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Marya
Die Luft in der heißen Kammer ist zum Schneiden dick, durchsetzt von dunklen Rauchschwaden und tanzenden Funken. An den niedrigen, grob gefügten Wänden klebt der Ruß tausender Feuer. Die Decke ist in der flimmernden Hitze kaum zu erkennen, obwohl die Kammer niedrig gehalten ist. Fauchend tost ein Feuer im Schmelzofen, bringt den in der Glut steckenden, gedrehten Metallstab zu karmesinroter Glut. Doch es ist noch nicht genug. Obwohl die Luft so heiß ist, dass sie im Hals ihren Weg schmerzhaft in die Lunge brennt, schüttelt die große Gestalt, die so umfassend in dicke Lederlappen gehüllt ist, dass sie wie eine dem Feuer entstiegene Abnormität wirkt, zum wiederholten Male den Kopf. Die Hitze steigt schier ins unermessliche, als sie die Glut erneut schürt. Noch nicht.
Etwas weniger als ein Zehntag musste wohl vergangen sein, seit sie das großartige Silbrigmond verlassen hatten. Nun lagen Dutzende Meilen sanft gewelltes, im Spätsommer erblühtes Bergvorland hinter und ein schroffer, zerklüfteter Kamm vor ihnen. Die ersten Ausläufer der gefährlichen Nesserberge. Ein Trupp orkischer Stammeskrieger schien hier noch zu den harmloseren Dingen zu gehören, die einem begegnen konnten, wenn man die stumme Herausforderung der imposanten Bergspitzen, die gleichgültig auf einen jeden, der kühn genug war, ihre Höhen ersteigen zu wollen, hinabsahen, annahm. Der Bergweg, eigentlich mehr ein Ziegenpfad, führte den etwa zwei Dutzend Mann starken Reitertrupp vorbei an Geröll, niedrigen Büschen und Krüppelsträuchern, die den eisigen Winden an den Bergflanken während der grimmen Nordwinter widerstehen konnten. Nur wie jetzt in der Sommerzeit zeigten sich in Senken zähe Gräser und hier und da sogar ein Flecken mit gelben oder roten Bergblumen. Ihr Kundschafter und Späher, ein vollbärtiger Mann, der trotz der milden Temperaturen seine dicken Felle nie ablegte, als seien sie ihm mittlerweise zur zweiten Haut geworden, blieb immer wieder für einen kurzen Moment stehen, wenn sie eine kleine Blumenwiese entlang des schmalen Pfades passierten. Thymian, Wollgras und weiße Veilchen, das die Bauern Silbermantel nannten, schienen das Herz des mürrischen Pfadfinders und Jägers in ihren Diensten aufzuhellen. Es musste für ihn ein seltener Anblick während der kurzen Sommer sein. Halmar, so sein Name, betrachtete sie, rührte sie aber nicht an oder pflückte sie gar. Der Anblick erfüllte sie gleichsam mit milder Zufriedenheit wie Melancholie. Es rührte sie, solch einen bärbeißigen, wilden Kerl, der kaum einmal einen Fuß in eine Siedlung größer als vier Hütten zu setzen schien, wie eine verträumte Milchmagd auf simple und nichtmal besonders ansehnliche oder beeindruckende Blumengewächse schauen zu sehen. Zugleich wusste sie aber auch sehr gut darum, wie flüchtig ihr Dasein hier war und wie schnell die Berge wieder ihren Mantel aus Eis und Schnee anlegen würden. Nachdenklich schaute sie wieder auf die kleine Reiterschwadron um sich herum. Die kleinen, zähen Pferde schienen nun immer mehr Mühe zu haben, auf dem tückischen und immer enger gewundenen Pfad sicher aufzutreten. Bald würden sie absteigen und die Tiere führen müssen, das wusste sie, so wenig ihr der Gedanke auch gefiel. Die Männer, größtenteils handelte es sich um leicht gerüstete Reitersoldaten, schienen das nicht anders zu sehen. Man merkte ihnen an, dass sie über jeden Schritt, den sie noch auf den Rücken ihrer Pferde mit den hübschen, grün-blau gestreiften Schabracken zurücklegen konnten, froh waren. Sie waren zwar größtenteils keine Ritter von hohem Stand, aber geübte Berufssoldaten, die eigens für diesen Ritt ausgewählt worden waren, weil sie im Gegensatz zu ihren Vettern der schweren Kavallerie keine wuchtigen Streitrösser, sondern beweglichere, aus der hiesigen Gegend abstammende Tiere ritten. Khela-Husaren nannten sie sich, nach ihrem nicht weit entfernten Heimatort, den es nun in diesen schweren Zeiten standhaft zu verteidigen galt. Nur ein Mann stach aus der Gruppe der Leichtbewaffneten hervor. Rittmeister Radolf “Der Hetzer” Helson. Sein Pferd schien größer und kräftiger als das der Untergeben seiner Schwadron. Es war in einen prachtvollen Kataphrakt gerüstet und trug seinen hochgeschossenen Reiter dennoch bisher mit erstaunlicher Sicherheit. An seinem Sattel flatterten stolz zwei Fahnen mit dem Banner Silbrigmonds und der Grafschaft Khel im Wind. Er sah schneidig aus, das musste sie zugeben. Auch wenn er nicht viel sprach, sie betrachtete ihn trotzdem gerne aus den Augenwinkeln. Er saß viel besser im Sattel als sie, der allmählich nach einem halben Tag auf dem Pferd wieder alles wehzutun begann. Immerhin war es besser als die ersten Tage, als sie noch schärfer geritten waren. Dort hatte sie sich Abends nicht mehr setzen können und musste den gutmütigen Spott der Soldaten und ihrer Begleiterin ertragen. “Hetzer-Helson”, wie ihn seine Männer nannten, ließ sich nun zurückfallen, bis er neben ihr ritt. Er holte ein Pergament mit einer groben Karte der Umgebung hervor und rollte es vor sich im Sattel aus. “Wenn wir Glück haben, erreichen wir den Posten noch ehe die Sonne sinkt, hohe Maga.”, begann er und deutete ans Ende einer gewundenen Linie, die wohl den Pfad, den sie gerade mühsam erklommen, darstellte. Dort war das Symbol eines kleinen, steinernen Wachturmes aufgezeichnet und dort lag auch ihr Ziel. Ein Wachposten, der von den Soldaten des Grafenbündnisses benutzt wurde, um den Silbrigmond-Pass quer durch die wilden Nesserberge zu schützen. Ein kleiner, grob gefügter Turm, von dessen Zinnen aus man einen guten Blick über die Passtraße hatte, wie sie zum Grat anstieg. Sie hatte sich gefreut, als sich ihr die Gelegenheit bot, den Trupp zu begleiten, der den Verbleib der dort stationierten Soldaten klären sollte, die seit langem überfällig mit ihren Meldungen an die Garnison in der großen Stadt waren. Das ewige Warten zwischen Bangen und Hoffen, das sie und die ganze Stadt in ihrem Griff gehabt hatte, hatte an ihren Nerven gezerrt. Nun stieg in ihr die kribbelnde Erwartung eines möglichen Kampfes herauf. Warum sonst hätten sich die Soldaten nicht melden sollen, wenn auf dem Wachposten alles in Ordnung gewesen wäre?
Etwas verspätet nickte sie dem Rittmeister neben sich zu und lockerte die Klinge an der Seite. Es klirrte leise, als ihre linke Hand gegen das Schwertheft schlug. Sie zitterte.
Die Temperaturen in der Kammer haben schier apokalyptische Höhen erreicht. Die Steinkohlen im großen Schmelzofen bringen die unscheinbare Metallstange zwischen sich zu weißer Glut und endlich nickt die große, verhüllte Gestalt. Mit einer großen Zange holt sie das Metall hervor und balanciert es schnell und geübt zum flachen Amboss hinter sich. Funken sprühen wie irre Derwische in die Luft, als sie mit dem groben, dem Wunderbringer Gond gesegneten Schmiedehammer zuschlägt und beginnt, dem Werk seine erste Form anzuzwingen. Kurz darauf fällt ein zweiter Hammer ein und gleichmässig schwere Hammerschläge übertönen das Rauschen des Ofens.
Die matte Sonne hatte sich gesenkt und das milde Tageslicht einem fahlen Zwielicht Platz gemacht. Von einer Senke aus schauten sie auf ihr Ziel, das sich gut einhundert Schritte vor ihnen erhob. Wirklich kein beeindruckender Anblick, das etwas schiefe Türmchen, aber es erfüllte wohl seinen Zweck, wie es sich auf einer majestätischen Felsnase und vor einem schwindelerregenden Abgrund ins Tal hinab erhob. Der Wind hatte aufgefrischt und zerrte an ihren Umhängen, brachte die Äste der niedrigen Nadelgehölze um sie zum Knarzen. Die Pferde hatten sie mit zwei Mann als Wache ein wenig weiter unten gelassen und sich dann weitergeschlichen. Keine Seele war ihnen begegnet, das Türmchen lag im Halbdunkel. Keine Wimpel flatterten auf seiner Spitze. Schräg hinter ihr klapperte leise Metall auf Metall und wurde sofort von einem gedämpften Chor wütender Zischlaute der Umstehenden Männer quittiert. Rittmeister Helson pfiff leise einmal durch die Zähne und der Trupp erhob sich so leise wie möglich, um sich über einen ansteigenden, nur von ein paar einzelnen Felsbrocken durchbrochenen Hang auf ihr Ziel zu zubewegen. Sie schaute sich um. Die Kraft ihrer Magie bescherte ihr auch in diesem Dämmerlicht einen scharfen Blick und so machte sie ihre stete Begleiterin rasch aus. Auch sie wirkte angespannt, aber zugleich von einer routinierten Entschlossenheit erfasst, die sie ein wenig beruhigte. Sie hatte sowas sicher schon viele Male gemacht. Geduckt bewegten sie sich vorwärts, von Fels zu Fels huschend. Für Berittene schlugen sie sich recht gut, fand sie. So war sie auch völlig überrumpelt, als aus dem Dunkel ein Pfeil zischend an ihr vorbeiflog und im Takt mehrerer anderer, verborgener Salven ein Chor rauher Schmerzensschreie unter ihren Reihen aufbrandete.
Immernoch erklingen die schweren Hammerschläge im Takt und mit jedem Hieb nimmt das Metall mehr und mehr seine gewünschte Form an. Die beiden Gestalten schwitzen und keuchen, sie sind erschöpft, aber nun gibt es kein Zaudern, kein Innehalten und keine Pause mehr. So der Wunderbringer es will, wird das Werk noch heute vollbracht oder gar nicht. Kein Riss, und sei er noch so fein, darf entstehen, soll das Metall nicht bersten oder brüchig und damit wertlos werden. So bleiben nur die kurzen Phasen, in denen der Metallstab erneut in die Glut gelegt wird, um sich labend einen Eimer Wasser über die lederne Schutzkleidung zu giessen, bis der müde Arm den immer schwerer werdenden Hammer erneut greifen muss.
In einem der ersten Pfeilhagel, die rings um sie herum den Hang spickten, musste “Hetzer Helson” gefallen sein. Jedenfalls hörte man ihn schon eine ganze Weile nicht mehr. Hatte er ganz zu Anfang noch Befehle gebellt, die seine Männer und Deckung befahlen, war nun nichts mehr ausser dem Gebrüll der Angreifer, den Schreien der Sterbenden oder Verwundeten und das Zischen der Pfeile zu hören. Eng kauerte sie sich an einen größeren Felsblock auf dem Feld, neben ihr die grimmige Kriegerin mit ihrem Bastardschwert. Die Pfeile gingen ungezielt nieder und waren auch nicht besonders gut gefertigt, aber es reichte. Mehrere Männer lagen tot am Boden und viele andere hatten eines der Geschosse in Armen und Beinen stecken, wo die leichten Kettenpanzer sie nicht schützten. Sie waren festgenagelt und würden ohne Zweifel alle nacheinander fallen, wenn nichts geschah. Als sie zur nahen Senke, wo sie eben noch gelauert hatten, schaute, sah sie ihre Peiniger zum ersten Male. Gedrungene Gestalten mit gräulicher Haut und langen Armen. Orks, wie sie es befürchtet hatte. Sicher nicht die gefährlichsten Wesenheiten in diesen Bergen, aber sie schienen zahlreich und vor Allem gut organisiert. Die Krieger dort unter ihnen waren offensichtlich dabei, sie zu umgehen und alleine schon der Hinterhalt war gut geplant und organisiert gewesen, soweit sie dies beurteilen konnte. Sie mussten angreifen, ehe sie völlig verloren waren. Und sie war sich schrecklich gewiss, dass nur sie und ihre Begleiterin dazu in diesen Momenten fähig waren.
Das Metall beginnt, seine endgültige Form anzunehmen. Eine Gestalt dreht den flachgehämmerten Stab mit einer rußigen Zange immer wieder um, während die größere kraftvoll darauf einschlägt und es immer wieder umbiegt und faltet. Sie nähern sich der Vollendung.
Mit einem letzten entschlossenen Blick über den schützenden Felsblock sprangen sie hervor. Während sie einen raschen, engen Haken schlug um den Hang hinaufzuspurten, formte sich vor ihr ein wabernder Schild aus Magie, der in willentlich gelenkte Bahnen gezwungenen Urkraft. Er blitzte auf, als eines der trudelnden Geschosse daran abgleitete und harmlos im Gras landete, während sie den Schild bereits wieder mit einer ausgestreckten Hand herumdirigierte. Die Bewegung war schnell und flüssig, der Schild hatte keine Masse. “Für Silbrigmond! Für Alustriel!”, schrie sie und einige Soldaten nahmen den Ruf auf. “Für Alustriel!”
Ein letztes Mal liegt der nun geplättete Stab in der Glut. Ein letztes Mal sprechen die beiden ermatteten Schöpfer den Feuersegen. Immernoch kann ein Fehler das Scheitern bedeuten und das Werk vernichten. Es liegt auf des Messers Schneide, ob die Götter ihrem Tun ihren Segen geben werden oder nicht.
Die Bewegung am Rande ihres Gesichtsfeldes wäre ihr beinahe entgangen. Sie riss ruckhaft den linken Arm hoch und spürte einen knochenbrechenden Aufprall, der sie stöhnen und taumeln ließ, als die schartige Orkklinge an dem grausigen Panzerhandschuh zerbarst. Mit einem Ausfallschritt fing sie sich wieder und parierte kreiselnd den Stich eines kurzen Orkspeers gegen ihre Magengegend mit dem rasiermesserscharfen, gebogenen Elfensäbel. Die Spitze tanzte um den Speerschaft herum und fügte dem Arm des grimmigen, tätowierten Orkkriegers einen bösartigen, tiefen Schnitt zu. Ein perfektes Riposte. Grunzend ließ er die Waffe fallen und sie stürmte weiter. Ebenso wie den vorherigen Angreifer würde sie auch diesen verwundeten Orkkrieger dem sicheren Tod durch die wuchtigen Hiebe der ihr auf dem Fuße folgenden Kriegerin überantworten. Sie mussten weiter, aus dem tödlichen Feuer der Bogenschützen heraus, vor denen ihr magischer Schild beileibe keinen vollkommenen Schutz bot.
Weißer Dampf steigt zischend auf und nimmt jedem in der Kammer die Sicht. Das Metall kühlt sich blitzschnell ab, während das Wasser in dem Bottich brodelt und blubbert. Doch es bricht nicht. Die guten Götter haben entschieden. Das Werk der beiden Schmiede soll fortbestehen. Hervor kommt es schwarz, stumpf und unansehnlich, doch der Schleifstein steht schon bereit, es zu vervollkommnen.
Mit einem ausholenden Schwung ihres Armes ließ sie die Hölle in der kleinen Schanze vor ihrem Ziel losbrechen. Lodernde Flammen schlugen aus der bloßen Erde und zwangen diejenigen der zwei Dutzend Orkschützen in Deckung und zu Boden, die nicht sofort schreiend vom Feuer verschlungen wurden. Grimmig, bestürzt und berauscht zugleich von dem Chaos und der Zerstörung, die sie scheinbar so leicht herbeigerufen hatte, sprang sie über den Graben der unglücklichen Graupelze. Die Flammen leckten nach ihr, doch sie selbst blieb unberührt von ihrem Hunger.
Hell sirrt der sich rasend schnell drehende Schleistein und spuckt Funken wie ein wütender Drache. Langsam wird das Metall über den Stein gezogen.
Das Feuer beleuchtete die schartigen Steine des schiefen Turmes flackernd im Widerschein, als sie an dessen Fuße angelangte. Doch noch jemand wartete dort auf sie und hatte dem Flammenmeer scheinbar ebenso gleichgültig getrotzt wie sie. Ein Monster, eine schattenhafte Abnormität, herbeigerufen aus anderen Welten oder erschaffen durch finsterste Magie. Das Werk ihrer Feinde, der Schatten von Umbra. Sie bremste, kam zum Halt. Keine Sekunde ließ sie den klauenbewehrten Schrecken aus den Augen. Ihre alte Klinge “Federstreich” war hier machtlos, der schönen Waffe Unrecht tuend ließ sie sie fallen. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, sie wollte umdrehen und fliehen, aber es gab kein Zurück. Langsam griff sie über die Schulter.
Die Hand umfasst den noch warmen Schaft und hebt ihn langsam an. Trotz der Größe geht es leicht, fast spielerisch schwingt sie es empor.
Das gut meterlange Schwert gleißte und funkelte im roten Feuerschein. Kein normales Metall würde so strahlend spiegeln.
Langsam schwingt sie es herum und auf die zweite Gestalt zu, die nickt. Selbst unter der schützenden Maske glaubt man, Stolz und Zufriedenheit zu erkennen.
Das Monstrum fauchte und rote Augen, umgeben von völliger Schwärze fixierten die unerwartete Waffe.
Es sei!
Es sei!
Katharsis!
_________________ Hohepriester: "...and I think the worse part is the jealousy."
Vaarsuvius: "As if it is OUR fault that they chose a class not capable of doing everything."
OOTS #764
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