|
Schon mehrmals hatte sich die rothaarige Kriegerin gefragt, was sie eigentlich noch am Leben hielt. Eine Antwort die ihren Geist befriedigte hatte sie nicht gefunden. Sie hatte aufgehört zu zählen der wievielte Selbstmordversuch es gewesen ist. Der kalte Stahl des Rauchpulverpistolenlaufs an ihrer Stirn hatte sich befriedigend angefühlt. Shara hatte gefühlt wie die Sehnsucht einer Heimkehr durch ihren Körper strömte. In ihrem Innern hatte ein Teil sich das Ende gewünscht. Eine Kugel die den kaputten Inhalt ihres Schädels über Boden und Wand verteilen würde. Befriedigung. Glück. Ruhe. Seit ihr Erzfeind Rydrien sich von ihr abgewandt hatte fand sie keinen Sinn mehr. Ihr Leben gegen das ihrer Freundin wäre kein gerechter Tausch gewesen. Das ist Shara klar gewesen. Sie war eine todbringende Krankheit auf zwei Beinen. Ihre Freundin dagegen war ein strahlendes Licht in der Finsternis. Ein Licht von dem sich Shara angezogen fühlte wie eine schwarze Motte. Trotz ihres aufgesetzten Selbstbewusstseins sah Shara in ihrem eigenen Leben nichts wertvolles. Was auch immer sie berührte wurde von ihrer geistigen Pestilenz angesteckt. Wurde verdorben und vernichtet.
In Wahrheit hatte Sharas Hass nie der Garde gegolten. Auch nicht den Dienern des Tyrannos. Nicht der Harfe oder der Triade. Und nicht einmal Rydrien galt er wirklich. All das hatte ihr nur als Ersatzbefriedigung ausgereicht. In Wirklichkeit sehnte sie sich nur nach Selbstvernichtung. Sie richtete den Hass und die Verachtung die sie gegen sich selbst empfand gegen andere. Doch jede Nacht in der sie die Augen schließt, erklingt das Echo der Schreie in ihren Ohren. Die Verzweiflung ihrer Opfer mischt sich mit den Schreien derer die starben weil sie ihr folgten. Wer auch immer mit ihr in Berührung kommt findet Tod und Verderben. Sie und nur sie alleine war schuld. Schuld am Tod ihres Kindes und an der Reise in die Hölle. Schuld an allen Feinden die sie zu töten versuchten. Schuld an der Vernichtung Porto Muertes. Geholfen hatte nur die Schuld auf andere zu richten. Den Hass auf andere zu projezieren. Innerlich hatte sie immer wieder gehofft zu sterben. Aber ihre Arroganz ließ nicht zu dass sie jemandem diesen Erfolg gönnen konnte. Alle die Shara für kalt hielten täuschten sich sehr. Sie sahen die äußere Hülle die sie ihnen zeigte.
In Wahrheit fühlte und empfand sie einfach zu viel um es ertragen zu können. Der Selbstbetrug hatte lange geholfen. Aber warum gelang es ihr nicht einmal sich selbst zu töten? Sie suchte immer Zeugen für ihre Selbstmordversuche. Das hatte sie auch dieses Mal getan. In Gegenwart der hohen Harfnerin selbst hatte sie die Waffe gegen ihre eigene Stirn gerichtet. Der Finger am Abzug der Pistole, fest entschlossen sich selbst zu richten. Sie hätte es getan. Sie hat es getan. Ihr Zeigefinger hatte sich um den Abzug gekrümmt und die Kugel schoss durch den Lauf. Im letzten Augenblick war es der Hohen Harfnerin gelungen die Pistole zur Seite zu schlagen. Warum hatte sie die Hohe Harfnerin dazu eingeladen ihrem Selbstmordversuch beizuwohnen? Es war der Hohen Harfnerin nur knapp gelungen Sharas Selbstmord zu verhindern. In den Ohren der rothaarigen Kriegerin hallte das Geräusch immer noch nach. Das Geräusch als die Kugel den Lauf verließ. Die Fensterscheibe durchschlug. Der kalte Nachtwind durch das Fenster wehte. Warum hatte sie die Hohe Harfnerin eingeladen? War es ihr um Aufmerksamkeit gegangen?
"Ja."
Ja, es ist Aufmerksamkeit gewesen, die sie gewollt hatte. Beachtung, Zuneigung. Sie hatte gewollt dass sich jemand um sie bemüht. Sie hatte immer gewollt dass sich jemand um sie bemüht. Aufmerksamkeit, Beachtung. Zuneigung, Wärme. Anteilnahme und Verständnis. Jemand musste ihr die Zuneigung geben die sie sich selbst versagte. Zuneigung ist wie Wasser. Der Körper braucht Zuneigung. Die Seele braucht Wärme. Niemand kann Shara lieben und sie kann das niemandem übel nehmen. Aber wenigstens Aufmerksamkeit und Verständnis, ein paar Stunden Zeit. Jemand der ihr zuhört damit sie sich nicht selbst anschreien muss. Jemand der sich um sie bemüht damit sie sagen kann, dass sie das nicht braucht. Es wäre eine Schwäche zuzugeben dass sie Zuneigung möchte. Also musste sie den anderen Hoffnung geben dass sich in ihrem erbärmlichen Leib ein Funke befindet. Von ihrem Weg umkehren durfte sie nicht, denn dann würde man sie nicht mehr beachten.
"Vater.. Mutter.."
Ihr Vater war ein Wahnsinniger. Ihre Mutter hatte sich vor Sharas Augen die Pulsadern aufgeschnitten und sich in eine Badewanne gelegt.
"Siehst du das rot, dass aus den Wunden tritt?"
Ein Kind das innerliche Stärke besitzt hätte das verkraftet. Es gibt unzählige Kinder die schlechte Eltern haben. Die meisten leben dennoch ein normales Leben. Sie sind stark genug es zu überwinden. Aber Shara war nicht stark. Sie musste Sachen zerstören um sich besser zu fühlen. Zuerst Sachen und dann Menschen. Wenn es überhaupt irgendwas gab das sie konnte dann war es Menschen zu zerstören. Sie hatte lange genug an sich selbst geübt.
"Ich bringe Menschen um. Beachtet mich, beachtet mich. Verurteilt mich nicht, schenkt mir Verständnis. Schenkt mir die Wärme ohne die ich die Welt und mich nicht ertragen kann. Ich will gesehen werden."
Die Welt um sie herum war ein schwarzes Loch voller Erbärmlichkeiten. Viele winselnde Wesen die irgendwas aus irgendwelchen Gründen hassten. Shara konnte sie nur verachten denn sie waren wie sie. Aber so war sie wenigstens nicht allein. Sie musste mehr Menschen zerstören denn wenn alle Menschen irgendwann so wie sie werden...
"..dann werden sie mich verstehen. Ich will eure Vergebung nicht. Euer Verständnis nicht. Ich will nur dass ihr mich seht und es versucht."
Kein Wesen war dazu in der Lage tief genug in ihren Geist einzudringen um das zu verstehen. Natalie und Darkk hatten zumindest an der Oberfläche kratzen können. Auch Kary und Tianara. Kahri und Kaylon. Sie konnte niemanden dazu zwingen sie zu lieben.
"Aber ich kann euch zwingen mich zu sehen."
Nun war sie erneut Gefangene der Harfe. Wenigstens hatten sie ihr dieses Mal ein schönes Zimmer gegeben. Ohne Fenster aber mit vielen Büchern um sie zu lesen. Das vertrieb die Langeweile. Irgendwas zu tun lenkte sie ab von ihren Gedanken. Sie wollte nicht weiter denken. Aber die Bücher reichten nicht. Sie bemerkte wie ihre Finger sich durch das rote Haar um ihren Kopf krallten. Vielleicht könnte sie tief genug bohren um durch den Schädelknochen zum Gehirn zu gelangen. Die Gedanken mit ihren Fingern an den starken Händen aufhalten.
Es waren doch starke Hände?
Das Zeitgefühl ging ihr manchmal verloren. Doch in regelmässigen Abschnitten kam der nette junge Harfner zu ihr. Er brachte ihr zu essen und zu trinken. Wenn er Zeit hatte dann sprach er sogar manchmal mit ihr. Aber wenn sie ihn töten würde kämen andere um intensiver mit ihr zu sprechen. Ihre Finger krallten sich fester. Shara vertrieb diesen Gedanken. Es machte soviel Spaß Leute umzubringen. Das einzige was sie wirklich befriedigte war andere zu töten. Oft machte sie sich die Mühe nach Gründen zu suchen. Zu ihrem Vorteil wurden ihr genug geboten. Die ganze Welt war voller Dreck und Blut. Voller Menschen die das wundervolle Anlitz der Schöpfung besudelten. Irgendwann würde sie alle Menschen töten, alle. Die hatten alle keinen Wert, waren alle wie sie.
Das waren sie doch, oder?
"Die Welt ist ein Haufen Scheiße der irgendwann mal ausgeschieden wurde. Und wir sind die Kotfliegen die darauf hüpfen und tanzen. Die darauf lachen und singen. Und die darum kämpfen und sich dafür umbringen. Jede der Kotfliegen will den Haufen für sich allein haben. Irgendwann wird dieser Haufen weg sein. Aber davor bringe ich euch alle um. Euch alle. Um ganz allein zu verdursten."
Warum sind Menschen so?
"Weil wir eine Krankheit sind. Unheilbar. Und wie jedes Geschwür zerfressen wir uns selbst."
Die Welt ist gänzlich ohne Hoffnung. Die Menschen kaputt und krank. Alle Existenz ohne Sinn. Warum sich nicht einfach selbst töten?
"Ich liebe es, zu leiden."
_________________ "Yes... I destroy worlds.. create worlds." (Lelouch, Code Geass)
|