet haben, haben wir auch ein Stück unseres Selbst getötet.

Einen wahrhaftigen Feind gegenüberzutreten, bedarf einer größeren Sache als Mut... Demut.


((- nach Erich Fromm’s Ansichten über die psychologische Demut - ))

Autor:  Tear [ Do 10. Apr 2008, 17:28 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen

Grüne Katzenaugen spiegelten sich in dem perfekt verarbeiteten Stahl. Eine feuchte kleine Nase schnupperte vorsichtig über das kalte Metall, zuckte zurück und im nächsten Moment trat ein kleiner schwarzer Schatten mit gesträubtem Fell den Rückzug an. Mit eingezogenem Schwanz sprang er auf die schwarzgewandete Gestalt, die dem Objekt des Erschreckens gegenüber saß und rollte sich dort mit argwöhnigem Blick zusammen.

Eine filigrane Hand hob sich von der einladenden Lehne des prunkvollen blutroten Sessels und streichelte vorsichtig über den Rücken der schwarzen Katze.
Wieder fing das Metall der Waffe ein Augenpaar auf. Augen, die sich in ihrer Intensität durchaus mit dem zu neugierigen Besucher von eben messen konnten. Nur das diese Pupillen schwarz waren, schwarz, wie die reine unerbittliche Finsternis.

Die leicht geschwungene Klinge auf dem dunklen Samt strahlte unheilvoll in den Lichtkreisen der wenigen Kerzen. Sie war denkbar einfach verarbeitet, keine Schnörkel, keine sinnlose Verzierungen. Nur der violette Edelstein am Ende des Knaufs verhalf dem Schwert zu einer gewissen Besonderheit. Abgesehen von der fast erschreckend abstoßenden Perfektion dieser Waffe.

Draußen begann es zu regnen. Schwere Tropfen pochten an die Wände des steinernen Gebäudes und an die verriegelten Fensterläden, die ungewollte Besucher abhalten sollten. Wind pfiff um das Haus und sang ein schiefes Lied. Die Melodie gab dem leisen Flüstern im Raum einen unangehmen Unterton.

Mit einer ruhigen, konzentrierten Bewegung stemmte sich die Gestalt an den Lehnen aus ihrem Sitz und kam auf die Beine. Die schwarze Katze miaute verärgert, doch verschwand dann unter dem Himmelbett am Ende des langen Raumes. Lautlose Schritte überwanden den kleinen Abstand zwischen Tisch und Sessel.
Das Leder der schwarzen Rüstung knirschte, dann fuhren behandschuhte Finger über die scharfe Klinge, respektvoll, fast mit Ehrfurcht, zwei Gefühle, die der Gestalt im Großen und Ganzen fremd waren.

Elona hatte gute Arbeit geleistet und damit ihre Wut erregt. Wut bedeutete Fehler zu machen. Früher oder später und je näher sie ihrem Ziel kam, dass zu tun, was nötig war, desto wütender wurde sie über den Stachel in ihrem Fleisch, der sie immer wieder daran erinnerte, das es mehr gab als die Kategorien, denen Fanatiker ihre Namen gaben. In dieser Angelegenheit gab es so klare Definitionen von Gut und Böse, dass eine Überlegung zu einer Entscheidung eigentlich hinfällig gewesen wäre.

Gewesen wäre...

Konjunktiv.


Gut und Böse waren die Seiten ein und derselben Medaille, vor dieser Zeit gab es eine andere. Elona wußte nicht, was genau sie war, diese Zeit davor, aber sie war sich sicher, dass Devon nicht immer das war, was er zu sein schien und egal wer oder was das Scheusal eigentlich verkörperte, welche Schuld, welche Wut auch immer, sie unterschieden sich kein bisschen von einander.

Auch sie verkörperte die Wendung einer grundsätzlich verschiedenen Sache in eine andere.

Noch immer spiegelte sich ihr Augenpaar auf der Waffe wieder, ebenso wie die schattenhaften Züge des Teufels im Raum.

„Wie lange willst du diese Fassade noch aufrecht erhalten, ich bin dieses Erscheinungsbild leid.“

Das Augenpaar sah nach oben, Devon blickte fragend zurück.

„Bis ich dieses Erscheinungsbild leid bin.“

Die Antwort fiel knapp aus. Der Blick senkte sich auf die Waffe zurück.

„Warum die ganze Qual? Die Dinge liegen denkbar einfach.“

Erneut knirschte das Leder. Diesmal durch die zur Faust geballte Hand. Eine wegwischende Bewegung folgte und Devons Gesicht, samt seiner Gestalt zerstoben im Nichts.

Karaski'lith... war das wirklich so einfach?

Er schwieg. Er hatte sein Urteil gefällt, doch er würde es revidieren, wenn ihr Urteil falsch sein würde. Sie durfte nicht scheitern, wie auch immer der Weg aussah, den sie beschritten hatte, sie musste ihn bis zum bitteren Ende gehen, egal, was er am Ziel bereithielt.

Autor:  Tear [ So 14. Dez 2008, 10:53 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen

Der Geruch einer verwesenden Leiche verfolgt einen. Selbst wenn man sich wäscht und sich mit kostbaren duftenden Ölen einreibt, er hängt in deiner Nase, wie ein lästiger unwillkommender Gast.

Dieses süße Metallische, dass sich mit Geruch von fauligen Eiern verbindet, es hielt sich hartnäckig und verhinderte, dass der Rest der Flasche Wein, die Kahri für diesen Abend, als die beste Wahl an Gesprächspartner erkoren hatte, auch wirklich Geschmack hatte.

Die Straßen der Stadt waren seit den Übergriffen der Grünhäute wie ausgestorben. Einige gingen noch ihren täglichen Arbeiten nach aber man sah nur noch wenige Kinder oder Marktbesucher und viele von denen, die Kahri ab und an bei ihren Spaziergängen durch die Viertel traf, hatten weder einen Namen oder ein Gesicht, an dass sie sich erinnerte.

Was wäre, wenn dieser Stadt klammheimlich der Todesstoß versetzt worden war? Wenn die Maße an Ereignissen, die den schwächlichen Fürsten seine Repudation kosteten, Starken letztlich seinen Kopf, der Garde den letzten kümmerlichen Rest an Glaubwürdigkeit und das erneute Erstarken...sie korrigierte sich das erneute geträumte Erstarken von Lucian sowie die Rückkehr von Darkk ein sicheres Anzeichen dessen waren, dass diese Stadt einmal zu viel eingesteckt hatte?

Kahri lehnte ihren Oberkörper ein wenig nach vorne und verlagerte ihr Gleichgewicht. So verhinderte die hockende Haltung auf dem Gibeldach des mehrstöckigen Hauses, dass sie einen allzuschnellen Flug Richtung Boden antreten würde.

...und sie machte sich Sorgen, wegen einem Artefakt, dass einen Riesen aus seiner kalten Starre lösen konnte oder wie man den Bann über die Feen brechen konnte oder warum der Vater, Bruder, Cousin, Neffe, wie auch immer ... von Neftarie es schaffte eine ganze Armee von Orks, Ogern, Trollen und letztlich Drachen zu befehligen. Gut, die Antwort war schlicht, dass die Götter einen wirklich miesen Tag hatten, als sie den Intellekt in dieser Familie verteilten.

Sie sah zu der Flasche hinüber, die gefährlich nah am Abgrund zur Straße stand. Früher hatte sie nie getrunken. Janald hatte Recht, es vernebelte den Geist und sie wäre damals vermutlich schon viel früher drauf gegangen.

Irgendwie hatte des der Alkhohol sogar geschafft ihre Einstellungen zu revidieren. Das tolle Gefühl auf der richtigen Seite zu stehen, das richtige zu tun. Das war so...Kahri schauderte leicht. Sie stellte keine Vergleiche auf, wie es damals und wie es heute gewesen ist...aber genau dann, wenn es um ihre eigenen Interesssen und Leidenschaften ging, da hatte sie damals eindeutig die besseren Karten gehabt. Sie hatte sich nehmen können, wann immer sie etwas wollte und auf niemanden Rücksicht nehmen müssen.

Die ganze Nacht lang hatten sie in Leichen gewühlt, um schließlich den Kadaver eines Gardisten aus dem Tümpel in den Slums zu ziehen. Er sollte der Schlüssel sein, den die Gruppe brauchte, um einem gewissen glatzköpfigen Fanatiker den Garaus zu machen. Und mit guter Mensch, böser Mensch hatte das ganze wenig zu tun. Starken hatte Kahri umbringen wollen und die Tatsache, dass er ihr den Mund zunähen wollte, trug auch nicht gerade zu einer freundschaftlichen Einstellung zu diesem Helmiten bei.

Sie trank wieder einen Schluck und sah über die Stadt hinaus. Wenn es klappte konnte sie ihre Einsamkeit für ein paar Stunden in der Freude diesen Wahnsinnigen vom Schachbrett zu haben ertränken.

Aber mit guter Tat hatte das Alles nichts zu tun. Kahri übte ein weiteres Mal Rache...aber das Wort Gerechtigkeit...hörte sich einfach viel viel schöner an und schaffte einen wunderbaren Glanz in den Augen anderer.

Autor:  Tear [ Do 5. Feb 2009, 18:45 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen

Wir fürchten uns vor allen möglichen Dingen...
Geräusche, Bewegungen, Umrisse, Schatten... aber am allermeisten fürchten wir uns vor uns selbst.
Vor den Fragen, die wir aufgrund einer Emotion stellen könnten, die wir aufgrund einer Emotion nicht zu stellen wagen.

Ihre dunkle Freundin hatte manchmal eine wirklich beschissene Koordination, was ihre gemeinsamen Treffen anging. Wie lange hatte sie wohl schon dort hinter Kahri und Lucian gestanden? Seine Worte, die so vieles sagten und doch so wenig, belauscht, seine Bemühungen sie zu berühren mit Argwohn verfolgt?

Da war er ihr schon nachgelaufen wie ein geprügelter Hund und legte zumindest für seine Verhältnisse die Karten auf den Tisch und sie konnte ihm nicht einmal im Ansatz so begegnen, wie sie es sich gewünscht hätte. Seid wann hatte sich eigentlich Schamgefühl in ihre Pläne eingeschlichen...?

Als er gegangen war, zischte sie in die Dunkelheit und prompt antwortete ihr eine Entschuldigung. Dann trat Alethra aus dem Schattengeflecht hinaus und ihre Blicke trafen sich. Sie konnte in den Augen ihrer ehemaligen Meisterin deutlich die Irration lesen. Wie sollte sie es auch verstehen können. Kahris Blick deutete in die Richtung ihres sonst üblichen Treffpunktes, dann löste sich die zierliche schwarzhaarige Frau das erste Mal in Miraden von schwarzen Schlieren auf und verwandelte sich in Ebenen, die weniger geschulten Sterblichen wohl Wahnsinn gebracht hätten.


Obwohl die Informationen wichtig waren, konnte Ko’ril die Gedanken, die sich in ihrem Kopf drehten nicht abschalten. Er war so ungehobelt, warf nur seine plumpen Lügen in die Waagschale.

Sie blickte zu ihrer dunklen Freundin hinüber. Alethra hatte die Hand auf ihre schwarzen Schulterplatte gelegt und schien einen Moment lang zu schweigen. Vorsichtig erwidert die Schattentänzerin die vertraute Berührung, dann blickten beide über das Meer. Die Bindung zwischen ihnen war noch immer stark, vielleicht gerade deshalb, weil sie nicht mehr Schüler und Lehrer waren, sondern Freundinnen, Schwestern.

Vielleicht schien sie doch zu wissen, was in Kahri tobte und wie sehr sie nach einer Ausrede suchte, eine die ihr das Gefühl vertreiben konnte, dass sie hin und wieder befiel, wenn sie über den Baneiten nachdachte. Weiter unten klatschte die Brandung unnachgiebig an die dunklen Klippen.

Quäl dich nicht...

Autor:  Tear [ Fr 13. Feb 2009, 16:07 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen

„Gefühle, diese kleinen Eigenarten menschlicher Existenz...“
„so zerbrechlich, so behütenswert... “

Ihre Hände beschrieben eine kleine Kuhle.
„...man nimmt sie seine Hände und wiegt sie in sanften Schlummer, man streichelt sie, hegt und pflegt sie... und irgendwann...“
Ihre Hände verschlangen sich in einander und pressten sich zusammen.
„...zerquetscht man sie.“

In den sonst so klaren grünen Augen zeigte sich für einen winzigen Moment blanker Hass. Ein Gefühl, dass sie in ihrer Vergangenheit oft gehabt hatte und dass sich unter Shars kalten Griff mit Wut gemischt zu einer einzigartigen Waffe entwickelt hatte. Einer Waffe, die nicht nur den Körper zerstören konnte, sondern in erster Linie die Seele, das wohl kostbarste aller Dinge, die ein Mensch sein eigen nennen konnte.

Allein die Aussage, du bist nicht alleine, die gequält wurde, die einzige die Leid erfahren hatte... solch ein Unsinn... natürlich wußte sie um die Schmerzen der anderen... die Diener Shar hatten sie gut ausgebildet. Die Menschen waren offene Bücher. Ihre Bewegungsabläufe, ihre Blicke, ihr Verhalten, Puzzleteile, die sich letztlich zu einem Profil zusammenfügten. Lügen tarnten sich zu Wahrheiten, Wahrheiten wurden zu Lügen. Gespräche, die Erinnerungen wurden, Erinnerungen, die Gänze schafften, in den ewig halbfertigen Seelen, die diese Stadt ihr eigen nannte.

Wenn Kahri sich die Menschen ansah, die tagtäglich an ihr vorbeiliefen, waren ihre eigenen Sorgen, ein Klischee zu vertreten immer relativer geworden. Hier das Fähnchen im Wind, dort die einsame kleine Prinzessin, die einfach nur mal ordentlich... , der abgehalfterte Held, der andere, der diesen Weg noch vor sich hatte, ein Monster, dass sich als Engel tarnte...ein Engel, der eigentlich ein Monster war. Sie alle tapsten umher und waren das Abbild eines Schafes oder eines Wolfes...aber eben nur Abziehbilder.

Zumindest war eines sicher, Dummheit wird irgendwann bestraft...und Spielregeln ändern sich früher oder später immer zu Gunsten der Schattentänzerin.

Die Tavernentüre stand auf und auf den Straßen herrschte nicht viel Betriebsamkeit, weshalb die Worte, die Lucian und Neftarie im Eingangsbereich miteinander wechselten, klar, an sie herandrangen.

Es tat nur einen Moment lang weh, wie es immer nur kurz weh tat...intensiv wie der Stich einer glühenden Nadel, tief genug, um es erwachen zu lassen, kurz genug, damit es benutzt werden konnte aber nicht die Kontrolle bekam.

Kahri stieß sich von der kühlen Wand ab, steckte sich ein Rauchkraut in den Mundwinkel und entzündete es. Schritte näherten sich aus dem Innern des Hauses. Sie hörte die Worte wieder in ihrem Innern...

Quäl dich nicht...

Keine Sorge...

Wie hatte er einst gesagt, bevor sie ihm das Rapier ins Herz stieß...

„Seit ich dich liebe... gibt es keine Siege mehr... töte mich und mache meinem Leiden ein Ende.“

Autor:  Tear [ So 15. Feb 2009, 09:50 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen

Sie spürte, wie die Kraft, die durch ihre Muskeln tobte, einem Sturm glich, dem sie keinerlei Widerstand leisten konnte...irgendwann auch nicht mehr wollte. Der Arm des Magiers war weit ausgestreckt und seine Finger hatten sich krallenartig gespreizt. Magische Formel, um magische Formel strömten von seinen Kuppen in ihren Körper, durchdrangen Muskeln, Sehnen und Knochen. Liessen neue Synapsen in ihrem Gehirn entstehen und sich mit einander verbinden. Die Magie riess sogar ihre in Apathie liegenden Sinne aus dem Koma und schärften sie, bis sie das Gefühl hatte, an ihren Eindrücken zerreissen zu müssen. Jeder Gedanke begann eine seltsame Klarheit zu bekommen, sie überlegte nicht mehr, sie war.

„Diese Macht... ist berauschend!“

Konturen veränderten sich, nahmen verständlichere Gestalten und geometrische Formeln an. Nichts schien ihr verschlossen zu bleiben. Sie fühlte sich federleicht und obgleich sie ihr Schwert nicht erhoben hatte, wußte sie dass es auf nur wenige Widerstände treffen würde.

„Nur ein kleiner Vorgeschmack dessen, was meine Champions erwartet. Ein kleines Geschenk.“

Kahris Atem ging schneller, sie hatte das Gefühl gleich zu platzen. Ausdauer, Stärke, ihr Wille, ihre Reflexe, und hätte sie ihr Spiegelbild in den Fenster der kleinen Häuser hier in der Gasse wiedergefunden, dann hätte ihr eine hochgewachsene Fraue entgegen geblickt, deren klare grüne Augen, ganze Welten verschlungen hätten. Selbst ihre Stimme hatte ein seltsames Echo angenommen, dass einem durch Mark und Bein ging.

„Nun was wirst du mit der Macht anstellen, Auserwählte? Würdest du sie benutzen, um aus dem Weg zu räumen, was dir schon so lange ein Dorn im Auge ist?“

Sie blickte zu ihrer Hand hinunter, deren Finger sich gerade zu einer Faust ballten und wieder öffneten. Ihr Lächeln war einnehmend, es würde andere anstecken, ebenso zu schmunzeln wie sie jetzt und gleichzeitig in Angst und Schrecken versetzen, weil es nicht zu durchschauen war.

„Ich würde...“

Der Drow erwiederte ihr Lächeln. In ihm steckte jedoch keine Bösartigkeit, sondern die schlichte Überzeugung, dass er vermutlich im Umkreis von mehreren hundert Meilen,die wohl mächtigste Gestalt war, die herumging, flog oder sich schlicht, weil er es konnte, umher teleportierte.

„...wäre ich jemand geringers, als ich bin.“

...
...
...

Andere werden mit dir sein, wenn der Krieg um die Spinnen ausbricht. Champions, Auserwählte, wie du es bist. Sie werden sich der dunklen Brut der Spinnenkönigin stellen, in der Stadt Har'Dokar, die im Augenblick aus den Ruinen vergangener Zeitalter neu aufersteigt. Ihr werdet die Bastion stürmen, die im Begriff ist wiedererweckt zu werden und ihr werdet mit der Macht, die ich euch gebe siegreich sein...oder vernichtet werden.

Autor:  Tear [ Sa 21. Feb 2009, 12:54 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen

Du hast sie gefunden, jetzt liegt es bei dir
Dich um sie zu kümmern
Wer weiß, vielleicht schnurrt sie dafür...

Sie kommt und sie geht
Wann immer sie will
Sie räkelt sich deinen Laken
Aus weichem Flanell
Sie spielt mit der Beute
Zieht nie mit der Meute, sie kuscht nicht
Sie zählt deine Mäuse, sie mordet sie leise und gründlich

Nein, sie wird dir nie gehörn
Doch du streichelst sie so gern
Das weiß sie ganz genau

miau

Sie krallt sich dein Kissen und thront arrogant
Sie frißt dir die Harre vom Kopf
Aber nie aus der Hand
Willst du sie dir greifen, faucht sie
Rühr mich nicht an
Hast du absolut keine Zeit für sie
Schleicht sie sich an

Sie fällt auf die Pfoten
Sie spielt nicht nach Noten, sie sträubt sich
Du kannst sie nicht führen und auch nicht dressier'n
Sie spurt nicht...

Nein, sie wird dir nie gehör'n
Doch du streichelst sie so gern
Das weiß sie ganz genau

miau

Autor:  Tear [ So 22. Feb 2009, 14:26 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen

Ihr Blick war zur Zimmerdecke gerichtet, während ihre Hand auf der Schwellung ihres Gesichtes herum tastete. Neben ihr war der ruhige Atem von Lucian zu hören. Sie war überrascht, dass er wirklich schlief. Bedachte man seine stetige Vorsicht in ihrer Nähe - die Blicke, ob sie auch ja keine versteckte Waffe gegen ihn zog - war es schon fast surreal, dass sein Körper friedlich neben ihr ruhte.

Sie selbst jedoch fand keinen Schlaf. Er wäre notwendig gewesen, sehr sogar, nur nicht heute, nicht nach allem was geschehen war. Wenn sie sich nicht anstrengte, sich nicht genügend Ruhe und Disziplin einräumte, würden die Ereignisse, die Möglichkeiten, die Gesichter und die Taten, die bereits getan waren und noch getan werden würden, wie ein Kartenhaus über ihr zusammenbrechen.

War sie wirklich so dumm anzunehmen, dass Lomyldor einfach seine Sachen packen würde und aufgrund der Bitte jener Frau, die jahrelang seinen Gegenpol in dieser Stadt gebildet hatte, gehen würde? Allein die Vorstellung, dass er sich jetzt irgendwo verkroch und wie eine missgestaltete Spinne seine Fäden auswarf, nur um sie wieder auf das Schachbrett dieses längst vergangenen Krieges zu zehren, machte sie fast wahnsinnig.

Dieser Wahnsinn hatte dafür gesorgt, das Conan ihr fast die Nase gebrochen hatte und das Lucian Versprechen machte, die er möglicherweise sogar halten würde. Kopfschüttelnd und sich durchs Gesicht fahren, setzte sie sich auf und lehnte sich gegen die kühle Wand am Kopfende des Bettes. Es hatte schon angefangen und obwohl sie sich mit Händen und Füßen dagegen wehrte, war sie bereits mitten drin.

Vorsichtig, um Lucian nicht zu wecken, hob sie seinen Kopf und legte ihn auf ihre Beine. Beiläufig strich sie ihm einige schwarze Haarsträhnen aus seinen Zügen. Wieviel Wahrheit sich wohl wirklich in ihnen verbarg? Wie anstrengend es doch immer wieder war, die wenigen Essenzen der Wahrheit aus ihm heraus zu kitzeln und den gewaltigen Haufen an Lügen, großmütig zu übergehen.

War es tatsächlich wieder so weit? Alles kam zusammen, alte Bündnisse vereinten sich, Neue wurden geschaffen und das was so wichtig für das Gleichgewicht dieser Stadt war, wurde von einem schwachen korrumpierten Fürsten kaputt gemacht. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er, wie Kartzer schon richtig andeutete, einen Fehler machte, der seine wahre Natur offenbarte. Insgeheim aber wünschte sie sich Unrecht zu haben, dass hinter all dem ein noch größerer Plan steckte, einen den sie nicht begriff und letztlich Ausgleich bieten würde.

Die Regimenter des einmarschierenden Heeres von de Teril echovierten draußen durch die Straßen. Jemand hatte über obskure Pfade und einem viel zu kurzen Zeitraum dieser Armee und seiner Führer den Weg geebnet und jetzt waren sie da. Das Gefühl in ihrem Innern, dass sich ihrer immer bemächtigte, standen große Umwälzungen vor der Türe, explodierte in kleinen Miraden in ihrem Innern und brachten ihr Herz dazu schneller zu schlagen.

Nicht mehr lange und dann würde eine Bombe hochgehen und den kostbaren tückischen Frieden in dieser Stadt erneut beenden......die, die Kahri jedoch erneut zum Kampf herausgefordert hatten, würden sehr überrascht sein, wo sie sie antreffen würden, wenn es schließlich begann.


Omnia illa et ante fiebant omnia illa et rursus fient?

Autor:  Tear [ Mo 23. Feb 2009, 02:35 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Engelsreigen

Die Wunde schmerzte, wie brennendes Öl, das ihr jemand in die Augenhöhle geträufelt hatte. Immer wieder besah sie sich ihr verunstaltetes Anglitz im Spiegel dieses nichtigen Raumes. Sie hatte ihr Auge nicht verloren, trotz der Bemühungen, die diese Mißgeburt von Lich ihr durch seine Diener hatte zufügen wollen.

Ihr nackter frierender Körper vor dem mannshohen Spiegel war sonst völlig unversehrt, wie perfide es doch erschien, das ihr Gesicht eine einzige Schwellung war.

Wenigstens lenkte der Schmerz sie ab. Minute um Minute war sie in den Räumlichkeiten auf und ab getigert und hatte sich selbst verflucht. Es war peinlich, dumm und kindisch.

War es tatsächlich schon so weit, dass sie Sorge empfand, Angst womöglich? Ein tönerner Krug zerbrach. Sie hatte ihn mit einer wütenden Handbewegung vom Tisch gefegt. Er war ein gottverdammter Mörder, ein hasserfüllter Bastard und sie...sie war um so vieles mehr wert, als er. Also was zum Teufel war mit ihr los?

Ihre zierlichen Hände krallte sich in die Tischplatte neben den Fellen, die ihr als Bett dienten. Was wenn er wirklich drauf ging heute abend...vielleicht war es ein Toter zu viel, ein Schritt zu weit. Bei Hoar, wie sie ihn hasste und gleichzeitig begehrte. Diese verfluchte Seuche, diese kranke perfide Ader in ihr.

Bring ihn doch einfach um...nutze das Netzwerk, um ihn zu zerstören, dann quält es dich nicht mehr so sehr...du bist dazu fähig Kahri...das weißt du, du hast es schon einmal gemacht...und ein weiteres Mal warst du sogar noch schlimmer...eine Seele, was ist das schon...das waren deine Worte

Irgendwie fand sie den Weg unter die wärmenden Decken. Sie zog ihre Beine an und lauschte dem schmerzenden Pochen ihrer Schläfe und dem zugeschwollenem Auge.

Der Wächter stand in der Dunkelheit, irgendwo auf der Schwelle, wo sich das Licht der Kerzen verabschiedete und die Finsternis begann.

"Höre nicht auf sie...," wisperte seine Stimme... "höre nicht auf ihn, seine Worte sind wie Gift."

Ihre Hand glitt neben sich auf die freie Seite des Bettes... dann spürte sie den Stich in ihrem Herzen und wußte, dass er siegreich gewesen war, wieder einmal... und das sie sich ein weiteres Mal hasste.

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