|
9.Ches
Eine Karte
Ich habe mir noch nie so wirklich Gedanken gemacht, wo die vielen Menschen in einer Stadt ihr Dreckwasser, den Schmutz, ihre Scheiße und Pisse hinbringen. In unterirdische Flüsse, die wie ihre großen Brüder ins Meer münden. Und davon gibt’s viele hier in Rivin. So viele, dass dort unten eine ganz eigene Welt mit ihren Bewohnern existiert. So viele, dass man sich dort unten verirren könnte.
Von dieser Welt wollte die Abenteuergilde eine Karte zeichnen.
Dass dort so einiges lebt und lauert und auch Gefahren drohen könnten, davon wusste ich und dieses Mal hatte ich mich besser vorbereitet. Ich war sogar vorher im Tempel der lächelnden Dame gewesen um ihren Beistand zu erbitten. Unser Vorhaben schien auch Anfangs von Erfolg gekrönt, denn Neftarie führte uns mit einem Kompass - das ist eine runde Scheibe, die das Himmelsgestirn ersetzt, weil sie dir immer zeigt wo Norden ist - durch einigermaßen trockene, überraschend weitläufige Gänge in Richtung einer alten Abenteuergilde. Einzig der Gestank war eine schwere Prüfung für meine Nase. Monster lauerten uns nicht auf, aber leider schreckten wir eine riesige Rattenmeute auf, die in alle Richtungen floh. Mitten durch uns hindurch; in ihrer Panik krochen manche gar an mir hinauf oder bissen. Ich spürte ihre Zähne deutlich durch das dicke Leder, doch war es Schutz genug.
Besagte Keller der alten Abenteuergilde sollten wir aber dennoch nie erreichen und auch die Karte wurde nicht zu ende gezeichnet. Als wir einen Aufgang ans Tageslicht erreichten, zu dessen Fuß ein Gang mit Dreck und Geröll verschüttet war, hörten wir plötzlich einen Hilferuf. Ich dachte erst Flinn hätte etwas gesagt, aber es war gar nicht seine Stimme. Männlich zwar, aber sie kam von hinter dem Schuttberg. Der Schneider Heklin war es, entführt von einer Bande Kobolde, die er beim Plündern seines Ladens erwischt hatte und nun hier unten ihr Gefangener war. Durch Flinns Idee und Neftaries Zauberei war er aber schnell befreit. Sie verwandelte sich in eine Schlange und konnte so zu ihm kriechen um ihn mit ihrer praktischen Teleportation zu uns zu zaubern. Den armen Kerl hatten sie ziemlich zugerichtet, aber er wollte nicht ins Lazarett. Wollte unbedingt seinen Laden, den Ort des Verbrechens, aufsuchen. Was er sich davon wohl erhoffte? Wir führten ihn also heim und von da an waren Karte und alte Gilde vergessen...
Ich hielt zwar nichts davon so unvorbereitet einer Räuberbande in dunkle Kanäle zu folgen um Heklins Sachen zurückzuholen, aber wir stiegen trotzdem hinab. Da sah ich wohl auch erst die wirklichen Kanäle, denn was ich bis dahin erblickt hatte, waren eher Prunkstraßen unter der Erde, vergleicht man sie mit den stickigen, mit ekliger Brühe gefüllten, dunklen und engen Gängen, die uns dort erwarteten. Und nur Ratten und eine aufgeschreckte riesige Spinne schienen hier freiwillig zu leben. Mich würgte es regelrecht. Zum Glück hatte mich Neftarie in einen Stein verzaubert, so blieb es mir wenigstens erspart, dass sich meine Kleider mit der Brühe vollsogen. Wir kämpften uns also durch die Scheiße und Pisse der vielen Bürger um Heklin seine Kleider zurückzuholen, was mich nur noch mehr an diesem Unterfangen zweifeln ließ. Ich sollte nicht ständig auf die Frauen hören. Zumindest fanden wir dann aber auch die Koboldbande.
Eine mutige Räuberschar, denn die kleinen Gesellen stellten sich uns tatsächlich entgegen, obwohl sie gerade mal zu sechst waren. Ob sie wirklich glaubten uns so einfach besiegen zu können? Noch bevor wir zu Worte kamen stürmten sie mit ihren kleinen Klingen auf uns zu. Ich stürzte mich mitten ins Getümmel und sah mich plötzlich aus der Dunkelheit heraus einem Feind gegenüber. Der kleine Krieger führte mit erstaunlicher Kraft sein Schwert gegen mein Bein und erwartete wohl, dass es tief in mein Fleisch dringen würde, doch nichts dergleichen geschah. Ein kräftiger Schlag, der mich fast um mein Gleichgewicht brachte, als die Klinge laut klirrend gegen den Stein krachte, von denen ein paar Brocken weg splitterten und eine tiefe Scharte in seinem Schwert blieb. Ich war nicht weniger erstaunt und fast hätte ich laut losgelacht, als ich den verzweifelten Blick des Kobolds sah. Mir war nichts geschehen! Der dumme Kerl aber rannte nicht etwa fort, wie man es erwarten würde. Nein, er holte doch tatsächlich erneut aus um auf mich einzuschlagen. Diesen Schlag aber parierte ich mit meinem Schwert, schleuderte ihm fast seine Waffe aus den Händen. Aber er kannte kein aufgeben, verstrickte mich in einen Fechtkampf. Mit kraftvollen Schlägen und in der Gewissheit, dass er mir kaum weh tun kann, drängte ich ihn zurück. Ich würde ihm das schon austreiben. Ein seltsam berauschendes Gefühl überkam mich und als er gerade wieder versuchte mit der Klinge den Stein zu durchbrechen, wich ich aus und stach schnell zu. Die lange Klinge meines Schwertes bohrte sich tief in seinen Hals. Ich blickte in weit aufgerissene, ungläubig blickende Augen, als das Blut aus Hals und Mund blubberte. Mistkerl! Ein Röcheln tat er noch, doch ich befreite ihn mit einem Ruck des Schwertes, dass es durch die Halsknochen auf der anderen Seite heraus stieß. Der Tote Körper glitt zu Boden und ich musste mit dem Fuß nachhelfen um meine Klinge überhaupt wieder herauszubekommen. Mein Herz hämmerte... das Schwert fest in der Hand suchte ich nach dem nächsten Feind.
Wir metzelten sie nieder.
So ein Kampf kommt einem in diesem Moment recht lange vor, aber ich glaube wir hatten schnell gesiegt und zurück blieben tote und verletzt in ihrem Blut liegende Kobolde. Und ein seltsamer Rausch, der sich erst langsam legte. Aber nach Mitleid suchte ich dennoch vergebens. Sie hatten es ja geradewegs herausgefordert. Heklins Mäntel waren leider teils blutbesudelt und zerrissen, aber Flinn und ich nahmen die brauchbaren den toten Dieben gerade wieder fort, als ich feststellte, dass Neftarie und Shana einen überlebenden Kobold von seinen Verletzungen heilten. Sie wollten ihn wohl ausfragen und sprachen in einer mir fremden Sprache mit ihm. Es schien mir zwar, als hätte er nur Spott und Gelächter übrig, aber irgend etwas Nützliches muss er wohl erzählt haben, dass sein Überleben wert war. Sonst hätte Neftarie ihn sicher nicht ziehen lassen, auf dass er Hilfe holen könnte. Nichts wie raus hier, dachte ich nur und wir beeilten uns zum Glück auch diesen Ort zu verlassen.
Ein paar Waren Heklins konnten wir also bergen und zumindest diese Kobolde würden niemanden mehr ausrauben können, doch hatten wir nun auch einen Feind dort unten! Aber keine Karte...
_________________ 
|