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2. Tag - Es ist der 30. Marpenoth 1381
>>Orklager im Wald<< Dunkelheit und Schmerz. Ihre Hände waren grob auf dem Rücken zusammengebunden worden, so dass es das Blut abschnürte. Sie spürte ihre Finger kaum noch. Ihre Füße waren ebenfalls gefesselt, ein Knebel steckte überdies tief in ihrem Mund und hinderte sie daran, auch nur Laute aus ihrer Kehle hervorzubringen. Zu guter letzt waren ihre Augen doppelt mit einem schwarzen Tuch verbunden worden, so dass sie nicht sehen konnte, was um sie herum geschah. Diese Orks waren kein Risiko eingegangen. Und leider hatte sie keine passenden Zauber zur Verfügung, die sie ohne Handbewegungen oder Worte in dieser benachteiligten Situation zu wirken vermochte. So blieb ihr nichts anderes übrig, als zu warten. Sie konnte lediglich anhand der Geräusche erahnen, dass sie sich in einem provisorischem Lager und dort offenbar in einem Zelt untergebracht war - zumindest schien irgendetwas den strömenden Regen und den Wind von ihr fernzuhalten. Anfangs hatte Ameng noch versucht, sich zu befreien, doch von festen Knoten verstanden die Orks leider etwas. Zumindest waren sie gnädig genug gewesen, die Wunden der Quessir zu reinigen und zu verbinden und sie auf ein wenig weiches Stroh, anstatt auf hartem Erdboden zu betten. Allerdings war das auch schon alles. Niemand war seither nochmals gekommen um ihr zu essen oder wenigstens ein klein wenig Wasser zu trinken zu geben. Und Amengs Gefangennahme war, ihrer Schätzung zufolge, bereits mehr als vierzig Stunden her.
Nachdem sie zuerst aus ihrer Ohnmacht erwacht war, hatte sie einige Zeit lang gewartet und in Gedanken eine Kette aus Primzahlen gebildet um sich im Anschluss einmal dem geistigen Aufsagen ihrer geliebten Zahl Pi zu widmen. Beide Maßnahmen hatte nicht die gewünscht beruhigende Wirkung, die für gewöhnlich erzielt werden konnte. Sie hatte gespürt, wie ihr emotionales, in ihr eingeschlossenes Zweit-Ich starke Beunruhigung und Furcht empfand, so dass sie sich entschieden hatte, in die Meditation überzugehen. Allerdings war es auch durch die Meditation nicht gelungen, ihrer Unruhe Linderung zu verschaffen. Die Meditation hatte sich verselbstständig und dieses Mal, wesentlich eindringlicher, den ersten Teil des Trance-Abschnittes der vorgestrigen Meditation wiederholt, deren Inhalt von Amengs Geist vergessen worden war. Nun erinnerte sie sich zumindest an jenen ersten Abschnitt und dieses Mal verblieb er in ihrem Geist. An ihrer Situation jedoch änderte dies freilich nichts. Es trug nur nochmehr zu ihrer Verwirrung bei. Welcher Prozess war hier im Gange? Und warum war sie hierher gekommen? Als sie sich zu erinnern versuchte, setzte stechender Kopfschmerz ein und eine weitere Angst stieg in Ameng auf. Der Knüppel des Orks, eine Kopfverletzung. War ihr wertvoller Verstand beschädigt worden? Sie schloss die ohnehin verbundenen Augen und versuchte, sich zu beruhigen. Es galt zu warten, etwas anderes war im Moment nicht möglich. Ruhig zu bleiben und abzuwarten. Sie sagte sich dies noch einige Stunden.
>>Zuflucht<< Das Kaninchen Sehro hob beunruhigt eines seiner Ohren und blickte von der Plattform des Baumes der Zuflucht in Richtung des Waldes. Seine Schnauze zuckte und er schien einige Momente lang nachzudenken, während Renata auf seinen nächsten Zug auf dem provisorisch hergerichteten Mühlebrett wartete. Dann aber drehte er den Kopf wieder zurück zu seiner Spielpartnerin und bewegte auf dem Brett einen hellen Stein um eine Mühle zu schließen. Den Rest des Abends blieb Sehro dennoch angespannt. Vielleicht lag das daran, dass ihn hier schon der eine oder andere verspeisen wollte. Oder an Einzelnen der hierher geflüchteten Rivinern, die das Kürbisfest Allseelnacht feierten und sich zum Spaß als Monster verkleideten. Die Nacht der Geister und Kobolde.
>>Orklager im Wald<< Ameng hörte, wie eine Zeltplane zur Seite geschlagen wurde und zwei größere Gestalten hereinkamen, die eine kleinere Gestalt im Schlepptau hatten, die hilflos und ängstlich gegen ihr Schicksal und ihre Häscher auf drakonisch keifte. Ein Kobold. Mit einem dumpfen Aufprall einen Meter neben ihr endete das Keifen und ging in schwaches, leises Stöhnen über. Die Ar-Tel'Quessir machte sich mit einem kaum hörbar flehenden Röcheln den größeren Gestalten gegenüber bemerkbar, die daraufhin für einen Moment still waren um dann offenbar in ihrer Sprache zu diskutieren. Einer von ihnen packte Ameng und riss sie grob hoch, grunzte sie in stark gebrochener Handelssprache an. "Großer Schamane bald kommen holen Elfenhexe. Bis dahin still sein und nicht nerven!" Er ließ sie zu Boden fallen und verließ mit dem anderen Ork das Zelt, die Plane wurde wieder zugeschlagen. Die kleine Gestalt war inzwischen still geworden und wieder verging einige Zeit.
"Dumme Schweinegesichter." kam dann schließlich von der kleinen Gestalt, als diese sich sicher zu sein schien, dass die Orks außer Hörweite waren. "Ich bin übrigens Garos. Du bist wohl nicht so gesprächig. Oder liegt das an dem Knebel? Du bist eine Dingen.. eine Elfe, nicht wahr? Bei der Hautfarbe tippe ich auf Waldelfe. Wie haben die dich gekriegt? Ach vergiss es, ich kann es mir schon denken. Sie wollten einen Baum fällen und du bist runtergefallen, weil du auf einem Ast geschlafen hast, was?" Der Kobold kicherte und schien das für sehr witzig zu halten, obgleich Ameng das Gefühl hatte, dass er lediglich seine Furcht überspielte.
Furcht.
Ameng spürte, dass sie selbst welche empfand. Nicht so distanziert wie gewöhnlich, wenn sie die Furcht des von ihr abgetrennten Ichs nachempfindet. Und sie musste wieder an die Meditation zurückdenken. War es möglich, dass es etwas gab, was sie fürchtete? Sie, die logisch denkende, rationale Ameng? Oder ging hier etwas gänzlich anderes vor sich? Vielleicht ein Zauber des orkischen Schamanen? Erschrocken fuhr Ameng zusammen, als sie plötzlich die Berührung kleiner, kalter Finger in ihrem Gesicht unterhalb der Augen spürte. "Kssst! Nicht bewegen und nicht laut werden, Kupferelfe. Ich mache zuerst die Augenbinde weg. Ist dunkel hier, aber trotzdem nicht erschrecken." Sie tat wie ihr geheißen und so war das Erste, was sie seit ihrer Ohnmacht wieder erblickte das Grinsen von Garos, dem Kobold. Als Nächstes zog er Ameng dem Knebel aus dem Mund. Doch als sie zu sprechen ansetzen wollte, bekam sie das Gefühl, zu ersticken und alles, was sie hervorbrachte, war ein heiseres Röcheln. "Kssst! Leise, leise! Leise sein, Kupferelfe! Die Wachen haben zwar viel getrunken, aber sie sind nicht taub. Wenn du nicht leise bist, dann mache ich mich ohne dich aus dem Staub." Ameng blickte aus den güldenen, trockenen Augen zu ihm, ihre Lippen bewegten sich sehr leise und formulierten flehentlich das Wort "Wasser" oder versuchten es zumindest, doch es kam kein wirklicher Ton mehr hervor. Der Kobold nickte nur, machte sich aber zuerst an die Fesseln an Amengs Füßen. Sie spürte eine tiefe Erleichterung, als sie die Beine wieder ausstrecken konnte und das Gefühl, wenn auch nur sehr langsam, in diese zurückkehrte. "Jetzt dreh dich zur Seite, Kupferelfe. Wir haben nicht viel Zeit, du musst schon helfen." Nachdem sie auch dem nachgekommen war, löste Garos die Fesseln an ihren Händen und Ameng heulte fast auf, eh der Kobold sie erneut zur Ruhe mahnte. Sie rieb sich die Hände und Finger einige Zeit lang verzweifelt, bis auch hier das Gefühl allmählich wieder eintrat. Aber kontrollierte Bewegungen waren ebensowenig möglich wie das Aufstehen oder einfach nur ein Wort zu sprechen. Über vierzig Stunden der Fesselung hatten ihren Tribut gefordert. Sie war hilflos.
Furcht.
Der Kobold blickte durch einen Spalt des Zelts hinaus und wirkte zufrieden, sah noch einmal zu Ameng zurück, raunte leise in ihre Richtung. "Ich gehe jetzt, Kupferelfe. Den Rest musst du alleine schaffen. Ich will nicht hierbleiben, bis der Schamane kommt." "N-n-n..rhn.." Normalerweise hätte es die rationale Ameng viele Mühen gekostet, ihren Stolz zu überwinden. In Gefahrensituationen jedoch gelingt es ihr einfacher, auch wenn es eine Qual bleibt. Aber sie konnte Garos nicht einmal darum bitten oder anflehen sie nicht allein zu lassen. Dafür müsste sie sprechen können. Aber warum hatte sie nur so große Angst? Und wo war die Stimme in ihr, die sie um Hilfe ersucht und ihr die Stärke verleiht, es der eingeschlossenen, schwachen Ameng zu erklären? Garos hatte den Spalt bereits wieder geschlossen. War es die erkennbare Angst, das Flehen in Amengs güldenen Augen, was ihn zur Umkehr bewogen hatte? Oder hatte er einfach nur auf eine Bitte gewartet, weil er ein Sadist ist? "Gut, hör mir zu, Kupferelfe. So wie es aussieht, sind die meisten von den Schweinegesichtern noch dabei, ihre heutigen Raubzüge zu feiern. Aber spätestens um Mitternacht kommen sie hierher, weil sie dich für ihr Ritual benötigen und spätestens dann will ich von hier verschwunden sein." Diese Information trug nicht gerade zu Amengs Beruhigung bei, doch verdeutlichte es ihr den Ernst ihrer Lage und zerschmetterte jäh ihre Hoffnungen, dass sie noch auf diplomatischem Wege entkommen konnte.
Furcht.
Ameng gelang es nach einigen Fehlversuchen schließlich, sich aufrecht hinzusetzen. Sie massierte abwechselnd ihre Handgelenke und Füße um die Blutzirkulation zu beschleunigen und wieder die vollständige Kontrolle über ihren Körper zu erhalten. Den Gedanken, dass die Fesseln, die ihr das Blut abdrückten, an genau denselben Stellen waren, wie die Kettenringe von Tyrannos, versuchte sie, zu verdrängen. Es gelang ihr nur teilweise.
Indessen kam Garos mit einem Wasserschlauch, den er der Magierin reichte, welchen ihn gierig an sich riss, rasch öffnete und schnell zum Mund führen wollte um den beißenden Durst zu stillen. Garos aber griff nach dem Wasserschlauch und hielt sie auf. "Nicht so, Kupferelfe, nein, nicht so. Viele, aber ganz, ganz kleine Schlucke. Gib dem Drang keinesfalls nach. Viele, kleine Schlucke. Ansonsten erbrichst du dich sofort und wirst nur noch durstiger. Lernt ihr denn überhaupt nichts im Wald? Wie konnte dein Volk nur so lange überleben?" Erneut schluckte Ameng ihren Stolz hinunter. Verbal erwidern konnte sie ohnehin nichts. Dennoch ärgerte es sie, dass sie überhaupt dazu bereit gewesen war, aus Panik und Verlangen beinahe eine Dummheit zu begehen. Sie folgte den Anweisungen des Kobolds und löschte ihren Durst auf diese Weise langsam. Inzwischen konnte sie auch wieder ihre Zehen bewegen, was sie zusätzlich motivierte. "Goldelfe." war dann das erste Wort, das ihr heiser tatsächlich über die Lippen kam. Ein fragender Blick Garos war die Reaktion. "Ich bin eine Gold- oder auch Sonnenelfe. Mein Name ist Ameng." fuhr sie langsam fort. "Tatsächlich? Ich muss gestehen, ich habe noch nie eine Goldelfe gesehen. Es heißt, ihr wärt stolzer und ungeschickter als alle anderen Elfenvölker zusammen. Hehe, was sagst du stolzes Wesen zu der Erkenntnis, dass du deine Freiheit und dein Leben heute einem einfachen Kobold, Garos von den Osbornen, zu verdanken hast?"
Meditationsfragment II - "Stolz und Eitelkeit"
"Es gibt nichts, das ich fürchte, denn ich kann alles kontrollieren."
Die stolze Ar-Tel'Quessir wiederholte diese Worte nochmals mit festerer Stimme. Hinter ihr hatte sich die Schlafzimmertüre geschlossen und sie trug wieder Kleidung am Leib. Nur Faeanshalee war noch geblieben und eröffnete sogleich tief amüsiert das Wort.
"Weißt du, was mich an dir immer wieder fasziniert?"
Faeanshalee legte die Fingerspitzen aneinander und wartete ein knappes, fragendes Nicken von Ameng ab, bevor sie fortfuhr um dabei zur Unterstreichung ihrer Ausführungen überschwänglich zu gestikulieren.
"Wie es dir jedesmal gelingt, jede noch so abwegige deiner Wahnvorstellungen auf so glaubwürdige Weise zu präsentieren, dass selbst dein rational denkenes Ich vom Wahrheitsgehalt überzeugt ist. Ich verrate dir etwas, Schwesterherz. Das Schicksal ist nichts weiter als ein Würfel mit 20 Seiten. Und du hast lediglich vom Glück profitiert, dass er in entscheidenden Situationen immer zu deinen Gunsten gefallen ist, während deine Widersacher weniger glücklich gewesen sind."
"Warum bist DU eigentlich hier, wo ist Fira?"
"Berücksichtige bitte, dass wir nach wie vor in deinem Verstand sind und ich lediglich eine von dir präferierte Projektion deines Unterbewusstseins darstelle. Eigentlich bin ich also die nicht die Person, an die du diese Frage oder Fragen richten solltest, aber ich will dir meine Antwort nicht vorenthalten."
Eine zweite Faeanshalee tauchte neben Ameng auf und umarmte sie sanft von hinten. Leise flüsterte sie die Antwort in Amengs Ohr.
"Weil du eitel bist."
Die erste Faeanshalee näherte sich Ameng von vorne und setze ein gespielt beleidigtes Gesicht auf um etwas anzufügen.
"Und eigentlich sollte ich es sein, die deshalb gekränkt ist. Vor Fira schämst du dich, aber vor mir nicht, vielleicht weil du mich als verachtenswerten Abschaum betrachtest, vor dem ohnehin keine Würde gewahrt werden muss?"
Die zweite Faeanshalee fuhr flüsternd fort.
"Oder sollte ich mich geehrt fühlen, weil du gewisse Dinge einfach nur deiner dunklen Schwester anvertrauen willst?"
Ameng riss sich von der zweiten Faeanshalee los. Der als Frage formulierte Schrei, den sie beiden erwiderte, hallte lauter, als sie gedacht hatte.
"Wovon redet ihr?!"
"Wir haben zwei Theorien, was deine größte Furcht betrifft." antwortete die zweite Faeanshalee, während die erste Faeanshalee zur Bestätigung zwei Finger hob. Anschließend sprach die zweite Faeanshalee weiter. "Ich darf meine Theorie zuerst ausformulieren. Sie ist ganz einfach. Deine Sehnsucht besteht in Wahrheit nicht darin, der Welt Frieden und Harmonie zu schenken. Du redest dir das lediglich ein. Du bist lediglich sehr eitel und sehnst dich in erster Linie nach Anerkennung und Bewunderung. Und alle, die dir keine Anerkennung und Bewunderung zukommen lassen, sollen dich im Gegenzug fürchten. Das ist ihre Bestrafung dafür, dass sie in dir die Furcht aufkommen lassen, dass dich nicht alle lieben und preisen könnten. Du bist die Rote und die Weiße Königin. Du wirst noch anfangen, dir selbst einen Feind zu erschaffen, denn du besiegen kannst, damit alle dich anbeten. Wolltest du nicht sogar eine Göttin sein?"
Der Hammer der Richterin Shara Paine schlug auf den Tisch und ließ ihn erzittern. Ameng blickte sich verwirrt um, als sie erkannte, dass das Schlafzimmer sich in einen Gerichtssaal umgebildet hatte, bei dem sie auf der Bank der Beschuldigten stand. "Ein Punkt für die Anklage." donnerte die Stimme der Richterin.
Ameng verstand den Verlauf der Trance-Phase weniger und weniger. "Weshalb befinde ich mich hier in einem Gerichtssaal der Menschen, wenn das mein Verstand ist? Warum bin ich in einem Bett aufgewacht mit dem Glauben, es sei ein Traum? Was geht hier vor?"
Die zweite Faeanshalee setzte ihre Ausführungen fort.
"Dein alleiniges Ziel ist es also lediglich, bewundert zu werden. Und deine größte Furcht ist es, dass du nicht bewundert wirst. Deshalb ist dir so präsent geblieben, als Tianara dir ihre Verachtung ausgesprochen hat."
"Nein.." erklang die Stimme Amengs, jedoch bebend und hilflos.
"Und deine Sha, Fira, ist die Person, die dich am meisten bewundert. Mit Erlaubnis der Richterin möchte ich ein Beweisstück vorlegen. Es handelt sich um die Erinnerung mit der höchsten Priorität, die sich im Gedächtnis der Angeklagten finden lässt, wenn ich nach dem Namen Fira'sha im Zusammenhang mit dem Wort Anbetung suche."
"D-das ist vollkommen irreführend. Ich habe diese Erinnerung dort hinterlegt, um ihr mehr Selbstvertrauen zu geben."
"Wem?"
"Meinem eingeschlossenen, emotionalen Ich."
"Unglaubwürdig. Du hast nie versucht, deinem emotionalen Ich Stärke zu verleihen."
"Doch, das habe ich. Nur musste sie erst bereit sein!"
"Ich stelle nun die priorisierte Erinnerung vor."
Auf dem Zeugenpult wurde eine Szene sichtbar, in der Ameng und Fira sich im Garten von Firas Anwesen befinden. Ameng steht vor einem Baum und Fira geht vor ihr auf die Knie spricht dem reinen Wesen, welches in der Ar-Tel'Quessir eingeschlossen ist, ihre tiefste Bewunderung und Loyalität aus.
Der anklagende Zeigefinger der zweiten Faeanshalee fährt vor und deutet auf Ameng, der lange, angespitzte, schwarze Fingernagel dieses Fingers wirkt beinahe wie eine auf Ameng gerichtete Klinge, als die Manifestation der Drow spricht.
"Du, Ameng Xilo, bist nach Rivin gekommen, um Rivin zu retten und dort als Heldin gefeiert zu werden. Und als Fira und du Freundschaft schlossen, da war es dein sehnlichster Wunsch, dass sie dich immer vergöttert, nicht wahr? Doch am Ende musste sie es sein, die dich rettet und nicht umgekehrt. Du wurdest von einem Teufel infiziert und warst zu schwach, dich dagegen zu wehren. Am Ende warst du keine Heldin, sondern nichts weiter als eines von den unzähligen Opfern, zu deren Rettung wirkliche Helden ausziehen müssen.
Und deshalb schämst du dich. Du wirst nie wieder bewundert und auch nie wieder gefürchtet werden. Dein Stolz ist zerschmettert, die Illusion für alle erloschen. Der Mantel der Sterne, dein Haus, hat dir den Rücken gekehrt und seine Mitglieder, allen voran Fira, deren Bewunderung zu Mitleid wurde, haben sich gegen dich ausgesprochen. Und das zurecht, denn du hast einen weit unterlegenen Menschen getötet. Durch deine dir loyale Dienerin, die deinem Urteil vertraute, hast du ihn getötet und deine wie ihre Seele beschmutzt. Und dies alles ist dir bewusst, nicht wahr?"
>>Flussufer am Außenposten, eine halbe Stunde nach Hakims Tod<< Ameng übergab sich in den Fluß, ihr Körper und ihre Lippen bebten unablässig zwischen den einzelnen Auswürfen durch den Mund. Fira war bei ihr und hielt sie fest, während Amengs Tränen über ihre Wange flossen. "Ich habe einen Menschen getötet. Ich habe ein Leben ausgelöscht. Das war nicht richtig! Das war nicht richtig! Das wollte ich nicht!"
>>Zuflucht, Tage nach Hakims Tod<< Die Stimmen von Triss und Amelie sprachen auf sie ein, betonten ihren Fehler. Ein Fehler, der Mord war ein Fehler. Feige und falsch. Ungerechtfertigt und grausam. Nein, das war er nicht. Das wussten sie alle. Ralthus bekräftigte es. Er hätte es auch getan, wenn er den Mut gehabt hätte. Und er war nicht der Einzige. Fast jeder wollte seinen Tod. Ameng verkrampfte ihre Finger um die Brüstung der Plattform. "Es war richtig. Ich habe das Richtige getan und ihr alle wisst, dass es das Richtige war. Jeder wünschte ihm zu Recht den Tod. Ich habe nur ein Monster ermordet."
"Ja, ich hatte mir in diesem Moment gewünscht, dass ich die Stärke besitze, zuzugeben, dass ich einen Fehler gemacht habe. Doch Fira gegenüber konnte ich es. Deine Theorie trifft nicht zu."
Die zweite Faeanshalee begann zu lachen.
"Das sehe ich anders, Schwesterherz. Du weißt, dass sie dich für Schwächen nicht verachtet. Sie darf nur nie die volle Tiefe sehen, nicht wahr?"
Beide Faeanshalees verschmolzen miteinander.
"Sie musste dich retten, sonst wärst du verloren gewesen."
Ameng schlug mit ihrem Stab, den sie plötzlich in den Händen hatte, auf den Tisch der Bank der Beschuldigten, es kehrte plötzlich Stille ein. Die Ar-Tel'Quessir schloss die Augen und atmete sehr tief ein und aus, bevor sie ihr Plädoyer begann.
"Ja, es stimmt. Es ist wahr, dass ich es liebe, geschätzt, geliebt oder bewundert zu werden. Ich genieße es, wenn meine Schönheit, mein Verstand oder meine Ideen Anklang finden. Aus dieser Zuneigung ziehe ich Stärke und vergesse, dass ich zu mir selbst keine Nähe mehr verspüren kann, seit ich mich von jeder Emotion getrennt habe. Emotionslosigkeit sorgt auch dafür, dass keine tatsächliche Selbstliebe, oder besser, Selbstachtung mehr möglich ist, sondern lediglich die pervertierte Variante dieser, die sich in Narzismuss äußerst.
Aber ist es so verwerflich? Gibt es Jemanden auf dieser Welt, der nicht gerne geschätzt, geliebt oder bewundert wird, auch wenn es kaum einer zugeben würde? Und meine Eitelkeit schwächt mich, so wie mich mein Stolz schwächt. Aber ich schäme mich allerhöchstens vor mir selbst, wenn ich erkenne, dass mein Stolz mich an einfachen Dingen wie einer Entschuldigung hindert. Diese Dinge sind Fira jedoch alle bereits bekannt. Und natürlich ist es mir peinlich, dass sie mich retten musste, weil ich es nicht vermochte. Aber das ist nicht meine dominante Angst. Nein, das ist sie nicht. Der Stolz und die Eitelkeit mögen enorm beeinträchtigende Schwächen sein, aber sie sind nicht, was mich beherrscht."
Die verschmolzenen Faeanshalees funkelten sie an.
"Du gibst also zu, dass dich etwas beherrscht?"
"Ja, und die erste Faeanshalee, die noch nicht gesprochen hat, liegt mit ihrer Theorie richtig."
"Warum bist du dir da so sicher?"
"Ihr seid doch beide Manifestationen meines Unterbewusstseins. Und dieses hat zur Klärung dieser Frage zwei Theorien aufgestellt. Ich irre mich nie, also muss eine der beiden Theorien zutreffen. Gemäß des Ausschlussverfahrens hat daher die erste Faeanshalee recht und ich würde gerne hören, was sie in mir erkannt hat."
"Wieder Narzismus?"
"Nein."
"Was dann?"
"Selbstbewusstsein."
>>Orklager im Wald<< Ameng lächelte in leichter Selbstironie und im nächsten Moment war ihr das bereits wieder suspekt. Sie lächelte nie, sie war dazu nicht in der Lage. Garos grinste zurück und wiederholte seine Frage. "Was also sagst du dazu, dass dich ein Kobold gerettet hat?" "Ich sage dazu, dass ich stolz darauf bin, von einem der großen Osbornen gerettet zu sein worden.. und.." In diesem Moment überwand Ameng ihren Stolz vollständig und umarmte den Kobold, sprach leise zu ihm. "...di..diolalle.. du hast mich nicht alleine gelassen. Sha." Im nächsten Moment war Ameng vollständig irritiert. Plötzlich war ihre Rationalität eingekerkert und der emotionale Teil dominant. Wie war das möglich, es gab keine Absprache. Aber Ameng spürte, dass jegliche Logik verschwunden war. Sie, das Kind, die emotionale Ameng, sie war nun da. Der Kobold verstand nicht und stieß sie überrumpelt von sich. "Tut mir leid, Goldelfe, aber das geht mir alles zu schn.." Weiter sollte der Kobold nicht kommen, denn der orkische Schamane brauchte nicht lange, um seine Verwirrung zu überwinden, nachdem er die Plane zurückgeschlagen hatte. Sein erster Zauber zerschmetterte den Brustkorb des Kobolds Garos, dessen sterbender Leib von Ameng im Fall aufgefangen wurde, bevor er auf dem Boden aufschlug. Der zweite Zauber, den der Schamane sprach, war ein Schutzzauber, während die Ar-Tel'Quessir ihre Zeit damit verschwendete, ihre Tränen auf die Leiche des Kobolds zu vergießen und diesen an sich zu drücken.
Im emotionalen und im Augenblick dominanten Teil von Ameng vernahm sie das erneute Gelächter des Schamanen wie von weiter Ferne, wie durch einen Wasserfall hindurch. Die Zeit schien schier langsamer zu verlaufen. Sie verabschiedete sich in elfischer Sprache von Garos und dann sah sie zu seinem Mörder, dem Schamanen hoch.
"Spitzohr nochmal mit mir kämpfen und verlieren?"
Zwischenspiel in der Trance-Phase
Fira hielt Ameng auf, als diese einfach den Gerichtssaal verlassen wollte, nur weil er sich aufgelöst hatte. Ein sanftes, königliches Strahlen ging von der Ruathar aus.
"Was ist die Quelle deiner Angst, was ist deine dominante Angst, Ameng'sha?" "Siehst du, selbst jetzt möchte mein eigener Narzismus mir einreden, dass du mir nachlaufen würdest, obwohl ich verloren bin." Eine schallende Ohrfeige von Fira an Ameng war die Antwort und abseits von beiden tat sich eine Erinnerung daran auf, als dies tatsächlich, lediglich einmal geschehen ist. "Ist es Arroganz oder Irrsinn, der dich daran hindert, zu verstehen? Ich bin eine Manifestation deines Unterbewusstseins, Ameng'sha. Das heißt, ein Teil von dir möchte es Fira'sha sagen." "Aber.. ich.. kann es nicht." "Warum nicht?" "Weil es zu erbärmlich ist!" Und wieder lief Ameng weg.
_________________ ~"This ist my battle. This is my battleship."~
"Jene, die sich Abenteurer nennen, sind grausame Individuen aus einer anderen Welt. Sie sind auf der ständigen Suche nach neuen Opfern für ihre dunkle Gottheit Exp, die sie dafür mit immer stärkeren Fähigkeiten und Kräften ausstattet."
~Shadow is a man who never loses his virginity - because he never loses.~
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