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Jahre waren vergangen seit jenem Tag, an dem er sein Schicksal in die Hände von Menschen gelegt hatte, die ihn einsperrten. Vieles war seitdem geschehen. Und nun war er wieder ein Gefangener, wie er es in gewisser Weise fast sein ganzes Leben lang war. Doch nie hatte er über einen so langen Zeitraum eine so extreme Form der Isolation erfahren.
Die Gründe wieso alles so kam, die Gründe wieso er tat was er tat, die Gründe wieso er Shara und Amelie verriet und all diese Dinge, waren vielfältig. Und je öfter er darüber nachdachte desto mehr Einzelheiten führte er sich vor Bewußtsein. Es war eine lange Entwicklung. Es hatte zu tun mit manchen Dingen die schon vor Jahren geschahen oder sich über einen längeren Zeitraum erstreckten und mit manchen Dingen die sich erst in jüngerer Zeit zufällig ergaben. Eine ungünstige Kombination aus Ursachen, Gründen, parallelen Entwicklungen, Anlässen und sich zufällig ergebenen Konstellationen hatte so weit geführt. Zahlreiche Szenen blitzten vor seinem geistigen Auge wieder auf, als würde er die Szenen, die zu dieser schicksalhaften Entwicklung führten, im Schnelldurchlauf erneut erleben. Es waren Szenen von Dingen die ihn enttäuschten oder sein Mißtrauen weckten, die ihn sich einsam, ausgeschlossen, außen vor oder verraten fühlen ließen und manch andere Dinge die seine Meinung über manche Menschen beeinflußte. Szenen, die sein Leben und seine weitere Entwicklung, seine Wünsche und Ziele formten, und andere Dinge und Handlungen von Menschen, die diese wieder durchkreuzten oder sich ihn schlecht fühlen ließen.
Es war die Geschichte eines Jungen, der nach Geborgenheit und Selbstverwirklichung suchte, diese teilweise auch erlangte, doch dann mehr und mehr wieder in der Entfremdung und Isolation versank. Doch er wußte es würde ihm nie gelingen jemanden vollständig verstehen zu lassen, wieso die Dinge kamen wie sie kamen, auch wenn manche es zumindest ungefähr erfassen konnten.
Doch wie man es auch drehte und wendete, Tatsache war und blieb, daß Treben in dieser Geschichte ein Verlierer war. Er hatte alles verloren, was für ihn von Bedeutung war. Er war gefangen und spürte in sich eine unendliche Leere, Verwirrung und Niedergeschlagenheit. Zudem war er dreckig und zerschunden durch die Gefangenschaft und hatte keine Aussicht auf ein angenehmeres Körpergefühl.
Stunden vergingen, Tage, Zehntage... Treben verlor jedes Zeitgefühl und konnte es nicht mehr ermessen. Doch je mehr Zeit verging, desto seltener wurde sein nachgrübeln. Er war alles schon so oft im Kopf durchgegangen, die Dinge die ihn hierhin führten und was hier geschehen war, daß es keinen Sinn mehr machte. Er suchte Zuflucht im Schlaf und im geistigen Abschalten auch im Wachzustand. Mal konzentrierte er sich im Kopf auf das geistige Wiederholen irgendwelcher Dinge, die er im Zuge seiner Ausbildung auswendig gelernt hatte, damit sein Magiergeist eine Beschäftigung findet. Oftmals war er dazu jedoch gar nicht mehr in der Lage und brachte bestenfalls irgendwelche monotonen, sich immer wiederholenden Bewegungen zustande, auf die er sich konzentrieren und dabei in geistigen Stumpfsinn absinken konnte, auch wenn er dadurch mehr wie ein Schwachsinniger anmuten mochte. Manchmal lauschte er auch noch auf die Gardisten vor seiner Zelle, wenn diese miteinander sprachen.
Doch er war froh wann immer er nicht bei vollem Bewußtsein war und mehr in einen geistigen Dämmerzustand abglitt durch die Monotonie und Erschöpfung, denn so verging die Zeit schneller. Und wann immer er nicht voll bei Bewußtsein war, spürte er auch nicht diesen großen Schmerz in seinem Herzen. Und wann immer er nicht bei vollem Bewußtsein war, mußte er sich nicht fragen, ob es da draußen noch Leute gibt, die aktiv für seine Freiheit kämpfen, oder ob man ihn schon längst vergessen hat.
Gerechtigkeit, daran konnte er nicht mehr glauben. Er hatte nichts verbrochen was diese Behandlung rechtfertigte. Doch er konnte nichts tun, außer sich zusammenkauern und darauf zu hoffen daß dieser Zustand irgendwann auf die ein oder andere Art ein Ende finden würde. Es war eine bittere Ironie, daß gerade jetzt, wo er sich entschlossen hatte dieser Stadt endlich den Rücken zu kehren, er gezwungen wurde länger hier zu verweilen als Gefangener. Und auch wenn man ihm in moralischer Hinsicht Vorwürfe machte, die er teils nicht völlig von der Hand weisen konnte, so sah er sich aus rechtlicher Hinsicht nicht als Verbrecher, denn er hatte nur versucht die Ermittlungen der Garde zu unterstützen durch vertrauliche Informationen. Es war ein Fehler gewesen. Er hatte zuvor gewußt, daß er Starken nicht trauen konnte. Er hätte auf sein Gefühl hören müssen und den Rat seiner Freunde.
Aber dafür war es nun zu spät... Und nahezu alles, was ihm in den letzten Jahren Kraft gegeben hatte schwere Zeiten zu durchstehen, war verschwunden. Alles, bis auf die ihm eigene Durchhaltefähigkeit, die er schon in jungen Jahren gezwungenermaßen erwerben mußte. Doch wer oder was er sein würde und wie viel von ihm noch geblieben sein würde, falls er tatsächlich eines Tages wieder frei kommen sollte, das stand in den Sternen. In den Sternen, die er schon so lange nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte, daß sie selbst in seinen Erinnerungen verblaßten. Seine stummen Gebete blieben unerhört und wohlmöglich auch ungehört.
_________________ Marek (als Antonius Starken): Wir sind in Rivin. Wo soll man hier vertrauenswürdige Leute finden?
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