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Vor einigen Nächten:
Als sie aus der alten Hütte trat, schneite es noch immer. Gerade war die Nacht herein gebrochen und doch lies der weiße Schnee die Wälder irgendwie hell erscheinen. Die dicken Schneeflocken hinterließen einen feinen Nebel in der Luft, die Sicht lies die winterkahlen Bäume und Sträucher nur erahnen. So erschienen in dieser Nacht selbst die Wälder geisterhaft und verwunschen…
Die junge Druidin hatte fast den ganzen Nachmittag in der Hütte bei dem Kranken verbracht. Sie hatte ihm zwar den Trank eingeflößt den sie in der Nacht zuvor mit Taran und Ben gebraut hatte, doch konnte die Macht der Druiden nicht jede Wunde heilen… Mascha sorgte sich um den alten Moosbauer, zwar war er stets etwas mürrisch und knurrte, doch trug er sein Herz am rechten Fleck. Es war nicht nur seine Lunge die vom eisigen Wind krank war, es war sein Herz das voller Trübsinn ihm die Lust nahm, gesund zu werden. Inzwischen vermutete sie, es hinge mit diesem seltsamen Geistwesen in den Wäldern zusammen. Zwar ging Herbert nicht selbst zum alten Friedhof, doch schien er die Frau gekannt zu haben, deren Seele dort keine Ruhe finden sollte. Offenbar hatte er Jahre nicht an sie gedacht, hatte gehofft sie sei dem Ruf der Wildnis gefolgt und lebe noch irgendwo in Faerun um die Wälder zu schützen. Als er erfuhr, das sie lange Zeit schon gestorben war, dass sie diese Wälder nie verlassen hatte, da kam all seine Trauer und Wehmut über ihn. Immer wieder versicherte der greise Mann Elid habe niemals den Wäldern schaden wollen, in dunkelsten Farben malte er sich aus, welches Leid sie fühlen müsste so zu wandeln. Nichts wünschte er sich mehr, als dass der Geist endlich vor den Richter geführt würde, damit sie Heim zu den Göttern kehren könnte.
Während sie so darüber nachdachte, folgte die junge Druidin einem unsichtbaren Pfad durch die Wälder. Blind hätte sie dem Weg folgen können, so oft war sie ihn schon gegangen...
Die Diener des Totenpriesters waren zwar längst mit der Geschichte um den Waldgeist betraut, doch wie an jedem Abend der letzten Tage zog es Mascha zum alten Friedhof um zu dem Geist zu gehen. Auch an diesem Abend war sie allein dort. Zwar hatte sie mit Bran und Ethlenn herausgefunden, dass der Einfluss des Geistes irgendwie weniger wurde, wenn einer der beiden dabei war- doch Bran hatte ihr verboten weiter am alten Friedhof um die Seele der Geisterfrau zu beten. Er war in Sorge, denn sie vergas dort die Zeit und musste schon ein paar Mal dort von ihm geholt werden. Ethlenn um Begleitung zu bitten, traute sie sich nicht so recht. Sie hatte bemerkt dass diese dunklen Gefühle und deren unvermeidbarer Ausdruck Ethlenn verunsicherten. Die Waldläuferin hatte ihr verkündet es sei Aufgabe des Rudels sich um den Geist zu kümmern. Zudem hatte Ethlenn und Bran genügend damit zu tun die Wälder wegen der Worgs zu durchstreifen und sie vor den Bestien zu schützen. Alles Gründe genug für die junge Druidin um wieder allein zum alten Friedhof zu gehen, ohnehin ahnte sie, die anderen würden sie von ihrem Vorhaben abhalten, es sogar verhindern wollen, wenn sie davon wüssten. Rithleen hatte sie gelehrt, dass es manchmal seltsam ist, über welche Pfade ein Druide wandelt und manchmal erscheint es zuerst unsinnig. Nicht immer muss der Sinn darin offenkundig sein, doch soll der Druide sich durch seinen Gott leiten lassen, so bleibt er auf dem richtigen Pfad.
Mascha hatte sich vorbereitet und war willens ihr Opfer zu bringen um dem Geist der Druidin eine Last zu nehmen und damit vielleicht auch dem alten Herbert zu helfen. Als sie am alten Friedhof war, suchte sie gleich den flachen Stein unter den Bäumen, den ihr Elid zuvor gezeigt hatte. Sie fühlte auch den Geist bereits um sich, doch hatte Mascha die Erdmutter um ihren Beistand gebeten und so blieb sie eine lange Zeit standhaft unter all den schrecklichen Gefühlen, die die Geisterfrau umgaben. Unter dem Schnee fand Mascha den Stein nicht gleich, doch nachdem sie sich auf Elid eingelassen hatte konnte sie sich von ihr führen lassen. Als sie ihn dann gefunden hatte, kehrte sie ihn von all dem Schnee frei und kniete sich auf ihren Umhang davor. Schließlich nahm sie aus ihrem Beutel eine Kräutermischung, die sie am Morgen, nach ihrem Gebet aus Weihrauch, Koriander, Fenchelwurzel und Bilsenkraut hergestellt hatte. Die zermahlenen Kräuter legte sie auf ein Bett aus Zunder, den sie auch mitgebracht hatte. Schließlich nahm sie zwei Feuersteine zur Hand und entzündete den Zunder unter den Kräutern. Während die Kräuter verbrannten und die Luft mit ihrem schweren Duft schwängerte, begann Mascha mit der Meditation. Sie zog sich in ihr Innerstes zurück und bemerkte nicht den eisigen Wind der immer wieder die brennenden Kräuter anblies, dass sie schnell herunter gebrannt waren. Sie bemerkte auch nicht wie ein kräftiger Windstoß die Asche in die Luft blies, so das nichts weiter auf dem Stein zurück blieb als eine dunkle Stelle auf einem einfachen Stein. Schnell suchten die dicken Schneeflocken den blanken Stein und verbargen ihn eilends wieder unter sich. Auch vor Mascha machten sie keinen Halt, so sah die zierliche Druidin bald aus als sei ihr eine weiße Decke übergeworfen worden. Plötzlich aber um wirbelte der Wind die kniende Druidin und ehe er mit einem Mal verschwand riss er Mascha einfach um und lies sie in den weißen Schnee stürzen. Doch auch das merkte sie nicht mehr...
…sie trat ein in eine Welt der scheinbaren Unendlichkeit und konnte nichts sehen außer Dunkelheit, nicht einmal die Hand vor ihren Augen. Auch wusste sie nicht ob ihre Augen geschlossen waren oder nicht, sie war sich nicht einmal mehr sich das sie Augen hatte. Bewegen konnte sie sich nicht mehr, ein innerer Schmerz aus Trauer, Leid und Hilflosigkeit lähmten sie. Ohnehin hätte sie nicht gewusst wohin sie gehen könnte, schließlich konnte sie nicht sehen wo sie war. Sie lauschte angestrengt in die Dunkelheit, doch konnte sie nichts hören. Es war um sie so still, das es schon in den Ohren weh tat. Wenn sie Ohren hatte. Gleich wollte sie danach tasten, sich ob der lauten Stille die Ohren zu halten, damit sie sie nicht mehr hören könnte…die quälende Stille. Doch da war nichts, das sich tasten lies. Mascha war sich nicht sicher ob sie keine Hände hatte oder ob sie einfach nichts betasten, nichts mehr fühlen konnte. Auch um sich herum griff sie ins nichts… Sie wollte sprechen um die Stille zu durchbrechen, vielleicht konnte sie so erfahren wie groß der Ort war, an dem sie war. Doch kein Wort war zu hören. Vielleicht lag es daran, dass sie keine Ohren hatte, vielleicht hatte sie aber auch gar keinen Mund. Wohlmöglich hatte sie niemals sprechen gelernt. Sie konnte sich daran nicht erinnern…Ohnehin fragte sie sich plötzlich, wer sie eigentlich war? Sie konnte sich nicht erinnern, ihre Heimat war doch immer schon das Nichts gewesen? Sie erinnerte sich einfach nicht mehr. Es gab irgendetwas wichtiges, das wusste sie, doch konnte sie sich nicht erinnern… Sie wusste nicht, was da war, dass sie nicht vergessen konnte, doch es blieb. Und es gab ihr etwas Geborgenheit, in der Unendlichkeit. Dunkelste Gefühle lasteten auf ihr, Trauer und Leid wie sie es nie zuvor erfahren hatte drohten sie ersticken zu lassen. Vielleicht hatte sie gar keine Nase, keine Lunge um zu atmen. Doch Schwermut umfing ihr Herz und sie wollte nur noch weinen und auch dies ging nicht, denn sie hatte längst vergessen dass sie einmal Augen gehabt hatte…
_________________ Lass die wilden Tiere in Ruh, keines tötet so wie du!" [Erich Fried] Miau!
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