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Das eintönige Klappern der Hufe war in der Nacht bis hinauf auf die Mauern der Hafenstadt zu hören. Einige der Wachen schauten, nahe am über dem Tor stehen, hinunter und tuschelten. Eine weibliche Stimme war zu hören, bevor er den Torbogen hinter sich lassen konnte: "Hey da, halt! Wer seid ihr Reisender?". Er zügelte die Mähre langsam und sah hinunter zu der Gardistin, die ihn prüfend und gar misstrauisch beäugte. "Mein Name ist Geliad Falkenwinter, werte Dame. Ich komme aus Tiefwasser.", erwiderte er mit ruhiger Stimme und einem leichten Lächeln auf den Lippen. Die Soldatin nickte leicht: "Der Hüter Ebenezer Helmer sprach von einem Reisenden aus Tiefwasser. Ihr solltet Euch im Panzer der Gerechten einfinden, wenn ihr Euer Pferd versorgt habt. Und gleich, wer Euch schickt oder woher ihr kommt: Macht ihr Ärger, dann stecke ich Euch persönlich ins Loch!". Daraufhin gab sie den Weg frei und trat zurück zu der kleinen Einbuchtung nahe des Tordurchgangs. Mit einem Schmunzeln bedankte er sich und setzte seinen Weg fort.
"Der hohe Wächter Dumal Erard liess Euch ankündigen, junger Herr. Nicht mehr und nicht weniger. Aber ich habe bereits eine Idee, wie ihr uns nützlicher sein könnt, als hier allein im Tempel zu stehen und die Tür zu bewachen oder derartige Nichtigkeiten. Auf dem Torplatz draussen steht eine Frau in dunkelblauer, grauer Rüstung. Sie gehört der Garde an und ihr Name ist Dark. Ihr werdet Euch bei ihr melden und der hiesigen Garde beitreten.", sprach Hüter Ebenezer Helmer in bestimmendem Ton zu dem jungen Mann. Den Brief, welchen er vorher erhielt, steckte er unter seinen Wamms. "Ihr könnt jetzt gehen. Helms Schutz auf Eurem Weg, Ser Falkenwinter.", waren seine letzten Worte in bekannter Befehlsmanier, bevor er sich abwandte und in den hinteren Räumen verschwand.
Zirka einen Zehntag später...
Gähnend schaut er aus dem Fenster seines Zimmers auf den kleinen Markt im Abenteuerviertel hinab und rieb sich übers Gesicht. Es war früh am Morgen und es war kühl. Hier und dort sah man gar noch einige Nebelschwaden durch die Strassen wabern und lediglich vom Hafen her war bereits geschäftiges Treiben vernehmbar. Sämtliche andere Viertel schienen zumindest noch im tiefsten Schlummer zu liegen. Die letzten Tage seit seiner Ankunft waren sehr ruhig verlaufen, fast nichts sagend, wären da nicht jene Gegebenheiten, mit denen er gar nichts anfangen konnte. Religionsfreiheit, Abtretung von Gebieten an irgendeine Miliz. Ständige Angriffe übernatürlicher Wesenheiten oder gar von Drachen. Wahrscheinlich hatte Soldatin Dark recht und diese Stadt stand unter einem andauernden Fluch?
Müde und auch rastlos warf er sich ein wenig Wasser ins Gesicht, als er donnernd klopfte: "Aufmachen Rekrut! Raus aus dem Bett und Sachen packen. In genau 20 Minuten findet ihr Euch auf dem Kasernenplatz ein! Bewegung!". Das Gebrüll und Geklopfe war wahrscheinlich laut genug gewesen das gesamte Haus zu wecken. Mit einigen sicheren Handgriffen nahm er sein Hab und Gut, raffte alles zusammen und stapfte auf das Wachgebäude zu. Kylan Torwin, einer der Gardisten am Tor, grinste ihn lediglich an und deutete mit einem knappen Fingerzeig über seine Schulter. Nach einigen Frage-Antwort-Spielchen mit dem Korporal wurde er in die hinteren Zeugkammern geschickt. Dort überreichte man ihm seine Ausrüstung, Rüstzeug, Schild und Schwert, wie auch einige andere nützlicher Gegenstände. Komplett gerüstet konnte sein Dienst also beginnen. In einer neuen Stadt, einem neuen Land, aber doch in alter Manier.
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Der Schwur des Paladin 16. Flammleite 1378, das Jahr des Kessels - Helms Halt nahe Niewinter
Das alte Kloster war in heller Aufregung gewesen und das schon seit mehreren Tagen. Die Weihen standen an und sowohl neue, als auch alte Streiter des Helms sollten in ihren Rängen aufsteigen. Und bei aller Achtung vor den Göttern, sie hatten es sich verdient. Die Wälder und Wildnisse um Niewinter herum waren ihrem Namen gerecht. Kreaturen aus dem Wald fielen ständig Reisende an, Goblin- und Gnollstämme, Banditen und sogar einige Orks machten die Wege unsicher und waren kaum dauerhaft zurück zu drängen. Immer wieder patroulierten die Anhänger des ewigen Wächters die Wege entlang. Ebenso endlos erschien der Ausbau des Klosters zu einer statthaften Festung. Die Mauern wurden in mehreren Wochen neu hoch gezogen und Wachtürme eingelassen. Auch am inneren Mauerwerk wurden neue Stützbalken angebracht und rund um das Kloster schichteten sich verdichtete Erdwälle auf. Doch die letzten Arbeiten wurden abgeschlossen und selbst das innere des Klosters glich mittlerweile eher einem Bollwerk gegen das Böse, als einem religiösen Ort. Keinerlei Tant war ersichtlich, keine goldenen Statuen oder irgendwelche samtenen Vorhänge. Nur hier und dort ein Säulengang oder ein langes Freskengemälde an den Wänden. Die Haupthalle war hell erleuchtet und golden flackerten die Laternen und Öllampen, die überall aufgehängt wurden. Der gesamte Saal schien hell zu leuchten, als seien Wände, Böden und Decken mit blankem Gold beschlagen.
Jene, die sich um den Aufstieg verdient gemacht hatten standen weit vor einer Masse von Glaubensbrüdern, Kriegern des Lichts und einfachen Bediensteten. Auch er stand dort, in der einfache Kleidung eines Knappen und dennoch gepflegt, seitlich hinter einigen Säulen und neben seinem Meister und Lehrer. Der hoch gewachsene, alte Mann sah ihn mit einem knappen Schmunzeln an und deutet nach vorn: "Bald ist es soweit und die Weihe beginnt. Pass gut auf und merke dir alles, Geliad.".
Die Zeit verging, wie im Fluge und nachdem auch der letzte Kleriker in seinen neuen Stand erhoben wurde begannen die Feierlichkeiten. Gejubel, Gerede und ausgelassenes Gelächter war zu hören, während alle Platz nahmen und Speisen aufgetragen wurden. Geliad ging etwas zur Seite und stellte sich hinter seinen Meister, um abzuwarten, wie er es bei jeder Feierlichkeit tat. Ein etwas älterer Mann stellte sich plötzlich neben ihn und starrte ihn an. Als er ihn wahr nahm nickt er dem Herren bemessen zu, welcher ihm andeutete zu folgen. Aufgrund der Rüstung, die der Mann trug erkennte er ihn als einen der Gotteskrieger des hohen Wächters und tat, wie ihm geheissen.
Der kleine Raum war stickig. Der Geruch von alten Büchern und frischen Holz hing in der Luft. Vor ihm stand sein Meister hinter einem kleinen Podest, worauf ein, in Eisen geschlagenes, Buch lag. "Knie nieder, Knappe Geliad und wiederhole die Worte, die ich dir aufgab zu lernen.". Es war düster in dem kleinen Zimmer und es herrschte für eine kurze Zeit lang eine Totenstille. Dann begann er langsam und bestimmt die Worte zu wiederholen, welche er über so viele Jahre jeden Morgen für sich aufsagte:
"Gerechtigkeit - Ehrlichkeit - Treue - Tapferkeit - Ehre. Dies sind die fünf Grundpfeiler deines Seins, deines Wesens, deiner Stärke und deines Lebens. Dies sind deine Stärken, aufgrund derer du deine Kraft schöpfst. Wahre sie, gleich was oder wer sich dir in den Weg stellen wird.
Du wirst jene, die Schuld auf sich luden, bestrafen, im Namen der Gerechtigkeit des ewigen Wächters Helm. Ihre Taten müssen gesühnt und gleichsam wieder gut gemacht werden. Dazu stehen dir jegliche Mittel zur Verfügung, welche du dein eigen nennst. Doch sei bewahrt vor blinder Wut oder rasendem Hass und lasse sie niemals deinen gerechten Blick trüben. Wache somit über all jene, die deinen Schutz benötigen.
Du wirst niemals lügen, betrügen oder die Wahrheit verleugnen. Für jene Wahrheit wirst du stets einstehen, sie verteidigen und somit anerkennen. Doch hüte dich davor mit blindem Gehorsam voran zustürmen. Sei bescheiden in deinen Taten und Aussagen, denn Hochmut steht dir nicht zu.
Du wirst jenen, die dir anvertraut wurden, jene, die dich begleiten und die dich umgeben Treue leisten. Es ist dir untersagt sie zu hintergehen. Befehle wirst du gewissenhaft ausführen, aber niemals blind handeln, wenn sie gegen deinen Schwur sprechen. Deinen Kameraden wirst du zur Seite stehen, im Kampfe nie jemanden zurück lassen. Ihr Schutz ist eines deiner höchsten Prinzipien. Du wirst alles geben, selbst dein Leben, um deine Freunde zu schützen.
Du wirst deinen Feinden ins Antlitz schauen, selbst in Zeiten der grössten Not. Sei der Schild und das Schwert Helms. Führe seine Worte offen in das Feld der Schlacht. Und gleich, wie gross die Übermacht sein mag, du wirst kämpfen! Bis zum bitteren Ende, wenn nötig. Nutze die Vorteile, die du siehst, aus und sei niemals von Mutlosigkeit geplagt, denn deine Kameraden und Freunde werden es spüren und ebenso zweifeln. Sei standhaft und fliehe niemals vor deinem Feind.
Du wirst einen jeden ehren, der in dein Blickfeld tritt. Selbst der Feind ist mit Ehre zu behandeln. Töte niemals ein wehrloses Wesen. Weder aus Wut, noch aus Furcht oder gar aus Hass. Auch nicht den entwaffneten Feind. Schlage schnell zu und lasse deine Gegner nicht leiden. Sei wahrhaftig in Wort und Tat. Leere Worte ziemen sich nicht für dich.
Das Wort Helms ist das einzige Wort für dich. Er ist dein oberster Fürst, dein höchster König, dein Lehrer und Lehnsherr, denn er gewährt dir die Ehre sein Schild und Schwert auf dieser Welt zu sein. Enttäusche weder ihn, noch dich selbst."
Mit diesen Worten endete er seine kleine Litanei und blickte auf, direkt in die Augen seines Meisters, welcher ihm mit einem Lächeln auf den Lippen zunickte. "Nun erhebe dich Geliad, im Namen Helms. Ab diesem Zeitpunkt wirst du in den Orden um Helms Halt aufgenommen und nicht länger mein Knappe sein. Ab diesem Moment seid Ihr ein Streiter Helms, Ser Falkenwinter.", und mit seinen Worten senkte sich die Schwertspitze einmal links und einmal rechts auf die Schultern des jungen Mannes. So sollte es also beginnen. Prunklos und ehrlich...
_________________ "Aber Nächte ganzer Jahrtausende werden Dir gehören, um ein Licht zu sehen, wie es keinem Sterblichen je vergönnt war. Um es, als seist du Prometheus selbst, von den fernsten Sternen zu ergattern und der wahren Erleuchtung teilhaftig zu werden."
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