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Durch die Schatten der nächtlichen Stadt bewegt sich eine schwarzgekleidete Gestalt.
Kaum ein besonderer Anblick, eigentlich. Vor allem hier, im Armenviertel, wo alleine der Wind über den Klippen alle Not, alle Sorge, alle Gefahr und Verbrechen durch die Gassen und Ritzen der schiefen Häuser wahrnimmt. Hier ist jede Gestalt schwarzgekleidet, denn jeder will die gefährlichen Schatten zu seinen Freunden, zu seiner tröstlichen Umarmung machen.
Und doch verweile ich ein wenig, beobachten die Gestalt. Auf jeden Fall ist es eine Frau. Nun ja, auch das ist wohl so gut wie jede zweite aller Gestalten. An ihr aber ist etwas...Eigenartiges. Neinnein, nicht die wallenden Gewänder aus nachtdunklem Stoff. Der sanfte, leichte Schritt, die wiegenden Bewegungen? Vielleicht nicht all zu häufig in diesem Viertel hier, aber auch das ist es nicht, was mein Auge fängt. Komm, ein kleines Stück näher, ich will sie besser sehen. Ihr Haupt ist verhüllt, nur einen Schlitz für die Augen lässt das geschlungene Tuch frei. Liebe Güte, jeder zweite hier verbirgt sein Antlitz. Was ist es also, frage ich mich...? Ah. Jetzt fällt es mir auf.
Die seltsame Ruhe und Unbeschwertheit ist es, mit der sie durch das Armenviertel schlendert. Ja, schlendert. Sie flaniert durch Not und Elend, unbeeindruckt von den gedämpften Schreien, die hin und wieder das allgemeine Rumoren durchstechen. Hin und wieder legt sie eine Hand in sanfter, liebevoller Geste auf einen morschen Balken, ein verwittertes Fass und beinahe hat man den Eindruck, sie würde unter dem Kopftuch lächeln. Über eine Schulter trägt sie einen Seesack. Viel scheint nicht darin und sie macht sich auch nicht all zu besondere Mühe, ihn zu verbergen oder zu schützen. Herrlich, eine leichte Beute. Was für eine dumme Ziege. Tänzelt durch unser Viertel, schaut sich um, als wäre es der neue Tempel oder das Marktviertel mit seinem Prunk. Komm, der werden wir es zeigen. Vielleicht steckt unter der Kapuze ja ein hübsches Frätzchen. Und wenn nicht, schlagen wir es einfach ein und wickeln es wieder zu. Dann stehlen wir ihr den Sack. Aber erst, nachdem wir uns mit ihr vergnügt haben. Los, schnell! Sie biegt gerade um die Ecke, die Gasse dahinter ist dunkel, still und vor allem versperrt. Ha, Häschen in der Falle, saß und schrie. An dir werde ich mich köstlich ergötz...
..wie? Wo ist sie denn hin? Ach, komm, jetzt habe ich mich schon so auf ihre Schreie gefreut, verflix...
...aaaaAARRGH!
Ein Lächeln steht in den kholumrandeten Augen, als die verhüllte Frau aus der Gasse kommt. Alleine. Nur mit ihrem Seesack. Sie huscht um eine Ecke, und wie zuvor verschwindet sie wieder vom Weg. Behände an einer Dachrinne hinauf, auf das Dach. Von dort zum Nächsten. Ja, der schmale Balken ist noch immer hier, sehr gut, auf zum nächsten Dach. So geht es weiter und weiter, bis sie sich, diesmal unbehelligt, durch das Armenviertel geklettert hat. Ein kleines, windschiefes Häuschen steht an den Klippen, ganz am Rand. Einen Moment hält sie inne und sieht auf das Meer hinaus. Dann wendet sie sich der Türe zu. Sie starrt auf das Schloss. Ihre Bewegungen werden zögerlich, als sie etwas aus den Falten des weiten Gewandes holt. Ein Schlüssel. Sie hält inne. Atmet durch, sichtbar. Und steckt den Schlüssel in das Loch. Ein Klicken...
...jetzt ein friedvolles Bad. Alles andere soll warten. Ich grüße dich, Rivin.
_________________ Charaktere & Co.Procrastination makes perfect!
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