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Sie dachten, es sei Wahnsinn oder Besessenheit. Unkontrollierte Wut oder sonst irgendeine menschliche Schwäche. Sie waren noch nie nicht um Entschuldigungen verlegen, nicht an Hilflosigkeit.
...warum reisst sie sich nicht zusammen? ...hier hat doch jeder seine Probleme, sie soll sich nicht so anstellen ...an mich denkt doch auch keiner ...am besten schweigen, sonst sagt sie noch irgendwas, dass dich denunziert oder vielleicht verletzt ...ich wäre lieber irgendwo anders, als jetzt hier... ...Es ist bestimmt das Schwert, sie ist nicht sie selbst.
Wenn es das Schwert gewesen wäre, dann wäre ja alles gut. Man hätte sie zurückgebracht, ihr ein paar tröstende Worte geschenkt, die Priester hätten sich ihre „Wunden“ angesehen und der eine oder andere Zauber hätte sie wieder zusammengeflickt...mental, körperlich...seelisch.
...bis sie wieder angefangen hätten, jeder zu seiner ihm gefälligen Zeit, mit seinen Problemen, seinen Depressionen, seinen Wehwechen, Stücke aus ihr heraus zu brechen. Sie fraßen sie auf, Stück für Stück, mit ihren Wünschen, ihren Sehnsüchten, ihrer Hilflosigkeit, ihren wankelmütigen Gefühlen. Sie wollten, wann es ihnen gefiel, wann sie es brauchten, Teile von ihr haben, um sich daran zu stärken, sich gut zu fühlen, zu genießen, Sicherheit zu bekommen...
Kahri, tue irgendwas! Was sollen wir nun machen Kahri? ohne dich Kahri, bin ich nichts... Du bist so unendlich wichtig, du hast soviel Kraft, wir brauchen dich...
...und bereitwillig hatte sie immer wieder gegeben. Jeder hat seine eigenen Kämpfe geführt, das blieb unbestreitbar. Ihrer jedoch hatte dazu geführt, dass sie für so viele ihrer Freunde und auch Geliebten, kleine zerbrechliche Welten geschaffen hatte, in denen sie Familien haben konnten und die meiste Zeit ihres Lebens ins Frieden lebten...kleine Habitate des Glücks, die sie mit jeder Faser ihres Körpers schützte.
Es ist ein beschissenes Gefühl, schließlich zu erkennen, dass die Zeit aufgebraucht war, diese Welten auch für sich selbst zu schaffen. Keine Welt mehr übrig, kein Baustoff, für ihre Leidenschaften, Triebe, der Sehnsucht nach Liebe, kein Platz, um frei sein, einer Ideologie folgend, die nur sie verstand aber für die sie sich dennoch vor niemandem rechtfertigen musste.
Sie war für so viele da, unablässig, dass sie manchmal selbst darüber überrascht war, dass immer noch ein wenig mehr ging, von etwas, dass eigentlich gar nicht mehr da ist. Die Kraft, die man gibt, schöpft man auch irgendwo her, ein ganz menschlicher Kreislauf. Leider fehlte Kahri diese Komponente. Sicher, es gab immer jemanden, der dem Augenblick Kraft gab...
...und sie suchte diese Momente auch, um irgendwas zu fühlen, irgendetwas anderes zu vergessen. Windige Momente, in denen sie sich nicht mit ihren Verantwortungen auseinandersetzen musste oder mit dem Leid, jener, denen sie sich zu helfen verpflichtet hatte und denen noch nicht geholfen worden war. Sie suchte Auswege aus der Taubheit, aus den wie in Watte gepackten Wegen, auf denen sie wie ein Zombie voran schritt...
Ein wenig dem einzigen Trieb nachgehen, der noch nicht so völlig abgestumpft war, wie die anderen, ein paar Stunden absolutes Vergessen, ehe die Wirklichkeit einen wieder einholt. Wo? Egal... Wer? Das spielte nur peripher eine Rolle...War es richtig? Drauf geschissen, ob es richtig war.
Das nur ein einziger Mensch, so vehement darum bemüht war, ihre Seele zu retten, obwohl andere die Verpflichtung gehabt hätten, dies zu tun...nicht nur Verpflichtung, sondern schlichtweg aus einem Gefühl tiefer Verbundenheit, Freundschaft und der ach so gefälligen und biegsamen Liebe, ihr beizustehen – und es einfach nicht taten, lies die Erkenntnis wachsen, dass sie nicht immer geben ...und niemanden hatte, von dem sie nehmen konnte.
Es tat ihr Leid, was sie ihm sagte...natürlich trafen ihre Worte, und sie wusste auch, dass sie teilweise im Unrecht lag aber sie hatte es satt immer nur das Richtige zu sagen, Beispiel zu sein, helfende Worte zu äußern, die andere aufrichteten, dazu bewegten das Richtige zu tun
...wäre es auch nur einer gewesen, der sich so um sie bemühte, Seele lesen, Seele festhalten. Sie war auch nur ein Mensch und Menschen gehen kaputt.
Doch sie hörten ihr nur dann zu, wenn es ihnen selbst half...sie hörten weg, wenn Kahri innerlich schrie...jetzt da sie laut wurde, herrschten Schock und Verletztheit...
sie waren verletzt...sie trauerten, um ihre Wunden, die sie mit ihren Worten geschlagen hatte...
...wer betrauerte ihre Wunden?
...nur Augenblicke taten das...und als sie die Welt hinter sich ließ, kam so ein Augenblick wieder. Morgen wäre es wie gestern aber die wenigen Stunden jetzt hier, ohne Verantwortung, ohne Pflicht, ohne Schmerz...und ohne Einsamkeit halfen...halfen irgendwie...für das Morgen das ohne Diskussion kommen würde...
„Lenk mich ab...lass mich vergessen...“ „...egal wie?“ „...egal wie.“
_________________ "...All das ist noch nicht einmal eine Generation her, wieso wiederholt sich alles?"
"Weil das Vergessen einfacher ist, als das Ertragen des Erfahrenen, weil falsche Sicherheit wichtiger ist, als stetige Vorsicht, denn siehe Wölfe sind unter die Lämmer gekommen aber sie jagen nicht, deshalb hält man sie für Hunde."
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