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Katharsis
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Autor:  Ameng Xilo [ Sa 3. Nov 2012, 18:59 ]
Betreff des Beitrags:  Katharsis

1. Tag - Es ist der 29. Marpenoth 1381

Es war sehr früh am morgen und der Nebel lag noch dicht über den Wäldern, während die Sonne in glühendem Rot ihre ersten Strahlen als Vorboten über den Horizont sandte und die Dunkelheit der Nacht zu vertreiben begann. Die junge Ar-Tel'Quessir war noch früher am morgen aufgebrochen und befand sich bereits weit von der Zuflucht entfernt. Ihre Erinnerungen an die gestrige Meditation waren lediglich verschwommen und bruchstückhaft noch in ihrem Geist vorhanden. Sie kannte den Grund dafür, doch sie vermochte sich nicht mehr, daran zu erinnern. Aber sie wusste, dass alles seine Richtigkeit hatte, so wie es hier und jetzt geschieht. Sie hatte sich dazu entschieden, bewusst und bei klarem Verstand eine Entscheidung gefällt, deren Hintergründe sie jetzt nicht mehr wusste. Und sie, die hochmütige Ameng mit ihrem eidetischem Gedächtnis, hoffte, dass sie nicht schlichtweg mit dem erstern Erinnerungsverlust in ihrem Dasein auch den eigenen Verstand eingebüsst hatte. Die Erinnerungen würden zurückkehren, das wusste sie. Stück für Stück. Das war erforderlich für den Prozess, der nach einem detailliert ausgearbeiteten Plan fungierte.

...

Sie erinnerte sich nicht daran.

...

Es... gab doch einen Plan?

...

Das plätschernde Geräusch, als ihr Stiefel in eine der Pfützen trat, die vom gestrigen Regen übriggeblieben waren, holten Ameng aus ihren Gedanken zurück. Sie blickte hinab und sah das Wasser vom Leder der Stiefel abperlen. Die Sonnenstrahlen durchbrachen den Nebel und zerteilten ihn schneller als früher. Auch diese Landschaft hatte sich nach dem Sternenfall sehr stark verändert. Dennoch würde Ameng hier ihre Suche beginnen, ihre Aufgabe erfüllen. Aber sie musste wachsam sein, denn es war nicht ungefährlich. Die vollständige Konzentration musste ihrer Umgebung gelt.. Sie hielt inne, sah zu einem Gebüsch, doch das Rascheln hatte sie zu spät gehört. Instinktiv, wie aus einem Reflex heraus, der schneller als ihre bewussten Gedanken war, gelang es ihren Lippen jedoch noch, einstudierte Worte zu sprechen, das magische Gewebe um sie herum erreichten. Der Ork sprang mit gezogener Klinge heraus, deren Schneide das Sonnenlicht reflektierte, als er zum Schlag ausholte, die Waffe auf Ameng herabjagen ließ. Nur um dann wirkungslos an der schützenden Magie abzugleiten, welche die Magierin umgab. Ameng machte schnelle Schritte zurück um Abstand zwischen sich und dem Ork zu bringen, welcher daraufhin nochmals verständnislos mit seiner Klinge nach ihr schlug, nur um erneut an einer scheinbar unsichtbaren Barriere zu scheitern.

"Haltet ein!" rief die Ar-Tel'Quessir dann schnell. Es waren die ruhigen, neutralen Worte des rationalen Teils von Ameng, bar jeglicher Emotion.
"Ich will keinen Kampf. Ich habe nichts bei mir, das für euch von Wert ist und bedrohe weder euch noch euer Territorium. Ein Kampf ist sinnfrei."

Der Ork schien das anders zu sehen. Ein grausiges Grinsen, gefolgt von einem Grunzen in dem, was diese Kreaturen als Sprache bezeichnen, kam von ihm als Erwiderung. Dann vernahm Ameng das weitere Geraschel überall in ihrer Nähe und sah sich rasch alamiert um. Der Ork war kein Einzeltäter, weitere der seinen kamen aus ihren Verstecken und umzingelten Ameng.

"Welchen Teil der Aussage, dass ein Kampf sinnfrei wäre, habt ihr impertinenten Kreaturen missinterpretiert?"

Dann begann sie, erneut zu zaubern.

Meditationsfragment I - "Furcht"

Sie war alleine im Wald und wusste nicht, warum sie hier war. Ein seltsames, eigentümliches und unwirkliches Gefühl. Ihre Schritte führten sie am Hang eines kleinen Hügels entlang, als sie weitere Schritte vor und hinter sich bemerkte, gefolgt von dem Geräusch von Klingen, die gezogen und eine Armbrust, die gespannt wird. Räuber, deren Stimmen nahezu klischeehaft rauh und heiser erklangen, was den ersten Verdachtsmoment erweckte.

"Was haben wir denn da für ein hübsches, kleines, einsames Elfenmädchen?"
"Sie hat magische Ringe, nicht wahr? Und bestimmt auch viel Gold."
"Und schöne Kleidung. Noch schöner wäre es natürlich, wenn sie ohne diese da stünde."
"Wir müssen sie ja nicht nur ausrauben, wir könnten uns danach mit ihr vergnügen."

Ihr Atem beschleunigte sich. Sie spürte die Furcht des von ihr abgetrennten, emotionalen Bestandteiles. Jene andere Ameng, die sie wieder tief in sich verborgen hatte. Damit Niemand auf den Gedanken käme, Ameng wäre sterblich oder verwundbar. Ihre Stimme erklang ruhig und bar jeglicher Furcht oder anderer Emotionen.

"Flieht oder ergebt euch, denn ich werde keinen von euch verschonen, die Herren Räuber."

Ihre Worte waren für ihre Gegner kein Signal zum Angriff. Im Gegenteil, es irritierte sie, denn sie hatten nicht mit dieser Reaktion gerechnet. Mit vielen anderen, aber nicht mit dieser. Die Irritation lenkte sie ab, nur für wenige Momente, doch mehr brauchte Ameng auch nicht. Ihre Fingerspitzen glitten behutsam durch das magische Gewebe, ihre Lippen formulierten komplexe Worte der Macht. Kaum war der Zauber zuendegesprochen, da geschah es. Amengs Gestalt wandelte sich drastisch. Ihr Körper und ihre Muskeln schwollen an, ihre Haut nahm eine dunkelgraue Färbung an, wurde hart wie Stahl, die Finger zu messerscharfen Klauen. Der Mund verwandelte sich in den Schlund einer Bestie, bestückt mit zwei Reihen raubtierhafter Zähne, die Augen funkelten rot wie Blut. Gewaltige Schwingen wuchsen aus ihrem Rücken und zwei Hörner an ihrer Stirn krönten sie zur Herrin des Schreckens. Dies hätte der zweite Verdachtsmoment für Ameng sein sollen.

"Verschwindet und überfallt nie wieder einen Reisenden oder ich reiße eure Seelen aus und verschlinge sie. Ich finde euch überall auf der Welt, an jedem Ort."

Die Stimme der weiblichen Cornugongestalt grub sich in die Gedanken der Räuber, die angsterfüllt flohen. Das wurde von einem dunklen Lachen quittiert. Aber es war nicht Ameng gewesen, die da gelacht hatte. In der Teufelsgestalt blickte sie sich um, breitete ihre Schwingen aus und flog los. Während ihre Schwingen sie durch die Luft trugen und sie die Aussicht von hier oben genoss, erklang das Lachen erneut, über ihr. Aber dort war nichts. Dann erst bemerkte sie es. Ein Kettenring hatte ihr linkes Handgelenk durchbohrt, doch nicht von außen. Er war vom Innern ihres Gelenks herausgewachsen. Schwarzes Blut floß aus der Wunde, doch heilte diese rasch und die Haut verwuchs mit dem Kettenring, schmerzlos. Mit zunehmendem Entsetzen versuchte Ameng, den Ring aus ihrem Handgelenk zu lösen, doch dann bemerkte sie, dass sich im rechten Handgelenk auch bereits einer befand. Ebenso wie in den Knöcheln, ihren Flügeln und ihrem Rücken. Wieder war jenes Lachen zu hören, von oben, vom Himmelszelt her. Die Elfe in der Cornugongestalt blickte hinauf und sah, dass die Kettenringe mittlerweile alle bereits mit langen Ketten verbunden waren, die bis in den Himmel hinaufführten. Ketten, die wie die Fäden einer Marionette von oben herab hingen und Ameng mit den Fingern des Marionettenspielers verbanden. Sein war das Lachen. Und als sie ihn sah, wusste sie auch, um wen es sich handelte.

Tyrannos.

Schweißgebadet schrak Ameng aus ihrem Bett hoch, ein Zittern im gesamten Leib. Sie wollte aus dem Bett hinaus, doch konnte sie sich nicht aufrecht halten und stürzte zu Boden. Nackt krabbelte sie zu einem Nachttopf und übergab sich. Übergab sich einmal. Zweimal. Dreimal. Viermal. Das Zittern wollte nicht aufhören, es beherrschte jedes ihrer Glieder. Sie hätte sich denken können, dass es sich um einen Traum gehandelt hatte. Wie einfältig war sie denn gewesen? Die Verwandlungszauber funktionieren doch in der Realität allesamt nicht. Sie drehte sich herum und lehnte den Hinterkopf kraftlos auf den Boden neben dem Nachttopf. Sie atmete tief und still durch, das Heben und Senken ihres Oberkörpers bei jedem Atemzug begann allmählich, sich zu verlangsamen. Ruhe kehrte zurück und damit auch die Möglichkeit, wieder klare Gedanken fassen zu können, die ihr die Sachlage bewusst machten. Wieso hatte sie in diesem Bett gelegen? Und weshalb hatte sie angenommen, dass sie geträumt hatte? Diesen Ausdruck alleine kannte sie nur von den Menschen und nur von Erzählungen, Elfen träumten nicht. Sie richtete in eine sitzende Position auf, fuhr mit den Händen über ihr Gesicht. Dieser Ort war ihr nicht bekannt.

Und da wusste sie, dass sie sich nicht in der Realität befand, sondern in ihrem eigenem Verstand. Die Trance-Phase der elfischen Meditation. Ein wesentlich tieferes Herabgleiten in das Unterbewusstsein, als dies für gewöhnlich im Zuge der Meditation geschieht. Es gelingt nur wenigen und der Versuch wird für gewöhnlich nur dann gewagt, wenn es etwa ein sehr schweres Trauma zu verarbeiten gilt. Sie muss diesen Schritt, diesen muss sie jedoch freiwillig gegangen sein. Aber sie wusste nicht, weshalb. Dann kehrte die Erinnerung an den Angriff jener Räuber und ihrer scheußlichen Verwandlung zurück. Und plötzlich befand sie sich wieder in der Luft, in der Gestalt jenes Cornugons, den sie selbst so sehr fürchtete. Deshalb hatte sie seine Gestalt gewählt. Um anderen Angst einzujagen, wählt man immer etwas, das man selbst fürchtet. Ihr jahrzehntelanges Studium der Psyche verschiedener Humanoiden hatte ihr diese Erkenntnis beschafft. Aber sie wendete diese und all jene anderen Erkenntnisse erstaunlicherweise selten auf sich selbst an. Ihr Blick wanderte hinauf.

"Frieden durch Macht. Macht durch Furcht. Woran erinnert dich das, meine kleine Marionette? Meine kleine, kleine Puppenelfe? Oh ja, du glaubst zwar, mich zu bekämpfen. Aber in Wahrheit tust du nur eines, nämlich mir dienen. Du denkst, meinen Anhängern vorzutäuschen, dass du mir dienst und in Wahrheit den Dienst deines Himmlischen Elfenvaters verrichtest. Tatsächlich jedoch bist du eine meiner eifrigsten Anhängerinnen, die sich selbst vortäuscht, in Wahrheit Corellon Larethian zu dienen."

"NEIN! Du lügst! Ich-ich-ich.."

Bevor Ameng antworten konnte, war sie wieder in dem fremden Schlafzimmer. Sie schloss die Augen und in dem Schlafzimmer manifestierten sich sichtbar auf dem Bett mit den schweißdurchtränkten Laken einzelne Fragmente ihres Wirkens seit ihrer Ankunft in Rivin. Wie sie Nesmil bedroht hatte, damit diese sich ihr unterwirft. Wie sie an Miyakos Psyche gearbeitet hatte, damit diese ihre loyale Dienerin wird und Amengs Abweisung oder Unzufriedenheit fürchtet. Wie sie Mialazia gedroht hatte, ihr bei einem nochmaligen Verrat die Haut bei lebendigem Leib vom Körper zu schälen. Wie sie den Feuerpriester hinrichten ließ, damit jeder sieht, wie es denen ergeht, die es wagen, sie zu bedrohen. Wie oft sie die Furcht als Waffe eingesetzt hatte.

"Willst du so herrschen, Ameng'sha? Und auf diese Weise die Welt ändern?" klangen die vertrauten Worte von Fira beunruhigt und traurig an ihr Ohr. Sie war es nicht wirklich, lediglich eine Projektion von Amengs Unterbewusstsein, welches für die visuelle und auditive Darstellung in der Trance-Phase Klang und Gestalt von Fira angenommen hatte. Dennoch fühlte Ameng sich ihr gegenüber schuldig, was sie verbarg. Jedoch gelang es nicht vollständig.

"I-ich habe diese Methoden gewählt, weil sie NOTWENDIG waren. Viele Menschen und vor allem die dunklen Seelen unter ihnen, benötigen eine Führung, die auf der Furcht basiert, da sie eine andere nicht annehmen könnten. Herrsche ich über sie, so kann ich sie daran hindern, böse Taten zu vollbringen, ohne sie gewaltsam davon abzuhalten. Und Stück für Stück kann ich meinen Einfluss auf sie nutzen, um ihre Weltsicht so zu verändern, dass etwas anderes als Furcht sie zum Guten führt."

"Verzeih mir, wenn ich dich zitiere, Schwesterherz, aber.. das erscheint mir nicht logisch. Die meisten Lebewesen entscheiden sich aus Furcht oder Verzweiflung für böse Taten. Und vertrau mir, ich kenne mich da aus. Wenn also die Furcht einer der Grundpfeilern des Bösen sind, dann wirkt dein Versuch, das Böse mit Hilfe von Furcht zu bekämpfen, auf mich so, als würdest du versuchen, einen Waldbrand mit einer Kerze zu löschen." kommentierte Faeanshalee in ihrer gewohnt süffisanten Weise die Rechtfertigung Amengs. Dann aber hackte die Drow genauer nach.
"Warum wählst du diese Methoden, Schwesterchen?"

Noch bevor Ameng antworten konnte, traf sie ein Faustschlag ins Gesicht, warf sie zurück zu Boden, sowohl in dem Schlafzimmer, als auch zeitgleich in ihrer Cornugongestalt am Himmel. Sie grinste und entblösste ihre spitzen Zähne, als sie dann sprach.
"Also ICH habe keine Angst vor dir. Nicht mehr, seit ich gesehen habe, wie schwach und erbärmlich du wirklich bist, Nya'vael. Das habe ich dir auch direkt demonstriert."
Tianaras Grinsen wurde breiter und ihre Hörner wuchsen länger, dann trat sie noch einmal nach und spuckte auf die am Boden liegende Ar-Tel'Quessir.

Die Augen der Manifestation von Faeanshalee weiteten sich, dann kam wieder sie zu Wort.
"Warte, jetzt verstehe ich. Du selbst noch nicht, aber das hier war eine deutliche Metapher deiner verborgenen Furcht. Es gibt eine Sache, die du wirklich fürchtest. Deine größte Angst, die Angst, die dich dominiert. Sie ist die Grundlage all dieser dunklen Taten, in denen du selbst die Furcht zur Herrschaft über andere einsetzt."

Der Teil von Amengs Unterbewusstsein, der sich als Fira manifestierte, blickte zu der Manifestation von Faeanshalee und setzte zu einer Frage an, bevor das Lachen der Manifestation Tyrannos Lachen den Raum zerfetzte.

"Und alles, was von Furcht kontrolliert wird, wird von mir kontrolliert. Deshalb bist du auf ewig meine Marionette, meine Dienerin, meine Sklavin!"

Faeanshalee verzog einen Mundwinkel, bevor sie einen vorwurfsvollen Blick zu Ameng warf.
"Im Ernst? Der Amateur ist in deiner Trance-Phase der Herrscher der Angst? Gegen Lloth ist der ein Nichts."

Firas Körper begann zu erstrahlen, zu wachsen. In ihren Händen sammelte sich pure, reine Macht aus Licht und Hoffnung.
"Und ihn musst du auch nicht fürchten."
Tyrannos streckte seine Hand erneut nach Ameng aus, bevor Fira die gesammelte Energie auf ihn entließ, bis diese den dunklen Gott regelrecht zerfetzte. Ein stolzes Lächeln zeigte sich auf den Lippen der Fira-Manifestation, dann aber eilte sie rasch zu Ameng und wollte ihr aufhelfen, die Ar-Tel'Quessir aber wandte sich ab und entzog sich ihrem Griff und ihrem Blick. Dieser wanderte wieder zu Faeanshalee, die dann Antwort gab, noch bevor Fira die Frage formulieren konnte.
"Sie fürchtet weder Tyrannos noch den Teufel oder den Tod wirklich. Natürlich hat sie Angst vor all jenen, aber keine so gewaltige. Ihre dominante Furcht ist etwas anderes. Doch dir gegenüber schämt sie sich."

Die Fira-Manifestation sah zu Ameng.

"Was fürchtest du, Ameng'sha? Was ist die Quelle deiner Furcht."

Die Antwort war klar, eindeutig und kalt.

"Nichts."

"Du hast die andere wieder so tief in dir eingeschlossen. Soll sie es mir sagen. Wovor fürchtest du dich?"

Ameng wandte sich ab, sie wollte nicht den Blick der Fira-Manifestation erwidern und die Stimme der Ar-Tel'Quessir zitterte, als sie antwortete.

"Es gibt nichts, dass ich fürchte, denn ich kann alles kontrollieren."


Zwei der Orks lagen bereits zu ihren Füßen auf dem Boden, während Ameng weiter ihre Zauber gezielt zum Einsatz brachte, um auch die übrigen dieser Kreaturen zu überwältigen. In ihrem Übermut glaubte sie sich schon im sicheren Triumph, dann aber spürte sie einen feindseligen Eingriff in das Gewebe.
"Nein.."
Der orkische Schamane kicherte, als sein Zauber gelang und jegliche Schutzmagie Amengs hinfortfegte. Sie konnte es kaum glauben. Das war nicht möglich. Es musste ein nahezu unverschämter Glücksgriff gewesen sein. Rasch wollte sie ihren Zauber erneuern, doch da spürte sie den Hieb der ersten Klinge an ihrer Seite, der Schmerz überwältigte sie fast. Ein Bolzen schlug kurz danach in ihrer Schulter ein, eine weitere Klinge riß ihr den Arm auf. Dann spürte sie den dumpfen Schlag einer Keule auf ihrem Hinterkopf und sank zu Boden, bevor sie in die Ohnmacht glitt.

Autor:  Ameng Xilo [ So 4. Nov 2012, 02:06 ]
Betreff des Beitrags:  Re: Katharsis

2. Tag - Es ist der 30. Marpenoth 1381

>>Orklager im Wald<<
Dunkelheit und Schmerz. Ihre Hände waren grob auf dem Rücken zusammengebunden worden, so dass es das Blut abschnürte. Sie spürte ihre Finger kaum noch. Ihre Füße waren ebenfalls gefesselt, ein Knebel steckte überdies tief in ihrem Mund und hinderte sie daran, auch nur Laute aus ihrer Kehle hervorzubringen. Zu guter letzt waren ihre Augen doppelt mit einem schwarzen Tuch verbunden worden, so dass sie nicht sehen konnte, was um sie herum geschah. Diese Orks waren kein Risiko eingegangen. Und leider hatte sie keine passenden Zauber zur Verfügung, die sie ohne Handbewegungen oder Worte in dieser benachteiligten Situation zu wirken vermochte. So blieb ihr nichts anderes übrig, als zu warten. Sie konnte lediglich anhand der Geräusche erahnen, dass sie sich in einem provisorischem Lager und dort offenbar in einem Zelt untergebracht war - zumindest schien irgendetwas den strömenden Regen und den Wind von ihr fernzuhalten. Anfangs hatte Ameng noch versucht, sich zu befreien, doch von festen Knoten verstanden die Orks leider etwas. Zumindest waren sie gnädig genug gewesen, die Wunden der Quessir zu reinigen und zu verbinden und sie auf ein wenig weiches Stroh, anstatt auf hartem Erdboden zu betten. Allerdings war das auch schon alles. Niemand war seither nochmals gekommen um ihr zu essen oder wenigstens ein klein wenig Wasser zu trinken zu geben. Und Amengs Gefangennahme war, ihrer Schätzung zufolge, bereits mehr als vierzig Stunden her.

Nachdem sie zuerst aus ihrer Ohnmacht erwacht war, hatte sie einige Zeit lang gewartet und in Gedanken eine Kette aus Primzahlen gebildet um sich im Anschluss einmal dem geistigen Aufsagen ihrer geliebten Zahl Pi zu widmen. Beide Maßnahmen hatte nicht die gewünscht beruhigende Wirkung, die für gewöhnlich erzielt werden konnte. Sie hatte gespürt, wie ihr emotionales, in ihr eingeschlossenes Zweit-Ich starke Beunruhigung und Furcht empfand, so dass sie sich entschieden hatte, in die Meditation überzugehen. Allerdings war es auch durch die Meditation nicht gelungen, ihrer Unruhe Linderung zu verschaffen. Die Meditation hatte sich verselbstständig und dieses Mal, wesentlich eindringlicher, den ersten Teil des Trance-Abschnittes der vorgestrigen Meditation wiederholt, deren Inhalt von Amengs Geist vergessen worden war. Nun erinnerte sie sich zumindest an jenen ersten Abschnitt und dieses Mal verblieb er in ihrem Geist. An ihrer Situation jedoch änderte dies freilich nichts. Es trug nur nochmehr zu ihrer Verwirrung bei. Welcher Prozess war hier im Gange? Und warum war sie hierher gekommen? Als sie sich zu erinnern versuchte, setzte stechender Kopfschmerz ein und eine weitere Angst stieg in Ameng auf. Der Knüppel des Orks, eine Kopfverletzung. War ihr wertvoller Verstand beschädigt worden? Sie schloss die ohnehin verbundenen Augen und versuchte, sich zu beruhigen. Es galt zu warten, etwas anderes war im Moment nicht möglich. Ruhig zu bleiben und abzuwarten. Sie sagte sich dies noch einige Stunden.

>>Zuflucht<<
Das Kaninchen Sehro hob beunruhigt eines seiner Ohren und blickte von der Plattform des Baumes der Zuflucht in Richtung des Waldes. Seine Schnauze zuckte und er schien einige Momente lang nachzudenken, während Renata auf seinen nächsten Zug auf dem provisorisch hergerichteten Mühlebrett wartete. Dann aber drehte er den Kopf wieder zurück zu seiner Spielpartnerin und bewegte auf dem Brett einen hellen Stein um eine Mühle zu schließen. Den Rest des Abends blieb Sehro dennoch angespannt. Vielleicht lag das daran, dass ihn hier schon der eine oder andere verspeisen wollte. Oder an Einzelnen der hierher geflüchteten Rivinern, die das Kürbisfest Allseelnacht feierten und sich zum Spaß als Monster verkleideten. Die Nacht der Geister und Kobolde.

>>Orklager im Wald<<
Ameng hörte, wie eine Zeltplane zur Seite geschlagen wurde und zwei größere Gestalten hereinkamen, die eine kleinere Gestalt im Schlepptau hatten, die hilflos und ängstlich gegen ihr Schicksal und ihre Häscher auf drakonisch keifte. Ein Kobold. Mit einem dumpfen Aufprall einen Meter neben ihr endete das Keifen und ging in schwaches, leises Stöhnen über. Die Ar-Tel'Quessir machte sich mit einem kaum hörbar flehenden Röcheln den größeren Gestalten gegenüber bemerkbar, die daraufhin für einen Moment still waren um dann offenbar in ihrer Sprache zu diskutieren. Einer von ihnen packte Ameng und riss sie grob hoch, grunzte sie in stark gebrochener Handelssprache an.
"Großer Schamane bald kommen holen Elfenhexe. Bis dahin still sein und nicht nerven!"
Er ließ sie zu Boden fallen und verließ mit dem anderen Ork das Zelt, die Plane wurde wieder zugeschlagen. Die kleine Gestalt war inzwischen still geworden und wieder verging einige Zeit.

"Dumme Schweinegesichter." kam dann schließlich von der kleinen Gestalt, als diese sich sicher zu sein schien, dass die Orks außer Hörweite waren.
"Ich bin übrigens Garos. Du bist wohl nicht so gesprächig. Oder liegt das an dem Knebel? Du bist eine Dingen.. eine Elfe, nicht wahr? Bei der Hautfarbe tippe ich auf Waldelfe. Wie haben die dich gekriegt? Ach vergiss es, ich kann es mir schon denken. Sie wollten einen Baum fällen und du bist runtergefallen, weil du auf einem Ast geschlafen hast, was?"
Der Kobold kicherte und schien das für sehr witzig zu halten, obgleich Ameng das Gefühl hatte, dass er lediglich seine Furcht überspielte.

Furcht.

Ameng spürte, dass sie selbst welche empfand. Nicht so distanziert wie gewöhnlich, wenn sie die Furcht des von ihr abgetrennten Ichs nachempfindet. Und sie musste wieder an die Meditation zurückdenken. War es möglich, dass es etwas gab, was sie fürchtete? Sie, die logisch denkende, rationale Ameng? Oder ging hier etwas gänzlich anderes vor sich? Vielleicht ein Zauber des orkischen Schamanen? Erschrocken fuhr Ameng zusammen, als sie plötzlich die Berührung kleiner, kalter Finger in ihrem Gesicht unterhalb der Augen spürte.
"Kssst! Nicht bewegen und nicht laut werden, Kupferelfe. Ich mache zuerst die Augenbinde weg. Ist dunkel hier, aber trotzdem nicht erschrecken."
Sie tat wie ihr geheißen und so war das Erste, was sie seit ihrer Ohnmacht wieder erblickte das Grinsen von Garos, dem Kobold. Als Nächstes zog er Ameng dem Knebel aus dem Mund. Doch als sie zu sprechen ansetzen wollte, bekam sie das Gefühl, zu ersticken und alles, was sie hervorbrachte, war ein heiseres Röcheln.
"Kssst! Leise, leise! Leise sein, Kupferelfe! Die Wachen haben zwar viel getrunken, aber sie sind nicht taub. Wenn du nicht leise bist, dann mache ich mich ohne dich aus dem Staub."
Ameng blickte aus den güldenen, trockenen Augen zu ihm, ihre Lippen bewegten sich sehr leise und formulierten flehentlich das Wort "Wasser" oder versuchten es zumindest, doch es kam kein wirklicher Ton mehr hervor. Der Kobold nickte nur, machte sich aber zuerst an die Fesseln an Amengs Füßen. Sie spürte eine tiefe Erleichterung, als sie die Beine wieder ausstrecken konnte und das Gefühl, wenn auch nur sehr langsam, in diese zurückkehrte.
"Jetzt dreh dich zur Seite, Kupferelfe. Wir haben nicht viel Zeit, du musst schon helfen."
Nachdem sie auch dem nachgekommen war, löste Garos die Fesseln an ihren Händen und Ameng heulte fast auf, eh der Kobold sie erneut zur Ruhe mahnte. Sie rieb sich die Hände und Finger einige Zeit lang verzweifelt, bis auch hier das Gefühl allmählich wieder eintrat. Aber kontrollierte Bewegungen waren ebensowenig möglich wie das Aufstehen oder einfach nur ein Wort zu sprechen. Über vierzig Stunden der Fesselung hatten ihren Tribut gefordert. Sie war hilflos.

Furcht.

Der Kobold blickte durch einen Spalt des Zelts hinaus und wirkte zufrieden, sah noch einmal zu Ameng zurück, raunte leise in ihre Richtung.
"Ich gehe jetzt, Kupferelfe. Den Rest musst du alleine schaffen. Ich will nicht hierbleiben, bis der Schamane kommt."
"N-n-n..rhn.."
Normalerweise hätte es die rationale Ameng viele Mühen gekostet, ihren Stolz zu überwinden. In Gefahrensituationen jedoch gelingt es ihr einfacher, auch wenn es eine Qual bleibt. Aber sie konnte Garos nicht einmal darum bitten oder anflehen sie nicht allein zu lassen. Dafür müsste sie sprechen können. Aber warum hatte sie nur so große Angst? Und wo war die Stimme in ihr, die sie um Hilfe ersucht und ihr die Stärke verleiht, es der eingeschlossenen, schwachen Ameng zu erklären? Garos hatte den Spalt bereits wieder geschlossen. War es die erkennbare Angst, das Flehen in Amengs güldenen Augen, was ihn zur Umkehr bewogen hatte? Oder hatte er einfach nur auf eine Bitte gewartet, weil er ein Sadist ist?
"Gut, hör mir zu, Kupferelfe. So wie es aussieht, sind die meisten von den Schweinegesichtern noch dabei, ihre heutigen Raubzüge zu feiern. Aber spätestens um Mitternacht kommen sie hierher, weil sie dich für ihr Ritual benötigen und spätestens dann will ich von hier verschwunden sein."
Diese Information trug nicht gerade zu Amengs Beruhigung bei, doch verdeutlichte es ihr den Ernst ihrer Lage und zerschmetterte jäh ihre Hoffnungen, dass sie noch auf diplomatischem Wege entkommen konnte.

Furcht.

Ameng gelang es nach einigen Fehlversuchen schließlich, sich aufrecht hinzusetzen. Sie massierte abwechselnd ihre Handgelenke und Füße um die Blutzirkulation zu beschleunigen und wieder die vollständige Kontrolle über ihren Körper zu erhalten. Den Gedanken, dass die Fesseln, die ihr das Blut abdrückten, an genau denselben Stellen waren, wie die Kettenringe von Tyrannos, versuchte sie, zu verdrängen. Es gelang ihr nur teilweise.

Indessen kam Garos mit einem Wasserschlauch, den er der Magierin reichte, welchen ihn gierig an sich riss, rasch öffnete und schnell zum Mund führen wollte um den beißenden Durst zu stillen. Garos aber griff nach dem Wasserschlauch und hielt sie auf.
"Nicht so, Kupferelfe, nein, nicht so. Viele, aber ganz, ganz kleine Schlucke. Gib dem Drang keinesfalls nach. Viele, kleine Schlucke. Ansonsten erbrichst du dich sofort und wirst nur noch durstiger. Lernt ihr denn überhaupt nichts im Wald? Wie konnte dein Volk nur so lange überleben?"
Erneut schluckte Ameng ihren Stolz hinunter. Verbal erwidern konnte sie ohnehin nichts. Dennoch ärgerte es sie, dass sie überhaupt dazu bereit gewesen war, aus Panik und Verlangen beinahe eine Dummheit zu begehen. Sie folgte den Anweisungen des Kobolds und löschte ihren Durst auf diese Weise langsam. Inzwischen konnte sie auch wieder ihre Zehen bewegen, was sie zusätzlich motivierte.
"Goldelfe." war dann das erste Wort, das ihr heiser tatsächlich über die Lippen kam. Ein fragender Blick Garos war die Reaktion.
"Ich bin eine Gold- oder auch Sonnenelfe. Mein Name ist Ameng." fuhr sie langsam fort.
"Tatsächlich? Ich muss gestehen, ich habe noch nie eine Goldelfe gesehen. Es heißt, ihr wärt stolzer und ungeschickter als alle anderen Elfenvölker zusammen. Hehe, was sagst du stolzes Wesen zu der Erkenntnis, dass du deine Freiheit und dein Leben heute einem einfachen Kobold, Garos von den Osbornen, zu verdanken hast?"

Meditationsfragment II - "Stolz und Eitelkeit"

"Es gibt nichts, das ich fürchte, denn ich kann alles kontrollieren."

Die stolze Ar-Tel'Quessir wiederholte diese Worte nochmals mit festerer Stimme. Hinter ihr hatte sich die Schlafzimmertüre geschlossen und sie trug wieder Kleidung am Leib. Nur Faeanshalee war noch geblieben und eröffnete sogleich tief amüsiert das Wort.

"Weißt du, was mich an dir immer wieder fasziniert?"

Faeanshalee legte die Fingerspitzen aneinander und wartete ein knappes, fragendes Nicken von Ameng ab, bevor sie fortfuhr um dabei zur Unterstreichung ihrer Ausführungen überschwänglich zu gestikulieren.

"Wie es dir jedesmal gelingt, jede noch so abwegige deiner Wahnvorstellungen auf so glaubwürdige Weise zu präsentieren, dass selbst dein rational denkenes Ich vom Wahrheitsgehalt überzeugt ist. Ich verrate dir etwas, Schwesterherz. Das Schicksal ist nichts weiter als ein Würfel mit 20 Seiten. Und du hast lediglich vom Glück profitiert, dass er in entscheidenden Situationen immer zu deinen Gunsten gefallen ist, während deine Widersacher weniger glücklich gewesen sind."

"Warum bist DU eigentlich hier, wo ist Fira?"

"Berücksichtige bitte, dass wir nach wie vor in deinem Verstand sind und ich lediglich eine von dir präferierte Projektion deines Unterbewusstseins darstelle. Eigentlich bin ich also die nicht die Person, an die du diese Frage oder Fragen richten solltest, aber ich will dir meine Antwort nicht vorenthalten."

Eine zweite Faeanshalee tauchte neben Ameng auf und umarmte sie sanft von hinten. Leise flüsterte sie die Antwort in Amengs Ohr.

"Weil du eitel bist."

Die erste Faeanshalee näherte sich Ameng von vorne und setze ein gespielt beleidigtes Gesicht auf um etwas anzufügen.

"Und eigentlich sollte ich es sein, die deshalb gekränkt ist. Vor Fira schämst du dich, aber vor mir nicht, vielleicht weil du mich als verachtenswerten Abschaum betrachtest, vor dem ohnehin keine Würde gewahrt werden muss?"

Die zweite Faeanshalee fuhr flüsternd fort.

"Oder sollte ich mich geehrt fühlen, weil du gewisse Dinge einfach nur deiner dunklen Schwester anvertrauen willst?"

Ameng riss sich von der zweiten Faeanshalee los. Der als Frage formulierte Schrei, den sie beiden erwiderte, hallte lauter, als sie gedacht hatte.

"Wovon redet ihr?!"

"Wir haben zwei Theorien, was deine größte Furcht betrifft." antwortete die zweite Faeanshalee, während die erste Faeanshalee zur Bestätigung zwei Finger hob. Anschließend sprach die zweite Faeanshalee weiter.
"Ich darf meine Theorie zuerst ausformulieren. Sie ist ganz einfach. Deine Sehnsucht besteht in Wahrheit nicht darin, der Welt Frieden und Harmonie zu schenken. Du redest dir das lediglich ein. Du bist lediglich sehr eitel und sehnst dich in erster Linie nach Anerkennung und Bewunderung. Und alle, die dir keine Anerkennung und Bewunderung zukommen lassen, sollen dich im Gegenzug fürchten. Das ist ihre Bestrafung dafür, dass sie in dir die Furcht aufkommen lassen, dass dich nicht alle lieben und preisen könnten. Du bist die Rote und die Weiße Königin. Du wirst noch anfangen, dir selbst einen Feind zu erschaffen, denn du besiegen kannst, damit alle dich anbeten. Wolltest du nicht sogar eine Göttin sein?"

Der Hammer der Richterin Shara Paine schlug auf den Tisch und ließ ihn erzittern. Ameng blickte sich verwirrt um, als sie erkannte, dass das Schlafzimmer sich in einen Gerichtssaal umgebildet hatte, bei dem sie auf der Bank der Beschuldigten stand.
"Ein Punkt für die Anklage." donnerte die Stimme der Richterin.

Ameng verstand den Verlauf der Trance-Phase weniger und weniger.
"Weshalb befinde ich mich hier in einem Gerichtssaal der Menschen, wenn das mein Verstand ist? Warum bin ich in einem Bett aufgewacht mit dem Glauben, es sei ein Traum? Was geht hier vor?"

Die zweite Faeanshalee setzte ihre Ausführungen fort.

"Dein alleiniges Ziel ist es also lediglich, bewundert zu werden. Und deine größte Furcht ist es, dass du nicht bewundert wirst. Deshalb ist dir so präsent geblieben, als Tianara dir ihre Verachtung ausgesprochen hat."

"Nein.." erklang die Stimme Amengs, jedoch bebend und hilflos.

"Und deine Sha, Fira, ist die Person, die dich am meisten bewundert. Mit Erlaubnis der Richterin möchte ich ein Beweisstück vorlegen. Es handelt sich um die Erinnerung mit der höchsten Priorität, die sich im Gedächtnis der Angeklagten finden lässt, wenn ich nach dem Namen Fira'sha im Zusammenhang mit dem Wort Anbetung suche."

"D-das ist vollkommen irreführend. Ich habe diese Erinnerung dort hinterlegt, um ihr mehr Selbstvertrauen zu geben."

"Wem?"

"Meinem eingeschlossenen, emotionalen Ich."

"Unglaubwürdig. Du hast nie versucht, deinem emotionalen Ich Stärke zu verleihen."

"Doch, das habe ich. Nur musste sie erst bereit sein!"

"Ich stelle nun die priorisierte Erinnerung vor."

Auf dem Zeugenpult wurde eine Szene sichtbar, in der Ameng und Fira sich im Garten von Firas Anwesen befinden. Ameng steht vor einem Baum und Fira geht vor ihr auf die Knie spricht dem reinen Wesen, welches in der Ar-Tel'Quessir eingeschlossen ist, ihre tiefste Bewunderung und Loyalität aus.

Der anklagende Zeigefinger der zweiten Faeanshalee fährt vor und deutet auf Ameng, der lange, angespitzte, schwarze Fingernagel dieses Fingers wirkt beinahe wie eine auf Ameng gerichtete Klinge, als die Manifestation der Drow spricht.

"Du, Ameng Xilo, bist nach Rivin gekommen, um Rivin zu retten und dort als Heldin gefeiert zu werden. Und als Fira und du Freundschaft schlossen, da war es dein sehnlichster Wunsch, dass sie dich immer vergöttert, nicht wahr? Doch am Ende musste sie es sein, die dich rettet und nicht umgekehrt. Du wurdest von einem Teufel infiziert und warst zu schwach, dich dagegen zu wehren. Am Ende warst du keine Heldin, sondern nichts weiter als eines von den unzähligen Opfern, zu deren Rettung wirkliche Helden ausziehen müssen.

Und deshalb schämst du dich. Du wirst nie wieder bewundert und auch nie wieder gefürchtet werden. Dein Stolz ist zerschmettert, die Illusion für alle erloschen. Der Mantel der Sterne, dein Haus, hat dir den Rücken gekehrt und seine Mitglieder, allen voran Fira, deren Bewunderung zu Mitleid wurde, haben sich gegen dich ausgesprochen. Und das zurecht, denn du hast einen weit unterlegenen Menschen getötet. Durch deine dir loyale Dienerin, die deinem Urteil vertraute, hast du ihn getötet und deine wie ihre Seele beschmutzt. Und dies alles ist dir bewusst, nicht wahr?"


>>Flussufer am Außenposten, eine halbe Stunde nach Hakims Tod<<
Ameng übergab sich in den Fluß, ihr Körper und ihre Lippen bebten unablässig zwischen den einzelnen Auswürfen durch den Mund. Fira war bei ihr und hielt sie fest, während Amengs Tränen über ihre Wange flossen.
"Ich habe einen Menschen getötet. Ich habe ein Leben ausgelöscht. Das war nicht richtig! Das war nicht richtig! Das wollte ich nicht!"

>>Zuflucht, Tage nach Hakims Tod<<
Die Stimmen von Triss und Amelie sprachen auf sie ein, betonten ihren Fehler. Ein Fehler, der Mord war ein Fehler. Feige und falsch. Ungerechtfertigt und grausam. Nein, das war er nicht. Das wussten sie alle. Ralthus bekräftigte es. Er hätte es auch getan, wenn er den Mut gehabt hätte. Und er war nicht der Einzige. Fast jeder wollte seinen Tod. Ameng verkrampfte ihre Finger um die Brüstung der Plattform.
"Es war richtig. Ich habe das Richtige getan und ihr alle wisst, dass es das Richtige war. Jeder wünschte ihm zu Recht den Tod. Ich habe nur ein Monster ermordet."

"Ja, ich hatte mir in diesem Moment gewünscht, dass ich die Stärke besitze, zuzugeben, dass ich einen Fehler gemacht habe. Doch Fira gegenüber konnte ich es. Deine Theorie trifft nicht zu."

Die zweite Faeanshalee begann zu lachen.

"Das sehe ich anders, Schwesterherz. Du weißt, dass sie dich für Schwächen nicht verachtet. Sie darf nur nie die volle Tiefe sehen, nicht wahr?"

Beide Faeanshalees verschmolzen miteinander.

"Sie musste dich retten, sonst wärst du verloren gewesen."

Ameng schlug mit ihrem Stab, den sie plötzlich in den Händen hatte, auf den Tisch der Bank der Beschuldigten, es kehrte plötzlich Stille ein. Die Ar-Tel'Quessir schloss die Augen und atmete sehr tief ein und aus, bevor sie ihr Plädoyer begann.

"Ja, es stimmt. Es ist wahr, dass ich es liebe, geschätzt, geliebt oder bewundert zu werden. Ich genieße es, wenn meine Schönheit, mein Verstand oder meine Ideen Anklang finden. Aus dieser Zuneigung ziehe ich Stärke und vergesse, dass ich zu mir selbst keine Nähe mehr verspüren kann, seit ich mich von jeder Emotion getrennt habe. Emotionslosigkeit sorgt auch dafür, dass keine tatsächliche Selbstliebe, oder besser, Selbstachtung mehr möglich ist, sondern lediglich die pervertierte Variante dieser, die sich in Narzismuss äußerst.

Aber ist es so verwerflich? Gibt es Jemanden auf dieser Welt, der nicht gerne geschätzt, geliebt oder bewundert wird, auch wenn es kaum einer zugeben würde? Und meine Eitelkeit schwächt mich, so wie mich mein Stolz schwächt. Aber ich schäme mich allerhöchstens vor mir selbst, wenn ich erkenne, dass mein Stolz mich an einfachen Dingen wie einer Entschuldigung hindert. Diese Dinge sind Fira jedoch alle bereits bekannt. Und natürlich ist es mir peinlich, dass sie mich retten musste, weil ich es nicht vermochte. Aber das ist nicht meine dominante Angst. Nein, das ist sie nicht. Der Stolz und die Eitelkeit mögen enorm beeinträchtigende Schwächen sein, aber sie sind nicht, was mich beherrscht."

Die verschmolzenen Faeanshalees funkelten sie an.

"Du gibst also zu, dass dich etwas beherrscht?"

"Ja, und die erste Faeanshalee, die noch nicht gesprochen hat, liegt mit ihrer Theorie richtig."

"Warum bist du dir da so sicher?"

"Ihr seid doch beide Manifestationen meines Unterbewusstseins. Und dieses hat zur Klärung dieser Frage zwei Theorien aufgestellt. Ich irre mich nie, also muss eine der beiden Theorien zutreffen. Gemäß des Ausschlussverfahrens hat daher die erste Faeanshalee recht und ich würde gerne hören, was sie in mir erkannt hat."

"Wieder Narzismus?"

"Nein."

"Was dann?"

"Selbstbewusstsein."


>>Orklager im Wald<<
Ameng lächelte in leichter Selbstironie und im nächsten Moment war ihr das bereits wieder suspekt. Sie lächelte nie, sie war dazu nicht in der Lage. Garos grinste zurück und wiederholte seine Frage.
"Was also sagst du dazu, dass dich ein Kobold gerettet hat?"
"Ich sage dazu, dass ich stolz darauf bin, von einem der großen Osbornen gerettet zu sein worden.. und.."
In diesem Moment überwand Ameng ihren Stolz vollständig und umarmte den Kobold, sprach leise zu ihm.
"...di..diolalle.. du hast mich nicht alleine gelassen. Sha."
Im nächsten Moment war Ameng vollständig irritiert. Plötzlich war ihre Rationalität eingekerkert und der emotionale Teil dominant. Wie war das möglich, es gab keine Absprache. Aber Ameng spürte, dass jegliche Logik verschwunden war. Sie, das Kind, die emotionale Ameng, sie war nun da. Der Kobold verstand nicht und stieß sie überrumpelt von sich.
"Tut mir leid, Goldelfe, aber das geht mir alles zu schn.."
Weiter sollte der Kobold nicht kommen, denn der orkische Schamane brauchte nicht lange, um seine Verwirrung zu überwinden, nachdem er die Plane zurückgeschlagen hatte. Sein erster Zauber zerschmetterte den Brustkorb des Kobolds Garos, dessen sterbender Leib von Ameng im Fall aufgefangen wurde, bevor er auf dem Boden aufschlug. Der zweite Zauber, den der Schamane sprach, war ein Schutzzauber, während die Ar-Tel'Quessir ihre Zeit damit verschwendete, ihre Tränen auf die Leiche des Kobolds zu vergießen und diesen an sich zu drücken.

Im emotionalen und im Augenblick dominanten Teil von Ameng vernahm sie das erneute Gelächter des Schamanen wie von weiter Ferne, wie durch einen Wasserfall hindurch. Die Zeit schien schier langsamer zu verlaufen. Sie verabschiedete sich in elfischer Sprache von Garos und dann sah sie zu seinem Mörder, dem Schamanen hoch.

"Spitzohr nochmal mit mir kämpfen und verlieren?"

Zwischenspiel in der Trance-Phase

Fira hielt Ameng auf, als diese einfach den Gerichtssaal verlassen wollte, nur weil er sich aufgelöst hatte. Ein sanftes, königliches Strahlen ging von der Ruathar aus.

"Was ist die Quelle deiner Angst, was ist deine dominante Angst, Ameng'sha?"
"Siehst du, selbst jetzt möchte mein eigener Narzismus mir einreden, dass du mir nachlaufen würdest, obwohl ich verloren bin."
Eine schallende Ohrfeige von Fira an Ameng war die Antwort und abseits von beiden tat sich eine Erinnerung daran auf, als dies tatsächlich, lediglich einmal geschehen ist.
"Ist es Arroganz oder Irrsinn, der dich daran hindert, zu verstehen? Ich bin eine Manifestation deines Unterbewusstseins, Ameng'sha. Das heißt, ein Teil von dir möchte es Fira'sha sagen."
"Aber.. ich.. kann es nicht."
"Warum nicht?"
"Weil es zu erbärmlich ist!"
Und wieder lief Ameng weg.

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