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Nesmil hatte ein Problem. Das heißt, eigentlich hatte sie sogar sehr viele Probleme. Etwa ihre Minderwertigkeitskomplexe. Sie war klein, mager, hässlich und ungeschickt. Alle anderen waren stärker, geschickter und schöner als sie. Das gestand sie sich zwar nicht wo wirklich offen ein, aber sie wusste es. Sie war hässlich, alle anderen waren schön. Vor allem andere Frauen waren immer hübscher als sie. Das mochte auch daran liegen, dass Nesmil nicht so viel Zeit mit Körperpflege verbrachte. Nicht, dass sie unreinlich wäre. Doch sie verwendete keine Zeit damit etwas zu tun, was ohnehin nicht konnte - und auch nicht brauchte! - nämlich sich zu schminken.
Auch unterließ sie es sich zu parfümieren oder ihre Haut mit unzähligen Feuchtigkeitsmitteln einzufetten, so dass diese rauh und spröde war. Ihre Haare schnitt sie sich aus alter Gewohnheit selbst immer so kurz wie möglich, was oft sehr merkwürdig aussah. Aber wenn die Haare so kurz waren musste sie sich wenigstens nicht so lange in der Früh kämmen. Was sie meistens sowieso nicht tat. Weil sie nicht mal das konnte. Es aber auch nicht brauchte!
Ganz im Gegensatz zu Elona. Elona hatte alles. Wunderschöne, gepflegte Haare und zarte wie auch sanfte Haut. Viele tolle Kleider. Einen begehbaren Kleiderschrank. Ansehen, Titel, Respekt und Reichtum. Und sie konnte sich schminken, wenn sie wollte. Das konnte sie gut. Gerade soviel um natürlich zu wirken und nicht aufdringlich. Konnte ihre Haare in Geltung bringen und souverän auftreten. Ihre Mimik, ihre Gestik und ihre Selbstkontrolle. Elona war perfekt, sie hatte alles und sie konnte alles haben.
Nesmil hatte nichts. Deshalb beachtete sie auch keiner. Sie hatte nichts und sie war hässlich. Keiner schenkte ihr Aufmerksamkeit, keiner sah zu ihr. Höchstens um Witze darüber zu machen, wie hässlich und ungeschickt sie ist. Keiner schenkte ihr Aufmerksamkeit. Nicht einmal ihre Schwester Sevaera tat das noch. Keiner.. außer Elona. Der Gedanke erfüllte Nesmil immer mit großem Stolz. Die Prinzessin, die Königin der Welt, die alles hatte schenkte ihr Aufmerksamkeit. Hatte sie in ihren Freundeskreis aufgenommen, in ihre Gruppe. Eines Tages würde sie Elona beweisen, dass das eine gute Entscheidung war.
Denn zumindest eines hatte die Autistin. Intelligenz. Und das war jedoch auch genau das zweite Problem. Selbst die meisten Magier konnten ihren Gedanken oft nicht folgen. Hatten Schwierigkeiten damit in acht Dimensionen zu denken. Konnten sich keine Dreiecke mit Innenwinkelsummen von mehr als 180 Grad vorstellen. Obwohl Nesmil mit einer theoretischen Berechnung bewiesen hat, dass das geht. Konnten sich nicht vorstellen, dass in der direkten Umgebung überall um die Menschen ein eigenes Multiversum versteckt ist. Eines in dem jeder Mensch und jedes Tier eine eigene Welt ist. Bewohnt von Milliarden von Lebewesen die ganz eigene Strukturen und ein eigenes Gleichgewicht bilden. Lebewesen die nur so klein sind, dass man sie nicht zu erfassen weiß. Die meisten Magier wollen nicht wissen, dass jedes Gehirn nur durch elektrische Impulse speichern und handeln kann. Die beliebig ersetzt werden können. Ihre ganze Intelligenz auf die sie alle so stolz sind absolut nichts bedeutet. Nesmil hatte sich inzwischen damit abgefunden, Geduld haben zu müssen. Selbst angeblich hochintelligenten Leuten musste sie alles dreimal und mit recht einfachen Worten erklären. Inzwischen geht es einigermassen.
Aber Nesmils eigentliches Problem war im Moment ein anderes. Es war recht einfach auf einen Punkt zu reduzieren: Sie hasste Menschen. Es gab einfach viel zu viele davon. Viel zu viele. Viel zu viele die sie nicht beachteten. Die schöner waren und sie hässlich fanden. Die dümmer waren und sich für klug hielten. Die mit ihrer Dummheit langweilig und nervig waren und soviel Schaden anrichteten. Nesmil hasste sie schönen Menschen, weil die alles bekamen und sie nichts. Nesmil hasste die hässlichen Menschen, weil die sie an ihre eigene Hässlichkeit erinnerten. Nesmil hasste es das Labor oder die Bibliothek zu verlassen und noch mehr hasste sie es den Turm zu verlassen und in die Stadt zu gehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass man dabei auf andere Menschen trifft war einfach zu hoch.
Unbekannte oder fremde Menschen wurden von Nesmil zunächst immer zuerst als Ärgernis oder Problem eingestuft. Meistens bleibt es nicht auf dieser Stufe, denn sehr schnell stufte Nesmil andere in ihrer Skala von Ärgernis auf Feind herunter. Menschen die interessant waren (die Ausnahmefälle) wurden von Nesmil in ihrer Skala nach oben gestuft. Von Ärgernis zu Sezierobjekt. Nesmil verbindet damit positive Emotionen. Ihr ist aufgefallen, dass Sezierobjekte ihr plötzlich immer sehr viel Aufmerksamkeit schenken. Oft sagen diese sogar nette Sachen zu ihr, wenn sie dafür die Dosierung der Analgetika erhöht.
Nur ganz wenige Menschen wurden in Nesmils Skala auf Ratte hochgestuft. Aus der Sicht der Autistin wäre es eine Beleidigung Menschen, die so wertvoll sind, noch mit der Bezeichnung Mensch zu herabwürdigen. Sie sind Ratten, denn Ratten sind besser als Menschen. Nesmil mochte nur Ratten und nur Ratten mochten Nesmil. Also konnten Menschen, die Nesmil mochte und die Nesmil mochten keine Menschen sein. Denn Menschen waren bestenfalls Sezierobjekte.
Nesmil seufzte leise als sie die Türe öffnete und die Stufen erklomm die vom Keller ins Erdgeschoss des Magierturms führten. Und nun wollte die Ephora, dass sie einen Menschen bekam. Als Schüler. Ihn in die Wissenschaft der arkanen Magie einführte. Bestimmt wird er furchtbar dumm sein und sie nur nerven. Sie mit dummen Fragen und seiner Unfähigkeit von ihren eigenen, wichtigen Forschungen abhalten. Außerdem wird er sie hässlich finden. Und dann hinter ihrem Rücken mit seinen Freunden Witze über sie machen.
Noch schlimmer wäre es natürlich, wenn sie eine weibliche Schülerin kriegt. Die wird dann dauernd ihr Haar kämmen. Sich nicht die Finger schmutzig machen wollen und nichts verstehen. Weil sie dauernd nur daran denken wird, wie toll und hübsch sie ist und wie hässlich Nesmil. Dann wird sie sich jeden Tag mit Jungs treffen, nur um Nesmil zu zeigen, dass sie ein 'Leben' hat. Allerdings könnte Nesmil sie auch hässlich machen.. ein kleiner Laborunfall.. Säure die überkocht und explodiert, in das Gesicht spritzt.
Nesmil biß sich hastig auf die Lippen.
Nein, nein.. lieber nicht. Elona hatte so viel für sie getan und sie will, dass die Gilde einen guten Ruf hat. Außerdem hat sie Nesmil diese Aufgabe gegeben, weil sie ihr vertraut. Nicht viele hätten ihr so viel Aufmerksamkeit und Vertrauen geschenkt. Sie durfte dieses Vertrauen nicht entäuschen. Elona wollte, dass sie das macht, also würde sie sich bemühen es so gut zu machen, dass die Ephora mehr als zufrieden ist. Egal wie dumm ihr Schüler ist, sie wird das Beste aus ihm rausholen. Auch wenn er es nicht verdient, sie hässlich findet und Witze über sie machen wird. Es geht ja nicht um ihn, sondern um die Ephora, um Elona. Sie muss zufrieden sein und sie wird zufrieden sein mit Nesmils Ergebnis.
Sie öffnete die nächste Türe, die in die Eingangshalle führte.
Heute hatte sich Nesmil ausnahmsweise Mühe mit ihrem äußeren Erscheinungsbild gegeben, zumindest soweit sie dazu in der Lage war. Sie hatte lange ausgeschlafen um nicht, wie so oft, übernächtigt zu wirken. Die Robe war frisch gewaschen und geglättet. Und sie selbst hatte am Abend zuvor gebadet um den Geruch von Ratten und modrigen Büchern loszuwerden. Zwar empfand sie diesen Geruch als angenehm, aber sie wisste auch, dass sie mit dieser Meinung alleine war. Ihre Haare hatte sie sich so hingekämmt, dass es einigermassen gut aussah. Und berufsmässig wirkende Handschuhe bedeckten die noch nicht ganz verheilten Verbrennungen an den Händen, die sie sich bei einem fehlgeschlagenen Versuch vor ein paar Tagen zugezogen hatte.
Das alles war notwendig, denn Nesmil wusste, dass Elona der Ruf der Gilde sehr wichtig war. Und heute kamen alle Schüler, einige möglicherweise auch in Begleitung ihrer Eltern. Und da unter diesen Eltern auch welche von den reichen Händlern und Adligen waren, bei denen Elona und die Gilde gut dastehen wollten, musste sie einen ordentlichen und vertrauenserweckenden Eindruck machen.
Nesmil trat in die Eingangshalle und schloss die Türe hinter sich wieder. Kurz folgte sie mit dem Blick Vito, der gerade mit zwei Kindern zum Schreibtisch ging. Obwohl.. was heißt Kinder, der Junge war vielleicht vier Jahre jünger als Nesmil. Sollten das zwei der Schüler sein? Nesmil musste sich noch an den Gedanken gewöhnen, dass diese vergleichsweise recht alt waren. In ihrer Heimat hatte man weitaus früher mit dem Studium der Magie begonnen. Unauffällig musterte sie beide etwas länger, stockte dann als sie es bemerkte: Das Mädchen.. war eine Feuergenasi. Was für eine Seltenheit, was für ein großes Glück! Und in Nesmils Gedanken lag Zanira bereits auf dem Seziertisch.
Halt, nein!
Rasch rief sich die Autistin zur Ruhe. Elona würde das nicht wollen, der Ruf der Gilde war wichtig, sehr wichtig. Auch wenn es so eine einmalige Chance war.. nein, Nesmil musste der Versuchung widerstehen! Für Elona, für die Gilde. Schnell ging sie zur Beruhigung ein paar ihrer Lieblingsformelm im Kopf durch.
A = 5 x 1/2 x a x tan54° x a/2 = 5/4 x a² x tan54°. r = 2/3 x c³ x ß³. c/2 = a³ - b x 0,358. a² + b² = c².
Nachdem sie sich dadurch schnell ein wenig abgelenkt hatte, löste sie den Blick von Zanira und musterte stattdessen den Jungen. Sie bemühte sich, die ganze Zeit über ihren Gesichtsausdruck möglichst neutral zu behalten.
_________________ "Yes... I destroy worlds.. create worlds." (Lelouch, Code Geass)
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