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Ich liebe dich, mein Kind.
Die Worte erscheinen banal, sie werden sicher oft gesagt. Doch selten von einem Todgeweihten. Und noch seltener wird es vorkommen, dass sie zum eigenen Henker gesprochen werden. Dunkles Rot breitet sich als dickflüssige Masse über den Teppich aus. Würde man es aus dem Mikrokosmus eines winzigen Volkes, das zu unseren Füßen lebte, heraus beschreiben, spräche man vielleicht von einer Flut, die sich langsam, doch unaufhaltsam über den eigenen Lebensraum schiebt. Sie kniet mit gesenktem Kopf neben dem reglosen Etwas und beobachtet den vermeintlichen Untergang jener hypothetischen, winzigen Zivilisation. Es ist so eine schöne, warme und satte Farbe. In der Natur sieht man sie selten so klar und rein. Was bedeutet es nun für sie? Ist es mehr als dass ein Herz zu schlagen, eine Lunge zu atmen aufgehört hat? Oder weniger? Sie hat aus einem Jemand ein Etwas gemacht. Ein Ding. Einen reglosen Gegenstand auf dem Boden, den man mit sich herumtragen und irgendwo abstellen kann. Wenn man es so simpel betrachtet, klingt es gar nicht mehr schlimm. Dennoch verfolgt sie distanziert, wie das satte Rot durch kleine Tropfen glasiger Schlieren verunreinigt wird. Zunächst sind sie annähernd rund und lassen die schöne Farbe hässlich blass und Rosé wirken. Dann fasern sie auf. Sie verschwimmen, lösen sich auf und verschwinden. Kleine, fallende Inseln im roten Meer überall. Die sinnige Übertragung auf ihr eigenes Dasein stellt sie nur in einem hinteren, abgeschotteten Winkel ihres Kopfes an. Die Nacht findet sie eilig eine schmale, dunkle und schwer einsehbare Gasse im Hafenviertel entlanggehen. Wie überall in den schmalen Winkeln muss sie auch hier ständig darauf achten, nicht über allerhand Gerümpel zu stolpern, dass die Bewohner mehr oder minder acht- und sinnlos hier abgestellt haben. Flechtkörbe, zerrissene Netze, alte Ruder und zerbrochene Tonbehälter, all dem muss sie hier schlängelnd ausweichen um nicht zu stolpen und zu fallen, wozu der schlammige Boden auch nicht eben einlädt. Hinter ihr erkennt man durch einen schmalen Ausschnitt, den die engen Häuserfronten sichtbar lassen, einen orange glühenden Teil des Himmels. Wohl ein Feuer in der Stadt hinter ihr. Sie denkt an ihren Vater und in ihren Erinnerungen verschwimmen die Gesichter von zwei Männern. Hatte er diese spitzen Ohren? Dieses schwarze Haar? Die dunklen Glutaugen der Südländer? Sie weiß es nicht mehr und bezweifelt zugleich, dass dies an ihrem Erinnerungsvermögen liegt. Schlussendlich war sie ja immer das Kind zweier Welten, es erscheint ihr beinahe passend. Schlussendlich sind beide fortgegangen. Wieder etwas später, wieder ein anderer Ort. Sie muss es zugeben, sie hat dies hier provoziert. Noch unter dem Eindruck des Todes desjenigen, der ihr so viel bedeutet hatte, muss sie es wissen. Wissen, ob es sich bei diesen verhurten Säcken voller Flöhe genauso anfühlt oder ob es einen Unterschied gibt. Ob die simple Wahrheit, die sie für sich gefunden hat, ausreicht. Deshalb hat sie sich herausgeputzt. Es machte ihr wenig Mühe. Ein enges, ärmelloses Mieder, ein zu kurzes Kleid und helle Strümpfe genügten, um hier das Unheil heraufzubeschwören. Schon nach wenigen Gässchen klebten ihr ein paar Betrunkene an den Fersen. Halbherzige Fluchtversuche und ablehnende Worte, die eben nicht ganz so nachdrücklich klangen, wie sie es hätten müssen, genügten schon, dass sich drei von den besonders Bedürftigen in eine nachtschwarze Lagerhalle locken ließen. Kaum sind sie hier, spürt sie eine grobe Hand an ihrem Rücken, die sie gegen eine feucht-modrige Holzkiste presst. Diese Burschen müssen ihr Glück kaum fassen können. Wahrscheinlich würde es gar nicht mehr so lange dauern, bis sie über die zwei Dolchklingen, die sie sorgsam an die Innenseiten der Schenkel gebunden hat, stolpern. Doch so weit lässt sie es nicht kommen. Die Klingen liegen gut in ihren Händen. Sie kennt sie so innig, dass sie begonnen hat, ihnen Namen zu geben. Und in manchen Momenten ertappt sie sich sogar von sich selbst erschrocken dabei, wie sie zu ihnen wispert. Die Burschen haben keine Chance. Sie weiß es und nur Sekundenbruchteile später wissen sie es auch. Die Sonne geht majestätisch langsam in ihrem Rücken auf und malt glitzernde Pünktchen und Lichtbänder auf die sanften Wellen, deren Reflexionen sich in ihren Augen spiegeln, als sie am Steg steht. Die Toten in der Halle hat sie bereits wieder vergessen. Befriedigt dreht sie sich um, blinzelt in die aufgehende Morgensonne und hebt eine Hand, um ihre Augen abzuschirmen. Das erste schwache Lächeln seit einiger Zeit zeichnet sich auf ihren Lippen ab.
_________________ Ich flüstere zu meinen Klingen: Tötet! Tötet! Prinzessin der Leere
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