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| Das Zahnrad-Amulett https://www.rivin.de/forumRO/viewtopic.php?f=25&t=3361 |
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| Autor: | Le Lait [ Do 24. Sep 2009, 19:11 ] |
| Betreff des Beitrags: | Das Zahnrad-Amulett |
Viele, viele Ritte waren vergangen und immer noch stand in ihrem Haus im Marktviertel alles unter dem Zeichen von kreativer Unordnung und schlichtem Chaos. Pergamentene Zeichnungen, über und über korrigiert und mit seltsamen Graphen und Zahlenkolonnen beschrieben, bedeckten die getünchten Wände und überdeckten nicht nur die vormals dort sichtbaren Gemälde und Wandteppiche, sondern bisweilen auch die Fenster, so dass die Räume in ein Halbdunkel getaucht schienen, welches nur vom leicht flackernden Licht einiger magischer Fackeln durchbrochen wurde. Diese warfen ihr Licht über klobiges Werkzeug, halb fertige Maschinenteile und noch seltsamere, nicht zu identifizierende Dinge. Doch über Allem erhob sich der Kern des Ganzen, der Grund hinter der ganzen Unordnung. Der Quell ihrer Mühen und das, worum ihre Gedanken in der letzten Zeit vornehmlich gekreist waren. Das Opus Magnum. Beinahe so hoch wie zwei Männer stand es da, ein Ungetüm aus Stahl, Keramik und noch viel selteneren Materialien, zusammengefügt zu einem grob menschenähnlichen Gerüst mit leicht gebückter Haltung und langen Gliedmaßen. Graue Plattierung bedeckte seine Oberfläche und aus den Tiefen des kleinen, noch offenen Kopfes drang ein tiefrosiges Glühen. Es war beinahe komplett. Eine komplexe Maschine aus Dampf, Stahl und Feuer, angetrieben durch die obskure, niemals versiegende Kraft der Magie. Umständlich zwängte sie sich aus dem geöffneten Torso des Ungetüms, drückte sich an Verstrebungen und Rohren vorbei, die warm und ölig schienen, so dass sie an die Eingeweide eines echten Lebewesens erinnerten. Ihre in der Luft zappelnden Beine fanden den kleinen Schemel, auf den sie sich stützen konnten, und schlussendlich konnte sie auch den Kopf mit dem vormals strohblonden, nun aber eher schwarz und schlammig wirkendem Haar herausziehen und den etwas seltsam anmutenden Hammer in der Hand zur Seite werfen. Müde wischte sie sich über die Wangen, hinterließ auch dort schwarze Ölstriemen und nahm die dicht anliegende Schutzbrille ab. Ihre Augen leuchteten. Zwar waren sie dunkel umrandet von vielen Nächten mit zu wenig Schlaf, aber die Freude, mit einem großen Werk beinahe am Ende zu sein, machte sie fast euphorisch. Es war alles bereit. Nunja, fast. Es fehlte noch der antreibende Wille, die Art von Proto-Bewusstsein, das die riesenhaften Gliedmaßen und Fähigkeiten, die sie dem Körper in so mühevoller Arbeit verliehen hatte, antreiben würde und ihn zu mehr machte, als einer übergroßen, sich bewegenden Metallrüstung. Vorsichtig wandte sie sich um, achtete darauf, auf keine der empfindlichen, auf dem Boden herumliegenden Gerätschaften zu treten, und ging zu dem, was man mit gutem Willen als Arbeitsplatz auslegen konnte, weil dort keine schmutzigen mechanischen Teile herumlagen. Nachdem sie sich hingesetzt hatte, förderte sie aus ihrer groben, blauschwarzen Latzhose ein kleines Medaillon hervor, um es einen Moment in ihrer Hand zu betrachten. Es war unscheinbar, sie schien weniger Wert als die meisten ihrer Geschlechtsgenossinnen auf teure, glitzernde Dinge zu legen. Dennoch war es etwas Besonderes. Das matt glänzende Metall, das entfernt an Silber erinnerte, stammte nicht von Toril, sondern war aus einem vom Himmel gefallenen Stern gewonnen, in dem sogar Sternenmenschen gehaust hatten. Der Schmied, dem sie es gegeben hatte, um es zu formen, hatte geflucht wie ein Rohrspatz, weil es schwer zu bearbeiten war und unter großer Hitze leicht brüchig zu werden schien, aber sie hatte schnell entdeckt, dass es sich sehr dafür eignete, mit dauerhaften magischen Kraftlinien durchwoben zu werden. Es war recht hübsch anzusehen, und ein kleines mechanisches Zahnrad zierte Vorder- und Rückseite. Passend, wie sie fand. Nun sollte es der Schlüssel werden, der das Ungetüm in ihrem Rücken lenken sollte. Der Vortex Arkanum in seinem Kopf war bereits eingestellt und mit einigen rudimentären Bewegungsbefehlen ausgestattet. Er konnte noch lange keinen Tanz aufführen, aber wohl ein paar ungelenke Schritte… Doch vorher war noch etwas zu erledigen. Sie schlug das schief neben ihr auf dem Tisch liegende, schwere Buch auf und begann, darin herumzublättern. Immer noch voller Träumereien und vor Stolz über das Geschaffte beinahe platzend, merkte sie kaum, wie ihr langsam der Kopf auf das Buch niederzusinken begann… Ylvi zog barsch an den starken Lederriemen vor sich und der eisige Fahrtwind veränderte sich sofort, das Rauschen um sie herum nahm eine andere Tonlage an und es knackte wie gewöhnlich in ihren Ohren, wenn sie sank. Die mächtigen, mehr als siebzig Fuß langen Schwingen Vermithrax rissen sie auf ihr Kommando hin aus dem sanften Gleiten über den schneebedeckten Gipfeln der Nesserberge in einen tosenden Sturzflug hinab zwischen die scharfen Grate der Berge. Ihre Schenkel klammerten sich fester um das Rückgrat des Ungetüms, das sie nicht einmal ansatzweise umfassen konnten. Sie duckte sich tiefer hinab hinter einen der mächtigen Stachel, die den Rücken der Bestie entlangliefen und genoss das Gefühl des unendlich kraftvoll scheinenden Körpers unter sich. Die junge Kriegerin bleckte wild grinsend die Zähne. Dies war wahre Macht! Hinter sich spürte sie, wie sich ihr Zwillingsbruder Fenn weit weniger sicher als sie auf dem Rücken der Bestie hielt, was sie jedoch nur dazu veranlasste, sich wieder aufzurichten und den Winden ein übermütiges Lachen entgegen zuschleudern. Wie zur Antwort erklang das Brüllen einer weitaus mächtigeren Kehle, schien selbst die Bergspitzen um sich herum erzittern zu lassen und die Wolkenbänder am Himmel zu vertreiben. Zumindest glaubte sie, aus den Augenwinkeln einige kleinere Schneelawinen von den Hängen sich lösen und zu Tal stürzen zu sehen. Der mächtige Wyrm spreizte die Flügel wieder zu voller Länge und fing den Sturz seines gigantischen, aber schlangenhaft eleganten Leibes samt seiner im Vergleich dazu winzigen Fracht in einem Aufwind ab, dass sich nun selbst der tollkühnen Ylvi der Magen umdrehte. Ihr nächster Blick die bronzenen Schuppen des stolzen Vermithrax entlang nach unten offenbarte ihr, dass sie nun gleitend ein enges Tal entlang flogen, eingesäumt von steilen Felswänden und bedeckt von Resten des Winterschnees, Geröll und einigen niedrigen Sträuchern, die sich in dieser immer noch bedeutenden Höhe halten konnten. Und vor ihr, am Ende des Tales, lag ihr Ziel. Rasch band sie sich die langen blonden Haare, die sich im Flug gelöst hatten, wieder eng mit einem Lederband zum Kriegerzopf zusammen und klopfte ihrem hasenfüßigen Bruder auf die Schulter. Der stetig tosende Fahrtwind riss ihnen beiden jedes Wort von den Lippen, aber sie zeigte mit einem kräftigen Arm, der trotz der Kälte unter dem Wolfsfellumhang nackt war, nach vorne. Fenn nickte, er hatte verstanden und schien mehr als erfreut darüber zu sein, dass ihre wilde Reise auf Ylvies machtvollem Gefährten ein Ende hatte. Ylvi legte leicht eine Hand auf eine der kühlen Bronzeschuppen des Drachen und bediente sich des gedanklichen Bandes, das sie beide verband, seit sie vor beinahe zwei Jahren den Geist des Drachen in sich aufgenommen und ihn so vor dem Opfertisch des Drachenkultes gerettet hatte. Sie schloss die Augen und bediente sich der ungleich mächtigeren Sinne der uralten Echse. Unbekannte Sinneseindrücke, die sie beim ersten Male vollkommen überwältigt hatten, strömten auf sie ein, bis sie sehen konnte, was er sah. Ein niedriges Steingebäude am Ende des Tales, umgeben von einem Dutzend stehender Dolmen. Es wirkte kalt und abweisend, nicht nur wegen des Ortes, an dem es errichtet worden war, aber auch sehr erhaben und ehrfurchtgebietend. Dennoch schien es auch für die Drachensinne leer. Sie verschloss sich wieder dem Geist Vermithrax, nicht jedoch, ohne ihm einen wortlosen Dank und die Wärme einer körperlosen Berührung zu hinterlassen. Es war seltsam für sie beide, sich in ihren äußerlich so verschiedenen angeborenen Gestalten zu befinden. Mit neuer Entschlossenheit stellte sie sich auf dem sich nun nur leicht schlängelnd hinab gleitenden Drachenrücken auf und prüfte den Sitz ihres Claymore Zweihänderschwertes auf dem Rücken. Jetzt war nicht die Zeit für sowas. Jetzt war die Zeit für Taten und die Zeit für Helden. Mit einem letzten Ruck, der sie beinahe unheldenhaft ihren Stand verlieren ließ, setzte Vermithrax auf dem felsigen Boden etwa hundert Schritte vor den Dolmen auf. Noch ehe er seinen Schwung abgelaufen und die Flügelschwingen gefaltet hatte, war Ylvi schon an seiner Seite hinuntergesprungen und federnd aufgekommen. Sie liebte es einfach, riskante Mätzchen zu machen. Ihre größte Schwäche sei solcher Übermut und solche Angeberei, hielt ihr der weise Vermithrax stetig vor. Als sie den Hang hinaufblickte, von dem natürlich keine Horde blutrünstiger Orks herab rannte, die ihren athletischen Sprung vom Drachenrücken vielleicht gerechtfertigt hätte, rutschte auch ihr vorsichtigerer Bruder Fenn vom Drachenrücken hinab. „Bist du sicher, dass du dir das auch gut überlegt hast, Ylvi?“, fragte er mit dem Zweifel in der Stimme, den sie so hasste. „Vielleicht triffst du hier auf Etwas, das du nicht mit dem Schwert oder sogar mit Drachenfeuer bekämpfen kannst“. Sie ließ ein widerwilliges Knurren hören, musste ihm aber im Stillen Recht geben. Sie wäre mit ihren zweiundzwanzig Sommern aber auch nicht dort, wo sie war, nämlich ohne Zweifel bereits eine in den Silbermarken bekannte Kriegerin, wenn sie wirklich blindwütig unkalkulierbare Risiken eingegangen wäre. Statt etwas zu entgegnen meinte sie nur: „Du hast, was du beschaffen solltest, mein heldenhafter Bruder?“ Es war eigentlich keine echte Frage. Sie wusste, dass er Erfolg gehabt hatte, sonst hätten sie diesen nicht ungefährlichen Flug in die Berge gar nicht erst unternommen. Sie wollte ihn nur etwas bei seinem Stolz packen, der unzweifelhaft vorhanden war. Und natürlich zeigte er die gewünschte Reaktion, richtete sich zu seiner etwas schlaksigen Größe auf und griff unter seinen schweren Stoffmantel. „Natürlich, hier hast du das dreimal verfluchte Teil, aber leicht war es nicht.“ Er ging die zwei Schritte zu ihr und reichte ihr eine alt aussehende Schriftrolle, die, wie man sich erzählte, aus Orkhaut gefertigt war und nicht gerade angenehm roch. Sie steckte sie ein und nickte, ein Lächeln erhellte ihre ebenmäßigen Gesichtszüge. „Gut, dann lass uns aufbrechen. Halte deine Waffen bereit.“ Mit diesen Worten begann sie, den steilen Hang hinaufzuklettern. Der riesenhafte Drache hatte sich auf die Vorder-und Hinterbeine herabgelassen und lauerte nun wie ein übergroßer Jagdhund. Er würde sie nicht begleiten, auch wenn er selbst in seiner menschlichen Gestalt eine wertvolle Hilfe gewesen wäre. Doch hatten sie zuvor in einer Taverne nahe Jalanthar beschlossen, dass er lieber draußen wachen und sie vor unvorhersehbaren Gefahren im Rücken beschützen sollte. Außerdem, vermutete Ylvi, war er auch nicht sehr begeistert von dem, was sie hier vorhatten. Aber damit würde er leben müssen, denn es winkte eine fette Belohnung von dem Elfenmagier, der sie beauftragt hatte, in das Grabmal einer vor vielleicht zehn Jahren verstorbenen, mächtigen Magierin hinabzusteigen und sich ihr Diadem zu holen. Nach allem, was sie gehört hatte, war sie keine üble Frau gewesen, aber so seltsam und manchmal kauzig wie die meisten ihrer Zunft und nach ihrem Dafürhalten hatte es bestimmt niemand gerne, wenn jemand in sein versiegeltes Grabmal einsteigen würde, um etwas dort herauszuholen. Es würden sicherlich einige Überraschungen für sie und ihren Zwillingsbruder bereitstehen. Nach den geschätzten hundert Schritten erreichten sie das kleine Plateau, das die grob gehauenen Dolmen umstanden und in dessen Mitte sich ein flaches, grob an einen Rhombus erinnerndes Bauwerk befand. Die Steine warfen im grauen Licht der wolkenverhangenen Berge kaum Schatten, aber dennoch schien es düsterer zu werden, als sie sich dem Grabmal näherte. Die stehenden Steine waren so hoch wie drei Männer und wenn man genau hinsah, konnte man sehen, dass sie mit seltsamen Schriftzeichen beschrieben waren. Dies war kein guter Ort. Ylvi raffte sich den Wolfsfellumhang enger um die Schultern, zwischen dem kurz die Perlmutt schimmernde Rüstung zu sehen gewesen war, die sie am Oberkörper trug. Ihr Herz schlug schneller und sie hielt einen Moment inne, um sich umzusehen, nachdem sie in den Steinkreis getreten war. Verdammt, dachte sie entschlossen bei sich, sie entstammte einem uralten Kriegervolk des Nordens, sie würde sich von magischen Tricksereien nicht von dem abbringen lassen, was sie sich vorgenommen hatte. Mit dem Geld konnte sie für sich und ihre Kampfgefährten in Silbrigmond eine neue Zuflucht errichten, nachdem ihr alter Unterschlupf vor nicht allzu langer Zeit einem Angriff der teuflischen Tanarrukk zum Opfer gefallen war, der sicher nicht zufällig gekommen war. Sie hatten sich schon viele Feinde gemacht. Um sich Mut zu machen zog sie an der Kette des kleinen Medaillons, welches gut verborgen zwischen ihren Brüsten im Kragen gehangen hatte. Vorne auf ihrer Perlmuttrüstung würde es sie besser schützen können. Es hatte ihrer Mutter gehört, die sie und Fenn nie getroffen hatten, und es hatte sie schon immer vor Unglück bewahrt. Sie winkte dem ihr etwas zögerlich nachgelaufenen Fenn und ging auf das niedrige Gebäude zu. |
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| Autor: | Le Lait [ Fr 25. Sep 2009, 02:59 ] |
| Betreff des Beitrags: | Re: Das Zahnrad-Amulett |
Rasch erkannte sie, dass ein steinernes Tor den Weg in das Innere des Grabmals versperrte. Kein Schloss und kein Riegel zeigten sich dort und auch sonst nichts, was darauf hindeuten mochte, wie man die massive Steinplatte bewegen könnte. Nun würde sich zeigen, ob Fenn die richtige Schriftrolle hatte stehlen können. Mit einer Hand gebot sie ihm Einhalt, als er sich mit unruhiger Miene und nervös am Kopf seiner im Gürtel steckenden Streitaxt spielend näherte. Es war schon immer eine etwas seltsame Waffe für einen Langfinger wie ihn gewesen, dachte sie kurz beiläufig. Dann zog sie die Pergamentrolle hervor, entrollte sie und begann sorgsam, die dort geschriebenen Zeilen zu lesen. Die fremdartigen Worte, deren Bedeutung ihr nicht geläufig war, kamen nur schwer über ihre Lippen, aber sie versuchte, sie so klar und langsam zu betonen, wie es ihr ihr Auftraggeber gezeigt und aufgetragen hatte. Ein neuerlicher, kalter Windstoß fegte über das Tal, bauschte ihren Umhang und ließ sie den Blick einen Moment lang von den sich kompliziert über das Pergament windenden Schriftzeichen abschweifen. Es wäre doch beruhigend gewesen, Vermithrax nun bei sich zu haben. Mit neuerlicher Entschlossenheit zwang sie sich, die letzten Silben von der Schriftrolle abzulesen. Sie hatte keine Ahnung von dem, was nun geschah, doch das zuvor so massiv wie nur irgendeine Steinwand scheinende Tor begann zu flimmern wie Luft über einem Lagerfeuer und löste sich dann in Nichts auf. Instinktiv trat sie einen Schritt zurück, legte die Hand um den vertrauten Griff des über ihrer Schulter aufragenden Claymore und starrte angespannt in die sich auftuende Schwärze hinter dem Tor. Doch nichts kam daraus hervor, nur der Wind schien noch einmal an Wut zuzunehmen und ließ sie nun doch frösteln. „Na, was habe ich dir gesagt, natürlich habe ich die richtige…“, hörte sie plötzlich die Stimme Fenns hinter sich. Ihr kurzes Zucken verriet ihr mehr über ihre Angespanntheit als sie gerne hätte wissen wollen und sie wandte den Kopf herum, um ihn mit strafenden Blicken zu durchbohren. Ruppig legte sie sich den Zeigefinger auf die Lippen und lies ihn so mitten im Satz verstummen. Unnötiges Geplapper konnten sie nun nicht gebrauchen und für gewöhnlich verstanden sie sich weitgehend wortlos. Ein blindes, empathisches Verständnis, welches vielleicht nur Kinder entwickelten, die schon gemeinsam im Mutterleib gelegen hatten, das sich von Kindheit an bei vielen Jagdzügen noch verstärkt hatte und in vielen Kämpfen zu traumwandlerischer Abstimmung perfektioniert worden war. Sie wusste genau, wie nervös er war. Und er wusste dasselbe von ihr. Mit angespannten Muskeln näherte sie sich dem schwarzen Schlund, der in die Gruft hinabführte. Nur schnell hinein und wieder hinaus, dachte sie bei sich. Ein paar Abwehrflüche, ein paar durch Fenns geschickte Finger lahmgelegte Fallen und vielleicht ein paar magische Wächterkreaturen. Nichts, was sie nicht meistern konnten und nicht schon gemeistert hatten. Und dennoch machte irgendetwas an diesem Ort sie verdammt unruhig. Sie griff wieder unter ihren Umhang und holte eine mattblau leuchtende Kugel hervor, die ihre Umgebung erhellte, als sie durch die Schwelle hinein trat. Der Raum war überraschend schlicht. Etwa fünf Schritte lang und ebensoviele breit. Er wies ein hübsches Kuppeldach auf und war eigentlich nur von einer einzelnen Statue in seiner Mitte dominiert, die eine kämpferische Frau mit langen, wallenden Gewändern und mittellangem Haar zeigte, die einem unsichtbaren Feind herausfordernd ein schlankes Schwert entgegen reckte. Ylvi hielt nur kurz an, um die Statue zu betrachten, dann fiel ihr Blick auf den Gang, der am anderen Ende der kleinen Kammer in schrägem Winkel in die Tiefe führte. Sie blieb stehen und Fenn tastete sich hinter ihr an der Mauer der Kammer entlang, die Blicke wachsam abwechselnd auf den Boden und die Decke gerichtet. Kurz kniete er sich nieder, um mit den Fingern nach etwas zu tasten, dann hielt wiederum er inne, als er den Durchgang erreicht hatte. Ylvi folgte ihm weitgehend in seinen Fußstapfen und drückte sich mit der Schulter um die Mauerecke herum, um hinunter zu sehen. Nichts. Ein leerer, schmaler Gang, der in Treppen in die Tiefe führte. Vorsichtig ging sie weiter hinab, immer darauf vorbereitet, das Schwert zu ziehen oder einen Satz zurück zu machen. Nach etwa zehn Schritten ließ sie sich auf ein Knie hinab und rollte die kleine gläserne Lichtkugel vorsichtig die Steigung hinab. Sie rollte und holperte eine ganze Weile die Stufen hinab und blieb dann etwa zwanzig Schritte weiter unten liegen. Der beruhigende Lichtradius vor sich lies sie aber nicht vergessen, dass um sie und Fenn herum nun weitgehende Dunkelheit herrschte. Langsam, Schritt für Schritt, schoben die zwei Abenteurer sich weiter hinab. Eine plötzliche Erkenntnis ließ Ylvi plötzlich ruckartig stehenbleiben, so dass Fenn hinter ihr Mühe hatte, nicht mit Getöse in sie hineinzulaufen. Die Kugel, die dort unten lag, lag nicht dort, weil der Boden dort wieder eben wurde. Sie lag wie von Geisterhand gehalten weiter auf der Kippe einer Treppenstufe, als wäre sie gegen etwas Unsichtbares gestoßen. Mit einem leisen Scharren zog Ylvi das lange Schwert vom Rücken, und suchte in ihrem Inneren nach der Leere, in die sie alle ihre Furcht und Unruhe hineintun und versiegeln konnte, wie es ihr der calishitische Schwertmeister Hasan al‘ Saabah beigebracht hatte. Sie wirkte vielleicht wie eine Nordlandbarbarin, aber die meisten ihrer Gegner wurden am Ende ihres Lebens sehr davon überrascht, mit welcher Kunstfertigkeit sie das klobige Claymore verwenden konnte. Körper und Geist sind eins. Der Körper ist eine Waffe. Mit geleertem Geist und kampfbereit hielt sie die Schwertklinge vor sich und näherte sich langsam der Stelle, wo die leuchtende Kugel auf so seltsame Art und Weise gestoppt worden war. Plötzlich stieß ihre Klinge auf ein Hindernis und glitt ab. Dort, wo nur Luft hätte sein sollen, standen sie vor einem Hindernis, das offenbar unsichtbar war. Langsam und vorsichtig legte sie die Hand auf die Stelle im Gang, aber sie fühlte nichts. Keinen rauen Stein, kein kaltes Metall. Sie schürzte ärgerlich die Lippen und winkte Fenn an ihre Seite, was der enge Gang gerade noch so zuließ. „Eine Ahnung, was das ist?“, flüsterte sie ihm leise zu. Auch er tastete das seltsame Hindernis einen Moment ab und legte die Stirn in Falten. „Irgendeine Art Bannmauer, schätze ich. Eine magische Kraft, die Eindringlinge abhält.“ Eindringlinge wie uns, fügte sein Tonfall unmissverständlich hinzu. Dann begann er, in seinem Rucksack zu kramen. Diese Art von Hindernis war sein Gebiet. Wieder betrachtete Ylvi die unsichtbare Mauer, drückte probeweise und lehnte sich dagegen. Und gerade als sie begann, sich mit ein wenig Kraft gegen die Mauer zu stemmen, schien diese sich wieder in das Nichts aufzulösen, aus dem sie eigentlich bestand. Einen erschrockenen und überraschten Ruf nicht ganz unterdrücken könnend stolperte Ylvi nach vorne und drehte im letzten Moment noch die Schwertklinge beiseite, die durch ihr Straucheln ihrem eigenen Hals gefährlich nahe gekommen war. „Bei Uthgars steif gefrorenem Bart,“ hörte sie Fenns Ruf. „Was hast du gemacht?“ Sie wandte sich ihm mit ratlosem Blick zu und antwortete auch nur mit einem Schulterzucken. Sie hatte keine Ahnung. Vielleicht war der Bann ganz einfach über die Jahre schwach geworden und sie hatte ihn wirklich mit ein wenig Kraft durchbrechen können. Dann fiel ihr Blick mit verzogenen Lippen auf ihre Brust. Dort hing das Amulett, das beim Stemmen gegen die unsichtbare Wand aus dem Umhang hervor gerutscht war. Aus irgendeinem Grund machte sie das stutzig, als sie es rasch wieder unter dem Umhang auf der Perlmuttrüstung verbarg. Fenn setzte schnell wieder seinen Rucksack auf und sie beide blickten weiter hinab, wo die leuchtende Kugel nun weitere zehn Schritte entfernt wirklich am Ende der Steigung ausgerollt war. Das Schwert weiter locker in der Hand tastete Ylvi sich weiter vor, bis sie an einem erneuten kleinen Torbogen ankamen. Die Kugel wieder an sich nehmend bückte sie sich und spähte dann in den sich neu unter der steinernen Haut der Berge aufgetanen Raum, welcher deutlich größer schien als der, den sie oben durchquert hatten. Ihre Schritte hallten weiträumig durch das Gewölbe und der matte Lichtschein der Kugel erreichte kaum die Hallendecke. Die Kammer war an ihrem Anfang leer, doch an seinen beiden Seiten schienen große Flächen des Steins wie verflüssigt. Sich zäh bewegender Schlamm trieb dort in zwei großen Becken, die modrig braun aussahen und auch so ähnlich rochen. Langsam bewegten sie sich weiter fort, ein paar flache Treppenstufen empor und dort sahen sie ihr Ziel. Auf einem Podest aus schwarzem Stein und bewacht von einer mindestens drei Schritte hohen Gestalt aus Stahl, die wie ein eherner Wächter reglos hinter dem Podest stand, schwebte gefangen von einer Art bläulich schimmernder Aura ein in reiche Gewänder gehüllter Körper. Unter größter Anspannung und vor allem den eisernen Wächter im Blick traten sie näher an das Podest heran. Erst langsam wagte sie, einen Blick hinab auf den Körper der toten Magierin zu senken. Sie war überrascht, wie jung sie schien. Natürlich nicht wirklich jung, aber auch kein verwelkter Leichnam oder eine vertrocknete Alte, sondern allenfalls in mittleren Jahren mit ersten grauen Strähnen im nordisch blonden Haar. Ihre Züge waren streng, etwas eingefallen und recht scharf ausgeprägt, aber nicht unansehnlich. Der Körper trug ein langes Kleid aus blauer Seide und hatte die Hände auf dem Bauch gefaltet. Sie schien nicht sehr groß. Dann glitt ihr Blick zur Stirn der toten Frau, wo sich das fein goldene Diadem mit einem kleinen, eckig geschliffenen blauen Edelstein befand. Sie blickte kurz zu Fenn auf, der die Gestalt des Eisenwächters im Auge behielt, lehnte das Schwert gegen das Podest, und streckte langsam die Hände aus. Irgendwie fühlte sie sich jetzt doch schuldig, dieser toten Frau ihr Schmuckstück zu nehmen. Sie sah nicht wie eine üble Person aus oder eine jener Magier, die ihre Fähigkeiten nur dazu erlernten, um ganze Landstriche oder sogar Völkerschaften damit zu knechten. Ihre Hände glitten ohne Probleme durch das bläuliche Feld der Magie, welches den Körper vor ihr hielt, und legten sich dann sacht auf das kühle Metall des Stirnreifs. Leise wisperte sie ehrfürchtig den Namen der Toten, dann zog sie ihn von der dünnhäutigen Stirn. Nichts geschah. Ein kurzer Blick zu Fenn signalisierte ihm, dass sie hatte, was sie hatte haben wollen. Sie steckte das Stirnband vorsichtig in ein Ledertäschchen am Gürtel und griff wieder nach der Schwertklinge. Als sie sich in schnellerem Schritt wieder auf den gegenüberliegenden Ausgang der Halle zubewegten, stach ihnen der Gestank der seltsamen Schlammgruben erneut in die Nasen. Zögerlich trat sie einen Schritt näher und betrachtete eines der seltsamen Becken. Sie brodelten nun etwas heftiger als zuvor, so kam es ihr vor. Fenn hinter ihr scharrte ungeduldig mit den Füssen, er wollte weiter. Sie wollte sich gerade wieder umwenden, als sie sein überraschtes Keuchen hörte. Noch ehe sie herumwirbeln konnte, fuhr auch aus dem Schlamm vor ihr eine plumpe Hand hervor und schloss sich kraftvoll um ihren Unterarm. Der Griff der scheinbar aus dem braunen Matsch bestehenden Hand war schmerzhaft und beinahe hätte sie das Schwert fallengelassen. Ruckartig zerrte sie an der Hand, um ihren Arm freizubekommen, riss dabei aber nur etwas aus dem Schlamm, das wie Kopf und Schultern eines unförmigen Wesens aus dem gleichen Material schien. Und auch aus den anderen Stellen des Schlammbeckens vor sich schoben sich nun weitere klobige, menschenähnliche Gestalten ohne Gesichter, die wie die ersten Versuche eines untalentierten Töpfers wirkten. Einen Sekundenbruchteil war sie schreckensstarr, dann jedoch übernahmen antrainierte Reflexe die Oberhand. Mit einer kurzen Drehbewegung des Handgelenks ließ sie die rasiermesserscharfen Zähne an der Armschiene ihrer freien Linken hervor schnappen und hieb zu. Sie wusste nicht, ob sie dem grausigen Wesen damit Schaden zufügte oder ob es überhaupt Schmerz spüren konnte, doch die Reißzähne gruben tief genug, dass der entsetzliche Griff um ihre Schwerthand sich löste. Sofort prallte sie zwei taumelnde Schritte von dem nun brodelnden Schlammbecken zurück, packte das nun freie Claymore mit beiden Händen und ließ sich auf ein Knie fallen, um mit voller Kraft ihrer Schultern einen waagerechten, weitausholenden Hieb zu führen, auf den sie vor ihrem Lehrmeister sicherlich nicht stolz gewesen wäre, der aber mit seinem sensenartigen Schwung ausreichte, den Kopf der Kreatur, des widerwärtigen Golems, der sie gepackt hatte, sauber von den Schultern zu trennen und ihn mit einem gurgelnden Laut zurücksinken zu lassen. Von dem Schwung der schweren Klinge, den sie ohnehin nicht mehr brachen konnte, lies sie sich wieder auf die Füße reißen und die Klinge leicht abgeschrägt über den Kopf in eine Grundposition gleiten. Die Falkenwacht. Doch ein schneller Blick um sich herum lies sie den Hieb nicht mehr ausführen. Mindestens ein Dutzend der Schlammonster hatte sich nun aus den Gruben erhoben und näherte sich ihr und Fenn, der seine Axt tief in der Schulter eines der Wesen vergraben hatte, was diesem aber nicht besonders viel auszumachen schien. Zudem hatte er den Griff der Waffe loslassen müssen und stand nun vier der mit ausgestreckten Armen auf ihn zutaumelnden Gestalten nur mit einem langen Dolch bewaffnet gegenüber. Sie mussten sofort raus. Fenn blickte zu ihr zurück und wieder profitierten beide von dem blinden Verständnis zwischen ihnen. Fenn tauchte ab und trotz seiner Körperlänge elegant unter dem Arm eines der Monstren hindurch, um die Treppe zu erreichen. Auch Ylvi wandte sich nun blitzschnell um und rannte vor den unheimlichen Gestalten davon. Es fiel ihr nicht gerade leicht, aber sie wusste auch, wann ein Kampf sinnlos und vielleicht sogar von vornherein verloren war. Beinahe hätte sie mit ihren langen Sätzen auch die Treppe hinter Fenn erreicht, doch eines der Schlammonster war schneller gewesen als gedacht. Mit einem gellenden „Tempus!“ machte sie statt zurückzuweichen einen noch schnelleren Sprung nach vorne und drehte das Schwert über dem Kopf herum. Erneut erwies sich die lange Fehlschärfe vor dem Griff ihrer Waffe als von Vorteil für den Kampf auf engstem Raum. Mühelos und geübt von tausend Stunden Training packte sie das Claymore im Halbschwert, verkürzte so seine Reichweite und verschaffte ihr einen besseren Winkel, um zuzustossen. Der Aufprall war hart, härter als er es selbst bei einem schweren Gegner gewesen wäre. Ihre Stiefel trafen, im Schwung ihres Sprunges, auf den Leib des Ungeheuers, das zurückprallte und fiel. Somit plötzlich aufrecht auf der gefallenen Kreatur stehend konnte sie die Spitze des Schwertes in kurzem Bogen mitten durch den Rumpf des Gegner rammen. Sie sahen vielleicht aus wie wandernde Misthaufen, aber ihre Körper schienen eher die Konsistenz von gebranntem Ton zu haben. Dennoch reichte die Wucht des Schlages und ihres Schwunges aus, das Wesen zu durchbohren und vielleicht wenigstens für einen kurzen Moment kampfunfähig zu machen. Sofort sprang sie weiter auf die Treppe, riss das Schwert aus dem gefallenen Etwas hervor und jagte weiter hinter Fenn die Treppe hinauf. Dieser war bereits beinahe oben angelangt, doch ihr Sprunggelenk schmerzte heftig, als sie auf einer der unteren Stufen landete. Vielleicht war ihr Angriff doch zu tollkühn gewesen. Und hinter sich hörte sie bereits das unbeholfene, aber doch schneller als erwartete Tappsen ihrer unheimlichen Angreifer. Mit vor Schmerzen verzogenem Gesicht kämpfte sie sie so schnell sie konnte die Treppe hinauf. Nun konnte es kein Zögern und keine Zurückhaltung mehr geben, oder alles war umsonst und Schlimmer. Sie würde nie wieder in die Zuflucht zurückkehren. Fenn war oben bereits verschwunden als sie endlich die letzte quälende Treppenstufe erreichte. Ihr Knöchel pochte mittlerweile grauenhaft und der Schmerz trieb ihr beinahe die Tränen in die Augen. Dennoch humpelte sie weiter, um die Statue herum und dem verheißungsvollen Rechteck der Tür entgegen, die den Ausweg in die graue Berglandschaft verhieß. Ihre Verfolger waren nun nur noch wenige Schritte hinter ihr. Sie würde es nicht bis zurück schaffen, aber wenigstens unter freiem Himmel sterben. Sie konnte sich Schlimmeres vorstellen. Doch gerade als sie hinausgetreten war, der frische Wind endlich den Gestank der Schlammunholde vertrieb und sie sich zum Gefecht umwenden wollte, packte sie eine Hand hart am Kragen und riss sie zur Seite aus der Tür hinaus. Ein Gurgeln entkam ihren Lippen als sie zusammen mit Fenn von der Tür weg stürzte und hinter einen der Dolmen rollte. Gerade wollte sie ihn wütend anfahren, wieso er sie auch noch zu Fall bringen musste, da peitschte ein neuerlicher Windstoß ober die kleine Ebene. Hinter den stehenden Steinen hervor erhob sich flügelschlagend die riesenhafte, imposante Gestalt Vermithrax. Seine Schuppen blitzten selbst im trüben, wolkenverhangenen Zwielicht so blank wie die Schilde von hundert Silberrittern bei der morgendlichen Parade in Silbrigmond. Der schlanke Hals ihres Gefährten bog sich nach hinten, dann schoss er nach vorne und mit einem markerschütternden Brüllen brach die Hölle aus seinem aufgerissenen Maul hervor. Flammen, zehnmal heißer als ein normales Feuer, griffen in Richtung des Grabmals und fegten um den Dolmen herum, hinter dem Ylvi und Fenn kauerten. Sie tosten durch die offene Tür der Kammer und mit vor Hitze brennendem Gesicht und tränenden Augen schien es Ylvi so, dass sogar der Stein des niedrigen Gebäudes, das den Eingang markierte, Blasen warf. Keiner ihrer Verfolger erschien in der Tür. Der majestätische Wyrm schloss sein zahngespicktes Maul wieder und sein Kopf schwenkte suchend herum. Sie spürte einen Stich der Sorge in ihrem Herzen, die sie nicht als ihre eigene erkannte, und beeilte sich, sich aufzurappeln und keuchend hinter dem Dolmen hervorzutorkeln. Die ganze Umgebung dampfte noch von dem alles verzehrenden Drachenfeuer und der Boden unter ihren Stiefeln schien zu glühen, aber sie eilte dennoch so schnell sie konnte und Fenn, obgleich er sich nicht das Bein verletzt hatte, hinter sich herziehend zu dem Drachen hinüber. Ein Gefühl der Zuneigung, sogar der Liebe, wallte in ihrer Brust auf und diesmal wusste sie, dass es sowohl ihr selbst als auch ihm entsprang. Danke, sagte ihm ihr Blick, aber laut rief sie nur: „Wir haben, was wir wollten! Beim Geiste dieser armen, total verrückten Magierin, die uns das eingebrockt hat, lasst uns verschwinden!“. Der Drache neigte seinen langen Hals, doch als er erkannte, dass Ylvi kaum noch imstande war, zu gehen, geschweige denn, auf seinen Rücken zu klettern, streckte er vorsichtig eine seiner Vorderklauen aus und umschloss sie damit beinahe vollständig von Kopf bis zu den Füßen. So sanft wie eine Feder trug sie diese Klaue, von der sie wusste, dass sie selbst einen Riesen in Sekunden zerreißen konnte, hinauf zum geschwungenen Rücken des Drachen. Fenn hatte noch ein wenig Mühe, hinaufzuklettern, gesellte sich dann aber mit einem zugleich erleichterten wie grimmigen Gesichtsausdruck hinter sie. Vermithrax wendete sich ohne weiteres Zögern um und sein langer Schwanz peitsche durch die Luft, als er mit einem kurzen Anlauf die Schwingen spreizte und sich zuerst ruckartig, dann aber erstaunlich sanft in die Luft erhob. Das Grabmal blieb hinter ihnen zurück und Ylvi hoffte inständig, dass es nun seine ewige Ruhe finden würde. Erschöpft sank sie nach vorne, tastete nach dem Stirnreif, wegen dem sie das alles durchgemacht hatten, und dann nach dem Medaillon auf ihrer Brust. Als Fenn ihr die Arme stützend um den Körper legte, war sie schon fast eingeschlafen. |
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| Autor: | Le Lait [ Sa 26. Sep 2009, 02:48 ] |
| Betreff des Beitrags: | Re: Das Zahnrad-Amulett |
Das Bächlein war eiskalt. Wie die meisten Flüsse in dieser Gegend trug es das Schmelzwasser von den vielen Gebirgen mit sich hinab in tiefere Gegenden und mündete irgendwann in einen der großen Ströme, die dann noch viel später zu einem der die Welt umgebenden Ozeane führten. Ylvi wusste das. Sie hatte nicht nur die riesenhaften Ströme, sondern auch schon die endlose graue Fläche des Ozeans gesehen. Die Kälte des munter sprudelnden Bächleins ließ sie leicht am ganzen Leib zittern, aber trotzdem machte sie ihr nicht viel aus. Sie war daran gewohnt. Auch die letzten wärmenden Strahlen der Abendsonne, die durch das grün spriessende Unterholz der dicht bewachsenen Ufersäume stach, legten sich noch wärmend um sie und ließen ihre helle Haut matt orange glühen. Der Frühling kündigte sich mit Macht an und sie genoss es einfach, im Wasser ein paar Schwimmzüge zu tun. Etwas, zu dem sie seit viel zu langer Zeit keine Gelegenheit mehr gehabt hatte, wie sie mit einem leichten Anflug von Scham wusste. Doch nun lagerten sie und ihre Gefährten in der relativen Sicherheit eines kleinen Hains, kaum eine Reitstunde vom mächtigen Silbrigmond entfernt und noch unter dem Einflussbereich der Stadt und dem Schutz seiner Ritter, Soldaten und der noch viel mächtigeren Beschützer, die das Juwel des Nordens zu dem machten, was es war: ein Unterschlupf für all die, die der raue Norden ausgespien und während des ewig andauernden Winters vertrieben hatte. Bald würden erneut die Heerscharen der Verzweifelten und der armen Irren, die glaubten, in diesem Teil der Reiche ihr Glück machen zu können und die sich nun innerhalb der Stadtmauern drängelten, aufbrechen um die wenigen warmen Monate im Jahr ausnutzen. Ähnliches galt für Ylvi, Fenn, Vermithrax und ihre Freunde. Ja, man konnte sogar sagen, dass sie ganz besondere Narren waren, weil sie für gewöhnlich nicht vor den vielgestalten Gefahren, die die Silbermarken ihnen entgegenwarfen, davonrannten. Kraftvoll tauchte die junge Frau noch einmal unter die Wasseroberfläche und arbeitete sich mit ein paar Schwimmstößen in Richtung Ufernähe vor. Das Bächlein war nicht tief, aber es floss schnell und sie musste sich einigermaßen anstrengen, um gegen die Strömung anzukämpfen, die sie mitreißen wollte. Prustend und nun heftiger zitternd als zuvor legte sie die letzten Schritte über den steinigen Grund zur Böschung zurück. Sie erklomm sie und eilte zu dem kleinen Haufen ihrer Kleider und dem notwendigsten an Dingen zurück, die sie selbst zum Bad mitgenommen hatte, an erster Stelle natürlich ihr heiß geliebtes Schwert. Schnell trocknete sie sich ab, denn die Abendsonne war bei weitem nicht stark genug, sie vor einer ordentlichen Erkältung zu bewahren. Nachdem sie im Schutze der dichten Sträucher in Hemd und Hose geschlüpft war, streckte sie sich auf dem kleinen Flecken Gras aus, den wohl die Wildtiere freigehalten hatten, um zum Trinken an das Flüsschen zu gelangen. Ihr Knöchel hatte wieder leicht zu pochen begonnen. Sie hatten das notdürftige Lager unter den Bäumen am Morgen erreicht und sie war sofort in einen tiefen Schlaf gefallen, aus dem sie erst erwacht war, nachdem die Sonne ihren Zenit schon weit überschritten hatte. Sie blendete den Schmerz aus, zog die Knie vorsichtig an und spielte gedankenverloren mit dem Amulett um ihren Hals. Sie hatte immer noch den leisen und vollkommen unbegründeten Verdacht, dass sich die unsichtbare Mauer im Grabmal nicht zufällig aufgetan hatte, konnte sich aber auch keinen Reim darauf machen, warum es etwas mit dem schlichten Talisman zu tun haben sollte, den sie nun langsam in ihren Fingern drehte. Das Metall schimmerte leicht silbern, war aber stumpfer und an sich nicht besonders prachtvoll. Beide Seiten waren mit dem Symbol eines Kreises geprägt, der an seinem äußeren Ende seltsame Ausbuchtungen hatte. Ein Gnom, den sie kennengelernt hatte, hatte gemeint, dass es sich wohl um ein Zahnrad handelte, irgendein mechanisches Ding, von dem sie nichts verstand. Sie hatte das etwas angezweifelt. Wieso sollte das Amulett ihrer Mutter so ein unwahrscheinliches Motiv tragen? Ein leises Rascheln in den Büschen hinter ihr riss sie aus ihren Gedanken. Sofort rollte sie sich herum und langte nach dem Griff ihres Schwertes, falls dieser Platz doch nicht so sicher war, wie sie es gedacht hatte. Zwischen den Zweigen drängte sich ein gut gebauter Mann hindurch. Er war vielleicht eine Handspanne größer als sie, schien kräftig, aber nicht plump. Gekleidet war er in eine etwas albern wirkende Pumphose und ein langes Hemd mit hohem Kragen, beides aus weinrotem, teurem Stoff gefertigt und beides für die Gegend, in der sie sich befanden, vollkommen ungeeignet. Dennoch wirkte nichts an ihm lächerlich. Er hatte glänzendes, matt bronzenes Haar und ein bartloses Gesicht mit scharf ausgeprägten Zügen und er stellte einen Gesichtsausdruck von vollkommener Selbstsicherheit und sogar einem Hauch Herablassung seiner Umgebung gegenüber zur Schau. Jeder andere wäre wohl vor seinen goldenen Augen mit dem metallischen Glanz und den echsenähnlich geschlitzten Augen zurückgeschreckt, aber Ylvi erkannte Vermithrax in seiner menschlichen Gestalt sofort. Sie vermutete Stolz und einen Schuss Schalk hinter seiner Angewohnheit, seinen Drachenaugen für gewöhnlich kein menschliches Äußeres zu geben, was er ohne Zweifel vermocht hätte. „Wie hast du mich gefunden?“, fragte sie ihren Gefährten und rappelte sich mit schmerzendem Knie auf. Sie standen sich nahe wie sie und Fenn es taten, aber sie hatte einfach etwas dagegen, vor jemandem zu knien, selbst wenn er es war. Der Mann blieb auf dem kleinen Grasstreifen am Ufer stehen und machte sich gar nicht erst die Mühe, auf die Frage zu antworten. Wen Vermithrax suchte, den fand er auch. „Ich bin viel mehr froh, dass du hier bist, Drachenreiterin“, entgegnete er mit einer tiefen Stimme, die sie immer an den Klang einer großen Glocke erinnerte. Er betonte die Anrede mit einem Unterton von Unterwürfigkeit, von der sie wusste, dass er sie necken sollte und ein leichter Ärger durchzuckte sie. Er machte sich manchmal mehr über sie lustig wenn sie alleine waren, als sie von Zeit zu Zeit vertragen konnte. Als hätte er ihre Regung gespürt, sprach er sofort weiter: „Calvin wünscht, alle Leute im Lager versammelt zu sehen, sobald die Sonne verschwunden ist. Und ich wollte von dir wissen, ob du zufrieden bist, Ylvi.“ Sie begriff den wahren Hintergrund dieser Frage rasch, nämlich den, dass er es offensichtlich nicht war. Trotzdem nickte sie ihm zu und begegnete seinem unmenschlichen Blick beinahe herausfordernd. „Ja, das bin ich. Wir haben, was wir wollten, und ich kann es morgen in die Stadt zum Magus bringen.“ „Ich frage mich dennoch, weshalb Hochmagier Ker’aer so großes Interesse daran hat“, antwortete Vermithrax ungerührt. „Du weißt, dass ich den Zauberern der jungen Rassen wenig traue. Das Gedächtnis der Alten ist lang und wir erinnern uns noch, wie selbst die Rasse der Elfen sich der Magie nicht immer als würdig erwies.“ Ein wenig unwirsch hob sie die Schultern. Worauf sie nun wahrlich keine Lust hatte, war eine lange Belehrung von ihm über die Weisheit der alten Drachen. „Wir kennen Magus Ker’aer nun wirklich lange genug, um ihm trauen zu können“, meinte sie mit durchklingender Ungeduld und wandte den Kopf zu dem Bächlein hinter sich um. Er jedoch schien sich von dieser abweisenden Bewegung nicht beeindrucken zu lassen. „Wir sind keine Diebe, Ylvi. Und keine Horträuber. Ich möchte, dass du dir das ins Gedächtnis rufst.“ Sie ließ ein ärgerliches Schnaufen hören. „Nein, Vermithrax, wir sind vor Allem Heimatlose, die für sich und für ihre Freunde, und das sind nicht wenige, eine neue Zuflucht benötigen. Der Angriff des Roten Herzogs liegt noch gar nicht lange zurück und wir haben immer noch Verwundete. Wir brauchen Geld und selbst Calvin fand die Möglichkeit gut, sich ein wenig davon relativ leicht zu verdienen. Sie war nur eine Tote.“ Mit diesen Worten wandte sie sich vollends um und von ihm ab, um wieder einen Schritt in das Wasser zu tun und die Zehen zwischen die kleinen Kiesel des Bachbettes zu graben. Vermithrax wartete einen Moment mit der Geduld eines Wesens, das mehrere Jahrhunderte hatte Kommen und Gehen sehen, und kam dann ein Stück hinter ihr her. „Du denkst an Blue“, meinte er weiterhin ruhig, aber ohne diesen belehrenden, hochnäsigen Tonfall, den sie zuvor so gehasst hatte. Und wie fast immer traf er genau ins Schwarze. Das Schicksal des armen Kindes, das beim Angriff der teuflischen Orks vor zwei Monaten furchtbare Verletzungen an Leib und Seele erlitten hatte und das seitdem noch nicht wieder genesen war, machte sie besonders traurig und wütend. Die Kleine hatte in ihrem kurzen Leben schon genug erleiden müssen. Für sie brauchten sie das Geld besonders dringend, damit ein machtvoller Priester sich ihrer annehmen und ihr vielleicht helfen konnte. Das leichte Nicken war gar nicht notwendig, aber dennoch nickte sie zur Antwort. „Du wirst ihr helfen können wie allen anderen, aber nicht damit, indem du von dem abweichst, was dich stark macht, Kriegerin.“ Und damit schien er gesagt zu haben, was er ihr hatte mitteilen müssen, denn seine nächsten Worte waren leiser und sanfter. „Wie geht es deinem Bein?“, fragte er und sie spürte, wie sich seine starken, schlanken Hände mit leichtem Druck auf ihre Hüften legten. „Es geht schon wieder“, entgegnete sie weiterhin spröde. Sie fühlte seine überwältigende Präsenz direkt in ihrem Rücken und wie immer überschwemmte sie ein Gefühl der Geborgenheit und Wärme. Er war so fremdartig und ihr zugleich in einem Maße vertraut, dass sie sich inniger gar nicht vorstellen konnte. In ihrem Bauch breitete sich ein wohliges Kribbeln aus, als seine Finger weiter hinab fuhren und wie kleine Spinnentiere ihre Schenkel entlang wanderten. „Was für eine tapfere Lüge. Ich frage mich, ob ich euch winzige Wesen je nachvollziehen werde.“ Er stoppte, drückte die Hände um ihre starken Waden und küsste dann lockend ihren Nacken unter dem nassen, langen Haar. Dies brach den Bann. Ylvi drehte sich von tiefer körperlicher Sehnsucht erfüllt herum und presste ihre Lippen heiß und stürmisch auf seinen Mund. Sie wusste nicht wirklich, ob er mit dieser Gestalt auch die Sehnsüchte und Gelüste eines Menschen erhielt, oder ob er dies nur tat, um sie zu erfreuen und seinem wahren Naturell entsprechend dabei gar nicht mehr Befriedigung empfand als er ihr zu geben vermochte, aber es war ihr egal. Sie spürte seine Hände Spuren aus Drachenfeuer auf ihren Körper zeichnen und sie von ihrem Hemd und von Allem befreien, was zwischen ihnen stand. Sie umgarnten ihre Brust, den schlanken, kräftigen Rücken und ergingen sich an ihrer Glut. Der Sturm fegte alles hinweg und als sie sich einander hingaben, versank die ganze Welt für unendlich kostbare Momente in Bedeutungslosigkeit. Die Sonne war schon einige Zeit hinter dem Horizont versunken als sie sich endlich zwischen den Brombeerbüschen hindurch auf die vielleicht fünfzehn Schritte im Durchmesser große, von hohen Tannen umstandene Lichtung drängten. Vom flackernden Schein eines aufgeschichteten Lagerfeuers beleuchtet standen dort schon bereits ungefähr zwei Dutzend Personen, von denen sich zwei Drittel umwandten, als Ylvi und Vermithrax erschienen und davon wiederum ein Drittel deutlich erkennbar die Stirn runzelte. Ylvi beachtete diese Minderheit nicht und schenkte der Versammlung ein Lächeln. Sie hatten die Zeit unten am Fluss wohl etwas zu lange genossen und sich dann in aller Eile wieder angekleidet, was man ihr mit nicht geschnürten Stiefeln und schief sitzendem Hemd wohl eher ansah als der beinahe wieder makellos in seinen edlen Kleidern steckenden, verkappten Echse zwei Schritte hinter ihr. Einigen Leuten schenkte sie einen besonders herzlichen Blick, darunter auch dem ungeduldig mit verschränkten Armen etwas abseits stehenden Fenn, rammte demonstrativ das lange Claymore in die Erde am Rande der Lichtung und gesellte sich dann unter die Leute, die insgesamt zumindest in dieser Gegend exotischer kaum ausfallen konnten. Vermithrax blieb irgendwo hinter ihr zurück. Er hielt sich aus solchen Versammlungen meistens heraus, was gut war, denn wenn er seine Meinung äußerte, duldete er wenig Widerspruch. Auf der anderen Seite des Feuers auf einer niedrigen Holzkiste nahm ein nicht besonders großer, aber stämmiger und sehr muskulöser Mann sein von ihrem Erscheinen unterbrochenes Wort wieder auf. Seine etwas graue Haut, die ausgeprägten Wülste über den Augen und seine kleinen Schweinsäuglein wiesen ihm für jeden rasch als Halb-Ork aus. Die meisten Leute im Norden hegten große Vorurteile gegenüber diesen räuberischen Geschöpfen und es hatte wegen ihm schon öfters Probleme gegeben, aber unter ihnen war Calvin ein uneingeschränkt respektierter Mann, der am ehesten als ihr Anführer bezeichnet werden konnte. Dies rührte nicht nur von seiner seiner Stärke und seinem brutalen Können im Kampf her, sondern vor Allem, weil er umsichtig war und vielleicht gerade Dank seiner Herkunft sehr gut bei den ab und zu aufkommenden Querelen zwischen den teilweise sehr verschiedenen Mitgliedern ihrer Gruppe vermitteln konnte. Auch Ylvi richtete nun sehr rasch ihre Aufmerksamkeit auf den Mann, der in einer archaischen, aber sehr robust aussehenden Rüstung steckte und sich auf einen gewaltige, zweihändigen Kriegshammer stützte. „…ich sage, wir dürfen uns nun keine Blöße geben und unseren Feinden keine Möglichkeit zum nächsten Schlag lassen“, fuhr er gerade wieder fort. „Wenden wir uns nach Norden in den Mondwald. Lecken wir unsere Wunden während des kommenden warmen Sommers und planen wir unseren nächsten Zug in diesem Spiel. Ich verspreche euch, meine Freunde und Kampfgefährten, dass dies nur ein vorübergehender Rückzug sein wird. Wir werden uns ein Lager im Wald schaffen und dort unseren Angriff planen. Erkundigungen einziehen, Neuankömmlinge begrüßen.“ Es erklang beifälliges Gemurmel, aber Ylvi hörte auch aus einigen Richtungen ein unzufriedenes Schnauben. Auch bei ihr fanden diese besonnen Worte wenig Anklang. Sie sollten sich einfach verstecken und „ihre nächsten Schritte planen“? Das war nichts, was sie ohne Magengrimmen hinunterschlucken konnte. Als nächstes meldete sich die melodische, fließende Stimme der elfischen Druidin und Waldläuferin Nenai’su zu Wort. „Ich stimme Calvin zu. Silvanus Baumvaters Blätter sollen uns verbergen und unsere Wölfe…“ dabei ließ sie einen Blick ins Rund und insbesondere über eine eng zusammenstehende Gruppe von vier Männern schweifen, die in Leder und Felle gehüllt waren und ihre Gesichter mit blauen Zeichnungen aus dem Saft des Färberwaids bemalt hatten. Uthgar vom vernichteten Stamm der Silberrücken. „…die Spur der Angreifer aufnehmen. Der wahren Angreifer“, fügte sie hinzu und sie alle dachten an den Namen des Roten Herzogs, des grausamen Adligen und offenbar Paktierers mit finsteren Gottheiten, dessen Wege sie genauso unbeabsichtigt wie tragisch gekreuzt hatten. „Außerdem sind viele von uns noch nicht von ihren Verwundungen genesen. Wir können etwas gewonnene Zeit gut gebrauchen.“ Wieder erklang beifälliges Gemurmel und dann reichte es Ylvi. Sie trat vor in den Feuerschein und warf einen funkelnden Blick über die versammelten Gesichter. „Davonrennen? Wann sind die Huskarls je davongerannt?“ Sie benutzte absichtlich das nordische Wort für die Leibwachen von Königen und Adligen, aus denen sie hervorgegangen waren, auch wenn nur noch ein Bruchteil von ihnen jemals wirklich in Diensten eines Kriegerherrschers gestanden hatte. Sie jedenfalls auch nicht. Aber es war ein gutes Wort. Ein altes Wort, welches das Feuer in manchen Herzen wecken konnte. „Ja, wir haben Verwundete, die Pflege brauchen“, fügte sie einlenkender hinzu, nur um dann erneut mit lauter, klarer Stimme fortzufahren. „Aber was sie brauchen ist nicht der Schutz der Wälder, sondern die helfenden Hände und Gebete von Heilkundigen und Priestern.“ Unwillkürlich wanderte ihr Blick durch die umstehenden Leute, aber sie fand nicht, wonach sie suchte. Oder besser, nach wem sie suchte. „Diese Hilfe werden sie nur in den Städten finden und am besten hier in Silbrigmond. Ich sage, wir bleiben noch einen Ritt hier. Wir senden unsere Späher und Waldläufer aus, die Spur der Tanarrukk aufzunehmen. Sie werden uns direkt zu ihrem Herrn und Meister führen. Und dann schlagen wir zu.“ Wie um ihre Worte zu untermauern schlug sie sich mit der Faust in die geöffnete Handfläche. Calvins Blick vor ihr verdüsterte sich leicht und sie sah von vielen Stellen aus leichtes Kopfschütteln und nur wenig Zustimmung. Dreimal verfluchte Hasenfüße, dachte sie wütend. „Blind vorzustürmen ist genau das, was ich von dir erwartet habe, Schwertfrau“, sagte eine Stimme nachdem sich das allgemeine Murmeln etwas gelegt hatte. Eine Stimme, von der sie eine Wortmeldung wenig erwartet hatte, weil man sie nur sehr selten hörte. Es war eine wohl akzentuierte und relativ leise Männerstimme, die einen öligen Beiklang hatte. Matteo. Diese kleine Wanze. Ein paar Leute traten zurück und gaben die Sicht frei auf einen kleinen, fast zierlichen Mann mit spitzen Vogelzügen, der sein langes schwarzes Haar zu einem Zopf gebunden trug und in einer ebenso schwarzen Stoffrüstung steckte. Hinter seinem Rücken konnte man noch gerade so den Griff eines seltsam verschnörkelten Kurzschwertes erkennen, das seine bevorzugte Waffe darstellte. Wenn er nicht gleich eine Garotte oder Gift einsetzte. Der kleine Mann aus dem fernen Unther war ein Schleicher und ein Mörder, was so ziemlich die letzte Art des Kampfes darstellte, die Ylvi ausstehen konnte. „Wie üblich mit dem Kopf durch die Wand. Doch diese Wand scheint selbst für deinen Schädel zu dick zu sein.“ Das dünne Lächeln auf seinen von einem dünnen, sorgsam rasierten Schnurrbart gekrönten Lippen entfachte in ihr den unwiderstehlichen Drang, ihm die Faust mitten auf die aristokratische Nase zu rammen. Ein paar Leute lachten und das Blut kochte Ylvi in den Adern. Die meisten jedoch reagierten gar nicht auf die provozierenden Worte Matteos und ehe die Diskussion tatsächlich entgleiten konnte, trat Calvin wieder vor und hob Einhalt gebietend die Arme. „Ruhe!“, rief er laut mit tiefer, rollender Stimme. Stille trat ein. |
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| Autor: | Le Lait [ Mo 28. Sep 2009, 01:49 ] |
| Betreff des Beitrags: | Re: Das Zahnrad-Amulett |
Aller Augen richteten sich auf den stämmigen Halb-Ork. „Wir alle wandern frei unter dem Himmel. Niemand muss sich einem anderen beugen oder etwas tun, was er nicht bereit ist zu tun“, fuhr er mit fester Stimme fort, während der flackernde Feuerschein tiefe Schatten in sein grobes Gesicht warf, die ihn selbst zu etwas Unheimlichem machten. „Wer mit uns zum Mondwald ziehen will, der soll mitkommen. Wer die Geduld des Jägers aufbringt, der soll mitkommen. Wer den Roten Herzog bezahlen sehen will, wirklich bezahlen… der soll mitkommen.“ Düster blickte er sich noch einmal unter den teilweise betreten schauenden Männern und Frauen um. Ruhiger und leiser, aber mit ebenso offenkundigem Ernst ergänze er noch: „Den anderen wünsche ich allen Mut und alle Stärke, die sie benötigen. Wir brechen in zwei Sonnenläufen auf.“ Damit hob er seinen schweren Hammer an und stampfte aus dem Kreis, in dem sich leises, aufgeregtes Getuschel erhob. Auch Ylvi wandte sich grimmig zu Boden blickend um. Ihre gute Laune von vor wenigen Augenblicken war ihr gründlich vergangen und Matteos Blicke, die ihr immer noch folgten, machten es kaum besser. Seine dunklen Augen zeigten keinen Hohn, nicht einmal Zufriedenheit. Sie dagegen wusste, dass ihr ihre Gefühle nur zu offensichtlich ins Gesicht geschrieben standen. Dann traten andere Leute zwischen sie und ihn und Ylvi konnte sich endlich vollends entfernen und zur finster daliegenden Baumreihe zurückgehen. Vermithrax stand nicht mehr dort, was sie aber nicht überraschte. Er kam und ging, wie er wollte. Also nahm sie ihr Schwert wieder an sich und lenkte ihre Schritte in Fenns Richtung, der erkennbar etwas sagen wollte, es sich dann aber rasch anders zu überlegen schien, als sie ihn erreichte. Sie beide wandten sich in den Wald, in die Richtung, in der ihre zugigen und behelfsmäßigen Zelte recht nahe beieinander auf einem kleinen Waldhügel standen, der verhinderte, dass sie bei den starken Regenfällen im Frühling im Matsch versanken. „Du denkst doch nicht daran, die anderen…“, begann Fenn etwas zaghaft nach ein paar Metern zwischen den Bäumen. Sie blickte sich nicht zu ihm um, richtete ihre ganze Aufmerksamkeit darauf, sich Hose und Hemd nicht am Unterholz zu zerreißen oder in einen Fuchsbau zu treten. Ihr Fuß hatte wieder stärker zu schmerzen begonnen und sie war im Augenblick ganz froh um die Dunkelheit, die ihr leichtes Humpeln vor anderen Blicken verbarg. Diese Schwäche wollte sie sich nicht auch noch erlauben. „ Nein, tue ich nicht. Mach dir keine Sorgen“, entgegenete sie barsch. „Wo ist Blue? Sie war nicht am Feuer.“ Er zuckte mit den Schultern. „Beim Zelt mit den anderen Kindern?“ Sofort änderte sie ihre Richtung, wieder etwas mehr zurück zur großen Lichtung hin, auf der die Versammlung stattgefunden hatte. „Ich sehe dich dann später, Fenn“, murmelte sie ihm noch zu, dann war er auch schon ein wenig beleidigt schauend zwischen den dunklen Baumstämmen zurückgeblieben. Es war ungerecht, das wusste sie, ihre Unzufriedenheit an ihrem geliebten Zwillingsbruder auszulassen, aber im Moment stand ihr nicht der Sinn danach, darüber zu reden. Sie war gerade erst von einer gefährlichen Reise zurückgekommen und trotzdem fühlte sie sich zur Untätigkeit verdammt. Sie hatte gedacht… Nein, erwartet! …dass nun endlich, da die meisten Verwundeten halbwegs wieder genesen waren, die Zeit gekommen wäre, um zurückzuschlagen. Das, was Calvin als geduldiges Lauern beschönigt hatte, kam ihr wie Zaghaftigkeit, sogar wie Feigheit vor. Nach wenigen Momenten sah sie vor sich wieder einen flackernden Feuerschein durch den Wald dringen. Dort vorne lag das Zelt der wenigen Kinder, die die Gruppe begleiteten. Einige waren Waisen, Kinder von Gefallenen oder solche, für die sie kein Heim hatten finden können, viele aber hatten ihre Eltern auch unter den Abenteurern und wenige waren sogar so jung, um in der Gruppe geboren worden zu sein. Sie alle waren Spielgefährten, lernten gemeinsam, was sie gar nicht schnell genug lernen konnten und hatten ihre Zelte zusammen in der ungefähren Mitte des Lagers, wo sie sicher wären, wenn es zu Überfällen käme. So mussten sich ihre Eltern nicht noch zusätzlich um ihre Kinder sorgen, was im schlimmsten Fall zur Gefahr für das ganze Lager hätte werden können. Als sie auf die kleine Wiese trat, auf der fünf schiefe Zelte standen, erkannte sie wohl auf Grund der noch recht frühen Stunde nur drei Kinder an einem kleinen Feuer sitzen, die offenbar damit beschäftigt waren, um einen Stock gewickelten Teig über den Flammen zu Kohle zu verarbeiten. Als sie Ylvis Erscheinen bemerkten, zogen sie die Stöcke rasch zurück und starrten sie mit Überraschung und kaum verhohlener, kindlicher Neugierde an. Es waren Jenji, die halbelfische Tochter Nenai’sus, ein schwarzgelockter, schon etwas älterer Junge namens Ben und noch ein kleines Mädchen, das sehr schmächtig und ein wenig verwahrlost wirkte. Wie immer hatte sie Schmutz im Gesicht, obwohl stets die Erwachsenen auf alle Kinder achteten, und steckte in einem dicken Wollkleidchen. Obwohl sie erst sieben oder acht Jahre zählen konnte, war schon abzusehen, dass sie einmal hübsch werden würde. Ylvi fuhr ein Stich durchs Herz, als ihr Blick auf den angenähten linken Ärmel der Kleinen fiel, der seit zwei Monaten vom Ellenbogen abwärts leer war. Doch diese Verstümmelung war nicht das Schlimmste. Keiner wusste genau, was mit ihr geschehen war, bevor Ylvi sie vor zwei der Tanarrukk retten konnte und warum sie nicht mit den anderen Kindern hatte flüchten können, als der Überfall passierte, aber seither war sie nicht mehr dieselbe gewesen. Sie sprach kaum noch, schien sehr in sich gekehrt und legte, wenn sie einmal sprach, eine resignierte Ernsthaftigkeit an den Tag, die ihr in ihrem Alter einfach noch nicht zustand. Sie war auch in der Seele schwer verwundet worden. Alle Heiler sagten, solche Wunden bräuchten Zeit, bis sie sich schlössen, aber Ylvi glaubte nicht daran. Manche Wunden bluteten ewig, besonders, wenn sie durch dämonische Kreaturen zugefügt worden waren. „Hallo, ihr drei! Habt ihr noch etwas zu essen, das noch essbar ist?“, fragte sie mit einem Blick auf die geschwärzten Teigfladen an den Stöcken der Kinder. Jenji und Ben drucksten ein wenig herum, was von viel Schulterzucken, Nasenschniefen und gegenseitigem Anstuppsen begleitet wurde. Dann schien sich der etwa elfjährige Ben zu einer artikulierten Antwort durchzuringen. „Wir ha’m noch etwas. Ihre Mutter...“ Er deutete auf Jenji neben sich. „...hat uns eine ganze Schüssel gegeben.“ „Gebt mal her, ich zeige euch, wie ihr das richtig macht. Der Winter ist zwar vorbei aber zum Verbrennen ist der Teig doch viel zu lecker, oder?“ Die zwei Kinder nickten und Ylvi ließ sich in den kleinen Kreis am Feuer sinken und streckte das schmerzende Bein aus. Jenji reichte ihr die tatsächlich noch gut gefüllte Teigschüssel und sie übergaben ihr beide generös ihre Stöcke, nachdem sie sie von dem Verbrannten befreit hatten. Ylvi lächelte. Sie fühlte sich wohl unter den Kindern, ihr eigener Ärger war schon beinahe zu einem dumpfen Grübeln in den Hintergrund gerückt. Beiläufig ummantelte sie die Stöcke mit dem appetitlich duftenden Teig, der ihr selbst ins Gedächtnis rief, dass sie schon seit dem Mittag nichts mehr gegessen hatte. Dennoch achtete sie darauf, den Teig nicht zu dick um den Stock zu wickeln, damit er auch komplett am Feuer backen konnte. Sie reichte Ben und Jenji die neu bestückten Stöcker, die auch gleich damit begannen, sie wieder direkt in die Flammen zu halten, bis Ylvi sie ein wenig nachdrücklicher davon abbringen konnte. Dann schaute sie neben sich auf das bisher schweigsame Mädchen, das noch nicht einmal die inzwischen wirklich kohleartigen Überreste vom Stock entfernt hatte. „Blue?“, fragte sie sie vorsichtig. |
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| Autor: | Le Lait [ Mi 23. Dez 2009, 18:01 ] |
| Betreff des Beitrags: | Re: Das Zahnrad-Amulett |
Mit starrem Blick und leicht im Sitzen vor- und zurückwippend reagierte das kranke Mädchen wie so oft nicht auf das, was um sie herum geschah. Erst als Ylvie sie ansprach, kehrte ein wenig Leben in das schmutzige Gesichtchen zurück. Fasziniert betrachtete sie das verbrannte Stockbrot. Ylvie machte Anstalten, vorsichtig nach ihrer Hand zu greifen, bis ihr schmerzlich durch den Kopf schoss, dass sie ihr dazu den Stock aus der Hand hätte nehmen müssen. Voll Zorn und Scham presste sie die Lippen zusammen. Und sie sollten weglaufen und sich verstecken? Vorsichtig begann sie stattdessen, mit einem sauberen Tuch das Gesicht des Mädchens vom ärgsten Schmutz zu befreien. „Sie kommen“, sprach Blue plötzlich mit dünner Stimme, während sie Ylvie ohne Widerstand in ihrem Gesicht herumfuhrwerken ließ. Verwundert schaute diese auf. „Wer kommt?“ Meistens sprach sie wirr, wenn sie denn überhaupt noch sprach, aber manchmal wunderte man sich über ihre scharfen Sinne. Sie schaute sich um, lauschte in den Wald hinein. Nichts. Blue verzog träumerisch lächelnd das Gesicht. „Sie kommen. Bald.“, wiederholte sie. Misstrauisch behielt Ylvie die Umgebung im Auge. Kurz überlegte sie, ob sie die anderen benachrichtigen sollte, tat den Gedanken dann aber ab. Sie würde Blue wahrscheinlich keinen Gefallen tun, wenn sie wegen einer von ihr vollkommen unbedarft ausgesprochenen Warnung Alarm schlagen würde. In diesem Wald war nichts, was ihnen gefährlich werden könnte. Nicht hier und nicht jetzt. Einfach, um irgendetwas zu tun, ging Ylvie auf den Wahn des Mädchens ein. „Woher kommen sie, Blue?“ Das Mädchen zuckte vage mit den Schultern und schniefte ein wenig Rotz das Näschen hoch. Die gegenüber sitzenden Ben und Jenji taten ihr Bestes, nicht unbehaglich wegzusehen, was ihnen aber nicht so recht gelingen wollte. Die Ernsthaftigkeit, mit der Blue solche sinnlosen Worte sprach, machte nicht nur Kinder nervös. Und Ylvie konnte es ihnen nicht verdenken. Sie selbst spürte ein Kribbeln im Rücken, als hätten die Worte der Kleinen etwas in ihr angerührt. Der Wald schien feindseliger geworden, kein sicheres Versteck mehr, sondern eine Falle. Bestimmt nahm sie dem Mädchen das verkohlte Stöckchen aus der Hand und tauschte es gegen ein frisches Stockbrot. „Und was werden sie machen, wenn sie hier sind?“, fragte sie erneut nach. Blue lächelte plötzlich milde, als hätte sie eine sehr törichte Frage gestellt. „Sie werden uns zu sich holen!“, sprach sie voll glücklicher Inbrunst. Ylvie seufzte und gab es auf. Sie reitet durch den dunklen Wald. Ihr Pferd hat Mühe, sich durch das dichte Unterholz zu kämpfen. Es ist heiß. Eine schwüle Nacht. Gewitter kündigen sich an, der Himmel ist schwarz mit brodelnden Wolken. Sie treibt das Pferd weiter, ohne einen Pfad peitschen ihr die Äste ins Gesicht und hinterlassen brennende Striemen auf ihren Wangen. In der Ferne ein Lichtschein. Der Wald ist zu Ende, sie hat ihr Ziel erreicht. Es ist nicht mehr weit. Ein Blitz zerreisst das Dunkel. Ein zweiter, ein dritter. Kein Donner. Nur das träge Zirpen einer Grille ist zu hören. Wind kommt auf und bauscht ihren Umhang. Das Pferd wiehert. Am schwarzen Himmel erscheint ein milchiges, gewundenes Band. Das Pferd bricht zwischen der letzten Baumreihe hervor, auf eine trockene Wiese, auf der nicht ein Licht scheint, sondern viele. Die ganze Wiese ist voll von kleinen Feuern. Sie klammert sich fester an den Hals des furchtsamen Tieres und schaut nach oben, wo das milchige Band heller wird, sich wie eine vielfach gewundene Schlange zur Erde bewegt. Undeutlich erscheinen die Umrisse von Reitern. Sie kommen näher, ihre Konturen werden klarer und deutlicher. Schrecklich gehörnte Helme, zerzauste Federbüsche und darunter das Weiß der Totenschädel. Die schrecklichen Reiter sitzen auf Pferdeskeletten, an denen die Schabracken in Fetzen hängen. Blitze zerreißen den Himmel jetzt ohne Unterlass, das Heulen des Windes nimmt zu. Nein, das ist nicht der Wind. Es ist das Heulen der Gespenster. Die alptraumhafte Stampede lenkt auf sie zu. Unter den Hufen der Gespensterpferde löst sich der milchige Schein, der sie ins Reich der Lebenden getragen hatte, auf. An der Spitze reitet ihr König. Sein rostiger Helm wackelt haltlos auf dem fleischlosen Schädel, seine Augenhöhlen sind nichts als tiefe Schatten. Das gibt es nicht! Das ist nicht wahr! Das muss ein Alptraum sein… Der König hält seine Schar an, sein Ross klappert auf der Stelle. Er hält eine alte Messingwaage in der Hand. Sein hohles Gelächter dröhnt in ihrem Kopf. „Kind alten Blutes! Komm zu uns! Unter uns ist dein Platz und wir werden zwischen den Sternen jagen, bis sie vom Himmel gefallen sind. Du gehörst zu uns, sternäugige Tochter des Chaos.“ „Nein!“, schreit sie zurück. „Geht fort! Ihr seid Leichen!“ Der König lacht erneut, es klappern vertrocknete Kiefer und es scheppert ein zerbeulter Brustpanzer über leeren Rippen. „Ja, wir sind Leichen! Du aber bist der Tod!“ Sie drückt sich an den Hals des Pferdes. Sie braucht es nicht anzutreiben, als es über die brennende Wiese sprengt, fort von den Gespenstern und ihrem König. |
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| Autor: | Le Lait [ Di 2. Mär 2010, 16:23 ] |
| Betreff des Beitrags: | Re: Das Zahnrad-Amulett |
Ein hallendes Scheppern untermalte jeden von Ser Aldo Helmsgaardts Schritten in der weitläufigen Halle, die zum Flügel des Rates der Sieben im Verwaltungsgebäude führte. Links und rechts zwischen den Säulen säumten doppelt mannshohe Statuen aus gemasertem Granit und weißem Marmor den Weg vom großen Eingangsportal in den Ratssaal. Alte, lang vergessene Helden des Nordens kämpften auf ewig gegen mystische Bestien neben erhaben auf die Besucher hinabblickenden Ratsherren, Magiern und Gelehrten. Doch Aldo hatte kaum einen Blick für sie übrig. Als Komtur der Silberlegion lagen weitaus schwerere Gewichte als die der Vergangenheit auf seinen gerüsteten Schultern. Vom gegenüberliegenden offen stehenden Portal wehten Gesprächsfetzen durch die bis auf Aldo menschenleere Halle. „…ist Maester Korinth äußerst besorgt über die jüngsten Vorfälle in der Stadt“, sprach eine hohe, ein wenig fistelige Männerstimme in diesem Moment. Eine zweite Stimme, ruhig und weiblich, antwortete. „Auch die Sieben haben im Moment noch keine Erklärung, Sekretär. Hauptmann Gendric versucht sein Bestes, die Kunde von diesen Vorfällen innerhalb unserer Mauern zu halten.“ Aldo beschleunigte seine Schritte, das Scheppern seiner Panzerstiefel auf dem Marmorboden wurde schneller. Das musste es sein, weswegen die Stadt Everlund ihn und seine Ritterbrüder hatte rufen lassen. Als die Stimmen hinter den Portalflügeln seine Schritte bemerkten, verstummten sie. Mit unbewegter Miene trat Aldo ein in den Saal, der vom Rat der Magier der Stadt, die sich die Sieben nannten, benutzt wurde. Er war noch höher als die vorangegangene Halle und wölbte sich hoch über seinem Kopf zu einem Kuppeldach, durch dessen kleine Fenster trübes Licht hineinfiel. Die sieben Kanzeln, die entlang der Empore auf zwei Metern Höhe um den runden Saal liefen waren leer. Vor ihm standen die zwei Sprecher, ein älterer, gebeugter Mann mit schütterem Haarkranz und eine unscheinbare Frau in mittlerem Alter, die eine dunkelviolette Robe und einen aufwändig verzierten, schmalen Damengürtel trug. „Ah, Ser Helmsgaardt“, begann die Frau als Erste. „Ich bin Alexandra Fratey, rechte Hand von Ratsmitglied Logan Clegane. Der Meister entschuldigt sich, dass er Euch nicht persönlich begrüssen kann. Dies hier ist Jerôme, erster Sekretär von Maester Korinth, dem obersten Verwalter der freien Stadt Everlund.“ Die Art, wie sie den Mann neben sich nachträglich anfügte, verriet Aldo einiges über die geringe Sympathie, die die Magierin ihm entgegenbrachte. Mit unbewegter Miene kreuzte er die Arme auf Ritterart vor der Brustplatte und verneigte sich knapp. „Komtur Ser Aldo Helmsgaardt, Berittführer der Silberlegion. Ihr habt gerufen und ich stehe euch im Namen des Grafenbündnisses zu Diensten.“ Aldo war noch nicht alt und hatte sich auch noch keinen in den Silbermarken bekannten Namen gemacht, aber dennoch nötigte seine hochgewachsene und breitschultrige Erscheinung gerade in voller Rüstung den meisten Menschen Respekt ab. Wenn dies bei dieser Frau genauso war, ließ sie es sich zumindest nicht anmerken. Mit einem Nicken wies sie ihn vollends in den leeren Ratssaal hinein. Das hereinfallende Licht brach sich auf den polierten Wappen an den Wänden und ließ die in der unbewegten Luft stehenden Staubflocken wie kleine Glühwürmchen leuchten. „Wir haben Eure Hilfe erbeten, Ser Aldo, weil unsere Stadtmilizen des Falles nicht mehr gewachsen scheinen“, begann Alexandra Fratey erneut, während sie ihn in die Mitte des Saales führte. Aldo hielt sich neben ihr während der oberste Sekretär ihnen mit einem Schritt Abstand folgte. Sie deutete zu einem großen Pult genau im Zentrum des Saales, das wohl üblicherweise für Redner und Schreiber vorgesehen war. Nun lag dort unter einem hellen Leinentuch ein längliches, schweres Ding. Aldo hatte genug Blut und Tod gesehen, um genau zu erkennen, um was es sich handelte. „Seit einiger Zeit häufen sich seltsame Todesfälle in diesen Mauern. Die Stadtgarde wie auch der Rat der Sieben steht bislang vor einem Rätsel. Viele Leute sprechen von Gespenstern, doch der hohe Klerus hat uns versichert, dass es nichts so einfaches ist.“ Sie schlug das Tuch beiseite und entblößte das, was Aldo erwartet hatte, den toten Körper eines Menschen. Doch war er nicht erdolcht, zerschmettert oder verbrannt worden. Vielmehr schien er vollkommen ausgetrocknet, die Haut wie gelbes Pergament, die locker um Brustkorb und den Schädel hing. Er sah aus, als hätte er lange Zeit in einer Wüste gelegen. „Ein Mann der Hauswache der Stadtverwaltung. Vor zwei Tagen“, erklärte Alexandra Fratey mit einer Aldo unpassend erscheinenden Gleichgültigkeit in der Stimme. „Seine Kameraden meinten, sie hätten noch seinen Schrei gehört“. Aldo musterte die Leiche und dann die Frau vor sich. „Wie?“, fragte er knapp mit rauer Stimme. „In dem Körper befindet sich kein einziges Gramm Wasser mehr. Es muss sich um eine Form der Zauberei, möglicherweise der Nekromantie handeln. Nur hat sich bislang keiner der schon insgesamt zwei Dutzend Körper wieder erhoben. Der Täter scheint völlig wahllos vorzugehen, aber bevorzugt hier in diesen Räumlichkeiten. Dem Herzen der Stadt.“ Auch wenn für Aldo das Herz einer Stadt in seinen Bewohnern schlug und nicht im Herrschaftssitz, nickte er. „Ihr wünscht, dass meine Ritter den Täter zur Strecke bringen.“ „Und ihn erst einmal finden, Ser Aldo. Die Sieben können (wollen, fügte Aldo in Gedanken hinzu) ihre volle Aufmerksamkeit nicht darauf richten und die Stadtgarde ist ausgedünnt und voller Angst. Ein neuer Konflikt mit den Renegaten des Roten Herzogs und seinen üblen Bundesgenossen steht bevor. Jerôme wird Euch unterstützen. Viele Männer berichten von Visionen und Stimmen in den Nächten der Morde, auch wenn sie selbst sehr weit vom Ort des Geschehens in ihren Betten schliefen. Jerôme wird Euch Zugang zu jeder Person und jedem Bericht geben, den Ihr verlangt. Da es sich höchstwahrscheinlich um Magie als Corpus Delicti handelt, könnt Ihr auch jederzeit mich im Turm der Magi aufsuchen.“ Jerôme trat auf einen Wink Alexandras einen Schritt vor und senkte ehrerbietig den fast kahlen Schädel. Aldo erwiderte das Nicken knapp. „Ich habe verstanden, Lady Fratey.“ Sie lächelte knapp und verneigte sich leicht. Nachdem sie sich verabschiedet hatte, winkte Aldo Jerôme, ihm den Weg zurück zur Unterkunft seiner Ritterbrüder zu folgen. Hinter der Sache steckte mehr, davon war der Komtur überzeugt. |
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| Autor: | Le Lait [ Do 25. Mär 2010, 14:56 ] |
| Betreff des Beitrags: | Re: Das Zahnrad-Amulett |
Die Mittagsonne stand kurz über den Giebeln der schindelgedeckten Häuserreihe und badete die belebte Straße der Feinschmiede in Silbrigmond in gleißendes Licht. Es war einer der wenigen Tage zu dieser Jahreszeit, in denen die grauen Wolken nicht vom scharfen Westwind über das Land gepeitscht wurden. Trotzdem war die Luft kühl und fuhr leicht durch jegliche Stoffkleidung hindurch, sodass die meisten Leute dicke Wollumhänge trugen. Auch Ylvi hatte sich ein schweres Bärenfell über die Schultern geworfen und es vor dem Hals mit einer Fibel geschlossen, nicht nur, weil ihr fröstelte, sondern auch, um neugierige Blicke von ihrer schimmernden Perlmuttrüstung fernzuhalten. Silbrigmond war eine der exotischsten und offensten Städte der Vergessenen Reiche, aber Habgier lauerte überall und das leichte Schutzgewand war auffällig und sah auch genauso wertvoll aus, wie es war. Sie war bereits vor Sonnenaufgang vom Lager aufgebrochen, um den begonnenen Handel mit Magus Ker’aer abzuschliessen. Nun war sie auf dem Rückweg vom Turm des Magiers und hatte beschlossen, sich in der Stadt noch ein wenig Kurzweil zu gönnen und durch die Gassen der Händler zu streifen. Das Gold, das sie als Lohn für das Diadem der Magierin erhalten hatte, klimperte verheißungsvoll an ihrer Hüfte als warte es nur darauf, für etwas Schönes oder Nützliches ausgegeben zu werden. Der Magus war nicht müde geworden, ihr zu versichern, dass das, was sie getan hatten, keine schändliche Grabräuberei gewesen sei sondern durchaus im Sinne der Toten, wenn man die Umstände bedachte. Über die Natur dieser Umstände wollte er jedoch nichts sagen, und so blieb das etwas mulmige Gefühl. Überhaupt benahm sich der Magus immer etwas seltsam in ihrer Gegenwart. Vielleicht lag es an seiner Abstammung als Vertreter des alten Volkes der Elfen oder an seinem Studium der Magie, aber er wirkte immer etwas unbehaglich in ihrer Nähe. Interessiert, aber nicht allzu überschwänglich wanderte Ylvi die Straße hinab. Die meisten Leute machten respektvoll Platz vor der Kriegerin, schenkten ihr aber ansonsten wenig Beachtung. Die meiste Zeit über war sie mit ihren Gefährten und Kameraden unterwegs gewesen und so viele Fremde an einem Ort zu sehen machte sie stutzig. Sie schaute sich verschiedene Auslagen der Händler an und leistete sich einen karamellisierten Apfel, fand aber ansonsten kaum etwas, das für sie für einen Kauf von Interesse gewesen wäre. Schließlich entschloss sie sich, im Tempel des Gemarterten Gottes Ilmater nach einer Heilung für Blues seelische Wunden zu fragen. Die Priester behandelten sie freundlich und demütig, machten ihr aber zugleich klar, dass Wunden des Geistes schwerer zu kurieren als die des Fleisches. Es würde Geduld, Zeit und Fürsorge brauchen, bis sich das Mädchen wieder von den erlebten Schrecknissen erholen würde. Es gab auch für solche Fälle Unterkünfte und Laienpriester. Ylvi hörte schweigsam und mit steigender Bedrücktheit zu. Die Narben auf der Seele des Kindes würden nur langsam verheilen. Wenn überhaupt. Gestärkt in dem Entschluss, dass Blue auf keinen Fall mit dem Rest der Huskarls auf der Flucht vor den Häschern des Herzogs mitgehen könnte, verließ sie den Tempel und stieg die breiten Stufen der Empore zur Straße hinab. Hier waren die Häuser größer und fast vollständig aus festem Stein gebaut. Die Sonne hatte sich mittlerweile schon wieder hinter die Dächer der Stadt zurückgezogen, der späte Nachmittag war hereingebrochen und Ylvie entschloss sich, den Rückweg anzutreten. |
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