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Eklipse
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Autor:  -Vanitas- [ Mo 16. Jul 2012, 12:45 ]
Betreff des Beitrags:  Eklipse

Der Schlag traf sie an der rechten Wange. Sie hatte ihn nicht kommen gesehen, hatte sich zu weit nach vorne gelehnt und war so einen Sekundenbruchteil lang unbeweglich gewesen. Serda hatte das ausgenutzt und so fiel sie zum wiederholten Male an diesem Tag auf den mit hellem Sand bestreuten Boden des Übungsgeländes knapp außerhalb der hell getünchten Klostermauern. Ihre rechte Gesichtshälfte brannte wie Feuer, aber der Schmerz würde ihr eine Mahnung sein. Aus den Augenwinkeln konnte sie Meister Kai sehen, der mit strengem Blick und verschränkten Armen die Vormittagsübungen der Adepten überwachte. Etwas weiter entfernt, unter einem Baumschatten am Rande des Geländers, hatte es sich eine Gruppe von Jugendlichen bequem gemacht, die auf ihre eigenen Lektionen warteten. Karoli war unter ihnen, die blonde Adeptin mit der besonders scharfen Zunge. Sie kicherten, denn es war nicht das erste Mal heute, dass Serda sie zu Boden schickte. Irgendwie konnte sie sich nicht richtig konzentrieren, wenn sie in seine blauen Augen blickte, um seine Bewegungen zu erspüren.

Ein scharfer Schmerz schoss durch ihre Schulter, gefolgt von einem hellen Klatschen, mit dem der Bambusstab auf sie niederfuhr. „Aufstehen, Adeptin!“, drang die leise Stimme von Meister Kai an ihre Ohren, der sich trotzdem keiner der Adepten zu widersetzen wagte. Sie stützte die Hände in den Sand und sprang auf, um sich ihrem Übungspartner zuzuwenden. Mühsam unterdrückte sie das Verlangen, über ihre Wange zu reiben. Schmerzen waren etwas, von dem man erwartete, dass die Adepten sie zu beherrschen lernten und sie wollte sich nicht noch mehr Tadel von Meister Kai einbrocken. Mit ruhigen, tiefen Atemzügen ging sie in ihre Grundstellung und verharrte, ließ sich von Meister Kai auf Schwächen hinweisen und folgte kleinen Korrekturen, die er mit leichten Berührungen seines Bambusstabes vornahm. Das linke Kniegelenk etwas in die Beuge. Die Handkante stärker drehen, um genau im richtigen Winkel treffen zu können, ohne einen Knochenbruch zu riskieren. Es wurde nie viel geredet in diesen endlosen Unterrichtsstunden. Entschlossen straffte sie sich und starrte den gelassen vor ihr stehenden Serda an. Diesmal war sie sich sicher ihn zu treffen, noch ehe der Kampf begonnen hatte…


Vijayarani adh Vitandi, frisch aufgenommene Schwester der Sonnenseele, kniete sich nieder und legte ihre Stirn auf den kalten Marmorboden der Halle. Es war so still, dass sie ihren eigenen, aufgeregten Herzschlag hören konnte und das, obwohl sich sicher zweihundert gesegneten Brüder und Schwestern mit ihr in der Halle befanden. Nach einigen langen Augenblicken richtete sie den Oberkörper wieder auf und blickte aus der Hocke nach vorne. Vor ihr stand der Abt, ganz in weiße Gewänder gehüllt, vor der großen Sonnenscheibe mit den goldenen Strahlen, die den zerbrochenen Sonnengott Amaunator darstellte. Im Hintergrund zwischen den verschiedenen Meistern standen die Prioren, Dekane und die anderen hohen Würdenträger des Tiefwasser-Ordens. Und irgendwo spürte sie auch die Blicke ihrer Mutter zwischen all den würdevollen Gesichtern auf sich ruhen. Der Abt erhob seine klare Stimme, richtete sich damit an sie wie auch an die drei anderen Sonnenseelen, die links und rechts neben ihr ebenso ehrfürchtig wie ein bisschen ängstlich knieten. Sie alle würden das Kloster noch heute verlassen müssen.

„Suchende, bedenkt auf euren Reisen, dass es dreierlei Wege gibt, klug zu handeln. Der erste Weg ist der des Nachdenkens und dies ist der edelste Weg. Der zweite ist der der Nachahmung und er kann am leichtesten beschritten werden. Der dritte Weg aber ist der Weg der Erfahrung und dieser, Suchende, ist der Bitterste. Mit dem ersten Weg haben euch die Götter beschenkt, als sie euch die Seele einhauchten, den zweiten habt ihr in diesen Mauern beschritten, aber für den dritten müsst Ihr uns nun verlassen.“ Viele der Anwesenden nickten oder bezeugten die Worte des Abtes, indem sie mit sternförmig abgespreizten Fingern das Zeichen der Sonne formten. „Kommt zu uns zurück, sobald ihr einen Splitter der göttlichen Wahrheit unter den hilfesuchenden Menschen gefunden habt. Möge die Hoffnung euch leiten und euch Gerechtigkeit widerfahren!“ Viyajarani, genannt Viola, das Veilchen, schluckte einen harten Kloß in ihrer Kehle hinunter…


Diese und andere Erinnerungen durchzuckten sie, während sie fiel. Über ihr waren die Sterne und unter ihr die Unendlichkeit. Der scharfe Schmerz und die endlose Agonie in seinem Schlepptau waren verschwunden und sie fühlte sich frei, wenn auch von einem vagen Gefühl der Trauer und des Verlustes begleitet. Szenen einer Kindheit, eines Lebens im Kloster und in einer kleinen Stadt namens Rivin fielen stroboskopartig auf sie hernieder, unsortiert und willkürlich. Sie fiel und fiel in Bodenlose, bis ihr kein Grund mehr einfiel, warum es je anders gewesen sein sollte. Weshalb ihre Existenz, zu einem winzigen, unbedeutenden Flämmchen erloschen, nicht schon immer dergestalt gewesen war. Der Gedanke erzeugte sowohl Ruhe wie auch Unzufriedenheit. Sie versuchte, die ihr mehr und mehr fremden Bilder von sich fernzuhalten, sich nur auf den kleinen, glühenden Kern in ihrer Mitte zu konzentrieren. Der Nabel der Welt, der Nukleus, die Urzelle. Aber es misslang wieder und wieder.

Die abstrakten Eindrücke prasselten weiter verschwommen auf sie ein, wurden schneller und wahnsinniger, aber sie hielten sie dennoch zurück. Eine Welle der Frustration umspülte sie und erfüllte die unendliche Leere um sie herum. Dies war nicht richtig! Ihre glühende Mitte war verdeckt, ihrem Zugriff entzogen wie eine Sonnenfinsternis, an der man nur die glühenden Ränder als Korona erkennen konnte. Etwas hielt sie fest. Sie versuchte sich darauf zu konzentrieren, das Wirrwarr an Impressionen und bedeutungslosen Eindrücken einer Person, mit der sie sich nicht mehr identifizieren konnte zu durchdringen. Und dann fand sie einen Faden hinaus aus ihrem Kokon, der ihr die Unendlichkeit gewesen war. Er war schwach, aber er glühte hell und stetig und sie klammerte sich daran fest wie eine Ertrinkende an einem rettenden Tau. „Dein Weg ist noch nicht zu Ende“, hörte sie eine Frauenstimme sagen, die plötzlich wieder an Bedeutung gewann. Alles gewann wieder an Bedeutung, selbst die sinnlosen Bilder und Eindrücke, die immer noch auf sie hinabfielen.

Die Ränder der Korona fransten aus, die Schatten verschoben sich und hinter der Finsternis brach die Sonne hervor. Sie begann zu lachen, denn sie wusste plötzlich mit absoluter Sicherheit, dass es ein wundervoller Tag werden würde. Sie tauchte hinab, zog sich an dem glühenden Faden entlang und verließ ihr unendliches Gefängnis, während hinter ihr hell und blendend die Sonne aufging. Ein letzter, triumphierender Ruf begleitete sie, ehe der Kokon aufplatzte und sie in ihre neue, alte, herrliche Form zurückspülte und alles verschwamm. „Sol Invictus!“ - die Sonne bleibt unbesiegt. Und die Finsternis ist vorbei.

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