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Leise öffnete die Türe sich, die Ar-Tel’Quessir betrat mit ruhigen, würdevollen Schritten den Raum. Ihr langes, schwarzes Haar hatte sie wie üblich sorgsam nach hinten zu einem Zopf zusammengebunden. Die blaue Magierrobe des Mantels der Sterne, an dessen Kragen in goldenen Fäden die Symbole des Hauses Corrua’iat eingewebt werden waren, war frisch gereinigt und der Stoff nahezu pedantisch rein und glatt. Ihr Antlitz war nur sehr dezent geschminkt, gerade ein wenig um die bronzene Färbung der Haut hervorzuheben und ein sehr dünner, fast natürlich wirkender Lidstrich, um die Form der Augen zu betonen. Obgleich es nicht nötig gewesen wäre, waren sogar die Fingernägel frisch gesäubert und geschnitten. Wie schon Strouds Vorgänger Daelwin gegenüber legte Ameng sehr viel Wert auf ein möglichst korrektes und adrettes Auftreten, wenn sie zu einer wichtigen Person der Stiftung oder wie in diesem Fall, sogar zum Leiter derselben kam. Und übersah in ihrem Stolz, wie es ihr so eigen war, dass bereits ein freundliches und aufrechtes Lächeln, anstelle des stets reglosen und unbeteiligten Gesichtsausdruckes, wesentlich mehr bringen würden. Ameng schloss die Türe ebenso leise, wie sie sie geöffnet hatte und näherte sich dem Schreibtisch, hinter dem Stroud saß.
"Seid gegrüßt, Herr Stroud."
"Setzt Euch." erklang unwirsch die Erwiderung, der Ameng ohne erkennbare Regung nachkam.
"Ephora Xilo, ich war der Ansicht, doch recht eindeutige Anweisungen gegeben zu haben, was die Krise im Hafen betrifft?"
"Ich teile diese Ansicht, Herr Stroud."
"Und was waren meine Anweisungen?"
Ameng hob nun geringfügig eine Braue, ein flüchtiger und kaum bemerkbarer Sorgenschimmer huschte durch ihren Blick. Die örtliche Rhetorik war ihr bisher immer noch nicht völlig geläufig. So stellte ihre Nachfrage keinen Hohn dar, sondern war tatsächlich sorgenvoll, doch da sie auch den Klang ihrer Stimme stets möglichst neutral zu halten versuchte, war das für Stroud nicht ersichtlich.
"Ihr sie vergessen, Herr Stroud?"
Obgleich sie innerlich zusammenzuckte, war ihr kaum eine Reaktion anzumerken, als Strouds Faust darauf wütend auf den Schreibtisch schlug und er verärgert antwortete.
"Ich hatte befohlen, dass der Mantel der Sterne sich aus diesem Konflikt heraushält. Was hast du selbstgefälliges Spitzohr daran nicht verstanden?"
Ameng schluckte die Beleidigung hinunter und bemühte sich wieder nur darum, sich die Verletztheit darüber nicht anmerken zu lassen, lediglich ihre Augen verengten sich ein wenig. So wirkte sie äußerlich nach wie vor kühl und unbeteiligt, als ihre Antwort im neutralen Ton kam.
"Ich hielt eure Anweisung nicht für sinnvoll. Aus der gegebenen Situation heraus entschied ich daher anders."
Stroud stand, fast möchte man sagen, sprang ruckartig auf und umrundete den Schreibtisch, um auf Ameng zuzugehen, die sich daraufhin ruhig erhob, im Glauben, dass das von ihr zu erwarten sei, wenn ihr Vorgesetzter aufstand. Gelassen und unbewegt blickte sie ihm entgegen.
"Wie bitte? Was habt ihr gerade gesagt? Wiederholt das!"
Erneut spiegelte sich flüchtig ein Hauch von Besorgnis in Amengs güldenen Augen. Ruhig und langsam wiederholte sie ihre Worte für den aus ihrer Sicht offenbar sehr vergesslichen Stroud.
"Ich hielt eure Anweisung nicht für sinnvoll. Aus der ge.."
Weiter kam die stolze Ar-Tel’Quessir nicht, da sie in diesem Moment durch eine Ohrfeige Stroud unterbrochen wurde, die ihren Kopf zur Seite riss und ihr einen erschreckten Laut entlockte.
"Haltet ihr das für ein Spiell!?" fragte Stroud dabei wütend.
Ihre Hand fasste nach ihrer Wange. Die Finger zitterten bei der Berührung leicht, weniger ob des Schmerzes, mehr wegen der Kränkung. Sie bedeckte die sich rötende Wange mit der Hand, ehe sie den Blick verständnislos mit gemischten Gefühlen zu Stroud wandte. Wenige Herzschläge lang fand ein innerlicher Kampf in ihr statt. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Ein Teil von ihr wollte am liebsten losheulen, ein anderer in aufsteigendem Zorn Stroud Haut und Fleisch vom Körper schälen. Siegreich war, wie so oft, der dritte Teil, der stets rational, distanziert und emotionslos agierte. Jener übernahm in diesem Moment die Kontrolle und schaltete die Gefühle der anderen beiden Teile schlichtweg aus. Ameng nahm wieder eine stolze und aufrechte Haltung ein, selbst das Zittern ihrer Finger war fort. Monoton und gleichgültig begann sie den Satz zu vollenden.
"..gebenen Situation heraus entschied ich daher anders. Und nein, ich halte das nicht für ein Spiel, Herr Stroud."
Dieses Mal allerdings ließ die Ruhe in ihrer Stimme Stroud einen Schritt zurückweichen. Ameng trat gleichgültig an ihm vorbei und ging zum Fenster. Dort erst, mit dem Rücken zu Stroud und dem Blick auf ihr Spiegelbild im Fensterglas nahm sie die Hand von der Wange und prüfte, ob diese sich sehr rötete. Als das Ergebnis sie beruhigte, ließ sie die Hand unten. Mit gleichmäßiger Stimme griff sie ihre letzten Worte noch einmal auf.
"Ich nicht."
>>Wenige Tage zuvor, Turm des Mantels der Sterne<<
"Natürlich ist es ein Spiel!"
Das rothaarige, junge Mädchen mit den Sommersproßen wickelte bei diesen Worten passend verspielt eine Strähe ihrer langen Haare um den Finger. Synthia Schmied, jüngstes Mitlied der Stiftung des Mantels. Mit fröhlichem Lächeln blickte sie zu Ameng, die ihr gegenüber saß. Mit sanfter Stimme fuhr sie fort.
"Ein Spiel, bei dem es um Macht und vor allem um Gold geht. Und so wie ich das sehe, stehen wir hier auf derselben Seite."
"Es wird sich erweisen, ob dem so ist. Fassen wir zunächst die Fakten zusammen. Ihr habt versucht, ohne mein Wissen Mitglieder meines Hauses, des Mantels der Sterne für die Nachforschungen eurer Handelsgesellschaft anzuheuern, obgleich euch bekannt war, dass der Stiftungsvorsitzende keine offizielle Beteiligung des Mantels wünscht. Und als ich euch zu mir einlade um euch darauf anzusprechen, entgegnet ihr mir, dass ihr zudem noch unsere Zellen benötigt?"
"Und noch mindestens einen Soldaten."
"Ihr erwartet also, dass ich den Befehl des Stiftungsvorsitzenden ignoriere?"
"Der Befehl ist nicht im Sinne der Stiftung. Die Mitglieder der Handelsgesellschaft, die sich in der Stiftung befinden, haben wesentlich mehr Geld zur Finanzierung des Mantels bereitgestellt, als Herr Stroud."
"Dennoch ist Herr Stroud mehrheitlich zum Vorsitzenden bestimmt worden."
Ein dünnes Lächeln zeigte sich auf Synthias Lippen.
"Die Dinge ändern sich, Ephora Xilo. Ihr müsst selbst entscheiden, ob ihr am Ende auf der Gewinnerseite stehen wollt.. oder ihr überlegt, wieviele Menschen wohl in diesem Konflikt noch sterben werden, wenn der Mantel sich heraushält?"
"Welche Fortschritte konnte die Gesellschaft bisher machen?"
"Wir sind kurz davor, die Mörder ausfindig zu machen. Herr von Hohezinn wird sie anhand der gefundenen Spuren magisch ausspähen und eine Eingreiftruppe direkt zu ihnen teleportieren. Anschließend nehmen wir sie lebendig gefangen."
"Fahrt fort."
"Sie müssen an einem sicheren Ort untergebracht und beschützt werden, bis wir aus ihnen den Drahtzieher herausbekommen können. Deshalb bringen wir sie in die Zellen des Mantels der Sterne, wo Herr von Hohezinn das Verhör durchführen wird."
Ameng legte die Fingerspitzen aneinander wägte ab. Dann antwortete sie schließlich.
"Dann besteht kein Risiko, sofern keiner davon erfährt. Vor allem nicht die Kirche Umberlees."
"Ach, die sind doch viel zu blöd dazu. Die Kirche bekommt das garnicht mit."
>>Stiftung zur Förderung der Magie<<
"Offensichtlich waren sie wohl doch nicht zu blöd dazu?!"
Stroud schnaubte. Sein Blick ruhte mit stiller werdender, doch umso mehr ansteigender Wut auf die Ar-Tel'Quessir.
"Ephora.. ihr gebt also zu, meinen Befehl bewusst missachtet und euch an einer Verschwörung gegen mich beteiligt zu haben, die von Schmied und der Handelsgesellschaft ausging."
"Nein, Herr Stroud. Ich habe mich dazu entschieden, gegen eure Anweisungen zu handeln, weil sich eine Chance ergab, einen blutigen Krieg durch das Aufspüren der Mörder Violets im Vorfeld zu verhindern. Anschließend habe ich zudem Scholarin Rikimaru hinzugezogen und zur Unterstützung von Frau Schmied und Überwachung der Operation entsandt, falls Frau Schmied meine übrigen Scholare im Zuge eines Schachzugs zu opfern gedenkt."
"Und was hätte Scholarin Rikimaru dann getan?"
"Frau Schmied getötet."
Stroud spürte trotz seiner Wut ein leichtes Frösteln, als Ameng auch diese Worte in jener gleichgültigen und distanzierten Tonlage zur Antwort gab. Die Ar-Tel'Quessir schien dies nicht zu registrieren, sie fügte schlicht an.
"Für Verräter und Feinde unseres Hauses gibt es nur diese Strafe."
"Da ihr mich verraten habt, werdet ihr dann ebenso konsequent im Bezug auf euch sein?"
"Bei allem Respekt, Herr Stroud. Ihr seid weder Teil des Hauses, noch habe ich einen Eid euch gegenüber geleistet. Ich bin der Stiftung lediglich durch das Gold verpflichtet. Eine wesentlich wichtigere Verpflichtung gilt dem Schutz des Lebens und der Bewohner dieser Stadt. Und diese werde ich im Zweifelsfalle immer der Stiftung vorziehen."
"Doch auf den Fürsten.. auf seine Hoheit, Sedrik Silbertal, habt ihr einen Eid geleistet."
Ameng überlegte einen kurzen Moment und rief sich Firas Unterweisungen ins Gedächtnis.
"Ein Eid, den ich respektiere und niemals brechen werde."
"Doch der Befehl, dass wir uns heraushalten, kam von seiner Hoheit persönlich."
"Dann bedaure ich, dass ihr mir diese Information vorenthalten habt. Ein Befehl meines Fürsten hätte für mich natürlich oberste Priorität gehabt."
"Ihr hättet von Anfang an meinen Anweisungen Folge leisten müssen, egal ob der Fürst sie mir gab oder ich selbst sie erteile. Oder mich zumindest darüber informieren, wenn ihr aufgrund einer neuen Situation eine andere Ansicht zu meinen Befehlen habt."
"Und ihr hättet meine Ehre verteidigen müssen, als sie die übrigen Mitglieder der Stiftung diese kürzlich missachteten. Und mich respektieren, wenn ihr wünscht, dass ich euch respektiere."
"Ihr scheint völlig zu übersehen, dass ich euch übergeordnet bin und euch jederzeit zur Adeptin degradieren könnte."
"Was meinen Respekt euch gegenüber nicht steigern und mich vielmehr dazu bewegen würde, tatsächlich auf die - um die Bezeichnung von Frau Schmied zu verwenden - Gewinnerseite zu wechseln."
Der Streit der beiden wurde jedoch jäh unterbrochen, als die Türe von Strouds Büro ohne Ankündigung oder Klopfzeichen geöffnet wurde. Ein etwas dickerer, untersetzter Mann und ein wohlbekanntes, junges Mädchen mit auffallenden Sommersproßen. Synthia Schmied und Eckard Ehrenstroem.
Das warme, fröhliche Lächeln Synthias machte es beinahe unmöglich, ihr böse zu sein, als sie zu sprechen begann.
"Das werde ich mir nun noch einmal überlegen. Ihr scheint nicht zu verstehen, Ephora Xilo, dass Diskretion wichtig ist."
"Ich fühle mich lediglich gelangweilt durch diese niederen und sinnlosen Intrigen, denen ich in dieser Stadt bereits seit meiner Ankunft ausgesetzt bin." antwortete Ameng mit neutraler und gleichmässiger Stimme.
Weniger neutral und gelassen kam die Worte Strouds über dessen Lippen.
"Frau Schmied, Eckard.. was geht hier vor?"
Synthia antwortete anstelle von Ehrenstroem, mit einem erschütterten Unterton.
"Oh, ihr habt die Kontrolle verloren und die Ephora geschlagen? Das wird Priesterin Feuerschweif bestimmt missfallen."
"Ihr habt uns beobachtet?"
Strouds Stimme klang überrascht, zornig und mit einer widerwilligen Spur Anerkennung. Synthia ging jedoch nicht weiter darauf ein.
"Und wir sind sehr besorgt. Herr Ehrenstroem und ich waren nicht darüber im Bilde, dass die von euch weitergetragene Weisung von seiner Hoheit kam. Könnt ihr uns das erklären?"
"Ich wollte die Angelegenheit möglichst diskret und ohne unnötiges Aufsehen behandeln. Und mein Wort alleine hätte reichen sollen, dass auch die Stiftungsmitglieder nicht gegen meine Weisung handeln."
"Das hat es aber nicht und jetzt sind wir natürlich erschüttert. Dadurch, dass ihr es unterlassen habt, uns und den Mantel über den Befehl seiner Hoheit in Kenntnis zu setzen.. hat nun die Stiftung unwissentlich ihren Treueeid zu seiner Hoheit gebrochen."
"Die Stiftung? Nein! Ihr habt diesen Eid gebrochen, nur ihr und diese Elfe zusammen!"
"Herr Stroud, bitte.. die Stiftung hat mehrheitlich beschlossen, dass eine Untersuchung eingeleitet wird. Herr Ehrenstroem wird diese leiten, ich assistiere ihm dabei."
"Das ist doch nur eine Farce! Wie kann diejenige, die dieses Dilemma hauptsächlich verschuldet hat, jetzt bei der Suche nach dem Schuldigen assistieren?"
Nun erst schaltete sich Ehrenstroem ein. Der untersetzte, beleibte Geldverleiher baute sich vor Stroud auf.
"Sirius, mäßige dich. Frau Schmied ist trotz ihrer Jugend ein sehr engagiertes Mitglied der Stiftung und eine ehrenwerte Händlerin. Sie kam ganz aufgelöst zu mir, weil sie Angst hatte, dass sie jetzt durch ihre gut gemeinte Handlung das Ansehen der Stiftung geschädigt haben könnte. Ich habe ihr natürlich erklärt, dass sie nichts dafür kann, da die Schuld alleine bei dir liegt. Du hast uns diesen Befehl des Fürsten vorenthalten."
"Ich sehe schon, die Untersuchung wird mit der nötigen Objektivität geführt."
"Wir werden prüfen, ob deine Schuld oder die der Ephora schwerer wiegt, die deinen Befehl missachtet und offenbar noch immer nicht verstanden hat, dass der Mantel und damit auch sie uns gehört."
Sowohl Ameng als auch Stroud enthielten sich eines weiteren Kommentars und fügten sich in ihr beider Schicksal. Für das Erste.
_________________ ~"This ist my battle. This is my battleship."~
"Jene, die sich Abenteurer nennen, sind grausame Individuen aus einer anderen Welt. Sie sind auf der ständigen Suche nach neuen Opfern für ihre dunkle Gottheit Exp, die sie dafür mit immer stärkeren Fähigkeiten und Kräften ausstattet."
~Shadow is a man who never loses his virginity - because he never loses.~
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