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Sie saß im Schein der frühen Sonne oben auf dem Hügel der sich über das Lager erhob. Es war kein Zufall, dass sich das Lager um genau jenen kleinen Hügel gebaut hatte. Lagrimmar hatte schnell erkannt, dass diese Erdformation eine positive Energie ausstrahlte. Das Legen der Karten, der Blick in die Silberschale, es ging leichter mit Hilfe der Aura des Berges. Aber all das hatten die Stadtväter nicht wissen können, als sie ihnen damals einen Lagerplatz zuwiesen. Dass die Abanazzi ihr Lager schließlich etwas höher anlegten, als es geplant war wurde stillschweigend geduldet. Vermutlich waren die meisten sogar froh darüber, denn so fiel den Bürgern das Lager nicht direkt ins Auge.
Langsam erwachte die Welt um das Lager aus dem Traum einer kalten Herbstnacht. Lathander tauchte die Wiesen und Felder, die Bäume und Sträucher in das sattgoldene Licht des Herbstes. Die Wiesen um den schlängelnden Fluss waren in sanften Nebel getaucht, der langsam aufstieg um sich im Himmel mit den Wolken zu vereinen. Kalt und klar war die Morgenluft, die fast betörend nach Pilzen, Kräutern und dem Moder des Herbstes roch. Die Vögel sagen ihre Lieder, noch hatte sie niemand aus dem Unterholz aufschrecken können und sogar Nardo kaute ruhig auf einem Knochen herum, den Iwanka ihm mit dem Frühstück gebracht hatte. Sie wusste die Ruhe war nur von kurzer Dauer, denn schnell würde Nardo sein Mahl verschlungen haben und versuchen von Lucies Frühstück noch einen Happen abzubekommen. Nur vor den Katzen hatte das große Tier gehörigen Respekt, was gewiss mit dem Schabernack zusammen hing den Nesu zu gern mit ihm getrieben hatte…
Iwanka hatte eine Wolldecke um die Schultern geschlungen, denn trotz der Sonne war der Morgen kalt und feucht. Sie kniete sich vor den flachen Stein, der vermutlich schon immer auf dem Hügel gelegen hatte. Nur die Spuren von Asche und Feuer deuteten darauf hin, dass die Abanazzi auf diesem Stein schon oft geräuchert hatten. Doch an diesem Morgen verzichtete die junge Zigeunerin auf Räucherwerk. Sie nahm eine kleine Holzschachtel um sie vorsichtig zu öffnen. Zuerst nahm sie einen Stapel Karten heraus, die sie auf den Stein legte. Dann nahm sie vier Halbedelsteine aus der Schachtel. Alle vier hatten etwa die Größe eines Taubenei und waren blank poliert worden. Sie richtete die Steine nach den Himmelsrichtungen aus, so legte sie einen orangeroten Feueropal in südlicher Richtung des Felssteins als Zeichen des Feuers. Als Zeichen für den Westen und des Wassers legte sie einen Aquamarin, der hellblau im Sonnenlicht schimmerte. Für den Osten hatte sie einen klaren Bergkristall, in dessen Innerem haardünne Streifen, wie Wurzeln eingeschlossen waren. Er war das Zeichen der Luft. Zuletzt legte sie den nördlichen Stein, eben Jade die in sattem dunkelgrün von Fruchtbarkeit und Erneuerung sprach und als Zeichen der Erde stand.
Dann nahm sie aus der Holzschachtel ein Tuch aus edelster Seide, die im satten Rot eingefärbt worden war. Aus feinstem Zwirn und dünnen Goldfäden waren darauf verschiedene Zeichen gestickt worden. Zweifellos war die Stickerei aus den geschickten Fingern einer Abanazzifrau entsprungen für die das Drachenvolk so berühmt war. Ein großer Drache war darauf gestickt, der durch das Schimmern der Stickfäden im Sonnenlicht fast lebendig wirkte. Um den Drachen herum wanden sich Ornamente und mystische Zeichen, vor allem aber die Zeichen Shaundakuls und der Silbermaid. Rund um den Saum, an drei Seiten des Tuches waren Namen gestickt, zum Teil in fremdartigen Schriftzeichen. Zuletzt stand da der Name Iwanka, jene die davor zu lesen waren, waren die Namen ihrer Ahninnen, ihrer Mütter. Einmal würde sie selbst für ihre Tochter ein solches Tuch zu sticken haben und der Reihe einen Namen hinzufügen. Sie legte das Tuch so, das seine vier Ecken an die Edelsteine anstießen und der Drache sie anschaute. Während sie sich sammelte rieb sie sich die Hände mit einem Duftöl ein, wodurch sich der Duft von Lavendel, Vanille und Zitronengras auf dem kleinen Hügel verbreitete.
Während zwischen den Zelten knurren und kläffen verriet, das Nardo sich seinen Nachschlag holen wollte, nahm Iwanka die Karten in die Hände um sie zu mischen. Halblaut sang sie dabei ein Gebet zur Drachenmutter, die sie bat durch die Karten zu sprechen. Dann legte sie die erste Karte auf das Drachentuch und sprach dabei: „Das ist“ Auf der Karte war ein Krieger auf einem Pferd zu sehen, der ein Schwert gen Himmel hielt, darunter standen die Worte: „Ritter der Schwerter“. Dann legte sie links neben die Karte eine andere und sprach dazu: „Das war“. Auf der Karte war ein Mann mit einem Kelch abgebildet in dem ein Fisch hervor schaute. Hinter dem Mann begann ein Wasser, dass Meer. Unter der Karte stand: „Page der Kelche“. Rechts neben die erste Karte legte sie die letzte Karte, auf der ein Harlekin mit zwei Münzscheiben zu sehen war. Um die beiden Scheiben war eine Acht gemalt, das Zeichen der Unendlichkeit. Unter dieser Karte war nichts geschrieben. Sie legte sie mit den Worten: „Das wird sein“.
Sie nahm aus ihrer Schürzentasche einen kleinen, fein geschnitzten Talisman, der das Zeichen der Abanazzi, einen Drachen der sich in den Schwanz beißt, darstellte. Der Talisman war aus grünem Speckstein gearbeitet und mit einem Lederband versehen. So legte sie ihn auf die Karte die sie zuerst gelegt hatte.
…Der Ritter der Schwerter…Der schnelle Geist, das Schwert als Zeichen der Luftelemente, des freien Verstandes und schneller, gescheiter Entscheidungen…Gib dich gänzlich hin, so wirst du viel erleben und erreichen was du willst…Das ist…
Dann legte sie den kleinen Drachen auf die linke Karte, die die Vergangenheit anzeigte.
…Der Page der Kelche, der Fisch im Kelch zeigt uns den Inhalt der Seelenwelt zu begreifen, wie er die Wasserwelt begreift…Einfühlung, Verständnis und Meditation zeigen uns neues, sie dies als Quelle deiner Lebensenergie, so nur kannst du anderen eine Hilfe sein ihr Selbst zu erkennen…Erfülle dir eigene Wünsche und finde so dein Seelenheil…
Einen Moment verharrte sie, als sie über die Karte nachdachte. Schließlich aber legte sie den Talisman auf die letzte Karte, die für das Zukünftige stehen sollte.
…die Zwei der Münzen…Tanze den Tanz des Wandelns…Wertvolles und Wertloses wird sich wandeln, du musst deine Welt neu ordnen und dich selbst darin sicher wissen….Achte auf die Zeichen und wäge ab was sie dir bedeuten…du bist kein Diener, doch auch kein Beherrscher der Ereignisse….siehe Alternativen, denn was du tust nimmt Einfluss auf das Geschehen….erfahre Neuerung und finde dich darin zurecht…
Ihr Blick wanderte über das mittlerweile erwachte Lager, Lagrimmar kam gerade mit einem Eimer frischer Milch vom Bauern zurück und begann damit eine Milchsuppe daraus zu Kochen. Dafür hatte sie Chris geschickt Holzspäne zu schlagen, damit er anfeuern konnte. Nardo hatte diesmal wohl kein Glück gehabt, bei seinem dreisten Diebstahl von Lucies Knochen, denn er hing an Lagrimmars Fersen falls diese etwas Essbares verlieren sollte. Das zärtliche Wiehern von Lilly, ihrer Haflingerstute, verriet das Janus sich näherte um sie zu füttern.
…Tanze den Tanz des Wandels, erfahre Neuerung und finde dich darin zurecht…Seltsame Zeichen vor dem Winter, doch sehen wir was Fortuna den Abanazzi bringen wird…
_________________ Beten ist die letzte Hoffnung des Schurken... [Lisa Simpson]
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