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Kahri wachte mit Kopfschmerzen auf. Es war weniger der Rotwein, sondern die absonderliche kleine Stimme in ihrem Kopf, die ihr sagte, das ihre Familie ein weiteres Mal auseinandergerissen worden war und das die Nacht, wie auch die Nächte davor, in denen sie sich nicht damit beschäftigt hatte die Existenz ihrer eigenen Sache zu hinterfragen, keine Antwort brachte, warum das so war.
Das Bad und ein Kamm brachten nicht wirklich Erleichterung über ihr Äußeres, dass in den Tagen der letzten Woche mehr gelitten hatte, als ihr lieb war. Wie schnell sich dieser neue Körper, in all seiner Perfektion doch verbrauchte.
Die glänzenden Augen waren noch immer rabenschwarz. Nur mühsam gaben sie ihr Äußeres im Spiegel wieder. Ein paar Augenblicke noch, nur noch ein paar Atemzüge, die Kontrolle bedeuteten und das dunkle Vermächtnis in ihr legte sich schlafen. Es hatte die Nacht bekommen, so wie es viele Nächte einforderte aber der heutige Tag und viele, die nun noch folgen würden, gehörten dem Menschen, der immer noch irgendwo in dieser Hülle vegetierte.
Der gestrige Abend war ruhmreich gewesen, auch wenn das kurze spöttelnde Grinsen, das sie ihrem Spiegelbild entgegenwarf, ihren eigenen Gedankengängen nicht folgen konnte. Niemand der Anwesenden hatte bemerkt, das sie das drohende Kalkül in dem Augenblick verloren hatte, als sich ihre Stimme überschlug. Die Dunkle in ihr forderte den Platz ein, den Kahri ihr selbst zugewiesen hatte. Ihr war es egal gewesen, was Flinn fühlte oder wo Leomars Beweggründe lagen, hier zu bleiben. Sie war weniger parteiisch, weniger von Gefühlen bewegt, als sie selbst. Für sie gab es kein anderes Leben, keine Hingabe an Emotionen, die in anderer Augen vielleicht als ein Art Egoismus dargestellt worden. Egoismus, den man Flinn vorgeworfen hatte, weil er anders als sie, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort eine Entscheidung getroffen hatte. Eine Entscheidung für seine Gefühle, für sein Privatleben, eine Entscheidung gegen die Aufgabe.
Kahri hatte dereinst die Dunkle in ihr entscheiden lassen, den Weg des Krieges gewählt, nicht den der blauen kühlen Augen im Schatten, die sie dem Wahnsinn anheim fallen lies, weil das Leben aller anderen wichtiger gewesen war, als ihr Eigenes.
Ihre schlanken Finger wanderten über den beschlagenen Spiegel. Komm schon Mädchen, da ist noch Hoffnung, da ist immer Hoffnung.
... ... ...
Die Sonne war noch nicht lange am Himmel, da sie das Frankys mit ihren gepackten Sachen verließ, eine Nebelschwade aus Atem in den Himmel verflüchtigte und sich auf den Weg zu Helmers machte. Der Begriff einer Mutter, dem sie so lange abwehrend gegenübergestanden hatte, drängte sich in das Bild einer winterlichen Landschaft, in dem ein kleines Mädchen, das ihr ähnelte, einen Mann aus Schnee baute und ihren Namen schrie, um Lob einzufordern.
Es hatte eine Zeit gegeben, da sie sich, wie wohl jede Frau in Rivin und anders wo gewünscht hatte, das sie ein eigenes Kind bekam. Einen Erben, dem sie die Geschichte ihrer eigenen Existenz weitergeben konnte. Der jugendliche Leichtsinn herauszufinden, ob ihr Erbe weitergeben werden kann, ob in ihrem Schoss ein neue Dunkle heranwachsen würde oder ob das Schicksal, nur ein einziges Mal in ihre Richtung gewunken hatte.
Ino war nicht ihre Tochter, auch wenn es Augenblicke gegeben hatte, da sie es hätte werden können, da alle Schranken und Weichen gestellt gewesen waren. Die Welt dreht sich weiter. Sie hört nie auf damit.
Ihre durch die Kälte geröteten Finger klopften auf die massive Türe und es dauerte nicht lange, da sich Schritte näherten.
Der Kopf einer älteren Frau mit braunem Haar, durch das sich inzwischen schon einige weiße Strähnen geschlichen hatte, öffnete mit freundlichem Blick und sah Kahri fragend an.
„Mein Name ist Kahri. Ich bin hier, um Ino abzuholen.“
Es gibt diesen winzigen Moment in einem Augenpaar, diesen winzigen Wimpernschlag, der keinerlei Worte brauchte, um etwas begreiflich zu machen. Deshalb war es auch beiläufig, in welche Worte die Frau an der Türe abdriftete. Alles was Kahri verstand, war die Beschreibung des Mannes, der Ino abgeholt hatte, der Ring, seine Kleidung, die Art, wie er sprach. Sie verzichtete auf die Entschuldigungen, auf das Bestürzen, mit dem die Frau ihren eigenen Fehler einzusehen gedachte. Als sie sich abwandte, den Ring in ihren Fingern drehte, den die Frau ihr gegeben hatte und in den Himmel blickte, waren die grünen Pupillen verschwunden und Kahri verstand, das auch der Mensch in ihr verschwinden würde und nur wiederkehren würde, wenn der andere Mensch, der ihr soviel bedeutete, wie kaum sonst jemand auf der Welt, unversehrt wieder an ihrer Seite wäre.
Es war ein Fehler...es ist immer ein Fehler, ein Fehler, den schon Devon machte. Es gab wenige Punkte auf ihrer Seele, die schutzlos waren und einfach nur reagierten...
und dummerweise waren die, die diese Punkte erwischten, bewusst oder unbewusst, .... nur noch Beute.
_________________ "...All das ist noch nicht einmal eine Generation her, wieso wiederholt sich alles?"
"Weil das Vergessen einfacher ist, als das Ertragen des Erfahrenen, weil falsche Sicherheit wichtiger ist, als stetige Vorsicht, denn siehe Wölfe sind unter die Lämmer gekommen aber sie jagen nicht, deshalb hält man sie für Hunde."
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