Normalität? War in diesem Lager je etwas normal?
Es war spät. Nur noch wenig Glut glomm in der Feuerstelle, nicht genug um die Nacht zu erhellen. Dennoch war es tröstlich, denn es war "ihre" Feuerstelle. Was war sie stolz, als er offen bekundete, dass er hier mit ihr glücklich war! Dass es ein "Wir" gab anstatt eines "Ich".
Nachdenklich schaute Rai in die Sterne, die schon verblassten. Es würde nicht mehr lang dauern und ein neuer Tag würde aufziehen. Sie war noch nicht müde, nicht nach diesem Abend, der so unharmonisch verlaufen war. Die Schwingungen der vier Freunde fanden sich an diesem Abend nicht, sie waren wie wabernde Nebel, die sich nicht greifen liessen, jeder war nur auf sich bedacht. So flocht man kein gemeinsames Band - aber auch sie hatte ihren Teil dazu beigetragen, denn sie musste endlich endlich lernen, nicht immer gleich die Kratzbürste zu sein. Hier wurde sie gar nicht angegriffen, wie es so oft zuvor geschah. Doch war sie noch dünnhäutig. Es würde Zeit brauchen. Vor allem aber schwirrten die Worte von Isenhart noch durch ihrem Kopf und brachten sie auf eine Idee.
Sie lächelte leicht vor sich hin. Ja, diese Gedanken in der Stille, wenn der Geist zur Ruhe kam: sie waren wie ein Elixier für sie. Worte waren gefallen, die sie in ihrem Herzen bewegte und mit einem Ruck wendete sie sich zu dem einen Wagen, in dem ihr Arbeitstisch stand. Es galt etwas zu vollenden.
Railanta entzündete Kerzen im Wagen, deren flackernde Flammen die vielen Masken an der Wand mit Leben zu erfüllen schienen. Der Geruch von herben Kräutern war stark hier drin, aber für sie nicht ungewohnt. Er musste irgendwo sein, sie wusste es genau: der feste, dicke Draht und die Zange mit den gerundeten Spitzen. Und richtig: selbst wenn es wie ein Chaos wirkte, so hatte alles seinen Platz und sie fand, was sie suchte,zog sich den Stuhl heran, richtete das Licht aus und begann.
Ein Schwur war geleistet, vor Zeugen, die älter waren als alles, was Menschen je erschaffen hatten. Ja, älter waren als die Menschheit überhaupt. Und das galt es, auch zu zeigen.
Die Zange hielt den Anfang des Drahtes, sie bog und wickelte diesen mit viel Kraft, denn das Metall war hart und widerspenstig. Genau wie es sein sollte. Nur mühsam ging es voran, die Kerze brannte allmählich herab und draussen dämmerte schon der fahleMorgen, aber es brauchte noch einige Wicklungen.Längst schon hatte sie Blasen in der Handfläche und die Hände schmerzten, als die Kraft nachlies. Aber die Schamanin hörte nicht auf. Bei einem Werkstück ohne Anfang, ohne Ende durfte man nicht unterbrechen, wenn der Zauber darin auch wirken sollte. Und nach langen Stunden war es geschafft:

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ImageShack.usSie verbarg ihr Werk in den tiefen Taschen ihres Rockes. Draussen begrüsste der Hahn laut krähend den neuen Tag. Ein neuer Tag... aber sie hoffte auf die Nacht. Denn nur dann konnte sie vollenden, was sie begann.