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Nachdenklich strich Kaylon über sein bärtiges Kinn, während er über der selbst gezeichneten Karte brütete. Es war eine sehr schlichte Karte die eine Stelle im Sumpf markierte. Er wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis sie alle dort hin gehen mussten. Deshalb versuchte er sich so genau wie möglich an das Umfeld von einst zu erinnern und hoffte, dass sich nicht allzu viel verändert hatte.
Ein zaghaftes Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken. Er legte die Karte umgedreht auf ein paar der anderen Papiere, die den Holztisch bedeckten. Dann erhob er sich und trat zur Türe um sie im nächsten Augenblick zu öffnen.
Seine Schwester stand vor der Türe.
Elona hatte ihre Haare zu einem zweckmäßigen Zopf zurück gebunden und trug ein langes, grün-bläuliches Kleid. Eine einzelne, lange Strähne ihres roten Haares fiel ihr über die Stirn, als sie ihm vorsichtig entgegen lächelte.
Mit einem erfreuten Lächeln nahm Kaylon sie in seine Arme und bat sie im Anschluss hinein. Das Zimmer im Frankys war nicht sonderlich groß, doch hatte es alles was man brauchte. Dazu noch einen großen Tisch mit vier Stühlen.
„Es ist schön dich zu sehen Elona, es ist schon länger her, nicht wahr?“
Bemerkte Kaylon als er die Türe hinter ihr schloss.
Sie nickte stumm und nahm an dem großen Tisch Platz. Ihre Wortkargheit ihm gegenüber zeigte Kaylon nur erneut, dass sie sich verändert hatte. Doch er wollte es nicht erwähnen, denn wieso dies geschehen war, wurde ihm längst erklärt.
„Möchtest du etwas trinken?“
Fragte er sie freundlich. Als sie den Kopf schüttelte setzte er sich ihr gegenüber an den Tisch.
„Wie geht es dir?“
Sie schmunzelte flüchtig.
„Gut.“
Als er erneut ansetzte etwas zu sagen, war sie jedoch schneller. Sie empfand sein Verhalten als höflich, nicht aber vertraut. Es war wie eine durchsichtige Wand, die sie beide nun voneinander trennte. Dabei spielte nicht nur ihre Veränderung eine Rolle, sondern auch seine.
„Kaylon ich bin hier um … dich um etwas zu bitten.“
Er lächelte ihr zögernd entgegen.
„Um was handelt es sich?“
Sie musterte ihn aufmerksam, denn sie hatte bereits eine Ahnung wie er gleich reagieren würde – dennoch wollte sie es versuchen.
„Ich möchte dich bitten den Teufel nicht zu vernichten.“
Kaylons’ Lächeln verschwand und er sah sie aus ernsten Augen an. Prüfend betrachtete er ihre ausdruckslose Miene.
„Elona, ich kann verstehen, wenn du ihn selbst zurück in die Hölle schicken willst, aber-“
„Nein, darum geht es nicht!“ Fiel sie ihm ins Wort.
„Hör’ mir nun gut zu.“ Sprach sie ebenso ernst, wie sein Blick war.
„Es hat keinen Sinn ihn zu vernichten. Du meinst vielleicht, dass du, wenn du ihn vernichtest das Böse vernichtest – aber das ist falsch.“
Seine Gesichtszüge verhärteten sich.
„Es ist nicht der Teufel gewesen, der mir das antat Kaylon. Es waren die Menschen! Eine Frau aus Eifersucht und ein Mann aus Machtgier. Der Teufel verführt sie nur um uns zu zeigen wie falsch wir Menschen sind, die ausführende Gewalt sind wir! Die Menschen fügen sich gegenseitig Leid zu, er gibt nur die Anregungen, doch wir gehen darauf ein. Es ist unsere eigene Schuld.“
Sie atmete tief ein, er lehnte sich nun auf seinen Stuhl zurück. Sein Blick war inzwischen misstrauisch geworden.
„Wie heißen unsere Eltern?“
Sie blinzelte ihm überrascht entgegen.
„Karson und Elena Rydrien…“
„Wie hieß mein bester Freund Zuhause?“
„Selparus!“ Sie legte ihre Stirn in Falten. „Was sollen diese Fragen? Ich bin deine Schwester!“
Er seufzte schwerfällig.
„Du wirkst aber nicht wie meine Schwester.“ Er beugte sich nun vor und blickte ihr mit allem Verständnis entgegen, dass er aufbringen konnte.
„Ich weiß, dieser Teufel hat dir furchtbare Dinge angetan. Ich verstehe, wenn du nun versuchst dir das ganze zu erklären, einen Schuldigen zu finden, den du besiegen kannst… und selbst wenn es stimmt was du sagst…“ Er hob einhaltend seine linke Hand, denn sie schien bereits wieder etwas sagen zu wollen.
„…selbst wenn Menschen Schuld daran sind. Meinst du der Teufel wurde zu dem was er ist durch Zufall? Er ist ein Mörder und Sadist. Er hat schlimmeres als all diese Menschen getan um ein Baatezu zu werden! Es ist nicht so leicht wie du dir glauben machen willst. Er wurde zu dem Bösen und nun versucht er andere ebenfalls dazu zu machen. Ich weiß, die Menschen sind schwach, aber deshalb müssen wir sie vor sich selbst beschützen. Außerdem gehört der Teufel nicht hierhin, er ist ein Eindringling. Ich will nicht, dass meine Tochter in einer Welt aufwächst, in der jederzeit ein Teufel lauert der seine Diener auf sie hetzen könnte und deshalb werden wir den Teufel vernichten!“
Sie legte enttäuscht ihre Hände übereinander auf ihren Schoß. Ihre Augen bekamen einen traurig melancholischen Ausdruck und senkten sich auf die Tischplatte. Doch keine einzige Träne kam über ihre Wange. Verletztes Schweigen legte sich über sie wie ein dunkler Schleider.
Dieses ungewohnte Verhalten Elonas’ brachte Kaylons’ Argumentation mit zerschmetterndem Erfolg zum stoppen. Er war gewöhnt, dass sie nun aufsprang und ihren Standpunkt mit einer lauten Rechtfertigung unterstrich und ihrem Unmut freien Lauf ließ. Er spürte wie nie zuvor die tiefe Veränderung in ihr, den Schmerz der sie umgab und es erinnerte ihn an all’ die erschreckenden Veränderungen die er in der letzten Zeit erleben musste. Kaylon schloss seine Augen. Er sah wieder den Abend am Tag zuvor. An diesem Abend war ihm bewusst geworden, dass sein Leben sich ausschlaggebend verändert hatte.
Als die Taverne eröffnet wurde hatte er entschlossen, trotz seiner Verachtung gegenüber Lucian Grave, dorthin zu gehen. Es war eine willkommene Abwechslung und er hatte schon lange nicht mehr mit seinen Freunden feiern können. Er hatte vor Spaß zu haben, dem Armdrücken zuzuschauen und, wenn er genug getrunken hatte, selbst daran Teil zunehmen. Später wenn die tiefe Nacht eingebrochen war und der Alkohol seine bekannte Wirkung entfaltete, wäre der Abend mit einer gelungenen Schlägerei ausgeklungen – genügend Personen die er nicht mochte waren schließlich vorhanden gewesen. Danach wäre er zurück ins Frankys getaumelt und hätte versucht sich leise ins Zimmer zu schleichen um Natalie nicht zu wecken und sich seine Trunkenheit, sowie Angeschlagenheit durch die Prügelei, nicht anmerken zu lassen. Natürlich hätte sie ihn bemerkt. Doch erst wenn er neben ihr gelegen hätte, wäre ihr ein spitzer, doch liebevoller, Kommentar über die Lippen gehuscht. Er wäre mit ihr im Arm eingeschlafen, der Abend wäre beinahe perfekt gewesen.
Die Wirklichkeit jedoch sah anders aus. Als Korporal Janus mit den anderen Gardisten die Taverne betreten hatte um Leomar zur Zeugenaussage abzuholen, war Kaylon schlagartig bewusst geworden, dass er sich nicht betrinken konnte. Es hatte ihn an seine Aufgaben erinnert und daran, dass er sich nun vorbildlich und ernster benehmen musste. Sein Verhalten könnte sonst auf Lord Starken zurück fallen oder ihm Verantwortungslosigkeit unterstellen können. Ganz zu Schweige davon, dass es noch viel zutun gab und er sich einen solchen Abend der vollkommenen Ruhe nicht gönnen durfte. Die Getränke schmeckten nur noch schal und unbefriedigend, die Lust zu feiern war verklungen.
Seufzend öffnete er wieder die Augen und betrachtete Elona, die noch immer nichts gesagt hatte. Ihre Traurigkeit versetzte ihm einen Stich, denn schließlich war es auch seine Schuld, dass sie für den Teufel von Interesse geworden war.
„Weißt du Kaylon, ich habe Mitleid mit ihm.“ Elona hatte die Stille durchbrochen und das Wort zaghaft ergriffen.
„All’ jene die zu so etwas werden oder die böse Taten vollbringen, tun dies doch nur, weil sie nicht wissen, was sie sonst tun sollen. Ihnen fehlt die Möglichkeit auf anderem Weg zu Ansehen, Ruhm oder Bewunderung zu gelangen. Sie wollen Aufmerksamkeit, aber auch Freundschaft, Liebe. Verwehrt man ihnen dies werden sie zu etwas Furchtbarem um sich diese Anerkennung gewaltsam zu holen oder sich zu rächen.“
Sie hob ihren Blick zu ihm an.
„Vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit. Ich habe noch nie darüber weiter nachgedacht, aber vielleicht kann man ihn heilen – ihn von seinem Teufelsdasein befreien.“
Kaylon schüttelte mit erhobenen Brauen den Kopf.
„Das ist unmöglich Elona. Mach’ dir nichts vor. Jedoch ist es möglich ihn zu vernichten und das werden wir tun, nichts anderes.“
Nun verzog sie ihre Lippen zu einem spöttelnden Lächeln. Diese Wandlung war so schnell und unerwartet, dass Kaylon für einen kurzen Augenblick dachte jemand anderes würde vor ihm sitzen.
„Und wie lange? Bis der nächste ihn beschwört oder 100 Jahre vergangen sind? Kümmern sich dann die nächsten ‚Helden’ um ihn? Das kann doch keine Lösung sein.“
Ihr Ton machte ihn zornig, wie konnte sie sich nur lustig über ihn machen? Sie alle taten ihr Möglichstes, war es etwa ihre Schuld, dass eine Reise nach Baator gleich zu setzen mit Selbstmord war?
„Du verstehst davon nichts, überlasse es einfach mir. Du hast schon genug durch ihn leiden müssen und deshalb akzeptiere ich deine Verwirrtheit. Aber nun ist genug davon, halte dich einfach fern von dem Ganzen und warte bis wir es erledigt haben.“
Mit einem sarkastischen Lächeln erhob sie sich.
„Bis ihr es erledigt habt? Ich verstehe weitaus mehr als du und viele andere meinen! Dann gehst du nun eben deinen Weg und ich den meinen – es ist in Ordnung Kaylon.“
Sie trat zur Türe, während er sich ebenfalls erhob und ihr mit gemischten Gefühlen nachsah.
„Elona ich wollte dich nicht kränken, aber es gibt gegen den Teufel nur einen Weg.“
Dann machte er schnell zwei Schritte vor um sie an ihrem linken Oberarm fest zu halten.
„Doch bevor du gehst, nenne mir noch die Namen jener, wegen denen du in der … Hölle warst.“
Sie schaute über ihre Schulter, dann jedoch löste sie sich von seinem Griff und öffnete die Türe.
„Ich kenne ihre Namen nicht.“ War alles was sie ihm erwiderte, ehe sie durch die Türe gegangen war. Sie hatte sich nicht nochmals umgedreht.
Es war das erste mal, dass sie ihn verlassen hatte.
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