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 Betreff des Beitrags: Katharsis
BeitragVerfasst: So 31. Aug 2008, 21:05 
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Marya

Die Luft in der heißen Kammer ist zum Schneiden dick, durchsetzt von dunklen Rauchschwaden und tanzenden Funken. An den niedrigen, grob gefügten Wänden klebt der Ruß tausender Feuer. Die Decke ist in der flimmernden Hitze kaum zu erkennen, obwohl die Kammer niedrig gehalten ist. Fauchend tost ein Feuer im Schmelzofen, bringt den in der Glut steckenden, gedrehten Metallstab zu karmesinroter Glut. Doch es ist noch nicht genug. Obwohl die Luft so heiß ist, dass sie im Hals ihren Weg schmerzhaft in die Lunge brennt, schüttelt die große Gestalt, die so umfassend in dicke Lederlappen gehüllt ist, dass sie wie eine dem Feuer entstiegene Abnormität wirkt, zum wiederholten Male den Kopf. Die Hitze steigt schier ins unermessliche, als sie die Glut erneut schürt. Noch nicht.


Etwas weniger als ein Zehntag musste wohl vergangen sein, seit sie das großartige Silbrigmond verlassen hatten. Nun lagen Dutzende Meilen sanft gewelltes, im Spätsommer erblühtes Bergvorland hinter und ein schroffer, zerklüfteter Kamm vor ihnen. Die ersten Ausläufer der gefährlichen Nesserberge. Ein Trupp orkischer Stammeskrieger schien hier noch zu den harmloseren Dingen zu gehören, die einem begegnen konnten, wenn man die stumme Herausforderung der imposanten Bergspitzen, die gleichgültig auf einen jeden, der kühn genug war, ihre Höhen ersteigen zu wollen, hinabsahen, annahm. Der Bergweg, eigentlich mehr ein Ziegenpfad, führte den etwa zwei Dutzend Mann starken Reitertrupp vorbei an Geröll, niedrigen Büschen und Krüppelsträuchern, die den eisigen Winden an den Bergflanken während der grimmen Nordwinter widerstehen konnten. Nur wie jetzt in der Sommerzeit zeigten sich in Senken zähe Gräser und hier und da sogar ein Flecken mit gelben oder roten Bergblumen. Ihr Kundschafter und Späher, ein vollbärtiger Mann, der trotz der milden Temperaturen seine dicken Felle nie ablegte, als seien sie ihm mittlerweise zur zweiten Haut geworden, blieb immer wieder für einen kurzen Moment stehen, wenn sie eine kleine Blumenwiese entlang des schmalen Pfades passierten. Thymian, Wollgras und weiße Veilchen, das die Bauern Silbermantel nannten, schienen das Herz des mürrischen Pfadfinders und Jägers in ihren Diensten aufzuhellen. Es musste für ihn ein seltener Anblick während der kurzen Sommer sein. Halmar, so sein Name, betrachtete sie, rührte sie aber nicht an oder pflückte sie gar.
Der Anblick erfüllte sie gleichsam mit milder Zufriedenheit wie Melancholie. Es rührte sie, solch einen bärbeißigen, wilden Kerl, der kaum einmal einen Fuß in eine Siedlung größer als vier Hütten zu setzen schien, wie eine verträumte Milchmagd auf simple und nichtmal besonders ansehnliche oder beeindruckende Blumengewächse schauen zu sehen. Zugleich wusste sie aber auch sehr gut darum, wie flüchtig ihr Dasein hier war und wie schnell die Berge wieder ihren Mantel aus Eis und Schnee anlegen würden.
Nachdenklich schaute sie wieder auf die kleine Reiterschwadron um sich herum. Die kleinen, zähen Pferde schienen nun immer mehr Mühe zu haben, auf dem tückischen und immer enger gewundenen Pfad sicher aufzutreten. Bald würden sie absteigen und die Tiere führen müssen, das wusste sie, so wenig ihr der Gedanke auch gefiel. Die Männer, größtenteils handelte es sich um leicht gerüstete Reitersoldaten, schienen das nicht anders zu sehen. Man merkte ihnen an, dass sie über jeden Schritt, den sie noch auf den Rücken ihrer Pferde mit den hübschen, grün-blau gestreiften Schabracken zurücklegen konnten, froh waren. Sie waren zwar größtenteils keine Ritter von hohem Stand, aber geübte Berufssoldaten, die eigens für diesen Ritt ausgewählt worden waren, weil sie im Gegensatz zu ihren Vettern der schweren Kavallerie keine wuchtigen Streitrösser, sondern beweglichere, aus der hiesigen Gegend abstammende Tiere ritten. Khela-Husaren nannten sie sich, nach ihrem nicht weit entfernten Heimatort, den es nun in diesen schweren Zeiten standhaft zu verteidigen galt. Nur ein Mann stach aus der Gruppe der Leichtbewaffneten hervor. Rittmeister Radolf “Der Hetzer” Helson. Sein Pferd schien größer und kräftiger als das der Untergeben seiner Schwadron. Es war in einen prachtvollen Kataphrakt gerüstet und trug seinen hochgeschossenen Reiter dennoch bisher mit erstaunlicher Sicherheit. An seinem Sattel flatterten stolz zwei Fahnen mit dem Banner Silbrigmonds und der Grafschaft Khel im Wind. Er sah schneidig aus, das musste sie zugeben. Auch wenn er nicht viel sprach, sie betrachtete ihn trotzdem gerne aus den Augenwinkeln. Er saß viel besser im Sattel als sie, der allmählich nach einem halben Tag auf dem Pferd wieder alles wehzutun begann. Immerhin war es besser als die ersten Tage, als sie noch schärfer geritten waren. Dort hatte sie sich Abends nicht mehr setzen können und musste den gutmütigen Spott der Soldaten und ihrer Begleiterin ertragen.
“Hetzer-Helson”, wie ihn seine Männer nannten, ließ sich nun zurückfallen, bis er neben ihr ritt. Er holte ein Pergament mit einer groben Karte der Umgebung hervor und rollte es vor sich im Sattel aus. “Wenn wir Glück haben, erreichen wir den Posten noch ehe die Sonne sinkt, hohe Maga.”, begann er und deutete ans Ende einer gewundenen Linie, die wohl den Pfad, den sie gerade mühsam erklommen, darstellte. Dort war das Symbol eines kleinen, steinernen Wachturmes aufgezeichnet und dort lag auch ihr Ziel. Ein Wachposten, der von den Soldaten des Grafenbündnisses benutzt wurde, um den Silbrigmond-Pass quer durch die wilden Nesserberge zu schützen. Ein kleiner, grob gefügter Turm, von dessen Zinnen aus man einen guten Blick über die Passtraße hatte, wie sie zum Grat anstieg. Sie hatte sich gefreut, als sich ihr die Gelegenheit bot, den Trupp zu begleiten, der den Verbleib der dort stationierten Soldaten klären sollte, die seit langem überfällig mit ihren Meldungen an die Garnison in der großen Stadt waren. Das ewige Warten zwischen Bangen und Hoffen, das sie und die ganze Stadt in ihrem Griff gehabt hatte, hatte an ihren Nerven gezerrt. Nun stieg in ihr die kribbelnde Erwartung eines möglichen Kampfes herauf. Warum sonst hätten sich die Soldaten nicht melden sollen, wenn auf dem Wachposten alles in Ordnung gewesen wäre?

Etwas verspätet nickte sie dem Rittmeister neben sich zu und lockerte die Klinge an der Seite. Es klirrte leise, als ihre linke Hand gegen das Schwertheft schlug. Sie zitterte.

Die Temperaturen in der Kammer haben schier apokalyptische Höhen erreicht. Die Steinkohlen im großen Schmelzofen bringen die unscheinbare Metallstange zwischen sich zu weißer Glut und endlich nickt die große, verhüllte Gestalt. Mit einer großen Zange holt sie das Metall hervor und balanciert es schnell und geübt zum flachen Amboss hinter sich. Funken sprühen wie irre Derwische in die Luft, als sie mit dem groben, dem Wunderbringer Gond gesegneten Schmiedehammer zuschlägt und beginnt, dem Werk seine erste Form anzuzwingen. Kurz darauf fällt ein zweiter Hammer ein und gleichmässig schwere Hammerschläge übertönen das Rauschen des Ofens.

Die matte Sonne hatte sich gesenkt und das milde Tageslicht einem fahlen Zwielicht Platz gemacht. Von einer Senke aus schauten sie auf ihr Ziel, das sich gut einhundert Schritte vor ihnen erhob. Wirklich kein beeindruckender Anblick, das etwas schiefe Türmchen, aber es erfüllte wohl seinen Zweck, wie es sich auf einer majestätischen Felsnase und vor einem schwindelerregenden Abgrund ins Tal hinab erhob. Der Wind hatte aufgefrischt und zerrte an ihren Umhängen, brachte die Äste der niedrigen Nadelgehölze um sie zum Knarzen. Die Pferde hatten sie mit zwei Mann als Wache ein wenig weiter unten gelassen und sich dann weitergeschlichen. Keine Seele war ihnen begegnet, das Türmchen lag im Halbdunkel. Keine Wimpel flatterten auf seiner Spitze. Schräg hinter ihr klapperte leise Metall auf Metall und wurde sofort von einem gedämpften Chor wütender Zischlaute der Umstehenden Männer quittiert. Rittmeister Helson pfiff leise einmal durch die Zähne und der Trupp erhob sich so leise wie möglich, um sich über einen ansteigenden, nur von ein paar einzelnen Felsbrocken durchbrochenen Hang auf ihr Ziel zu zubewegen. Sie schaute sich um. Die Kraft ihrer Magie bescherte ihr auch in diesem Dämmerlicht einen scharfen Blick und so machte sie ihre stete Begleiterin rasch aus. Auch sie wirkte angespannt, aber zugleich von einer routinierten Entschlossenheit erfasst, die sie ein wenig beruhigte. Sie hatte sowas sicher schon viele Male gemacht. Geduckt bewegten sie sich vorwärts, von Fels zu Fels huschend. Für Berittene schlugen sie sich recht gut, fand sie. So war sie auch völlig überrumpelt, als aus dem Dunkel ein Pfeil zischend an ihr vorbeiflog und im Takt mehrerer anderer, verborgener Salven ein Chor rauher Schmerzensschreie unter ihren Reihen aufbrandete.

Immernoch erklingen die schweren Hammerschläge im Takt und mit jedem Hieb nimmt das Metall mehr und mehr seine gewünschte Form an. Die beiden Gestalten schwitzen und keuchen, sie sind erschöpft, aber nun gibt es kein Zaudern, kein Innehalten und keine Pause mehr. So der Wunderbringer es will, wird das Werk noch heute vollbracht oder gar nicht. Kein Riss, und sei er noch so fein, darf entstehen, soll das Metall nicht bersten oder brüchig und damit wertlos werden. So bleiben nur die kurzen Phasen, in denen der Metallstab erneut in die Glut gelegt wird, um sich labend einen Eimer Wasser über die lederne Schutzkleidung zu giessen, bis der müde Arm den immer schwerer werdenden Hammer erneut greifen muss.

In einem der ersten Pfeilhagel, die rings um sie herum den Hang spickten, musste “Hetzer Helson” gefallen sein. Jedenfalls hörte man ihn schon eine ganze Weile nicht mehr. Hatte er ganz zu Anfang noch Befehle gebellt, die seine Männer und Deckung befahlen, war nun nichts mehr ausser dem Gebrüll der Angreifer, den Schreien der Sterbenden oder Verwundeten und das Zischen der Pfeile zu hören. Eng kauerte sie sich an einen größeren Felsblock auf dem Feld, neben ihr die grimmige Kriegerin mit ihrem Bastardschwert. Die Pfeile gingen ungezielt nieder und waren auch nicht besonders gut gefertigt, aber es reichte. Mehrere Männer lagen tot am Boden und viele andere hatten eines der Geschosse in Armen und Beinen stecken, wo die leichten Kettenpanzer sie nicht schützten. Sie waren festgenagelt und würden ohne Zweifel alle nacheinander fallen, wenn nichts geschah. Als sie zur nahen Senke, wo sie eben noch gelauert hatten, schaute, sah sie ihre Peiniger zum ersten Male. Gedrungene Gestalten mit gräulicher Haut und langen Armen. Orks, wie sie es befürchtet hatte. Sicher nicht die gefährlichsten Wesenheiten in diesen Bergen, aber sie schienen zahlreich und vor Allem gut organisiert. Die Krieger dort unter ihnen waren offensichtlich dabei, sie zu umgehen und alleine schon der Hinterhalt war gut geplant und organisiert gewesen, soweit sie dies beurteilen konnte. Sie mussten angreifen, ehe sie völlig verloren waren. Und sie war sich schrecklich gewiss, dass nur sie und ihre Begleiterin dazu in diesen Momenten fähig waren.

Das Metall beginnt, seine endgültige Form anzunehmen. Eine Gestalt dreht den flachgehämmerten Stab mit einer rußigen Zange immer wieder um, während die größere kraftvoll darauf einschlägt und es immer wieder umbiegt und faltet. Sie nähern sich der Vollendung.

Mit einem letzten entschlossenen Blick über den schützenden Felsblock sprangen sie hervor. Während sie einen raschen, engen Haken schlug um den Hang hinaufzuspurten, formte sich vor ihr ein wabernder Schild aus Magie, der in willentlich gelenkte Bahnen gezwungenen Urkraft. Er blitzte auf, als eines der trudelnden Geschosse daran abgleitete und harmlos im Gras landete, während sie den Schild bereits wieder mit einer ausgestreckten Hand herumdirigierte. Die Bewegung war schnell und flüssig, der Schild hatte keine Masse. “Für Silbrigmond! Für Alustriel!”, schrie sie und einige Soldaten nahmen den Ruf auf. “Für Alustriel!”

Ein letztes Mal liegt der nun geplättete Stab in der Glut. Ein letztes Mal sprechen die beiden ermatteten Schöpfer den Feuersegen. Immernoch kann ein Fehler das Scheitern bedeuten und das Werk vernichten. Es liegt auf des Messers Schneide, ob die Götter ihrem Tun ihren Segen geben werden oder nicht.

Die Bewegung am Rande ihres Gesichtsfeldes wäre ihr beinahe entgangen. Sie riss ruckhaft den linken Arm hoch und spürte einen knochenbrechenden Aufprall, der sie stöhnen und taumeln ließ, als die schartige Orkklinge an dem grausigen Panzerhandschuh zerbarst. Mit einem Ausfallschritt fing sie sich wieder und parierte kreiselnd den Stich eines kurzen Orkspeers gegen ihre Magengegend mit dem rasiermesserscharfen, gebogenen Elfensäbel. Die Spitze tanzte um den Speerschaft herum und fügte dem Arm des grimmigen, tätowierten Orkkriegers einen bösartigen, tiefen Schnitt zu. Ein perfektes Riposte. Grunzend ließ er die Waffe fallen und sie stürmte weiter. Ebenso wie den vorherigen Angreifer würde sie auch diesen verwundeten Orkkrieger dem sicheren Tod durch die wuchtigen Hiebe der ihr auf dem Fuße folgenden Kriegerin überantworten. Sie mussten weiter, aus dem tödlichen Feuer der Bogenschützen heraus, vor denen ihr magischer Schild beileibe keinen vollkommenen Schutz bot.

Weißer Dampf steigt zischend auf und nimmt jedem in der Kammer die Sicht. Das Metall kühlt sich blitzschnell ab, während das Wasser in dem Bottich brodelt und blubbert. Doch es bricht nicht. Die guten Götter haben entschieden. Das Werk der beiden Schmiede soll fortbestehen. Hervor kommt es schwarz, stumpf und unansehnlich, doch der Schleifstein steht schon bereit, es zu vervollkommnen.

Mit einem ausholenden Schwung ihres Armes ließ sie die Hölle in der kleinen Schanze vor ihrem Ziel losbrechen. Lodernde Flammen schlugen aus der bloßen Erde und zwangen diejenigen der zwei Dutzend Orkschützen in Deckung und zu Boden, die nicht sofort schreiend vom Feuer verschlungen wurden. Grimmig, bestürzt und berauscht zugleich von dem Chaos und der Zerstörung, die sie scheinbar so leicht herbeigerufen hatte, sprang sie über den Graben der unglücklichen Graupelze. Die Flammen leckten nach ihr, doch sie selbst blieb unberührt von ihrem Hunger.

Hell sirrt der sich rasend schnell drehende Schleistein und spuckt Funken wie ein wütender Drache. Langsam wird das Metall über den Stein gezogen.

Das Feuer beleuchtete die schartigen Steine des schiefen Turmes flackernd im Widerschein, als sie an dessen Fuße angelangte. Doch noch jemand wartete dort auf sie und hatte dem Flammenmeer scheinbar ebenso gleichgültig getrotzt wie sie. Ein Monster, eine schattenhafte Abnormität, herbeigerufen aus anderen Welten oder erschaffen durch finsterste Magie. Das Werk ihrer Feinde, der Schatten von Umbra. Sie bremste, kam zum Halt. Keine Sekunde ließ sie den klauenbewehrten Schrecken aus den Augen. Ihre alte Klinge “Federstreich” war hier machtlos, der schönen Waffe Unrecht tuend ließ sie sie fallen. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, sie wollte umdrehen und fliehen, aber es gab kein Zurück. Langsam griff sie über die Schulter.

Die Hand umfasst den noch warmen Schaft und hebt ihn langsam an. Trotz der Größe geht es leicht, fast spielerisch schwingt sie es empor.

Das gut meterlange Schwert gleißte und funkelte im roten Feuerschein. Kein normales Metall würde so strahlend spiegeln.

Langsam schwingt sie es herum und auf die zweite Gestalt zu, die nickt. Selbst unter der schützenden Maske glaubt man, Stolz und Zufriedenheit zu erkennen.

Das Monstrum fauchte und rote Augen, umgeben von völliger Schwärze fixierten die unerwartete Waffe.

Es sei!

Es sei!

Katharsis!

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 Betreff des Beitrags: Re: Feuerschlund
BeitragVerfasst: Di 23. Sep 2008, 22:29 
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Nie habe ich mich so wohl gefühlt. Der Duft frischen Heus und süßen Obstes liegt in der Luft, weiches Gras kitzelt meinen Rücken und von irgendwo hört man die Rufe der Singvögel und ab und an das Schnauben eines Rinds. Ich weiß nicht, wo ich bin oder was ich hier mache, aber das ist unwichtig. Ich weiß mit seliger Gewissheit, dass ich hier sein kann, und das genügt mir. Für den Augenblick, vielleicht auch für immer. Der sanfte Wind kitzelt verspielt meine Nase und lässt mich Schmunzeln. Würde ich nun einen Gedanken an die Götter verschwenden wollen, so wäre es sicher der, dass es in ihren himmlichen Reichen nicht viel schöner sein könnte. Dennoch halte ich die Augen geschlossen. Kein Grund, sie zu öffnen. Kein Grund, noch einen weiteren Sinn all den wunderschönen Empfindungen hinzuzufügen. Vielleicht würde ich auch vor Glück zerspringen, einer Seifenblase gleich, wenn ich meine Umgebung nun auch noch mit den Augen wahrnehmen würde? Träge räkele ich mich im Gras und nicht einmal das Summen einer Biene direkt an meiner Wange vermag die Harmonie an diesem Ort mit einen Misston oder auch nur dem Hauch von Unbehagen zu stören.

Jemand ist bei mir. Der Gedanke schiesst mir völlig unvermittelt in den Kopf, doch wusste ich es schon die ganze Zeit über. Jemand ist hier bei mir. Ich spüre die Nähe, nicht körperlich, aber doch mit absoluter Sicherheit. So wie man spürt, dass Feuer heiß ist, bevor man es berührt. Dennoch habe ich immernoch kein Verlangen, die Augen zu öffnen. Wer immer es ist, er ist mir wohlgesonnen. Ich weiß nicht, wieviel Zeit vergeht, denn sie bedeutet mir hier nichts, bevor ich der zärtlichen Berührung an meinem Hals gewahr werde. Sie wirkt weder fordernd noch verspielt, sondern so selbstverständlich, dass es mir schwerfällt, ihr nachzuspüren oder zu sagen, was dort über meine Haut gleitet. Alles was ich weiß, ist, dass sie mich, obwohl vage und seltsam diffus, bis in mein Innerstes erschaudern lässt. Er muss es sein. All die Erinnerungen an mein kindisches Warten und meine Unzufriedenheit perlen lachend an mir ab. Wie lächerlich. Natürlich würde er irgendwann kommen, wie hatte ich daran jemals zweifeln können? Ich drehe mich um, seltsam schwerelos. Die fliegende Berührung, von der ich immernoch nicht sagen kann, ob es Finger oder Lippen sind, erreicht mein Kinn und streicht über meine Wange. Ich rühre mich nicht, harre einzig dem, was kommt. So natürlich, so ohne Erwartungen fühle ich mich mit Allem im Einklang, am meisten mit mir selbst. So muss es jedem Geschöpf der Götter gehen, dass nicht mit der Gabe des Verstandes gesegnet ist. Zum ersten Mal zweifle ich an diesem Segen.

Dann werden alle Gedanken hinweggeschwemmt als er meine Lippen berührt. Es scheint so unfassbar richtig. Ich möchte darin ertrinken, dieser Kontakt ist alles was ich brauche, alles, was ich mir jemals gewünscht habe und so viel mehr. Zeit wird bedeutungslos, wird zu einer aus der Gleichung des Seins gestrichenen Variablen. Ich spüre meinen Herzschlag nicht mehr, nur noch diesen Kontakt, diesen göttlichen Funken. Um uns herum könnten die Sterne vergehen oder alles stillstehen, es ist mir egal. Bis etwas in mir erwacht. Zunächst erscheint es störend, ein chaotischer Gedanken, der die Vollkommenheit, zu der mein kleines Selbst verkommen ist, stört und Disharmonie bringt. Ein schiefer Ton in einer pefekten Komposition. Ich versuche ihn erst zu ignorieren, dann zu verdrängen, doch er nährt sich aus meiner Aufmerksamkeit, wächst und wird stärker. Das Gleichgewicht ist ins Wanken geraten und schaukelt sich auf, langsam und stetig, bis kein Zweifel mehr daran bestehen kann, dass es kentern und sinken wird.

Misstrauen. Ich öffne die Augen. Sie blicken in ihre grauen Spiegelbilder. Ich ziehe mich in völliger Verwirrung zurück und mein Gesichtsfeld weitet sich. Ich sitze vor mir selbst. Und doch wieder nicht. Eine Kopie! Ein Doppelgänger! Jede Kontur des Gesichtes vor mir erkenne ich als meine, jede winzige Bewegung könnte von mir stammen. Doch könnten meine Pupillen niemals so schwarz sein. Sie sind nicht schwarz, sie sind lichtschluckend, jede Ahnung, jede Erinnerung an Licht scheint an ihnen verschwendet. Gäbe es einen Stoff, aus dem Dunkelheit gemacht wird, hier wäre er. Die so vertraute und zugleich so fremdartige Gestalt lächelt mein Lächeln und bedeutet mir mit einer Kopfbewegung und ohne die Augen von mir zu nehmen, an mir hinabzublicken. “Du bist nicht länger nötig. Du kannst gehen”, sagt sie stimmlos, ohne die Lippen zu bewegen.

Als ich der Aufforderung folge und an mir hinabsehe, scheint eine eiskalte Faust mein Herz zusammenzudrücken und zum Halten zu bringen. Wo meine Arme sein müssten: Nichts. Meine Beine, mein Bauch, meine Schultern: Nichts. Ich bin ein körperloser Geist, dessen Existenz immer weiter zu schrumpfen scheint. Ich versuche mich zu wehren, dagegen anzukämpfen. Doch das Ding nimmt mir alles und schickt mich weiter, immer weiter in die Inexistenz. Verzweifelt und hilflos spüre ich, wie mein Sein zu einem stecknadelkopfgroßen Punkt zusammenschrumpft. Schlussendlich bin ich nur ein Staubkorn, die pure, verdichtete Essenz meiner selbst. Die abscheuliche Kreatur mit den toten Augen lächelt und ich verschwinde endgültig.


Mit einem Keuchen riss sie die Augen auf. Sie bäumte sich auf und sofort waren Dutzende von Stimmen um sie herum. Tanzende Schatten flogen vor einem dunklen Hintergrund umher, bis sich ihre überreizten Sinne allmählich zu beruhigen begannen. Die durcheinander gerufenen Worte begannen, wieder einen Sinn zu ergeben, die Schatten wurden zu menschlichen Silhouetten und der schwarze Hintergrund zum tiefblauen Nachthimmel. Wie war sie hierhergekommen? Sie begann mit einer kurzen Bestandsaufnahme. Sie spürte keinen Schmerz, ihr Körper schien intakt zu sein und allmählich begann sie ihn auch wieder zu fühlen, wenn er auch noch nicht gewillt schien, ihrem Willen bereits wieder zu Diensten zu sein.

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 Betreff des Beitrags: Re: Katharsis
BeitragVerfasst: Mo 6. Okt 2008, 00:33 
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“Wie...?”, fragte sie benommen mit seltsam tauben Lippen, die ihr das Sprechen schwer machten und es jedem anderen noch schwerer machen würden, sie zu verstehen. “Wie bin ich hierhergekommen? Wo bin ich?”. Sie spürte starke Hände an den Schultern, die sie aufrichteten und dann rauhen Fels am Rücken. Jemand benetzte ihre Stirn mit einem Tuch und ihr schwindelte. Als der Anfall vorüber war, kniff sie die Augen zusammen und versuchte nun zum ersten Male, jemanden zu erkennen. Wen würde sie sehen? Mühsam überwand sie ihre irrationale Furcht vor der erschreckenden Vorstellung, es könnten weitere Kopien ihrer selbst sein, und stellte erleichtert fest, dass es normale Menschen waren, die um sie herumstanden und mit verscheidensten Dingen beschäftigt waren. Ein paar schienen schwere Säcke hinter sich her zu ziehen, die sie erst nach einigen Augenblicken mit Schrecken als Leichen erkannte. Und auch die Männer und Frauen um sie herum sahen wirklich nicht aus, als kämen sie gerade von einer Parade. Viele trugen blutgetränkte Tücher oder Kleidungsfetzen um Stirnen, Arme oder Beine und bewegten sich so schleppend, als wären sie Schlafwandler. Irgendwo in der Nähe schrie und jammerte jemand zum Erbarmen und ein stechender, heißer Rauch kitzelte sie in der Nase und brannte in ihrer Kehle. Dann schob sich das Antlitz einer Frau mit dunkelroten Haaren in ihr Gesichtsfeld. Sie war es wohl auch, die sie angehoben und ihr Gesicht abgewischt hatte. “Du bist da, wo du sein solltest”, sagte sie mit einer etwas heiseren Stimme, die ihr sonst nicht zu eigen war. Man merkte ihr an, wie erleichtert sie war und dass sie ihre Besorgnis nun zu überspielen versuchte. “Wir haben dich aus den Augen verloren, als du hinter die Flammenwand gesprungen bist. Tu so etwas nie wieder!”, fügte die andere mit knurrender Stimme hinzu. “Wo ist das Schattenwesen?”, entgegnete sie, während ein erneuter Schwächeanfall ihren Kopf gegen den Stein zurücksinken ließ, den sie nun als das grobe Mauerwerk des Turmes erkannte. “Die einzigen Monster hier waren diese Orkbrut. Und sie hätten dich zerhackstückeln können, als du die Besinnung verloren hast. Einen Moment dachte ich, sie hätten es getan.” Die Rothaarige brach ab und man konnte es hinter ihrer Stirn förmlich arbeiten sehen. War sie gestürzt? Hatten ihr Hitze oder Luftmangel hinter ihrem Flammenvorhang das Bewusstsein geraubt? Wenn es so gewesen sein sollte, dann konnte sie ihrer Begleiterin nur zustimmen. Ein einzelner räudiger Ork hätte sie gemütlich aufschlitzen können. Aber die Schattenkreatur konnte sie sich nicht eingebildet haben. Und dieser verstörende Traum...

Ein rüttelnder Griff an der Schulter brachte sie wieder ins Hier und Jetzt. “Nicht wieder einschlafen, Prinzesschen!”, herrschte sie die andere an. “Für's Erste mögen die Orks vertrieben sein, aber die können wiederkommen. Wir müssen hier weg und diesen Kundschafter mögen die Höllen dafür verschlingen, dass er in einen Orksäbel gelaufen ist!” Mühsam murmelte sie einen schwachen Protest als sie wieder auf ihre wackeligen Beine gezogen wurde. “Hör zu. Ich habe mit dem neuen Anführer dieser Husaren gesprochen. Sie ziehen sich zurück und erstatten Meldung in Silbrigmond.” Langsam bekam sie das Gefühl, ihre Begleiterin würde ihr nur keine Ruhe lassen und auf sie einreden, um sie an einem erneuten Weggleiten zu hindern. “Aber wir haben einen Auftrag des Rates in Sundabar”, wandte sie matt protestierend ein. “Dieser Rat ist mir so egal wie der ganze verteufelte Landstrich. Wir haben über die Hälfte unserer Schwerter verloren und du bist bleich wie ein Gespenst. Wir folgen den Männern.” Sie strauchelte an der Seite der sie stützenden Frau, als ein weiteres Stück ihrer Erinnerung zurückkam. “Das Schwert, wo ist es?” Die Frau deutet auf ihren Gürtel, wo ihr vertrauter Elfensäbel steckte. “Nein, das andere!”, verlangte sie zu wissen. “Das silberne mit...”, setzte sie erneut an, brach dann aber auf einen stirnrunzelnden Blick ihres Gegenübers, der klar machte, dass sie nicht wusste, wovon sie sprach und es als Hirngespinst abtun würde, wieder ab. Was war das wieder für ein Rätsel? Sie war sich ganz sicher, mit einem silbernen Schwert dem Schattenwesen entgegengetreten zu sein. Andererseits, wenn dieses Wesen ein Trugbild gewesen sein soll, warum dann nicht auch das Schwert? Trüb ließ sie sich zum nahen Waldrand führen, wo ihre Pferde etwas entfernt in einer Senke standen, ungerührt von den furchtbaren Ereignissen am Turm. Was mochten sie über diese "kulturschaffenden" und von den Göttern erwählten Wesen denken, die sich gegenseitig so viel Unheil zufügten? Die Rothaarige drücke ihr einen Wasserschlauch und einen Kanten Brot in die Hände und verschwand zwischen den Bäumen mit der Ankündigung, sie werde sofort wieder zurück sein. Sie hatte es sich gerade auf einer Pferdedecke bequem gemacht, als sie eine über die letzten Monate nur allzu vertraute, einschmeichelnde und fast schmerzlich unschuldig klingende Stimme hörte.

“Es tut mir Leid, Herrin. Die Magie der Schatten ist trügerisch. Vergiss das Schwert und den üblen Traum. Ich habe gut gespeist und das hilft uns beiden.”

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 Betreff des Beitrags: Re: Katharsis
BeitragVerfasst: So 12. Okt 2008, 01:16 
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Der noch junge Tag fand die beiden Reiterinnen mit den Nesserbergen im Rücken am Flusslauf des Rauvin entlangreitend. Die Sonnenscheibe verbarg sich schon seit der Morgendämmerung hinter grauen Wolkenschleiern und es wehte ein kühler Wind, der sich bereits wie eine Erinnerung der Frostmaid anfühlte, dass sie die Lande bald wieder in ihrem eisigen Griff haben werde. Der gestrige Weg hatte sie sicher über den Mondpass geführt und nun waren sie frohen Mutes, ihr Ziel noch heute Abend zu erreichen. Dieses Ziel war es auch, über das Marya nachsann, während die Pferde selbstständig ihren Weg durch eine karge, felsige Landschaft fanden.

Sundabar, diese Stadt war legendär, beinahe so bekannt wie Silbrigmond. Eigentlich war es nicht einmal eine richtige Stadt, sondern eine beinahe uneinnehmbare Festung, besetzt mit tausenden fähigen Kämpfern. Ein echtes Hindernis für jeden, der den Norden sein Eigen nennen wollte. Mehr als ein Orkensturm war an Sundabars Mauern gebrochen worden und hatte sich wirkungslos verlaufen. Wachsamkeit und Mut waren dort in höchsten Ehren gehaltene Tugenden und die kampferprobten Zwerge eine weitere Hürde, die jeder Angreifer würde überwinden müssen. So betrachtet war es zugleich die größte Herausforderung für die finstere Armee, der es sich nun entgegenstellen musste, wie auch das logische Ziel der Bemühungen der Schatten.

Solange Sundabar nicht fiel, war der Weg nach Silbrigmond versperrt. Und trotz der hohen Mauern und der unbestreitbaren Tapferkeit seiner Verteidiger war sie sich nicht sicher, ob sich ihre Feinde von den Schwertern und Äxten der Soldaten lange beeindruckt zeigen würden. Es waren eben nicht nur Orks.

Dennoch war die Belagerung, bei der sich in Kürze eine Schlacht zwischen den Truppen des Bündnisses und der Schatten abspielen würde, die möglicherweise über das Schicksal der gesamten Silbermarken entschied, nicht ihr Ziel. Man hatte ihnen ein anderes gegeben.
Denn nicht nur als Festung war Sundabar bedeutend. Unter der Stadt klaffte eine tiefe Spalte im Erdreich, durch die das Feuer der Tiefe bis beinahe an die Oberfläche gelangte. Ein Feuer, heißer als es jeder Schmied in seiner Kammer erzeugen konnte. Die Stadt war untertunnelt durch basaltige Stollen und Höhlen, wo vor Hitze selbst das Atmen schmerzte. Nur Zwerge hielten sich in den Immerfeuerschmieden für längere Zeit auf und man sagte, dass so manche legendäre Waffe dort ihren Anfang nahm. Und das durfte den in düsterer Magie so talentierten Schatten nicht gestattet werden. Niemand wusste, was dort vor sich ging und wenn sie ehrlich mit sich selbst war, wusste sie nicht, was sie dort tun sollten, ausser sich umzusehen und mit einer kleinen Armee zurückzukehren, falls sich Anayas schlimmste Befürchtungen als berechtigt erwiesen. Sobald sie den Eisspeerfluss überquert hätten, würden sie Sundabar bald sehen und es vielleicht rascher erfahren, als ihr lieb war.

Unnötigerweise beschattete sie ihre Augen mit der Hand und blickte voraus, doch bisher war nichts ausser dem kargen Vorgebirge und dem wild fliessenden Rauvin neben ihnen zu sehen. Mit einem Schauder, von dem sie selbst nicht genau sagen konnte, ob er der Kälte oder den wenig erfreulichen Gedanken geschuldet war, zog sie ihren Umhang enger um die Schultern. Sie träumte immernoch schlecht seit jenem Kampf vor beinahe zwei Zehntagen oben in den Bergen. Ihr unliebsamer Begleiter am Unterarm hatte seither geschwiegen, doch sie hatte das unheilvolle Gefühl, dass er nur Kräfte sammelte. Sie hatte keine Ahnung, wie, aber er war gestärkt aus der Konfrontation mit dem Schattenwesen hervorgegangen, ob es nun real gewesen war oder nicht. Etwas war dort gewesen, dessen war sie sicher. Und dann dieses Schwert. Es konnte kein Zufall sein. Sie hatte ihre Begleiterin doch gebeten, mit ihr genau solch ein Schwert zu schmieden. Ein Wahn ihres Geistes? Ein Trugbild der tückischen Klaue oder mehr, vielleicht gar ein Omen? Man konnte nie wissen, wer alles versuchte, sie zu beeinflussen, ob zum Guten oder zum Schlechten. Sie hatte eh kaum noch Kontrolle über die Dinge, die geschahen und fühlte sich immer mehr hin- und hergeschoben. Nur für ihre Probleme fand man kein Gehör. “Typisch”, dachte sie mit einem Schnauben.

Tatsächlich tat sich, gerade als sie eine flache Hügelkuppe überquert hatten, am gegenüberliegenden Hang eines flachen, vielleicht fünf Meilen durchmessenden Tales, die Feste Sundabar vor ihnen im ersterbenden Licht des Tages auf. Die Geschichten übertrieben oft, aber eben nicht immer, kam es ihr als erster Gedanke. Das riesige Gebilde aus Mörtel und Stein thronte mehr wie Giganten- denn wie Menschenwerk auf einem kahlen Felszug. Sie konnte Mauern von sicherlich über zwanzig Schritt Höhe sehen. Wehrtürme und Zinnen überragten jedes Wohnhaus, das sich zwischen sie kauerte und mehrere Ringwälle und tiefe Gräben würden von jedem Angreifer einen hohen Blutzoll einfordern, bevor er den inneren Bereichen auch nur nahe kam. In der Mitte des Tales, wo es wenigstens ein paar grüne Flecken von Gräsern und Büschen gab, lagerten die versammelten Truppen des Bündnisses. Aus Ländern nah und fern waren sie gekommen und ihre Fahnen flatterten stolz im Wind. Es waren tausende, sie wagte ihre Anzahl nicht zu schätzen. Prächtig und unbesiegbar wirkten sie. Kühne Streiter, mächtige Magier und weise Führer hatten sich dort versammelt. Doch über Allem thronte die Stadt der Schatten. Gigantisch schwebte sie über den Türmen Sundabars und musste sie selbst am hellichten Tage in Dunkelheit hüllen. Es schien wie ein schwebender Berg, was sie ja eigentlich auch war. Uralte, vergessene Magie brachte sie dazu, über tausend Schritt über dem Erdboden zu schweben, ein Anblick, der so fantastisch und wahnwitzig war, dass sie unbewusst ihr Reittier anhielt, um zu starren. Es war schlechterdings überwältigend. Wie hatten diese Wesen das fertiggebracht? Bei dem Gedanken daran, was es bedeuten möge, zu solchen magischen Werken fähig zu sein, kribbelte es warm in ihrem Bauch. Es war berauschend, was sie dort erschaffen hatten und die beinahe nichtige Möglichkeit, solche Kräfte irgendwann einmal vielleicht selbst zu besitzen , ließ ihr Herz schneller schlagen.

Nur mühsam fand sie zurück und machte sich bewusst, was es für Wesen waren, die dies vollbrachten und was sie dafür aufgegeben hatten. Die Stadt, -die beiden Städte- waren für sie zunächst nicht von Interesse.
Die rauchenden Erdspalte, deren dampfende Schwaden man selbst aus solcher Entfernung gut erkennen konnte, wie sie sich den Fels entlangzogen, waren es dagegen sehr wohl. Dort lag Immerfeuer. Sie nickte ihrer Begleiterin zu, prüfte den Sitz ihrer Habseligkeiten am Körper und dem Sattel des Pferdes und richtete sich etwas auf. Dann deutete sie mit gestrecktem Arm dorthin, wo das Reich des Feuers begann.

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 Betreff des Beitrags: Re: Katharsis
BeitragVerfasst: Fr 24. Okt 2008, 18:52 
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Einst hatte ich mein kleines Imperium unter mir... die Menschen hassten mich, obgleich ich lediglich die Kehrseite der Medalie war, in denen sie sich spiegelten - die Spitze des Krebsgeschwürs, dass sie selbst schufen und heranzüchteten, dass in ihren Abfällen wucherte. Denn die Slums waren der Abfallhaufen der Stadt, dort warfen sie alles hinein. In einem Abfallhaufen jedoch bilden sich Parasiten. Man könnte sagen, so entstand Porto Muerte. Meine Spielhöllen... meine Bordelle... meine Rauschgiftzellen... sie wucherten und wucherten.

Es lief gut... bis ich einen Fehler machte, ja. Solange ich kaltblütig und grausam war, lief es gut. Eine gute Tat, geboren aus Naivität war es, die mich stolpern ließ... und seither ging alles bergab. Ich stellte mich dem Teufel Devon entgegen, um ihn zu vernichten. Dafür sandte er mich in die Hölle... meine 'Freunde' ließen mich dort schmoren, Ando paktierte mit Devon... und dann noch mit Nasmir, ebnete ihm den Weg, unwissentlich unterstützt von der Triade. Ich hätte in der Hölle bleiben sollen, innerhalb weniger Jahrzehnte hätte ich sie beherrschen können. Stattdessen zurück in dieses Dreckloch Rivin. Als ich zurück kam, war bereits alles in vollem Gange... zwar konnte ich mit Hilfe einiger Kräfte des Guten die teuflische Erinnye vernichten, die als Doppelgängerin meinen Platz eingenommen hatte.. doch musste ich bald fest stellen dass ihre Worte wahr gewesen sind. Sie war nur Ablenkung gewesen, unter ihrer Herrschaft hatte ihr Verbündeter Nasmir sich seinen Platz in Rivin etablieren können, ohne dass es jemand merkte. Unter ihrer Kontrolle konnte Ando die Söldner, die nun die Miliz darstellen, über den Bluthafen Stück für Stück nach Rivin bringen. Nasmir und seine Leute konnten kommen, konnten sich in Teilen unserer Geschäfte einnehmen und diese übernehmen.

Andos Verhaftung und Verrat schließlich... vollendete den Plan. Die komplette Führung musste untertauchen, wir alle... auch ich... mussten uns 'ruhig' verhalten. Alle Blicke der Kräfte des Guten waren auf uns gerichtet, so wurden wir vom Gegner als Ablenkung missbraucht und konnten nichts gegen Nasmirs Machtzuwachs tun... wir mussten uns ruhig verhalten. Am Ende war es jedoch falsche Rücksicht gewesen, welche den Feinden all dies ermöglichte. Ich hätte sie jederzeit vernichten können, alles andere wäre eine Lüge, eine Ausrede. So wie ich schon zuvor jeden zu wahnsinnigen Schurken ermordet hatte, bevor er zuviel Macht bekam... so wie ich die Pläne der Shariten und Cyricer von Mal zu Mal aufhielt. Dieses Mal jedoch hatte ich angenommen, ich müsste mich zurück halten. Nicht mehr töten. Ein Fehler.


Eine scharfe Klinge aus kaltem Stahl bohrte sich durch ein Kettenhemd, einen Brustkorb und ein Herz. Der Rauch machte das Atmen zur Qual. Die Hitze ließ die Umgebung flimmern. Entlockte dem Körper kostbares Wasser in Form von klebrigem Schweiß. Tanzende Flammen sorgten für feuriges Licht und unstrichen die infernal wirkende Umgebung - so musste die Hölle aussehen. Von einer blutigen Fontäne begleitet wurde das Schwert wieder aus dem Körper heraus gerissen. Gierig auf der Suche nach seinem nächsten Opfer um seinen Durst nach Blut zu stillen. Oder eher zur Befriedigung der lüsternen Mordsucht der rothaarigen Frau die es führte. Geschützt durch eine dunkle Stahlrüstung mit einem tollwütig wahnsinnigen Funkeln in den giftgrünen Augen wirkte sie mehr denn je wie ein Dämon in menschlicher Haut. Die feurig flammende Umgebung und die schwärzliche Asche in der Luft unterstrichen dieses Bild.

Ich bin Shara Paine. Waffe. Mörderin. Monster. Dämon.

Der schweren Rüstung zum Trotz wirkte es auf archaische Weise elegant. Wie ein unheiliger Tanz des Todes als sie mit der Klinge in der Hand schwungvoll eine Drehung vollführte. Zwei weitere Soldaten der Umbranten starben durch dieses grausame Schauspiel. Ein Dritter versucht mit verzweifelter Kraft beider Hände die herausquellenden Gedärme im Körper zu halten. Diesen lässt sie am Leben. Ihn in diesem Zustand zu töten, wäre ein Gnadenakt gewesen. Ihre Klinge braucht frisches Blut, ihre Seele die nächste Leiche.

Geboren um zu morden. Geboren um zu töten. Nicht befriedigt mich mehr. Nichts erfüllt mich so. Und für nichts anderes bin ich da. Mein einziger Daseinszweck.

Ein weiterer Körper stürzte mit gespaltenem Schädel zu Boden. Diese niederen Krieger des Feindes trugen magische Kettenhemden und Rüstungen, die sie vor der Kälte schützen. Nicht vor der Klinge einer schizoiden Soziopathin die das Morden genießt. Schweiß rinnte über ihre Stirn, doch die Erschöpfung konnte trotz der Hitze nicht überhand nehmen. Shara fühlte laue Erregung in ihrem Unterleib aufsteigen. Ein Endorphinstoß der trotz der Schmerzen lustvoll durch ihren Körper jagt. Ein Gefühl das sie durch nichts anderes erreichen kann außer töten.

Ich bin eine Frau, mein Körper sollte Leben gebären. Aber ich darf keine Kinder haben. Mein erstes Kind starb durch das Schwert meines Feindes. Das Leben des zweiten Kindes zerstöre ich selbst jeden Tag aufs Neue. Wenn ich glücklich bin kommt etwas um mich wieder zu zerstören. Ich darf nur durch das Töten Gllück erlangen. Es ist meine Bestimmung.

Mit einem vom Wahnsinn verzehrten Lächeln näherte sie sich den letzten beiden noch lebenden Feinden. Ihre stählernen Stiefel zertraten dabei achtlos die Finger eines ihrer 'Mitstreiter' der sich ohne Beine verzweifelt mit den Händen voran zu ziehen versucht hatte. Das durch den Blutrausch in ihren Ohren erzeugte Pochen ließ nicht zu, dass Shara den Schmerzensschrei überhaupt wahrnahm. Es hätte sie auch nicht interessiert. Die Krieger des Grafenbündnisses, ihre sogenannten 'Mitstreiter' waren ihr ebenso gleichgültig wie die Kämpfer der Umbranten. Gleichgültig wie das gesamte Grafenbündnis und sein erbärmlicher Krieg gegen das aus ihrer Sicht Böse. Sie war hier um einen der wenigen Menschen zu beschützen der ihr in ihrem Dasein noch etwas bedeutete. Und dabei entdeckte sie ihre alte Lust am Töten jeden Tag aufs Neue. Hier war Krieg, hier durfte man töten. Hier war es in Ordnung zu töten. Hier wurde man darum gebeten zu töten. Hier war man Kriegsheld wenn man tötet. Anaya hatte gedacht der Krieg könnte sie schockieren, doch das Gegenteil war der Fall. Der Krieg machte sie glücklich. Sie war geboren für den Krieg. Shara liebte.. den Krieg. Nicht den Krieg des Grafenbündnisses gegen seinen Feind sondern den Krieg an sich. Einst hatte sie versucht eine bessere Welt für alle zu schaffen. Doch sie musste sich eingestehen in Wahrheit immer nur nach Gründen gesucht zu haben um ihre Morde vor sich selbst zu rechtfertigen. Ein Krieg wie dieser legte das wahre Gesicht der Menschen offen die daran teilnahmen. Und so hatte auch Shara zu ihrer Wahrheit gefunden, ihrer persönlichen Katharsis.

Wenn ich glücklich war kam immer jemand um es mir wieder wegzunehmen. Sei es meine Mutter die sich die Pulsadern aufschnitte weil sie mich nicht mehr ertragen konnte. Sei es ein Darkk der mich manipuliert und mein Leben zerstört. Sei es ein Sarod dé Teril der meine Heimat vernichtet. Ein Kaylon Rydrien der mir mein Kind nimmt. Ein Antonius Starken der mich an den Galgen zu bringen versucht. Oder eine Amelie Wolkenmeer die mir Liebe und Hoffnung vorgaukelt um mich dann wieder zu hintergehen und in den Schlund der Finsternis zurückfallen zu lassen. Oder eine Harfe die mich mehr als alle anderen zusammen erniedrigt hatten und mir meinen freien Willen nahmen, in meinem Gehirn herumfischten.

Ihre Schritte hatten sie zu den letzten beiden Feinden gebracht. Hoffnungslos begannen sie um Gnade zu betteln und auf die Knie zu gehen. Sie würden heute keine mehr erhalten. Die Klinge blitze auf und spiegelte die letzten Momente der beiden Soldaten wieder bis neues Blut sie befleckte. Das brachte Shara in die Wirklichkeit zurück.

Heute Nacht spiele ich Harfe auf euren Rippen.

Sie strich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem verschwitzten und verklebten Gesicht, atmete für einen Moment aus. Ein Schwindelgefühl stieg in ihr auf und warf sie fast um. Ihrer Kehle entkam ein verzweifelt klingendes Gekicher. Es wuchs zu einem Amalgam aus wahnsinnigem Gelächter und hilflosen Weinkrämpfen. Dumpf gaben ihre Knie nach und ließen sie zu Boden sinken. Nur für Momente ließ sie diesem stressbefreienden Ausbruch ihres verstörten Geistes freien Lauf. Momente die ihr wie Ewigkeit erschienen und doch viel zu kurz.

Ich will im Blut ertrinken um nichts mehr zu fühlen. Ich will heim und mich unter meinem Bett verstecken. Ich will aufgespießt verbluten.

...

Marya wartete ungeduldig mit den anderen Kriegern im großen ehemaligen Versammlungsraum der Zwerge. Wohin diese verschwunden waren war immer noch ungewiss. Seit sie vor drei Tagen hinab in den heißen Höllenschlund der Immerfeuerschmieden geklettert waren hatten sie noch keinen der einstigen Bewohner zu Gesicht bekommen. Und vor zwei Stunden war ihre rothaarige Begleiterin mit einem Spähtrupp losgezogen um die näheren Höhlenwege zu erkunden.

Wo blieb sie nur..?


(by Shara)

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 Betreff des Beitrags: Re: Katharsis
BeitragVerfasst: Mo 22. Dez 2008, 03:09 
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Der lange Weg zurück

Die Nacht findet Miriamel in ihrer kleinen Kammer im Haupthaus des Gehöfts mitten im Tal des Rauvin, in dem sie den Großteil ihrer Jugend verbrachte und in der noch immer von den Eltern und Geschwistern bewirtschaftet wird. Die Kammer ist eng an eine Außenwand des Hauses gekauert, dessen tief hinabgezogenes Giebeldach so aus groben Baumstämmen gefertigt wurde, wie es in diesen Landen üblich ist. Auch wenn die Fugen mit Lehm verschmiert sind ist es zugig und selbst unter den dicken Bärenfellen, die sie bis zur Nasenspitze über sich gezogen hat, will ihr der Frost nicht aus den Gliedern weichen. Wenn sie die Arme zu beiden Seiten ausstrecken würde, (was ihr bei diesen Temperaturen jedoch wahrlich nicht in den Sinn kommt, Auril sei Zeuge) könnte sie ohne Probleme die beiden Wände berühren ohne die Ellenbogen strecken zu müssen und beständig spürt sie das rauhe, kalte Holz an den Fußsohlen oder am Scheitel, je nachdem, wie sich gerade herumwälzt. Man merkt oft erst an diesen Dingen, wie sehr man gewachsen ist. An sich selbst fällt es einem nie auf, geht es ihr durch den Kopf. Draussen fällt schon seit einigen Tagen Schnee, der schwer und nass auf dem Gebälk lastet und es knirschen und knacken lässt. Seit der Krieg vorbei ist, ist auch an diesem Gebäude bereits viel Schaden repariert worden, doch der nun mit Macht einsetzende Winter lässt die Arbeit gezwungenermassen zum Erliegen kommen. Nein, eine gemütliche Nacht ist dies nicht, selbst für ihre Leute, die die letzten Jahre nicht verzärtelt im milden Seeklima der Schwertküste verbracht haben. Sie spricht sich im Stillen etwas Mut zu, doch für sich weiß sie ganz genau, dass es nicht nur die Kälte ist, die sie wach hält. Nicht einmal zum Großteil. Es sind diese Erinnerungen. Die Erinnerungen an die Kämpfe und an die Schlacht vor den Hängen Sundabars. Doch ganz besonders das, was davor war. Die Immerfeuer. Der Name wird ihr wohl noch lange kalte Schauer über das Rückgrat jagen lassen. So starrt sie mit weit offenen Augen über sich an die niedrige Decke und lauscht dem Heulen des Winters vor dem Haus, während…

...ein helles Sirren zerreisst die Geräusche von Axthieben auf hochgerissene Schilde, von Schreien, Anfeuerrungsrufen und Befehlen, auf deren Beachtung keiner der Streiter noch etwas gibt. Der Angriff ist zu einem unübersichtlichen Gewühl geworden, einem blindwütigen Hauen und Stechen, in dem in Sekundenbruchteilen entschieden wird, ob das nächste Ziel Freund oder Feind ist. Ein Mahlstrom, der Leben frisst, eine Knochenmühle, ein… weitere schaurige Metaphern fallen ihr nicht ein, nachdem sie sich ihres letzten in Wolfsfelle und leichte Platten gekleideten Gegners entledigt hat und nach dem Ursprung dieses durchdringenden, hohen Geräusches Ausschau hält, das scheint, als hätte soeben eine Schar wütender Banshees in den Kampf eingegriffen. Am Ende der großen Höhle, wo der Pfad leicht ansteigt und in einen der zahllosen Gänge einmündet, ist eine neue, hochgewachsene Gestalt erschienen. Sie trägt trotz der brennenden Hitze in den Stollen, die schon bei kleinsten Bewegungen zu Schweißausbrüchen führt, wehende, lichtschluckende Gewänder und einen aus ebenso geschwärztem Metall gefertigten, einer Drachenschnauze nachempfundenen Helm. Doch allein die Art, wie sie sich bewegt, lässt nur einen Schluss zu: ein Umbra, eine jener verdorbenen Gestalten, die wie aus Spukgeschichten aus den Tiefen der Zeit emporgestiegen sind, um die Reiche zu verschlingen. Das Erscheinen dieses neuen, fürchterlichen Wesens lässt den Kampf für einen Moment erlahmen. Bisher war sie mit ihren Begleitern nur auf Bergorks, ein paar Oger und grausamerweise auch auf ein paar Zwerge gestossen, deren Unempfindlichkeit gegenüber Schmerzen, trügerisch schwerfällige Bewegungen und leere Gesichter nur den Schluss zulassen, dass sie tatsächlich mit dem Fluch des Untods belegt wurden. Die Schmiede und Verteidiger der legendären Immerfeuer finden nun in Massen ein unrühmliches Ende. Doch keiner ihrer eigentlichen Feinde hat sich blicken lassen. Bis jetzt. Dem Schattenwesen zur Seite springen zwei grausame, riesenhafte Hunde ins Getümmel, beissen auf die Beine der überraschten Soldaten des Grafenbündnisses ein und zerreissen ihnen die Kehlen, sobald die Unglückseligen fallen. Und wen die Hunde verschonen, der findet sein Ende durch die lange Klinge des archaisch geformten Schwertes aus silbrigem Metall, das der Unhold in todbringenden Kreisen wie eine Sense schwingt. Schon allein durch diesen Anblick wankt die Schlachtlinie, die sie bisher verbissen gehalten haben. Man kann die plötzliche drohende Panik förmlich riechen, spürt den hysterischen Unterton, der in die erneut aufbrandenden Rufe gerät. Sie drängt sich zwischen den Schultern von zwei gepanzerten Spießkämpfern hindurch und schöpft einen Moment Atem. Schweiß läuft ihr in wahren Bächen über das Gesicht, verklebt ihre fest gebundenen Haare und brennt fürchterlich in den Augen, sobald sie vergisst, ihn mit dem Unterarm wegzuwischen. Ihr Herz jagt und die über und über mit Blut verschmierte Elfenklinge in ihrer Hand scheint Zentner zu wiegen. Dennoch hat sie die Klinge in Händen des Monstrums erkannt. Ihr eigenes Monster hatte sie davor gewarnt und in den wenigen Tagen, in denen sie sich hier in den Tiefen schon herumtrieben, hatten sie Hinweise genug gefunden. Die Immerfeuerschmieden waren nicht umsonst ein Nexus magischer Kräfte, in denen berühmte und berüchtigte Waffen schon seit Jahrhunderten geschmiedet wurden. Diese hier durften sie nicht in der Hand der Umbral belassen. Und wenn die Hinweise und vagen Visionen, die sie durch Sekhet-Met unfreiwillig erhalten hatte, stimmten, braucht sie sie auch für sich selbst…

Fast wäre sie doch endlich eingenickt. Sie blinzelt, als irgendetwas sie wieder in die eisige Nordwinternacht zurückholt. Die Kälte ist inzwischen ihre Beine hinaufgekrochen und allmählich wird aus ungemütlich unerträglich. Ob es früher auch so kalt gewesen war? Wahrscheinlich, denn war die Macht ihrer Feinde auch beträchtlich gewesen, war der Winter immernoch eine Domäne der Götter. Früher hatte sie hier nie alleine geschlafen, das musste es sein. Da war Gawyn gewesen, ihr jüngster Bruder. Eigentlich nur ein Halbbruder, aber der einzige, mit dem sie sich zumindest einen Elternteil teilte. Nicht, dass sie die älteren Leif und Jarle nicht gemocht hätte, aber zu Gawyn war ihr Verhältnis stets das einer älteren Schwester gewesen, nicht das einer Spielgefährtin oder Konkurrentin. Es war wahrscheinlich das bisher einzige Mal in ihrem Leben gewesen, wo sie für jemand anderen wirklich und wahrhaftig Verantwortung übernommen hatte, selbst wenn er nur drei Winter jünger war als sie. Und nun war er schon so groß geworden in den zwei Jahren, in denen sie fort gewesen war. Die Familie war wieder enger zusammengerückt, seit der schon deutlich ältere Jarle nicht aus dem Krieg zurückgekommen war. Seine Witwe und die zwei kleinen Kinder taten ihr unendlich Leid, aber mehr noch als der fast sichere Tod des ältesten Ziehbruders verwirrte sie die Reaktion ihrer Familie. Obwohl sie selbst und er die beiden einzigen gewesen waren, die ausgezogen waren, um zu kämpfen und obwohl sie sicherlich viel größere Gefahren zu meistern hatte als er, sprach niemand mit ihr darüber. Sie hatte erwartet, wenn nicht schon auf die Suche nach ihm geschickt, so doch zumindest ausgefragt zu werden. Zum Teufel, sie hatte mit Vorwürfen und Schuldzuweisungen gerechnet. Sie waren beide im gleichen Krieg gewesen. Sie hätten sich gegenseitig beschützen müssen und, auch wenn sie das niemals explizit sagen würde, sie hätte es sicher auch gekonnt. Sie war beinahe ohne jeden Zweifel die an schierer Kampfesstärke gemessen mächtigste Person in der Familie, im Dorf und wahrscheinlich auch noch in einem nicht unbedeutenden Flecken Land in der Umgebung. Sie wollte nicht, dass sie sie deshalb fürchteten oder mehr achteten, aber sie hatte erwartet, dadurch stärker in die Verantwortung genommen zu werden, auch und gerade was ihre Brüder betraf, die zeitlebens die Großen und Starken gewesen waren. Es war seltsam, aber sie war immernoch das kleine Mädchen in der Familie, das zwar aufbegehrte und keinem Streit aus dem Wege ging, dem man aber auch noch vieles durchgehen ließ. Die Erkenntnis, dass es an der Schwertküste zumeist nicht anders gewesen war, stimmt sie noch nachdenklicher. Einem plötzlichen Entschluss folgend schwingt sie eilig die Beine aus dem Bett und kriecht geduckt aus der engen Kammer. Die eisige Luft empfängt sie wie einen engen Freund und nach wenigen Atemzügen beginnt sie in ihrem einfachen Nachthemd zu zittern und mit den Zähnen zu klappern. Eilig huscht sie an den kaum noch glimmenden Kohlen an der Feuerstelle vorbei quer durch den großen Raum, der den Hauptteil des Hauses ausmacht. Erst am anderen Ende des Hauses erklimmt sie eine kurze Sprossenleiter nach oben, um auf einer engen Balustrade anzugelangen. Inzwischen klappern ihre Zähne durchgängig und die Kälte verwischt den letzten Rest von Zweifel in ihr. Vorsichtig schiebt die die Klappe zu einer weiteren, deutlich größeren Kammer zur Seite und schwingt sich hinein. Aus der Ecke des kaum zu erkennenden Bettes kommt ein verschlafenes Murmeln und Rascheln. „Wer ist da?“, klingt die leise Stimme eines jungen Burschen durch die Kammer. „Ich bin‘s“, erwidert sie und nähert sich dem Bett nun doch wieder ein wenig zweifelnd. „Miri? Ist alles in Ordnung?“ Der Bursche richtet sich undeutlich erkennbar unter ebenso vielen Fellen wie bei ihrer eigenen Schlafstätte auf den Ellenbogen auf. „Ja, Gaw“, flüstert sie zurück und schiebt sich ehe sich der Schlaftrunkene versehen kann neben ihn unter die wärmenden Felle. „Alles in Ordnung“. Sie fühlt sich unendlich peinlich, als sie sich schüchtern mit der Schulter an ihn drängt, seine kostbare Wärme aufnehmend. Zugleich scheint es vertraut. Der junge Mann neben ihr ist ihr kleiner Bruder, auch wenn ihr gegenseitiges Verhältnis seit ihrer langen Abkunft nicht mehr dasselbe gewesen ist. Als er wie automatisch seinen sehnigen Arm um sie legt, erkennt sie, dass sie es ist, für die sich etwas geändert hatte. Als sie sich nun an ihn schmiegt wie er es als Kind früher an sie tat, hat es keine Bedeutung mehr, wer nun einen Kopf größer ist. Glücklich lächelnd schlingt auch sie einen Arm um ihn. Bald signalisiert sein ruhiger Atem, dass er wieder schläft während die Wärme allmählich kribbelnd ihre Füße erreicht. Geborgen schweifen ihre Gedanken wieder ab…

...verbissen haben sich die Kampfreihen ineinander verkeilt. Jeder Hieb wird mit einem einem neuerlichen Hieb zurückgezahlt, jeder Tod mit Blut vergolten. Wie ein Derwisch schlägt sie sich mit ihrem Schwert eine Schneise ebenso durch die gröhlenden und kreischenden Orks wie durch die lautlos fallenden Zwerge. An ihrer Seite die dunkel gepanzerte Kriegerin. Zusammen bilden sie eine tödliche Formation, eine Speerspitze, die sich einmal quer die Kampfreihe entlang bohrt. Dorthin, wo der Schattenherr mit seinen Hunden wütet. Mit überraschender Leichtigkeit kreisen sie umeinander, Rücken an Rücken mit wirbelnden Klingen. Intuitiv scheinen sie zu wissen, wann sie sich zu ducken haben und wann vorzustoßen, wann sich zu drehen und wann zu parieren, als hätten sie nie etwas anderes gemacht als zusammen zu kämpfen. Als sie durch das Getümmel einen Blick auf ihre Nemesis erhaschen kann, die noch immer schrille Schreie ausstößt und für mindestens ebensoviel Panik in ihren Reihen sorgt wie sie in seinen, stößt sie die Rothaarige kurz gegen die Schulter. Ein offener Angriff mag nicht reichen, doch sie hat Möglichkeiten, die weit jenseits derer anderer Sterblicher liegen. Während ihre Gefährtin ihr mit einem wuchtigen Rundumschlag für einen Moment Luft verschafft, geht sie auf die Knie. Nie fällt es ihr so leicht, sich auf die Strömungen der mystischen Urkraft einzustimmen wie in Zeiten der Gefahr. Die fein eingeätzten Runen entlang der Schneide ihrer Waffe beginnen bläulich zu glimmen als sie sich auf den Knien streckt, das Schwertheft mit beiden Händen umfasst und mit einem Schrei abwärts stößt. Die leicht gekrümmte Spitze bohrt sich in den massiven Fels. Doch was den Augen verborgen bleibt, ist der Riss, den sie in das Gefüge der Ebene schneidet. Nur einen Sekundenbruchteil lang eine Wunde im Fleisch der Wirklichkeit. Doch lange genug. Sie spürt nur einen Ruck, ein kurzes Ziehen als würden tausend kleine Widerhaken in ihr Fleisch gebohrt und dann einen Wimpernschlag lang nichts. Als die unheimliche Zwischenwelt sie wieder freigibt, springt sie dem Rücken des schwarz gerüsteten Schattens entgegen. Das Schwert immer noch mit beiden Händen umschlossen stößt sie einen schrillen Kampfschrei aus. Die bläulich schimmernde Klinge senkt sich in rasendem Bogen und gräbt sich tief in das modrige Fleisch des Schattenwesens…

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 Betreff des Beitrags: Re: Katharsis
BeitragVerfasst: Sa 27. Dez 2008, 02:15 
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Unter dem Dachfirst des Hauses ist es stickig und rauchig von den drei Feuerstellen, die seine Länge durchziehen. Nicht aller Ruß zieht durch die Schornsteine ab wie er es soll, weswegen die Balken und Schindeln hier von einer dicken, schwarzen Patina überzogen sind, die sich sofort auf Kleidung, Haut und Haare legt, sobald man sie berührt. Das Haus war eigentlich gar nicht für die kalten Winter gedacht gewesen, als der Vater es vor vielen Jahren schon erbauen ließ, sondern als Sommerunterkunft für die Familie, wenn die Geschäfte des Frühjahrs getätigt waren und es in der Stadt Everlund laut und dreckig zu werden begann. Doch dieser Winter war anders gewesen. Die Stadt hatte beinahe noch mehr gelitten als die Dörfer am Rauvin, und auch das Dach des Kontors der Mandragoran hatte schwer gelitten. Trotz der noch raueren Bedingungen als im Schutz der Mauern ließ es sich hier besser über den Winter kommen, aber im nächsten Jahr würde sehr viel Arbeit anstehen, das Gebäude zu reparieren und das Handelsgeschäft wieder zum Laufen zu bringen. Miriamel klammert sich an einen der Strebbalken unter dem Dach fest und schlägt mit dem Hammer auf einen der langen Nägel ein, mit denen das Gebälk neu verzimmert wird. An Arbeit vor dem Haus ist weiterhin fast nicht zu denken, meterhoch türmt sich der Schnee vor der Tür. Missmutig schaut sie kurz an sich herab auf das grobe, schwarz verschmierte Lederwams, das sie für diese ermüdende und schmutzige Arbeit angezogen hat. Dennoch hat sie sich mit Freuden angeboten, diese zusammen mit den Männern zu erledigen, denn sie hat das Herumsitzen satt und am Herdfeuer oder mit dem Webstuhl war sie noch nie gut zurecht gekommen. Dann schon lieber in vier Metern Höhe im Ruß hängen und Nägel einschlagen. Mit einem letzten Schlag steckt der Nagelkopf tief genug im Balken und sie langt blind hinter sich nach unten, um einen neuen in die Hand gelegt zu bekommen. Sie erntet ein paar stirnrunzelnde Blicke von den nicht weit entfernt klopfenden und werkelnden Brüdern und ihrem Vater, als sich der Nagel wie von leicht flimmernder, heißer Luft aus dem Kasten einen Querbalken unter ihr empor geweht erhebt, bis sie die Finger darum schließen kann. Einfache Arbeiten zu erledigen bedeutete nicht, sie auch auf einfache Art und Weise zu erledigen, denkt sie etwas trotzig, und ein lautloser Diener neben sich ist eine Hilfe, die ihr zusteht. Wenn sie darüber witzeln oder sich ärgern, soll sie doch der Abgrund verschlingen. Wieder legt sie den Nagel mit Links an die richtige Stelle, wo sich die neuen Balken treffen, und schlägt mit dem Hammer zu. Fahrig pustet sie sich eine nass geschwitzte Strähne aus dem Gesicht, während der Hammer wieder und wieder auf den Nagel herabschwingt und ihn tiefer treibt. Doch rasch schweift sie wieder ab von dieser Monotonie, etwas, das man besser nicht täte, wenn man mit einem schweren Hammer Nägel bearbeitet, zumal in einiger Höhe. Wieder einmal schaut die Glücksgöttin in eine andere Richtung, schnell verfehlt der Hammerkopf sein Ziel und schlägt schmerzhaft auf ihre Fingergelenke, die den Nagel halten. Erschrocken von dem plötzlichen Schmerz lässt sie beinahe den Hammer fallen und klammert sich mit den Beinen gerade noch an dem Balken fest, auf dem sie sitzt. Mit zusammengepressten Zähnen unterdrückt sie einen Fluch und presst die schmerzende Hand mit einem verstohlenen Blick, ob ihr Missgeschick bemerkt wurde, gegen den Bauch. Vorsichtig zieht sie den linken Handschuh aus und betrachtet das pochende Fingergelenk. Bewegen lässt sich der Finger immerhin noch, auch wenn sie in ein paar Stunden sicher eine hübsch bläuliche Verfärbung bewundern kann. Schwer durchatmend betrachtet sie die Hand weiter, die so lange Zeit vor ihren Blicken verborgen gewesen war. Sie ist immer noch unnatürlich bleich, mit der dünnen Haut scheint sie nur aus Sehnen und Knochen zu bestehen. Ein wenig erleichtert betrachtet sie die dünnen Äderchen, die sich ihren Handrücken entlang ziehen. „Ich bin ein echtes Blaublut“, murmelt sie für sich. Dennoch sieht die Hand viel besser aus als noch vor ein paar Wochen. Die Haut ist beinahe vollständig geheilt und scheinbar ohne schlimmere Narben davongekommen. Mit ein wenig Zeit und Sonne ist sie zuversichtlich, dass sie schnell wieder ihrer stärkeren Rechten gleicht. Dabei muss sie nach Allem, was geschehen ist, wohl froh sein, überhaupt noch eine linke Hand zu besitzen…

…auf dem Rücken hilflos wie eine umgekippte Schildkröte, die sie einmal am Strand gefunden hatte, liegt sie auf dem harten, unebenen Granitboden der Halle. Die Schlacht tobt mit unverminderter Härte weiter, doch sie hört die Kakophonie des Kampfes nur von fern. Durchdringend klingelt es noch in ihren Ohren, ein Glockenschlag, der ihre Knochen vibrieren lässt, verhallt und lichtet den Nebel ihrer kurzen Bewusstlosigkeit mit quälender Langsamkeit. Über ihr erhebt sich drohend der finstere Schatten wie eine dunkle Gewitterwolke. Sie weiß nicht, was geschehen ist, aber darüber nachzudenken scheint nun nicht die rechte Zeit. Als die schemenhafte und immer noch gesichtslose Gestalt langsam die lange, silberne Schwertklinge wie einen gut meterlangen Strahl aus Licht anhebt, übernehmen die Reflexe das Kommando über ihren Körper, die sie sich mühselig in vielen realen und Scheingefechten angeeignet hat. Sie rollt sich über die Schulter auf den Bauch und springt auf, so hastig es ihr mit ihren Gliedern, die ihr weich wie Pudding vorkommen, gelingt. Mit Sicherheit zu langsam für einen geübten Schwerthieb von oben, doch auch ihr unheimlicher und abgesehen von dem schrillen Pfeifen, das ihn weiterhin umgibt, vollkommen lautlosen Gegner scheint Probleme mit seinem Leib zu haben. Sein Hieb ist langsam und ungelenk und lässt ihn selbst taumelnd um sein Gleichgewicht ringen, als sich der halbe Kreisbogen der Schwertspitze funkenschlagend in den Stein bohrt. Erleichtert registriert sie, dass er ihren Hieb doch nicht vollkommen unbeeindruckt weggesteckt hat. Gerade will sie sich hochstemmen und nach ihrem eigenen, ihren Fingern entglittenen Schwert schauen, als sie ein dunkler, heran jagender Schatten schon wieder herumreißt und so hart zu Boden schleudert, dass ihr die Luft aus den Lungen gepresst wird. Ein schweres Gewicht lastet auf ihrer Brust und der erste Atemzug, der ihr gelingt, stinkt nach Aas und Geifer. Einer der riesigen Höllenhunde steht auf ihr, die Klauen seiner Vorderläufe zerreißen mühelos ihr Lederwams und graben sich in ihre Haut. Der Schmerz treibt ihr die Tränen in die Augen, doch bringt er sie zum zweiten Male innerhalb weniger Lidschläge wieder zur Besinnung. Gerade bevor der Hund zubeissen und ihr Gesicht und Kehle zerfleischen kann, reisst sie die linke Hand in die Höhe und legt die Finger an die Kehle des bestialischen Tieres, um ihn von ihrem Gesicht fernzuhalten. Die eisigen Stahlfinger pressen sich um den Hals des Tieres, können ihn jedoch nicht einmal zu einem Drittel umschliessen. Mit panisch zappelnden Beinen gibt sie das sinnlose Unterfangen auf, den riesigen Hund von sich herunterzudrücken. „Das war’s“, schiesst es ihr unwillkürlich durch den Kopf. „Niemand ist nahe genug, mir zu helfen. Ich werde hier sterben.“ Der Gedanke erscheint beinahe absurd. Und doch spürt sie, wie ihre Kräfte erlahmen und betet mit bebenden Lippen, dass das Tier ihr gnädig den Hals durchbeisst anstatt sie qualvoll abzuschlachten. Gerade als es soweit scheint, hört sie die einschmeichelnde Kinderstimme in ihrem Geist. Auch sie klingt aufgeregt, wenn nicht sogar so panisch wie sie selbst. „Du musst nicht sterben, Herrin!“, ruft sie. „Lass mich zu dir. Ich rette uns!“ Sie zögert kaum einen Sekundenbruchteil (mehr hätte sie wahrscheinlich eh nicht gehabt). Nur kurz denkt sie an den Preis, dann reisst sie die ohnehin schon schwachen Mauern vollends ein, die ihr eigenes Ich von dem des machtvollen Gegenstandes trennen, der zu ihr sprach. Dann überspült es sie wie eine unaufhaltsame Flutwelle. All die Leben, all die Energie, die in der finsteren Klaue gespeichert waren. Sie bäumt sich unter dem Tier auf, lacht und schreit wie der Leibhaftige und spannt mit einem letzten willentlichen Befehl an ihren Körper die Armmuskeln an. Direkt über ihr zerbirst das aufgerissene Hundegesicht in einem Schauer aus Blut und Knochensplittern…

Sie muss sich hinknien, als der Schwindel sie übermannt. Tief in ihren Eingeweiden wühlt eine schwärende Übelkeit und sie spürt, wie ihr das letzte Mahl ebenso hochzukommen droht wie die Erinnerung an diese Momente in der Höhle. Das Gelächter um sie herum verstummt, als die Umstehenden die Veränderung in ihrer Haltung bemerken. Mit einer Hand auf den von weicher Streu bedeckten Boden gestützt wehrt sie fahrig kopfschüttelnd die hilfreich hingehaltenen Hände ab, die ihr die Familienmitglieder hinhalten. Sie spürt, wie ihr die Mutter die Arme um die Schultern legt und besorgt mit schwerem, nordländischem Akzent auf sie einspricht, doch sie hat genug damit zu tun, nicht vollends umzufallen. Tief einatmend kämpft sie die Übelkeit mit geschlossenen Augen halbwegs nieder und steht mit zitternden Knien auf. Ihr gegenüber steht mit entblößtem, vor Schweiß glänzendem Oberkörper Gawyn, das Holzschwert mit unschlüssig gerunzelter Stirn auf den Boden des drei Schritt durchmessenden Ringes gesenkt, in dem sie sich gerade noch unter Johlen und Anfeuerungsrufen geübt hatten. Als das schlimmste vorbei scheint, lächelt sie nur schwach, redet sich mit irgendeinem Gemurmel über Frauendinge heraus und versucht über das kleine Gatter des abgesperrten Bereiches in der Scheune zu klettern. Nachdem sie beim ersten Versuch beinahe wieder rücklings hinunterfällt, braucht sie noch zwei weitere Anläufe, bis es ihr gelingt. Nicht nur sie bemerkt dabei, wie sehr sie am ganzen Leibe zittert, das ist ihr nur allzu bewusst. Dennoch behelligen sie sie nicht weiter. Wenn Hilfe gebraucht wird, bietet sich die Familie stets an, doch aufdringlich wird sie nie. So ist es Sitte. Nur ihre Mutter lässt sich nicht so leicht abschütteln. Als sie ihr schweigend bis ins behagliche Haupthaus gefolgt ist, wendet sich die Jüngere zu ihrer kleinen Kammer und dreht sich erst dort um. Ihre Mutter Isa ist in drei Schritten Abstand vor ihr stehengeblieben und mustert sie offen und ruhig mit verschränkten Armen. Wieder einmal fällt Miriamel auf, wie ähnlich sie ihr in manchen Teilen sieht. Dasselbe hellblonde, nur leicht gewellte Haar, das sich an ihr nur an den Schläfen leicht silbergrau färbt und es damit fast noch hübscher werden lässt. Dieselbe blasse Haut und die aufrechte Haltung. Vor ihr steht eine Kriegerin, wie sie es nie werden wird. Die etwas weichere Gestalt, die kühlen, stahlgrauen Augen, wo Isas von leuchtendem Blau sind, und die spitzen Fuchszüge ihres eigenen Gesichts zeichnen plötzlich wieder ein ganz anderes Bild von Ähnlichkeit. Müde zur Seite sehend wischt sie sich mit einem Tuch den Schweiß des Übungskampfes von Gesicht und vom Oberkörper, den sie nur mit einem um die Brust geschlungenen Leinentuch verhüllt hat. Langsam beruhigt sich ihr Atem wieder und der plötzliche Anfall klingt ab. Vorsichtig streckt sie die Arme aus und mit einem kleinen, ihr unpassend erscheinenden Schmunzeln um die Mundwinkel, von dem sie einen Moment unsicher scheint, ob es gutmütig oder ein wenig spöttisch gemeint ist, tritt ihre Mutter näher heran, um sie in den Arm zu nehmen. Sie spürt die Kraft in diesem Körper, der immerhin mehr als zwanzig Jahre älter als der ihre ist, immer noch mehr als deutlich. „Du bist unversehrt wiedergekommen, Miriamel, und dafür würde ich dem Kriegsgott am liebsten jeden Tag ein Opfer bringen. Aber die schlimmsten Narben trägt meistens nicht der Körper davon, nicht wahr?“, spricht sie ruhig an ihrem Ohr. Wie Recht sie hat…

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Hohepriester: "...and I think the worse part is the jealousy."

Vaarsuvius: "As if it is OUR fault that they chose a class not capable of doing everything."


OOTS #764


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