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| Monument der Nichtexistenz https://www.rivin.de/forumRO/viewtopic.php?f=25&t=6469 |
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| Autor: | Ameng Xilo [ Di 6. Sep 2011, 19:26 ] |
| Betreff des Beitrags: | Monument der Nichtexistenz |
Eisiges, kaltes Meerwasser umspülte spielerisch den Bug des kleinen Schiffs. Einsam suchte es sich seinen Weg durch die klare und ruhige, doch dunkle Nacht. An der Küste entlang, stets mit Sichtweite zu den hoch aufragenden Klippen dieses unwirtlichen Teils der Schwertküste. Dort oben lagen die Trollborken, die ihren Namen nicht nur zur Belustigung trugen. Der Weg nach Rivin war noch weit und die Ankunft wurde voller Sehnsucht von vielen an Bord erwartet. Sie hatten sich den Tod aufs Schiff geholt, sie wussten nur nicht wie, wann oder wo. Von den 28 Reisenden, die von der "Roten Maid" dieses Mal mit an Bord hatte waren bereits 7 nicht mehr am Leben. 5 weitere Tote hatte die Mannschaft selbst zu beklagen. Jeder war verdächtig. Jede Seele, die sich auf diesem verfluchten Schiff befand. Vor zwei Tagen erst hatten sie gedacht, den Mörder erwischt zu haben. Als sie jenen Mann an der Rah erhängten, der sich Kero Karneset nannte, angeblich im Dienste eines angesehenen Händler aus Tiefwasser, der in Rivin neue Handelsverträge abschließen sollte. Durch einzelne Hinweise hatte sich der Verdacht gegen ihn gebildet, durch das Fehlen eines Alibis schließlich erhärtet. Doch als das von getrocknetem Blut besudelte Gebetsbüchlein des ersten Opfers dieser Reise, der jungen Tormitin Marie, in seinem Reisegepäck gefunden wurde, da war jeder Zweifel dahin gewesen. In der darauf folgenden Nacht war niemand mehr ermordet worden, Erleichterung hatte sich bereits ausgebreitet. So wollte man gleich am nächsten Abend sich den Luxus einer kurzen Feier gönnen. Der Serienmörder, der auf dem Schiff sein Unwesen getrieben hatte, war enttarnt und seiner gerechten Strafe zugeführt worden. Mögen die Götter sich um den Rest kümmern, für die Welt der Sterblichen war diese Angelegenheit erledigt. Der begabte und aufstrebende Skalde Lierik Winterhand hatte gleich für die Eröffnung der Feier sein Lied zum Besten zu geben angekündigt, welches er über den Schrecken der Geschehnisse und schließlich im letzten Akt über den Sieg gegen das Böse komponiert hatte. Angespannt und voller Freude hatten alle Mitreisenden gemeinsam mit der Mannschaft im großen Gemeinschaftraum gewartet, doch Lierik schien sich verspätet zu haben. Nach einer halben Stundenkerze hatte sich eine entschlossene Gruppe zusammengefunden, um nach ihm zu sehen. Sie fanden den toten Lierik in der Kombüse, nebem der Leiche des Schiffskochs. Der Skalde selbst war mit einer Saite seiner eigenen Harfe erdrosselt worden, des Schiffskochs Kehle dagegen war aufgeschlitzt. Die Wirkung war getan. Keiner mehr am Schiff, der einem anderen noch über den Weg traute. Verdächtigung folgte auf Verdächtigung, mehrmals wäre es beinahe erneut zur Lynchjustiz gekommen. Meistens war es die Hin gewesen, die sie vor einem Fehler bewahrte. Wenn auch geschlagen mit der, für die Menschen verständlichen, dem Volk der Hin eigenen Naivität, so wusste sie doch in ihrer Gutgläubigkeit und ihrem Harmoniewillen stets die rechten Worte zu finden, bevor die Lage eskalierte. Neben dem spitzbübischen Charme des kleinen Volkes war eine gewisse Ausstrahlung nicht zu leugnen, die ihr neben ihrem Glück zum Erfolg in den an Bord ausbrechenden Wortgefechten der Panik verhalf. In gewisser Weise war sie zu einem Anker geworden, der noch etwas Ruhe und Hoffnung geben konnte, auch wenn das Schiff in den folgenden Nächten immer mehr Tote zu beklagen hatte. Und kein Chaos brach aus, das Schiff gelangte bis nach Rivin, dort wo endlich der Hafen war. |
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| Autor: | Ameng Xilo [ Mi 7. Sep 2011, 19:39 ] |
| Betreff des Beitrags: | Re: Monument der Nichtexistenz |
In jener Nacht, in der das Schiff in den Hafen einlief, war niemand mehr gestorben. Selûnes abnehmendes Antlitz vom beinahe vollkommen wolkenlosen Himmel tauchte die Ankunftsnacht in ein begrüssendes, blaues Licht. Diesen Zeitpunkt hatte jeder von ihnen ersehnt, die Reise war endlich zuende. Eine Weiterfahrt des Schiffs würde nicht stattfinden, auch wenn die meisten der Reisenden noch weiter gewollt hatten. Niemand brächte sie mehr auf dieses Schiff zurück. Und der Kapitän selbst musste sich zuvor eine neue Mannschaft suchen, daher kündigte er die vorzeitige Auszahlung der Heuer an und erklärte die Reise nun auch offiziell für beendet. Die Hin freute sich, dass so viele mit ihr aussteigen und hier in dieser schönen, einzigartigen Stadt bleiben wollten. Ihre großen, meeresblauen Augen reflektierten das Mondlicht Selûnes, als sie mit kindlicher, aufgeregter Faszination dabei zusah, wie der Hafen sich Stück für Stück näherte. Wie sich die Heimat Stück für Stück näherte. Wortlos öffnete sie den Mund in stiller Freude, legte die Hände an die Reling und beugte sich vor. Jetzt waren die Docks bereits ganz nah. Der Anlegevorgang hatte begonnen, emsig wurden Seile von Deck zum Dock geworfen, schlecht gelaunte Hafenarbeiter vertäuten das Schiff. Ein schmales Brett diente als Steg und verbindete das Schiffdeck mit dem hölzernen Beginn des Festlandes. Die Hin sah, wie sich alle ihre Mitreisenden eilig daran machten, das Schiff zu verlassen. Sie selbst ließ sich Zeit, sie war nicht in Eile. Das war sie nie. Erst eine halbe Stundenkerze nachdem das Schiff angelegt hatte, betrat auch die Hin das Dock. Ihre wenige Habe war in einem dünn gepackten Rucksack verpackt, den sie auf der linken Schulter trug. Ihren schwarzen Umhang mit dem hohen Kragen hatte sie umgelegt, der nächtliche Herbstwind brachte Kälte über das Meer und den Hafen. Der Leib wurde geschützt durch eine Rüstung aus dunklem Leder, die kleinen Füße steckten in kaputten Stiefeln. Schwarzes, eher unsauber geschnittenes Haar, das viel mehr Pflege oder zumindest Wäsche bedurft hätte, war mit wenig Geschick zu einem Zopf zusammengebunden worden. Die Schritte der kleinen Füße erzeugten kaum ein Geräusch. Zuerst waren sie beinahe vollkommen lautlos auf den alten, verwitterten Holzbalken des Docks und jetzt auch kaum hörbar auf den rauhen Steinstraßen im unteren Teil des Hafens. Dafür waren die Schritte der drei anderen umso lauter. Die Schritte ihrer Verfolger. Die Hin war schnell auf sie aufmerksam geworden. Seitdem sie das Belarians passiert hatte, hatten drei Menschen sich ihrem Weg nach oben angeschlossen. Aber nicht aus Zufall. Dafür kannte die Hin diese Stadt zu gut.. und vielleicht hatte auch die Stadt im Gegenzug die Hin nicht vollkommen vergessen. Wahrscheinlich würden sie auf eine günstige Gelegenheit waren. Also wollte die Hin ihnen diese geben, Menschen wurden schließlich so schnell ungeduldig. Gezielt bog sie in eine dunkle Gasse ein, von der sie wusste, dass es sich um eine Sackgasse handelte. Doch ein Wanderer, dem die Straßen nicht so gut bekannt waren wie ihr würde es erst zu spät bemerken. Auch wurde die Gasse selten benutzt, Gardisten patroullierten nicht in Hörweite und die Fenster der verlassenen, überteuerten Wohnungen um sie herum waren vernagelt. Ein perfekter Tatort für einen nächtlichen Überfall auf ein wehrloses Opfer. Und damit die perfekte Falle für vermeintliche Jäger. Die Hin hörte, wie die Schritte ihr weiter folgten, ohne Eile oder Hast. Ja, die Gasse war ihnen auch bekannt. Weiter lenkte die Hin ihre Schritte, bis im Mondlicht das Ende der Gasse in Sichtweite kam. Hier sah sie sich um, setzte ihren unschuldigsten und hilflosesten Gesichtsausdruck auf mit dem sie sich den Männern zuwandte, die ihr gefolgt waren. Drei große und muskelbepackte Verfolger, vermutlich bekannte Schläger des Hafens. Einer von ihnen trug ein weiß gebleichtes Stück Stoff um den Arm gebunden. Die Hin prägte sich dieses Zeichen eher flüchtig ein, bevor über ihre vor Unsicherheit zitternden Lippen die drei Männer nach dem Weg fragten. Diese sahen sie ohne Antwort einfach nur an, begannen sie einzukreisen. Einer von ihnen begann schließlich zu sprechen. "Du bist doch bestimmt diese Hin, nicht wahr? Die, die Vater Gamuri töten wollte." Jetzt war die Hin tatsächlich verunsichert. Sie begann zu überlegen. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, am heutigen Tag nicht soviel zu lügen und deshalb war eine wahrheitsgemäße Antwort wirklich wichtig. Zwar kannte sie keinen Vater Gamuri, aber sie war sich trotzdem nicht wirklich sicher. Also stellte sie eine Gegenfrage um mehr zu erfahren. "Ich bin mir nicht sicher. Wie sieht er den aus und was macht er, der Vater Gamuri?" Diese Antwort bedeutete offenbar schon das Ende der Unterhaltung. Der Mann rechts neben der Hin griff nach seinem Knüppel, der mit dem weißen Band zog ein Schwert und der Schläger hinter ihr wollte sie von hinten packen. Stahl blitzte auf, reflektierte wie zuvor die wasserblauen Augen der Hin das Mondlicht, schnitt durch Haut, Fleisch und Knochen, trennte vier Finger von der Hand des Mannes, der sie zu greifen versuchte. Die Finger wirbelten durch die Luft, Blut folgte aus den Stümpfen. Erster Schock ließ die beiden anderen erstarren, der Kampf dauerte nicht lang. Zwei von ihnen lagen schnell tot, benetzten mit Blut und weiteren Körpersäften den Steinboden. Die Klingenspitze der Hin drückte gegen die linke Halsschlagader des noch lebenden Mannes, dessen Arm von dem weißen Band geziert wurde. Die liebliche Stimme der Hin klang wie die eines Engels. "Worum geht es denn hier?" Und die Antwort war nur ein nach Luft ringendes, ersticktes Keuchen. "Gamuri.. Flammo Scaccabaruzzi.. unser Meister.. ein Mordanschlag, die Hin Jana wollte ihn töten ihn und j..jetzt sind wir.. auf der Jagd." "Wirklich? Das ist ja großartig." Ein Schnitt beendete das Leben des Mannes. Sorgfältig säuberte die Hin ihre Klinge an seinem weiß gebleichten Armtuch. Ließ die Klinge in der Scheide am Gürtel verschwinden, wendete sich um. Noch war ihre Ankunft also nicht bemerkt worden. Vielleicht hatte man sie auch schon vergessen. In dieser Disziplin war die Stadt Rivin immer recht schnell gewesen, doch die Hin würde die Stadt schon dazu zwingen, sich wieder zu erinnern. Mord, Terror und Schrecken. Rugrin Thorn war nach Rivin zurückgekehrt. |
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