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Lothlann sah voller Sorgen aus dem Fenster im Obergeschoss der Feuerlagune, den Blick zum bedrohlichen Schatten empor gerichtet. In den Häuserschluchten eilten nur vereinzelt Leute mit Laternen umher, die finsteren Straßen waren sonst wie leer gefegt. Einige Gebäude waren durch das Beben zusammengefallen. Wie immer traf es die Ärmsten unter den Armen, ohne feste Steinbehausungen. Ein übler Geruch machte sich in den engen Gässchen breit, wahrscheinlich würden bald Krankheiten ausbrechen.
Die Schiffe durften nicht mehr auslaufen, die Lage war angespannt. Keiner der fremden Händler wollte hier bleiben, die Ware verderben lassen, gefangen in einer Stadt, die sich im Belagerungszustand befand. Diskussionen mit den Hafenbehörden, Handgreiflichkeiten? Es war eine Ausnahmesituation, man hat Angst, der Griff zur Waffe ist schnell getan.
Solange die Schiffe nicht ausliefen, würden sich die Nachrichten über das Ereignis auch nicht außerhalb von Rivin verbreiten. Auf dem Landweg brauchten Neuigkeiten nämlich mehrere Zehntage. War es erst einmal bekannt, so würden sicherlich Gelehrte aus der ganzen Welt heraneilen, um das außergewöhnliche Phänomen zu untersuchen.
Die einfache Bevölkerung konnte sich indes das Geschehen nicht erklären. Viele flüchteten in die Hallen der Hoffnung, andere vielleicht in versteckte Höhlen in der Steilklippe. Manche suchten in den verlassenen Häusern nach Beute, andere irrten einfach so in den leeren Hafengassen umher. Was blieb ihnen auch sonst? Auch Finn und Lothlann harrten in der Lagune aus. Die Preise für das Allernötigste würden bald ins Unermessliche steigen, wenn die Seeverbindung länger gekappt bleiben würde. Eine Katastrophe bahnte sich an. War es das fahrende Volk, das das Unheil herauf beschworen hatte? Fischer berichteten über seltsame Phänomene auf See in den letzten Tagen, seltsamen Erscheinungen. Lothlann hörte sich um. Es gab verschiedene Interpretationen der Ereignisse.
Er hörte, dass sich ein Talos-Priester genau in jenem Moment offenbarte, als sich die Stadt aus den Fluten erhob. Die Einwohner, die aus ihren bebenden und einstürzenden Häusern gelaufen kamen, wussten nicht wohin, scharten sich um den Prister, der ganz seelenruhig in ihrer Mitte stand. Er predigte ihnen von Talos’ Zorn, und wie schrecklich er Rivin treffen bald würde. Dachschindeln schossen von den Dächern und zerschellten rings um ihn herum am Straßenpflaster, während der Himmel sich verfinsterte. Als ein paar Gardisten eingreifen wollten, nachdem das erste Beben vorbei war, soll die Bevölkerung den Priester verteidigt haben und den Wächter zur Flucht gejagt haben. Wo sich der Priester nun befindet, weiß niemand. Wahrscheinlich hat er unter seinen Anhängern Zuflucht und Schutz gefunden. Einige Einwohner sollen auch in einige versteckte Höhlen in der Steinklippe geflohen sein.
Inmitten der flüchtenden Hafenbewohner soll sich auch ein Eremit befunden haben, der alle Märtyrer Illmaters anrief. Er verkündete, dass die schwebende Stadt ganz Rivin vernichten wird und nur die Armen und Hilfsbedürftigen in der paradiesischen Stadt aufgenommen werden, wo all ihre Sorgen und Leiden gemildert würden. Alle Reichen hingegen, die den Ärmeren und Kranken die Hilfe verweigerten, würden von der Stadt Illmaters zerschmettert werden. Einige wunderten sich, warum man den Eremiten mit seinen abweichlerischen Lehren vom „großen Test Illmaters“ nicht sofort vertreiben oder einsperren ließ. Andererseits: vielleicht hatte er ja Recht? Er sprach von den Vorzeichen, von Kometen und davon, dass Illmater auch andere verdorbene Städte bereits auf diese Weise getestet hätte. Der Eremit konnte die Tests voraussehen, das Datum und den Ort aus den heiligen Schriften ableiten– wieso sollte er sich sonst bereits vor Ort befunden haben?
Ein großer Teil der Einwohner sehen im Mantel und seinen merkwürdigen magischen Experimenten die Ursache. Die Beweise waren eindeutig: bereits vor einigen Tagen wurden die Schutzwälle des Mantelturms verstärkt und man munkelte etwas von einem großen Sturm. Und als „ach-so-edle“ Spende hat der Mantel Flutwehren im Hafen hochziehen lassen. Das Verhältnis zwischen Mantel und Hafenbewohnern war ohnehin schon angespannt, jetzt drohte der Mantel den Hafenbewohnern vielleicht, indem er seine ganze Macht zur Schau stellte. Oder aber der Mantel schuf die Bedrohung absichtlich, damit er (und die Garde) sich als Retter aufspielen konnten – so, wie dies ohnehin schon öfter geschehen war.
Andere Leute gingen von einem Wirtschaftskomplott aus, möglicherweise mit Beteiligung des Mantels. Händlerkreise in Tiefwasser und Baldurs Tor wollten sich des lästigen Parasiten an der Schwertküste, der Rivin mit seinen Steuern für sie war, ein für allemal entledigen.
Von weitem hörte Lothlann Drehleier durch die Gassen schallen – ein Lied der Verzweiflung an die Götter.
_________________ Charaktere: Flammo (inaktiv) - galanter, geschleckter Lackaffe, Cavalier und Stadtratskandidat Lothlann (inaktiv) - anerkennungssüchtiger, sembischer Wirt und barocker Antiheld Hier geht's zur Feuerlagune!
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