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 Betreff des Beitrags: Es hat alles einen Sinn...
BeitragVerfasst: So 24. Nov 2013, 08:55 
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Sie war zurückgekehrt.

Wie lange war es her? Wochen, Monate, Jahre? Lange vor dem Sternenfall verließ sie das Land hier, folgte einem ungehörten Ruf. Irgendwohin. Wie so oft folgte sie den Spuren der Sippe. Doch dann waren es wieder die Geister, die Stimmen, die sie zurück in die Gegend von Rivin schickten. Sie ging nicht gern. Sie sträubte sich innerlich. Und doch folgte sie dem Ruf auch dieses Mal.



Es war eine grauer, stürmischer Tag. Wolken rasten in dunkler Formation über den Himmel, bauschten auf, zerrissen wieder. Sie hatte sich fest in ihren Umhang gehüllt, hielt ihn mit einer Hand unter dem Kinn geschlossen. Das Wasser an ihrer Seite toste ungebremst an den Strand und hinterließ eine Spur aus dunklem Schaum und Holz. Sie musste sich gegen den Wind ankämpfen, als sie der Küstenlinie folgt. Schritt um Schritt, stützte sie sich auf den Stecken. War es das? Der Weg hierher? Wenn selbst das Wetter sich gegen sie stemmte. Warum nur schickten die Ahnen sie? Warum nur musste sie dem Ruf folgen? Längst war ihr Rocksaum schlammgetränkt und nass. Schritt um Schritt. Die Seherin merkte nicht, wie lange sie schon unterwegs war. Zeit spielte keine Rolle für sie. Ihre Gedanken begleiteten sie, trugen sie mal in die Vergangenheit, mal in die Zukunft. Sie verließ das Land damals unter Schmerzen, und mit Schmerzen kam sie zurück. Sie…


Ein Husten? Ein Würgen? Sie muss sich getäuscht haben. Hier ist nichts. Außer dem Haufen Treibgut, den der Sturm an den Strand geworfen hat. Railanta wollte schon vorübergehen, senkte den Kopf wieder gegen den Wind. Und dann lief sie los: direkt darauf zu. Da lag doch jemand! Ein Mensch! Ein Mann! Halb verborgen unter Seetang und Treibholz, halb hinter dem Felsen. Seine langen Haare bedeckten sein Gesicht wie der Tang, der um ihn herumlag. Leichenblass. Blutig. Mehr tot als Lebendig. Schäumendes Wasser griff mit weißen Fingern nach ihm, wollte ihn zurückziehen und nicht hergeben. Es griff auch nach ihr, zerrte am Umhang und am Rocksaum, als sie sich mühte, ihn zu bergen. Er war so schwer in seiner Rüstung! Sie hob ihren Kopf, die Kapuze des Umhangs längst herabgefallen, suchte nach Hilfe in der Dunkelheit. Aber es gab keine. Der Strand war menschenleer um diese Zeit, so weit ab von der nächsten Ortschaft. Also musste es allein schaffen: Keuchend, ächzend und doch unnachgiebig stemmte sie ihre Füße in den weichen Sand und zerrte ihn hinauf. Das Meer würde ihn nicht bekommen – jedenfalls nicht heute, nicht an diesem Tag.

Sie war dem Ruf gefolgt. „Es hat einen Sinn“, dachte sie, als sie ihn betrachtete. Dann tat sie, was getan werden musste, um seine Lebensgeister zu wecken. Es hatte immer einen Sinn…
Der Abend nahte. Das Grau wurde bleiern, kündete von der baldigen Nacht. Es war der Tag, an dem sie ihn nach Rivin stützte und schleppte. Es war nicht mehr „das“ Rivin. Alles war anders. Alles war neu.

Railanta war zurück.

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'Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche; sie ist Kühnheit und Erfindung' ~ Eugène Ionesco


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 Betreff des Beitrags: Re: Es hat alles einen Sinn...
BeitragVerfasst: Mo 25. Nov 2013, 17:22 
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Der Traumfänger


Langsam verebbte der Lärm auf den Strassen und Ruhe kehrte ein. Die Leute gingen – müde und erschöpft vom Tagwerk – zu Bett, nach und nach erloschen auch die Kerzen in den Fenstern. Aber nicht überall.

Aus den Ritzen der Fensterläden von Railantas Wagen schimmerte Lichtschein.
Das Wachs rann an den dicken Kerzen herab, die sie in der Mitte des Tisches aufgebaut hatte, eine davon, goldgelb, verbreitete den Duft nach Honig: eine kostbare Bienenwachskerze ist entzündet worden. Ein angenehmer Geruch, denn es galt ja, etwas Angenehmes zu weben.

Eine geschmeidige Weidenrute wand sie zum Kreis, und umwickelte diesen mit sorgsam geglättetem Bast. Die Schamanin sprach kein einziges Wort dabei, als sie in diesen Kreis Netze knüpfte: mal nur mit den Finger, mal mit einer Nadel die Fäden verband und mal hier eine hübsche Feder hineingab, dort den getrockneten Blütenstand von Mädesüß, oder auch einige Perlen in bestimmter Konstellation. Oben in den Kreis knüpfte sie zwei Locken seidigen Haares, eines gehalten mit einem Braunen Band, worauf ein Name stand, ein anderes gehalten von einem grünen Band, ebenso mit einem Namen versehen. Unten am Kreis, zum Beschweren, band sie zwei kleine geschnitzte Tiere: ein kleines Pony mit Mähne aus Haar, und eine kleine bemalte Kuh.

Sie ließ sich viel Zeit damit. Draußen dämmerte schon der Morgen, als sie die letzten Federn hineingab. Sie öffnete die Fensterläden und klare kühle Morgenluft strömte herein. Das Licht wetteiferte mit den letzten Flammen, die gleich verlöschen würden. Gleich war es soweit: die ersten Sonnenstrahlen sollten auf den Traumfänger treffen und so hielt sie ihn hoch über ihren Kopf. Ihre Stimme klang rauh bei den ersten Worten nach vielen Stunden:

„Die finsteren Träume, gefangen im Netz,
vergehen im Licht der Sonne.
Drego, Drogo und Bredo – der Weg ist bereit.
Ihr werdet erwartet in ihren Träumen.“

Beim Nennen der Namen berührte sie die Haare in der entsprechenden Reihenfolge – dann verharrte sie eine Weile regungslos, bis ein leichter Windstoß sie streifte. Da wusste sie: es war getan.

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 Betreff des Beitrags: Re: Es hat alles einen Sinn...
BeitragVerfasst: Mo 23. Dez 2013, 18:14 
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Wintersonnenwende

Sie beobachtete. Sonnenaufgang, Sonnenuntergang. Es war soweit: der kürzeste Tag nahte. Und die längste, dunkelste Nacht. Mutternacht, wie man auch sagte. Die Nacht, in der ein neuer Zyklus erwachen sollte.

Schon früh begann sie Reisigbündel zu binden. Noch vor dem ersten Mahl musste es geschehen. Noch ehe die Sonne zu steigen anfing. Die Hände waren kalt vom scharfen Wind und wurden rissig vom rauhen Holz, doch sie tat, was getan werden musste. Sie hatte Hilfe dabei und der Haufen an Bündeln wuchs.

Railanta hatte dieses Ritual oft begangen: allein, mit der Sippe, mit anderen. Es zählte nicht, wer dabei war: es zählte, das man es tat, so wie es von altersher gesagt wurde. Sie spürte die Gegenwart der Ahnen, sie spürte Wohlwollen und finstere Aura gleichermaßen. Geister, die es zu ehren galt, und andere, die man besänftigen musste. Wie würde es heute sein, an diesem Tag? Würde sie diese Nacht allein begehen? oder würden sie kommen - zur Gur?

Jeder Handgriff hatte Bedeutung, jedes Tun folgte altem Wissen. Die Wünsche und Sorgen, die Bitten und das Ungesagte: heute sollte das Feuer groß genug werden, um alles den Flammen zu überantworten und vom Feuer und dem Rauch hinauftragen zu lassen.

Die Sonne sank allmählich. Sie öffnete Tonkrüge mit selbstgebrautem Met und befüllte den dunklen, verbeulten Kessel damit. So süß, so schwer - wie flüssiges Gold schimmerte der Wein und sie gab Gewürze hinzu, die ihn veredeln sollte und anschliessend - nach der Feier - für inwendige Wärme sorgen sollte. Auch das spezielle Brot, hell, weich, mit Nüssen und Rosinen, hatte sie bereit. Niemand sollte sagen können, sie hätte nicht an alles gedacht.

Und die Nacht brach herein: die Illusion von Wärme, die die letzten Sonnenstrahlen noch brachten, schwand, kalter, weisser Atem stand vor dem Gesicht. Und dann - sie lächelte: Sie kamen. Erst zögerlich, dann immer mehr. Nein, dieses Jahr feierte sie die Sonnenwende nicht allein.

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Mit Fackeln zogen sie hinauf und ein jeder nahm eines der vorbereiteten Reisigbündel, um damit das Feuer zu nähren. In die Bündel gaben sie ihre persönlichen kleinen Zettel, von denen niemand wusste, was darauf stand - und bald schon loderte es hell und heller und vertrieb die Dunkelheit der Nacht.

Sie war zufrieden.

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 Betreff des Beitrags: Re: Es hat alles einen Sinn...
BeitragVerfasst: So 19. Jan 2014, 20:58 
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Es wurde Zeit. Eine windstille Nacht brach an, noch zeigten sich keine Sterne, kein Mond. Die Schamanin hatte in der letzten Stunde Holz aufgeschichtet für ein Feuer: nicht groß, aber jedes Scheit, welches sie legte, jeder Zweig, den sie dazwischen steckte - alles schien an einen dafür vorgesehen Ort zu kommen. Ihr Kopf und ihre Schultern waren mit einem dunkel-wollenen Tuch bedeckt. Ein Besucher, der von Ferne die Szenerie beobachtet, würde die gebeugte Frau, die ein Kreisrund abschritt und dabei feinen hellen Staub zu einem Kreis rieseln lies, für ein altes Weib halten. Aber sie hatte eine Stelle gewählt, wo kein Beobachter sie stören würde.

Der Schutzkreis war gezogen.
Das Feuer war entzündet und reckte mit blakenden Zungen gen des Nachthimmels.

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Nebeneinander ordnete sie auf einem Holzscheit mehrere Dinge an: Blutegel. Ein Kleiner Klumpen Harz. Ein Fingerknöchelchen. Eine Unze goldenen Met. Ein Kräuterbüschel, welches sie in eine kleine Schale tauchte, die mit einer roten Flüssigkeit gefüllt war.

Von Ferne rief ein Käuzchen. Es klang so dumpf, so leer, so einsam. Irgendwo raschelte es: ein Dachs womöglich, der sich nicht stören lies.
Railanta wartete noch eine kleine Weile – dann griff sie zu den rötlich-trockenen Pilzen, brach sich ein fingernagelgroßes Stück aus dem Hut und kaute es.

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Schmeckte es bitter? Es war egal. Es musste sein. Sie spürte, wie ihr Geist sich weitete, als die Wirkung des Pilzes einsetzte. Sie spürte keine Kälte mehr, keine Nachtluft – und dann war es so weit: Sie entledigte sich des Tuches, breitete Arme aus und intonierte ihre rituellen Gesänge. Nur wenig bedeckte das Ritualkleid von ihrem schlanken Leib. Die rabenschwarzen Haare waren gelöst und fielen wie eine dunkle Flut über ihren Rücken.

Mit dem Kräuterbüschel sprengte sie roten Wein und rotes Blut in die lodernden Flammen und rief die Götter an. Gabe um Gabe landete im Feuer und jedesmal schienen die Feuerzungen nach mehr zu gieren. Sie tanzte um das Feuer – jeder Schritt bedeutsam, jedes Gestikulieren voller Tragweite: Sie tanzte aus zwei Gründen: um die Götter zu erfreuen, um die Geister zu rufen. Und um ihren Geist leer zu machen, denn sie wollte sehen.

Allmählich schienen die Sterne vom Firmament aus zusehen, auch der Mond stieg rund und voll über die Wipfel der Tannen, die die kleine Lichtung umstanden. Das Feuer knisterte und war Untermalung für ihr Tun. Rhythmischer stampften die bloßen Füße auf den kalten Waldboden – sie spürte die Kälte nicht. Glutfunken stoben auf und brannten auf ihrer Haut – sie spürte die Hitze nicht. Sie war in Trance. Abrupt blieb sie stehen, wie eine dunkle Statue stand sie in der Nacht. Die Augen waren blicklos in die Flammen gerichtet. Nur ihr Geist rief die Geister, die sie immer umgaben. Sie sprach mit ihnen ohne ein Wort zu verlieren. Die Ahnen konnten helfen. Sie sahen alles, sie waren überall.
Railanta wollte sehen. Sehen, welches Unheil über Greifenstein lag. Wo lag die Ursache für Siechtum, für Furcht? Was sah sie? Den unheilvollen Schatten? Die Stunden gingen dahin.


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Als sie erwachte, spannen dünne Rauchfäden aus der erloschenen Glut in den fahlen Morgenhimmel. Railanta war nass vom Tau, ihr Gesicht halb auf ihrem Arm, halb im Moos gelagert. Sie ächzte. Dieser Schwindel nach dem Aufwachen! Diese Kälte ! Sie musste zurück.

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 Betreff des Beitrags: Re: Es hat alles einen Sinn...
BeitragVerfasst: Fr 14. Feb 2014, 18:22 
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Körperzeichnung


Railanta schmunzelte vor sich, als sie Werkzeuge bereitlegte, die sie gleich brauchen würde. Eine Tätowierung sollte es werden. Ein Löwenkopf - ein anspruchsvolles Motiv, aber sie hatte Zeichnungen dazu gefertigt, damit er es vorher aussuchen konnte. Immerhin würde er es für den Rest seines Lebens über dem Herzen tragen.

Sie stellte das kleine Fässchen mit der tiefschwarzen Tinte vor sich, gewonnen aus Kermesbeeren. Daneben kam das kleine Schälchen mit Holzasche. Und zwei dünne "Stifte", nur dass sie keine Miene hatten, sondern jeweils einige ganz feine Metallnadeln, die sorgsam mit Seidenfäden daran befestigt waren. Auch lag der spitz zugefeilte Knochen eines Vogels bereit. Spitz genug, um eine Hautschicht zu durchdringen.


Sie wusch sich ihre Hände. Wenn sie die Hautstelle mit Essigwasser abgerieben hätte, würde sie die Zeichnung vorzeichnen und dann... hieß es, die Zähne zusammenzubeissen. Aber es würde schon gehen, andere hatten es auch überstanden.

Mit einem letzten Blick prüfte sie, ob alles bereit war, auch zum Behandeln hinterher. Ja. War es. Nun konnte der Kunde kommen. Und später mit der Zeichnung des Löwenkopfes wieder gehen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Es hat alles einen Sinn...
BeitragVerfasst: So 23. Feb 2014, 10:22 
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Die helle Mittagssonne fiel durch die geöffneten Fensterläden des Wagens. Die Tage wurden schon länger, die Sonne kräftiger, die Natur wagte ein ganz langsames Erwachen aus dem Winterschlaf.

Railanta räumte in ihrem Wagen herum und schuf Platz. Die Stühle räumte sie auf eine Seite des Tisches, sie richtete den Teppich, schüttelte Kissen. Das Ganze tat sie genauso konzentriert, als richte sie ein Ritual aus. Es sollte schön werden.

In ihren Gedanken sprudelte es. Sie war verwirrt. Andere Welten, die sie betreten musste, ohne zu wissen, wie. Gepflogenheiten, Reden. Es war ein Wandern von Fettnapf zu Fettnapf. War es das wert? Es war nicht ihre Welt. Ihre Welt war draußen, sie ist keine Diplomatin, aber….

Sie hielt eines der dicken Kissen vor ihren Bauch und schloß die Augen. Und da war es wieder. War er wieder: Der Rausch des Momentes. Sie spürte nicht mehr die Sonne auf ihren Zügen – sie spürte ihre Nacht. Sie hörte nicht das Rufen der Vögel draußen – sie hörte Raunen, Schreien, Stöhnen. Sie roch nicht die Kräuter des Wagens – sie roch Blut. Schwarzer Schnee über allem. Oder war es gar kein Schnee? War es eine dunkle Scholle Eis auf einem Ozean ohne Ufer?
Der Weg war sonst immer so klar. Was zeigten ihr die Ahnen auf? Es war richtig – sie war am richtigen Ort. Nirgends sonst konnte sie sein. Es war alles richtig. Sie fühlte es im Herzen. Und doch war der Grat des Wanderns so schmal, führte nur in eine Richtung.

Sie würde ihn gehen. Weil sie es wollte. Und ja: er war es wert.

Da erst merkte sie, dass sie noch immer stand mit ihrem Kissen und sie schalt sich selber Närrin. Mit einem Schmunzeln gab sie diesem Exemplar einen besonders exponierten Platz.

Sie hatte nicht gemerkt, wie lange sie so stand, und das die Sonne längst weitergezogen war. Frisch war es nun wirklich im Wagen! Also auf, es gab noch einiges zu Tun, ehe es Abend wurde. Vor allem musste der Ofen angeheizt werden.

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 Betreff des Beitrags: Re: Es hat alles einen Sinn...
BeitragVerfasst: Sa 15. Mär 2014, 11:30 
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Damals - ein Rückblick

Sie betrachtete das scharfe Messer mit der kleinen Klinge - ihren Ritualdolch. Getrocknetes Blut in den feinen Gravuren kündete vom letzten Einsatz. Ihre Gedanken gingen zurück....

.... zu längst vergangener Zeit. Eine Wagenburg rund um ein hochaufgetürmtes Lagerfeuer. Kinder, die lauthals johlend sich balgten. Einer der Männer trat beständig auf ein Pedal und trieb den schweren Schleifstein an, neben sich hatte er Messer, Schwerter und Axtklingen liegen. Frauen in bunten Röcken, die sie praktischerweise mit dem Saum in den Gürtel gesteckt hatten, schleppten Kessel und Teppichrollen. Auf einem zwischen zwei Bäumen gespanntem Seil übte ein junges Mädchen den Seillauf mit einer langen Stange in den Händen. Es war ein schwüler Sommertag: Man konnte die drückende Luft greifen wie einen zähen Teig. Fliegen surrten über dem toten Schwein, das bald schon zu einem Spiessbraten werden sollte.

Railanta stand in einem der Wagen in der Tür und nahm dieses Bild in sich auf. Zigeuner. Feste Regeln innerhalb der Sippe - aber im Grundgedanken waren sie alle frei: niemandes Knecht und niemandes Herr. Sie beneidete die Leichtigkeit derer, die sie sah. Sie hatten ihr Tagwerk, sie sahen den Erfolg ihres Tuns. Sie aber....

"Railanta, träum nicht", die zittrige Stimme der Alten rief sie zurück. Suhlte deutete mit ihrem knochigen Finger auf eine kleine Kiste. "Bring sie mir und setz dich. Ich habe nicht mehr viel Zeit und du musst noch so viel lernen."

Natürlich tat Rai, was sie sollte. Dazu war sie schliesslich hier. Die anderen machten zuweilen einen Bogen um sie, sie war ihnen nicht immer ganz geheuer. Aber sie wussten ihre Talente zu schätzen. Und niemand - niemand! - würde sie des Lagers verweisen. Dafür fürchtete man sie viel zu sehr.

Die Schatulle öffnete sich nur widerstrebend. Das Scharnier war rostig und schon lange nicht mehr geöffnet. Es roch muffig. und das war kein Wunder: Suhlte breitete ihre Schätze aus - Runensteine, nein, nicht die gewöhnlichen für die Kunden, diese hier waren aus Knochen, genauer gesagt war jede Rune auf einem Fingerglied eines menschlichen Fingers. 24 Stück, schon gelblich vom Alter. Zusammengezwirbeltes Haar lag dabei, alte Strähnen, die schon fast zerbröselten. Harzklumpen - Drachentränen nannte sie sie. Und dann der Grund des Geruchs: getrocknete Pilzkappen, die aussahen wie kleine dunkle verschrumpelte Kiesel. Auf dem Grund der Schatulle fanden sich drei schwarze Kerzen, sie waren schon angezündet, also sicher schon verwendet worden. Und dann erklärte die Alte.... jedes Teil und jede Verwendung.

Railanta lauschte jedem einzelnen Wort der Alten Schamanin. "Zeige ihnen nicht immer, was du wirklich kannst. Sie verstehen uns nicht. Bleibe im Verborgenen, und zeige nur dein lachendes Gesicht." Die alte, welke Hand tätschelte die der jungen Frau. Diese zuckte nicht, auch wenn die frischen Tätowierungen auf dem Handrücken bei der Berührung schmerzten. Doch der Alten blieb es nicht verborgen. "Ja, ja, manchen Schmerz muss man aushalten. Du hast die Zeichnungen bekommen - du bist jetzt eine von uns. Von den Weisen Frauen"

Das Herz von Railanta begann schneller zu schlagen. Wie das klang! Eine von uns! Zugehörig zu sein! Sie war zwar Sippe, aber zugehörig? nein, das war sie nie. Man schätzte vielleicht ihr Lachen, ihren Tanz, die Männer sahen sie gern an, aber letztlich fehlte ihr das, was andere zu haben schienen: Einen Anker. Ein "Heim", etwas, jemanden, wo sie hingehörte. Und Suhltes Worte klangen so warm! Auch wenn Rai in sich spürte, dass sie nicht alles umschlossen.

"Meine Zeit kommt bald. Du weißt jetzt alles was ich weiß. Den Rest werden dir die Geister sagen und die, die lange vor mir waren." Damit zog sie an einer ledernen Schnur, die sie um den Hals trug. Rai dachte, eine Kette würde zum Vorschein kommen, aber es war eine Messerscheide, die die Alte zwischen ihren welken Brüsten gehütet hatte. Der kleine Dolch war körperwarm und dadurch wie von Leben erfüllt.

"Das Kostbarste, was ich habe: Der Dolch der Rituale. Geschaffen, um Blut zu trinken. Um Leben zu nehmen oder um zu besiegeln. Hüte ihn! Ein Schwur, durch ihn vollendet, gilt auf Lebenszeit!"

.... Railanta fuhr über das getrocknete Blut. Ja, ein Schwur um zu vollenden, was vor so langer Zeit begann! Sie konnte schaffen und zerstören. Die Geister, die Schatten, die Ahnen – sie würden Zeuge sein durch den Dolch. Sie erkannte die wahre Macht darin und lächelte - und es war ihr, als ob die alte Suhlte leise kicherte. "Du hast es erkannt. Ich wusste es. Wir haben uns nicht in dir getäuscht! Erfülle uns mit Stolz, Tochter“ Und dann war wieder Stille.

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 Betreff des Beitrags: Re: Es hat alles einen Sinn...
BeitragVerfasst: Di 8. Apr 2014, 10:36 
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Die Suche nach Antworten

Railanta war sehr nachdenklich. Sie wurde um Rat gefragt und der Frager? Er schien nicht mehr völlig Herr seiner Sinne war, wie eine gespaltene Person, die eins werden will. Doch womit? Es klang, als sei er "allein" und nur sein geistiger Bruder könne ihm zur Einheit verhelfen. Was war es? Wonach suchte er, was trieb ihn um?

Rai wappnete sich: sie sperrte sich in ihren Wagen ein, und legte kleine Räucherkohlen auf ein Sieb, welches sie über eine Kerzenflamme stellte: der Rauch von Beifuss und Eisenkraut sollten dafür sorgen, dass sich ihr Geist für Visionen öffnete und für Botschaften aus der Anderswelt. Salbei würde helfen, ihre Konzentration zu halten.

Ein Schutzamulett wand sich um ihre Stirn, so dass es direkt die STelle zwischen ihren Brauen berührte, ein weiteres legte sie um den Hals. Die metallenen Armreifen nahm sie ab, wickelte hier eine mit Knoten versehende Lederschnur um jedes Handgelenk. Da alles tat sie sehr bedacht und mit rituellen Gesängen unterlegt.

Sie setzte sich im Schneidersitz auf den Boden, in der Rechte eine Rassel, die mit seltsamen Zeichen bemalt war. Ganz leichtes Schütteln aus dem Handgelenk, rhythmisch wie ein Klopfen - und die getrockneten Samen darin liessen die Rassen erklingen.
Sie atmete tief - und ihr Blick legte sich leer auf die Kerzenflamme unter der Räucherschale. Der Rauch füllte den Wagen und ihre Lungen, einen ungeübten Anwender würde er benebeln, aber sie war nicht ungeübt. Ihr starker Wille konzentrierte sich auf die Fragen, die sie stellen wollte.


Sie hatte kein Zeitgefühl. Ihr Oberkörper wiegte sich zum monotonen Klang ihrer Rassel vor und zurück. Ihre Augen waren blicklos. Ihre Lippen bewegten sich ohne einen Laut.

Stunden vergingen - oder Tage? Minuten? - irgendwann würde sie sich wohl auf dem Boden liegend wiederfinden, die Kerze erloschen, der Rauch nur noch ein schwacher Duft im Wagen.

Ob sie ihre Antworten gefunden hat?

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