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In Rivin tragen sich manchmal Merkwürdigkeiten zu. In der letzten Nacht soll sich die folgende, seltsame Geschichte ereignet haben:
Der Mond hatte seinen höchsten Stand bereits überschritten. Über die nächtlichen Straßenzüge des Hafenviertels hatte sich dichter Nebel gelegt. Kein Licht war mehr in den Fenstern zu sehen: alles schlief, die Straßen leer. Nur das schwache Leuchten des Nachtwächters irrte durch die tiefschwarzen Häuserschluchten. Es war kalt, die Luft erfüllt vom Geruch des feuchten Holzes, mit dem die Riviner ihre Kammern heizten.
Zu dieser späten Stunde verabschiedete der Wirt der Feuerlagune, Lothlann, die letzten Gäste. Es war jener Zeitpunkt, in dem das lustige Zechen recht plötzlich von trostloser Stille abgelöst wurde, wo man sich zurück an den Anfang des lustigen Abends wünschte. Er ließ den Luster herab, löschte die Kerzen, räumte die Becher von den Tischen. Dann ging er mit zwei Kübeln nach draußen, um Wasser vom nahen Brunnen zu holen. Schon nach wenigen Schritten war er vom Nebel verschlungen. Die Kälte schlug ihm ins Gesicht, es fröstelte genug, um den eigenen Atem zu sehen. Lothlanns Räuspern wurde vom Nebel dumpf verschluckt. Diese Nacht hatte etwas Unheimliches. Er summte leise vor sich hin, um sich von der unheimlichen Stimmung abzulenken. Dort vorne waren im Dunst schon die Umrisse des Brunnens auszumachen.
Dann ging alles ganz schnell. Die Kälte schlug in Hitze um, aus Dunkelheit wurde gleißendes Licht. Lothlanns Knie gaben augenblicklich nach. Geblendet fiel er nach vorne auf das Straßenpflaster. Hier passierte etwas, das er nicht verstand. Der beißende Geruch von Feuer stieg ihm in die Nase. Als er wieder sehen konnte, erschrak er über seine brennende Schulter. Mit einem stimmlosen, gequälten Krächzen rollte er sich auf den Rücken und wälzte sich hin und her, bis er das Feuer endlich erstickte. Um Luft ringend blieb er am Boden liegen, vom Unfassbaren überrumpelt, um ihn herum nur Nebel und schwarzer Rauch. Einige Meter von der Stelle, wo er gegangen war, züngelten immer noch kleine Flammen zwischen dem Straßenpflaster.
Wenige Augenblicke später sprang Lothlann auf und lief um sein Leben. Halb stolpernd, halb laufend erreichte er den roten Lampion der Feuerlagune. Die eisenbeschlagene Tür fiel mit einem lauten Knall hinter ihm zu. Seine Finger wollten nicht aufhören zu zittern, als er in Panik nach dem Schlüssel kramte. Endlich zugesperrt! Lothlann brauchte einige Minuten, bis er sich zum Fenster wagte. Er wischte den feuchten Beschlag mit dem Ärmel weg und starrte mit geweiteten Augen hinaus in die Nacht. Nichts. Alles dunkel. Kein Verfolger. Zu viel getrunken? Das Pfeifenkraut? Müdigkeit? Der kalte Schweiß stand Lothlann auf der Stirn. Seine Schulter roch grauenhaft und begann zu schmerzen. Er nahm den Kerzenleuchter vom Schanktisch und stieg mit dem schwachen Licht die Treppen hoch. Kein verrotztes Schnarchen tönte aus der Ecke - Finn war nicht da. Auch von den Fenstern im Obergeschoß war draußen niemand auszumachen. Nur die unzähligen Schornsteine der Riviner Dächerlandschaft räuchelten wie immer vor sich hin. .... Seltsam, als ob nichts geschehen wäre.
So hat sich die merkwürdige Geschichte vom Feuerstrahl beim Brunnen zugetragen. Am nächsten Tag geht die Geschichte bei der Stammkundschaft der Feuerlagune, bei den Milizionären und den Hafenleuten, von Mund zu Mund. Freilich hatte der Wirt sein Schwert gezogen und den vermeintlichen Angreifer (womöglich ein Drache im Überflug!) herausgefordert – Angst war da keine im Spiel! Die beiden Eimer wurden nicht bei einer überstürzten Flucht an Ort und Stelle im Stich gelassen, sondern sie wurden einfach vergessen. Soll man an der Geschichte Glauben schenken? Immerhin behaupten manche, dass der Wirt sich unlängst nicht zu blöd war, von einer singenden Katze zu erzählen. Und doch: Die angesengte Schulter, Brandlöcher in Wams und Hemd sprechen eine eindeutige Sprache. Und auch die schwarz verschmorten Pflastersteine in der Nähe des Brunnens verleihen der Geschichte Glaubwürdigkeit.
Man wird Lothlann von nun an zur späten Stunde nur mehr mit Laterne um Wasser gehen sehen, bisweilen sogar mit einem Entermesser umgürtet. Man weiß ja nie, was der Konkurrenz vom schwarzen Krug sonst noch alles einfällt.
_________________ Charaktere: Flammo (inaktiv) - galanter, geschleckter Lackaffe, Cavalier und Stadtratskandidat Lothlann (inaktiv) - anerkennungssüchtiger, sembischer Wirt und barocker Antiheld Hier geht's zur Feuerlagune!
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