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Mondlicht. Sein sanfter Schein offenbart in stiller Harmonie so mancherlei Schatz, den die Sonne durch ihr grelles Wirken in die Bedeutungslosigkeit abrutschen lässt. Um wieviel schöner, um wieviel erhabener wirkt die Stadt im Licht des kühleren, kleineren Gefährten der Sonne...
Silbrigmond, die Götter wissen, warum die Stadt diesen Namen trägt. Ihre hohen Türme in ihrer filigranen Schönheit, der sanft glitzernde Tau auf den Straßen. Scheinbar endlose Parks, deren Vielfalt an Blüten und Vögeln, an keinem anderen Ort der Welt einen Vergleich findet. Gibt es einen harmonischeren Ort in der Nacht, einen, der das Wort Frieden mehr verdient, als diese uralte den Zeiten trotzende Stätte?
Die Frage stellt sich nicht. Über sie zu philosophieren ist müßig. Es ist viel wichtiger, wie schnell man durch die unüberwindbar scheinenden Sicherheitsanlagen aus Magie kommt. Wie viele Lebewesen man in möglichst kurzer Zeit ausschaltet, um seinem Ziel näher zu kommen. Die Frage ist, wie weißt man dem Hochmut der Bewohner dieses in sich verschachtelten, überzogen verspielten Ameisenhügels, seinen wirklichen Platz zu? Macht aus der letzten verzweifelten Frage, nach der Möglichkeit, tödliche Gewissheit, dass all diese unverständliche Schönheit, all das Aufgebot an Leben und Magie, völlig nutzlos ist. Das es so etwas wie Sicherheit, im Angesicht eines kalkulierendem, überlegenden Verstandes, gar nicht existent ist?
Der lange schwarze Mantel wiegt sich nicht im sanften kühlen Wind der Nacht. Er könnte aber er tut es nicht. Sein Träger steht wie eine Statue, ein Abbild aus Leben auf der hohen Stadtmauer und blickt schweigend und mit ruhigem Atem über die schlafende Stadt.
Es mag die Herausforderung, es hat lange geruht und dieser Spielplatz erscheint passend. Die schwarzen Augen schweifen in die Ferne, über die geschwungenen Dächer der aneinander gereihten Häuser, die filigranen Türme und Parkanlagen. Weit entfernt, nicht mehr als ein winziger Punkt auf einem der sieben Hügel steht es. Ein prunkvolles, gewaltiges Herrenhaus mit den ausladenden Türmen der Macht, die höchsten, die sich hier in Silbrigmond finden lassen, neben der Akademie natürlich. Seine Augen erfassen selbst von hier komplexen in sich verschlungenen Strömungen der magischen Alarmsicherungen. Ein schützender Mantel, der jeden Feind davon abhalten soll, sich dem Gebäude und seinen Bewohnern zu nähern. Zahlreiche Wachen kommen emsig ihren Pflichten nach. Patrouillieren durch die Stadt und ihre Gassen, auf den Wehrtürmen der Mauern, in den Gärten derjenigen, die sich Wächter leisten können. Allesamt jedoch tönerne Soldaten, Herausforderungen, die sich in falscher Sicherheit wiegen, der Unantastbarkeit eine Definition verleihen zu können.
Der Mond tritt hinter einer kleinen Wolke hervor, doch sein Schein fällt nicht auf die schwarze Maske, welche das Gesicht verdeckt. Es kann sich an der Gestalt nicht spiegeln, sie nicht offenbaren. Wie auch...
Ein metallenes Geräusch durchbricht die Stille, als der überdimensionale schwarze Dorn aus dem Körper eines Mannes fährt und in die Unsichtbarkeit über seinem zerstörten, nicht mehr lebensfähigen Körper verschwindet.
Ob es sich den Hochmut gönnen sollte, zu zählen?
Ein letzter Tropfen Blut löst sich von der Spitze des Stachels und berührt den kalten Stein der Stadtmauer. Dann ist die Waffe nur noch eine Erinnerung aus sich verflüchtigenden schattenhaften Schlieren.
Es muss weiter. Hier gibt es kein Leben mehr, dass es halten würde, um zu spielen. Unsichtbar breitet es die Arme aus und stößt sich von der Mauer ab. Es gibt sich fünf Sprünge, fünf Mal wird es die Sphären wechseln und Seelen sammeln.
Zehn Meter unter dem letzten Toten und seiner fünf anderen Wächter, die ihm nun in irgendeiner Ewigkeit, irgendeines Gottes Gesellschaft leisteten, verborgen vor Bruder Mond, tanzen schwarze Schlieren aus einem einzigen Punkt in der Luft umher, verdichten sich und schaffen einen eigenen Raum, ein Tor, durch das sich die fallende Gestalt teleportiert.
Sprung eins. Anzahl der Seelen sechs.
Stummes Innehalten. Auf den dunklen Augen hinter der Maske aus schwarzem Obsidian erscheint eine Spur von Mißfallen. Zum ersten Mal erscheint es gänzlich in der sterblichen Welt und betrachtet die vor ihm liegende Mauer aus arkanen Strömen. Ein Vielgeflecht unterschiedlicher sich ständig windender Farben, Schutzmagie in Perfektion.
Der zierliche Kopf neigt sich abschätzend zur Seite. Nur wenige Fingerbreit kommt der drahtige dunkle Körper vor der sanft leuchtenden Mauer zum Stehen. Eine einzige Berührung des arkanen Geflechts aus ineinander verwobenen Alarmzaubern würde diese Stadt in ein Lichtermeer tauchen und mit ihr würden die Ameisen kommen, um den Störenfried, der in ihren Bau eindringt, zu ergreifen.
Irgendwo hinter diesem Schleier liegt das Zielobjekt. Einzig ihm sollte seine volle Aufmerksamkeit gelten. Die Bruthöhle der Königin, wenn man so will. Das Herz. Niemand kann es erreichen, solange die Sicherungen aktiv sind.
Niemand...
Die fast zierliche Hand hebt sich und verharrt nur wenige Millimeter vor den ersten sich windenden Strömungen. Ohne sie zu berühren, was töricht wäre, fahren die Fingerspitzen das Geflecht entlang. Eine undurchdringbare Mauer, die keine Materie und keinen Zauber hindurch lassen wird. Machtvolle Magie, eine wahrhaftige Herausforderung für einen Magier, der letztlich natürlich auch scheitern würde.
Es geht einen winzigen Schritt zurück, fast so, als würde es Anlauf nehmen und verharrt dann doch reglos. Der schwarze Blick verrät Konzentration, seine Atmung beschleunigt sich und prallt dumpf unter der Maske zurück. Dann schließen sich die Augen.
Als erstes löst sich der lange Mantel, den das Wesen trägt von seiner physikalischen Ordnung. Vorsichtig zerfasert der seltsame Stoff. Ihm folgen Arme und Beine, die zu grauen Nebelfetzen werden. Die Finger der zierlichen Hand, die noch immer auf die arkane Wand gerichtet sind. Alles zersetzt sich in ölige schwarze Schmiere und löst sich weiter auf, bis nur noch feiner grauer Nebel, lauernd vor der Herausforderung zu warten scheint. Dann setzt es sich ohne Vorwarnung in Bewegung.
Kein Alarm geht los, als es die kleinsten Engpässe der arkanen Strömungen anvisiert und sich wie vom Wind tragen lässt, kein Funkenregen an tödlichen Farben geht auf den Eindringling nieder. Ein schwarzer Nebel, nur noch entfernt mit menschlichen Umrissen versehen, bahnt sich im spielerischen Tanz einen Weg durch das machtvolle Geflecht. Es wäre gerne gesprungen, das wäre einfacher gewesen, doch der Alarm hätte die Dimensionsverzerrung wahrgenommen und entsprechend reagiert. Am Ende offenbart die Perfektion seine Lücken. Die Schöpfer der Mauer hatten nicht bedacht, das es weit mehr gibt, als Magie und Materie und die Manipulation des Ersten, durch das Zweite. Die Mauer aus Magie verschluckt den Nebel, gänzlich, bis nichts mehr von ihm zu sehen ist. Erst als es die arkanen Strömungen hinter sich gelassen hat und die mentalen Tentakel abschüttelt, die sich auf der Suche nach seinen Gefühlen, nach seiner Gesinnung und seinem Handeln in seine Gedanken graben wollten und dort nur auf den selben Schatten stießen, öffnet es das nächste Tor und verschwindet. Es hatte mehr erwartet.
Niemand hat diesen Ort verlassen. Niemand war nur kurz hier.
Zweiter Sprung, Anzahl der Seelen sechs.
Die leblosen Lippen der Maske küssen, die in schwarzes Leder gehüllten, Fingerspitzen. Es weiß um diese unangemessene Romantik der Gestik aber es stört sich nicht weiter daran. Als sich seine Finger von einander lösen, gebären sie dunkle Verwirbelungen. Wie schwarze Tinte, die jemand in einer Schüssel voller Wasser ausgegossen hat. Sie stoßen zwischen seinen Handflächen die Luft zur Seite und schaffen sich dort ihren eigenen Raum, ihre eigene Ordnung, erhaben über die Physik.
Ranken, mit Dornen gespickt, entfalten sich zu zarten schattenhaften Bändern, die unaufhaltsam wachsen und sich vereint in einem stummen Reigen, an der Häuserfassade hinunter tanzen, vier Schritt über dem Erdboden.
Noch wabert der dünne Schleier, der die Welt von Toril von seiner eigenen trennt, wie ein Sendbote des Unheils vor seinen sonst ungetrübten schwarzen Augen. Seine Welt wirkt wie ein einziger ruheloser Wind, doch hier gibt es nichts, was es nicht kontrollieren könnte, nichts, was es nicht zu seiner Waffe machen kann, zu seinem eigenen freudlosen Vergnügen.
Die erste schwarze Ranke hält an ihrem Ziel, anderthalb Schritt über dem Boden der Straße und gebärt aus seiner Spitze einen weiteren mit Widerhaken und Zacken verzierten Dorn. Aufgerichtet wie das Schwanzende eines Skorpions verharrt sie, bis andere Ranken, vereint zur gleichen erhabenen Position, neben ihr angekommen sind.
Die Gestalt auf dem Giebel des Daches wartet, wartet, bis die Schritte nahe genug gekommen sind. Sie werde keine Zeit mehr für Fragen haben, nur ein winziger Augenblick Ungläubigkeit wird das Wesen ihnen gestatten. Es lässt sie kommen, warum einen Schritt tun, den andere auch tun können. Als die vier um die Ecke biegen, schließt es seine mit Ranken und Dornen besetzte Hand zu einer Faust und lässt das Schauspiel beginnen.
Als der erste fällt, aufgespießt von schwarzem Stacheldraht, dem kein Metall innewohnt, weiß der zweite noch immer nicht, was ihm durch das Nichts der Nacht den Schädel spaltet. Es ist der türkisfarbene Blick durch das lange schwarze Haar eines Mondelfs, wie es so viele in dieser Stadt gibt, der überhaupt eine Ahnung davon erhält, was ihn tötet. Sein vor Entsetzen geweiteter Blick richtet sich die Dornen entlang nach oben und küsst die Fußspitzen, des aus der Dunkelheit tretenden Wesens.
Doch als sich der Mund zu einem Schrei öffnet, wird die Stimme augenblicklich von Hunderten Haken und Dornen erstickt. Die Ranken haben Hunger und so lässt sie das Wesen, das den stummen Totentanz viele Schritte weit über dem Boden betrachtet, essen. Als sie sich auflösen und im Nichts verschwinden, ist außer dem Blut, dass nun einmal zwangsläufig spritzt, wenn man humanoide Körper auf diese Art und Weise in seine Bestandteile zerlegt, an den Wänden der Häuser, nahe der Straße, nichts mehr übrig.
Dritter Sprung, Anzahl der Seelen zehn.
Eine Allee aus uralten Bäumen heißt Besucher willkommen. Sie mündet an einem eisernen dunklen Tor. Dahinter erhebt sich das Herrschaftsgebäude, die wahre Festung. Seine Türme erstrecken sich weit in den nächtlichen Himmel. Feiner weißer Sand offenbart jeden noch so vorsichtigen Schritt und ein jeder der Sechsundzwanzig, sich gegenüberstehenden Wächter, hat seinen unbeweglichen Blick auf ihn gerichtet. Sie atmen nicht, keiner dieser Wächter wurde je aus dem Schoß einer Mutter in diese Welt geboren. Stein ist ihre Rüstung, die darin eingeschlossene Magie ihre Waffe. Wie stumme Warnungen stehen sie zwischen den Bäumen und harren der Dinge, die da kommen.
Das Wesen manifestiert sich sichtbar, wie ein wartender Besucher am Wegesanfang. Der lange Mantel, auf seinem Rücken schlägt auf dem feinen Sand auf und umrahmt die Gestalt, die nicht größer als sechs Fuß, wie eine schwarze Marmorstatue verharrt.
Nur ein einziger Sprung über das erste Tor, das sich in seiner Größe und Vollkommenheit mit dem am anderen Ende der Allee messen kann. Der erste Schritt auf das Grundstück. Das Knirschen von Sand mischt sich in die hölzern wirkende Bewegung des ersten Wächters. Der starre Hals wendet sich gemeinsam mit seinem Gegenstück dem Eindringling zu. Das Wesen kommt aus Hocke wieder auf die Beine. Die ersten beiden Wächterstatuen erwachen zum Leben, ihre Augen beginnen zu glimmen und tauchen die sandige Allee in einen blutigen Schimmer.
Der erste Strahl aus ihren Augen würde jeden nachfolgenden Wächter aktivieren, ein endloser Weg aus Fallen, die unermüdlich ihre Bestimmung ausführen würden. Tötet den Eindringling! Rote Blitze zucken aus ihren Augenhöhlen.
Es stößt sich ab, doch die zwei kleinen Füße berühren nur kurz den Boden. Der Satz, der folgt, spottet der Physik, denn ihm obliegt die Kraft eines Riesen. Der lange Mantel schwingt nur einmal im Flugwind und gehorcht ihm dann nicht mehr. Er schlägt keine Falten, flattert nicht in der Luft. Sich aufblähend, beginnt er zu zerfasern, noch während sich das Wesen im Flug befindet. Er verschwindet in der Nacht, ganz so als wäre er nie dagewesen.
Summend löst sich die Magie aus dem ersten Wächter und zerschneidet mit zischenden Geräuschen die Nacht. Der Blitz rast unaufhaltsam auf das Wesen zu. Es kommt auf, und springt erneut. Der Blitz fährt in den Sand ein und verwandelt ihn in ein Funkenmeer. Glas entsteht und bricht, als der Blitz vergeht. Glitzernder Staub bäumt sich auf.
Plötzlich splittert massiver Stein. Eine schwarze Flüssigkeit taucht aus dem Nichts auf und legt sich über den ersten Wächter. Ölig glänzend zieht sie sich zusammen, weiter und weiter, der eingeschlossenen Materie die Stirn bietend. Es dauert nur wenige Augenblicke, dann gibt der Stein nach und zerfällt zu Staub. Die nächsten beiden Wächter zerstören sich gegenseitig. In einer schnellen Abfolge von gewaltigen Sprüngen, die mit der Anmut eines jagenden Panthers ausgeführt werden, wählt das Wesen seinen Weg im Zickzack über die Allee und setzt damit eine Kettenreaktion in Gang. Sprung für Sprung lässt es die blinden, von überheblichen Magiern programmierten Statuen, gegeneinander antreten.
Den Rest erledigt die Flüssigkeit, die den Sprüngen des Wesens wie ein treuer Hund folgt.
Als die Gestalt das letzte Mal aus dem Sprung aufsetzt, steht das weite gußeiserne Tor wie ein stummer Willkommensgruß vor ihr. Hinter ihr, weniger klar in ihren Konturen, tanzen Staub und Glassplitter durch die Luft. Der letzte Wächter bricht zusammen.
Die schwarze ölige Masse hebt sich von dem letzten Haufen nutzlosen Gesteins ab und flimmert durch die Luft. Hinter dem Wesen angelangt, das sich zu seiner vollen Größe aufrichtet, senkt es sich wie die sanfte Berührung eines Freundes auf seinen Rücken und verwandelt sich in den Mantel zurück.
Bald würde es hier von Wachen wimmeln.
Der schwarze Blick des Wesens richtet sich zum höchsten der vielen Türme des Gebäudes auf. Er zeugt von der Macht dieses Gebäudes aber mehr noch von der ihrer Bewohner. Macht. Ein vergängliches Gut, solange sie nicht in den Händen jener liegt, die ewig sind. Und ewig war wenig.
Es lässt das Tor hinter sich. Wie das erste stellt es für das Wesen kein Hindernis dar. Der schwarze Blick ist noch immer auf den Turm fixiert. Nur noch wenige Sprünge. Bald ist es vollbracht.
Vierter Sprung, zehn Seelen.
~Storyteil IV, verfasst von Tearasel~
_________________ "Bist du ein selbst ernannter Superheld? Exzellent. Dann landest du jetzt im Konzentrationslager, wo du sterilisiert, sediert, programmiert und pasteurisiert wirst! So spricht Präsident Kobold.
...Das klingt mehr Richtung Doktor Doom, was?"
Dark Reign - die dunkle Herrschaft beginnt!
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