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 Betreff des Beitrags: Re: Engelsreigen
BeitragVerfasst: So 8. Mär 2009, 11:08 
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Ersticke die Zweifel, all jene, die ich habe...

Die Fahne der Feder berührte nur kurz ihre Wange, als sie den Pfeil, aus der bis zum Zerreißen gespannten Sehne entließ. Das melodische Surren übertönte für einen Augenblick die Schreie und den Schlachtenlärm, der um sie herum tobte und der so viel Wahnsinn bereithielt, dass jemand anderes als sie, dazu bewegt hätte, sich um zudrehen und einfach wegzulaufen.

Ein schemenhafter Umriss löste sich vor ihr und sprang ihr mit einer Kraft entgegen, die nur Hass und abgrundtiefe Wut mit sich bringen können. Blutverschmierte Hauer blitzten im fahlen Licht der Schlachtfeuer auf. Der Ork drehte eine gewaltige Streitaxt über seinem Schädel.

Ihre Hand, aufgeschlitzt vom vielen Gebrauch der Sehnen und nur notdürftig von den Heilern verbunden, griff zielsicher in ihren Köcher. Eine Bewegung, die sie heute Abend schon fast an die hundertmal getan hatte...kein Wunder also..., dass ihre Hand ins Leere fischte.

Sein Geruch trieb ihr Tränen in die Augen. Sie stellte einen Fuß nach vorne, um dem heran fliegenden Ork ansatzweise die Stirn bieten zu können und hielt den Kurzbogen quer vor sich, um die brachiale Wucht, welche die Axt mit sich bringen würde, zumindest im Ansatz auffangen zu können.

Mach mir ein Ende... ich fürchte mich nicht...

Sie hörte ein Surren, dann tauchte die Klinge eines gewaltigen Schwertes neben ihr auf, schnitt kraftvoll durch die Luft und fing den heran fliegenden Ork mit einer Leichtigkeit ab, welcher der Grünhaut ein überraschtes und dann erstickendes Geräusch entlockte. Sein hässlicher Kopf wurde vom Rumpf getrennt, flog an ihr vorbei und kullerte über den nassen zertrampelten Boden. Der brachiale Körper des Orkkriegers folgte nur Augenblicke später. Blut spritzte in ihr Gesicht.

Der Mann, der den Ork im Sprung gefällt hatte, trug die Uniform der Garde, soweit man das noch erkennen konnte unter dem chaotischen Geflecht zahlreicher Wunden und dem glänzenden Rot auf den sonst silbernen Ketten seiner Rüstung. Er hielt sich nicht lange mit der Bogenschützin auf, sondern drehte sich und stürmte in die Schlachtreihe zurück.

Diese sonderbare Stille, die sich über ihre Schultern legte, wie ein wärmender Mantel – war er Vorbote, ähnlich wie die Raben, die über den Toten kreisten? Nur gedämpft kamen die Geräusche der Schlacht an ihr Ohr. Die Rufe der mutigen Krieger, die Todesschreie der Gefällten auf beiden Seiten, der Regen, der wieder einsetzte.

Sie drehte sich um und lies ihren Blick über die Schlacht gleiten. Hinter ihr intonierten die Kleriker einen Heilungszauber nach dem anderen und kümmerten um den nicht weniger werdenden Strom an Verletzten, die ihnen auf den Lazaretthügel gebracht wurden. Vor und neben sich tobten Nahkämpfer um jeden Zentimeter Platz. Die Armeen Kassars konnten... sie durften nicht gewinnen.

So patriotisch Kahri?

Der Todesschrei eines Trolls hallte durch die Luft, als zahllose Fackeln und Brandpfeile auf ihn niedergingen und ihn seiner regenerativen Kräfte beraubten. Eine Horde Goblins massakrierte einen unvorsichtigen Krieger am äußersten Ende der linken Flanke und hielten triumphierenden und mit schnarrenden Lauten seine Kopfhaut in den Himmel, bis auch sie von einem Hagel verbündeter Pfeile niedergestreckt wurden. Sie ging in die Hocke.

Gleichzeitig schulterte sie die sinnlos gewordene Waffe und fischte mit den Fingern nach dem Knauf einer anderen. Die dünne Klinge sang von unsichtbaren Kräften bewegt durch die nass kalte Luft. Kein Blut war auf dem makellosen Stahl zu sehen.

Miraden von schattenhaften Spinnweben lösten sich aus dem Nichts in ihrem Rücken und spannen sich um ihren bebenden Körper. Nur wenige Augenblicke später implodierte der im blutigen Gras hockende Körper in einem Geflecht aus Staub und grauen Schlieren und war einfach verschwunden.
In der Welt, die sie nun betrat, ungesehen von den anderen Kämpfenden und vielleicht nur erahnt von manchem Sterbenden war ein jeder, ob nun Freund oder Feind nur ein parteiloser Schatten, ohne Kontur, ohne Inhalt. Die Kraft ihrer Gedanken teleportierte sie erst nach links, dann nach rechts. Sie machte in nur einem Wimpernschlag genug Boden gut, dass sie im Rücken des nächsten heran preschenden Orkstrupps stand und den Wald hinter sich hatte.

Sie blieb in der unwirklichen Welt, die ihr Schutz brachte. Die Spitze ihrer Klinge hob sich und blieb nur wenige Millimeter vor dem frei liegenden Nacken der Grünhaut vor ihr stehen. Erst die Späher, geräuschlos und schnell, dann die Krieger. Die Spitze der Klinge löste sich aus der Schattenwelt, doch der verräterische Mond offenbarte ihren Glanz nicht und so schnitt sie mit einem einzigen gezielten Kraftakt in das Fleisch der stinkenden Grünhaut und trat an der Kehle wieder aus. Mit einem Gurgeln sackte er zur Seite weg und hinterließ Fontänen roten Blutes. Sie ergötzte sich nicht an seinem Tod und war schon weiter, als seine zerschnittenen Stimmbändern den Todeskampf begannen.

Es galt noch vier weitere auszuschalten.

...vier von Tausenden...

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"...All das ist noch nicht einmal eine Generation her, wieso wiederholt sich alles?"

"Weil das Vergessen einfacher ist, als das Ertragen des Erfahrenen, weil falsche Sicherheit wichtiger ist, als stetige Vorsicht, denn siehe Wölfe sind unter die Lämmer gekommen aber sie jagen nicht, deshalb hält man sie für Hunde."


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 Betreff des Beitrags: Re: Engelsreigen
BeitragVerfasst: Di 7. Apr 2009, 18:49 
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„Worte sind Waffen.“ – Krabat-

(...)...In einer Stadt, wo gute Götter den Menschen Genügsamkeit lehren und tröstendes Vergessen, da kann man nicht erwarten, das dem Wort Konsequenz eine angemessene Bedeutung verliehen wird.
Die Lehren der dunklen Fürstin hingegen, haben in all ihrem Wahnsinn, gerade diese wenig subtile Anmerkung des Lebens, aus dem Unvergebenem, dem Unvergessenem, eine Klinge zu formen, die in Rache und kalter Wut auf all jene niedergeht, die in einem selbst so manche nicht heilen wollende Wunde hinterlassen haben.
Bittet man Shar um den Schmerz der Erinnerung, damit diese lebendig bleibt, dann schenkt sie einem bereitwillig und selbstlos diese Bürde. Erfüllt man die Prüfungen um die Standfestigkeit der Vergeltung, so ist sie gütig und belohnt einem mit schlichten Vergessen... Vergessen... aber nur dann.

Jedenfalls sind das die Dogmen, welche die Priester in nihilistischem Tonfall ihren Jüngern indoktrinieren. Über die Verzweiflung und die Entbehrungen, den schleichenden Wahnsinn, die Einflüsterungen und die Opfer, berichten sie nichts. Jeder Teil deiner Seele wird zu einen durchsichtigen Mosaik und sie nehmen sie dir weg, Stück für Stück.
Wie eine schwarze teerartige Flüssigkeit sickert dann Rachedurst und blinde Verheißung auf Seelenfrieden in die wunden Stellen. Die fälschliche Annahme, dass der Anblick des Peinigers, wenn er wimmernd, wie ein Haufen Scheiße vor dir liegt, Genugtuung verheißt... her je... dabei spüren wir doch, genau in dem Augenblick, da wir unsere Klinge in seine zuckenden Eingeweide bohren und uns sein Gewinsel um Gnade, wie ein triumphales Lachen in den Ohren erscheint, dass es nicht vorbei ist, dass es niemals vorbei sein wird...(...)



Vor etwa dreieinhalb Wintern, besetzten nach jahrelangen Kämpfen im Untergrund, um die Vormachtstellung in Rivin, Zentarim und Baneiten große Teile der Slums und des Hafens. Sie beschlagnahmten Nahrungsmittel und begannen in den Gassen regelrechte Hetzjagden auf die rivianische Bevölkerung. Tyrannei, Mord und Folter, Erpressung und Vergewaltigung standen auf der Tagesordnung.
Durch Verräter und Spione in den Reihen der Garde und in hohen Kreisen der ehemaligen Regierung sowie der Unwilligkeit der Obrigkeit, die unzumutbaren Zustände zu erkennen, kam es zu einer völligen Handlungsunfähigkeit, all jener Institutionen in Rivin, die diesem Leid ein Ende bereiten konnten.

Ein nächtlicher Überfall auf die Triade im Abenteuerviertel endete mit einem bestialischen Blutbad, dem mehr als die Hälfte aller Angehörigen der Dreikirche anheimfielen. Man hatte die Leichen geschändet und zerstückelt und sie wie Marionetten an den Wänden aufgehangen. Mit ihrem Blut schmierte man Hasstriaden und Beleidigungen an die heiligen Wände ihrer Tempel.

1375 kam es zur Entscheidung. Die treu gebliebenen Reste der Garde und die wenigen Paladine der Triade führten den letzten notwendigen Schlag gegen die Mitglieder der Zentarim und die Angehörigen der Kirche Tyrannos aus. Dabei wurde die schwarze Festung sowie die Hochburg der Zentarim in den Slums überrannt. Das Blutbad war ein Vergeltungsschlag für die vielen Monde des Leids. Der Sieg wurde in einem großen Fest gefeiert.
Doch wurde kein einziger hochrangiger Offizier der Baneiten oder Zentarim wirklich getötet. Gerüchten zu Folge, starben nur kleine unwichtige Helfershelfer, die als Scharade und Opferlämmer für die erzürnten Geister der Gardisten und Paladine dienen sollten. Den Widerstandskämpfern wurde verboten an dem Angriff teilzunehmen.

Einige Zeit später gewann ein Adliger mit dem Namen Sarod dé Teril nicht unbeträchtlichen Einfluss in Rivin und wurde sogar Führer, der wieder erstarkten Garde. Nach anfänglich guten Ruf, fiel er nach und nach durch zwielichtige Entscheidungen und Führungsschwächen auf, doch setzte sich anfänglich niemand gegen seine Methoden zur Wehr. Er blieb im Amt.
Auf sein Konto ging die komplette Auslöschung der Unterstadt Porte Muerte, bis heute weiß niemand wieviele Tote es gab. Als man später ein Anwesen der dé Teril aushob fand man in den Kellergewölben zahlreiche Menschen, darunter viele Kinder aus Porte Muerte. Sie sollten als Sklaven verkauft werden.
Es stellte sich heraus, dass der neue Führer der Garde und einflussreiche Adlige ebenfalls ein Baneit war. Zahllose Morde gehen auf sein Konto, bis er schließlich enttarnt und gerichtet wird.

Vor ein paar Monden dann sieht sich die Regierung Rivin dem Aufstieg eines weiteren Mannes aus dem Adelsgeschlecht dé Teril gegenüber, der auf den Namen Sarek hört und Sohn des getöteten Baneiten ist. Er wird Schirmheer und Unterstützter der neugegründeten Miliz, die sich um den überlebenden Baneitenführer scharrt, der von der Regierung Rivins „rehabilitiert“ und sogar mit einem Adelstitel versehen wird.

Einige Angehörige der Miliz beginnen kurze Zeit nach ihrer Gründung die Bevölkerung gegen die Garde aufzuhetzen.

Plötzlich und ohne Vorwarnung wird Fürst Jason, der den ganzen Anhäufungen seltsamer Mißstände in Rivin, teilnahmslos gegenübersteht, des Nachts in seinen Räumlichkeiten ermordet. Sein gewaltsamer Tod ist bis heute nicht aufgeklärt.

Nicht lange danach zieht in einer Nacht- und Nebelaktion ein größeres Regiment von schwergerüsteten Soldaten in Rivin ein, die allesamt unter der Führung einer ehemaligen Zentarim stehen. Sie ist nicht nur die Schwester von Sarek, sondern die Ehefrau eine ehemaligen hochrangigen Angehörigen der Kirche des Hasses namens Yo Kiomasa. Mit Sarek, dem Regiment und der Miliz bezieht sie die Seefeste im Hafen Rivins.

Die zum größtenteil namenlosen und gesichtslosen Adligen und einige wenige hochrangige Vertreter von Rivin, die jedoch nicht vom Volk gewählt worden, beschließen eine neue Führung für Rivin. Nun soll nach Tiefwasser Vorbild ein Triumvirat aus unbenannten gesichtslosen Maskenträger die neue Regierung bilden. Das Volk hat keine Ahnung, wer diese Männer und Frauen sind. Sie traten bisher nicht öffentlich in Erscheinung.

Als die Stadt dem Kollaps durch die Belagerung des Kriegsfürsten Kassars nah ist, erscheint in der großen Endschlacht auf den Feldern nahe der Trollborken, nach Stunden des Kampfes mutiger Männer und Frauen aus Rivin, einschließlich Teilen der Garde und der Miliz, Sarek, auf einem weißen Schlachtross. Mit ihm kommen viele Soldaten. Die Schlacht wird zu Gunsten Rivins entschieden, die Heimkehr und der Sieg wird publiziert und gefeiert. Nur wenige zumeist Unbekannte kümmern sich um die Nachwehen. Besetzte Höfe, Verletzte, Hunger leidende Menschen, die jede Existenzgrundlage verloren haben.

In den Jahren der Tyrannei durch die Anhänger und Kleriker des Tyrannos, des Cyric und den Zentarim starben zahllose Menschen. Jeder von ihnen hatte eine Geschichte, ein Gesicht, eine Stimme. Viele von ihnen hatten eine Familie.
Damals nahmen wenige Wächter und Wächterinnen, aus allen Teilen der Bevölkerung, die Bürde auf sich, diesem Grauen entgegen zu treten, trotz der ständigen Angst vor Verschleppung und Mord. Manche von ihnen brachten unvorstellbare Opfer, um der Tyrannei Banes und der Zentarim sowie sich aufbauenden Zellen von Cyricern ein Ende zu bereiten. Viele von ihnen wurden gejagt, gefunden, gefoltert und auf zum Teil grausame Art und Weise getötet. Garth Glayton, stellvertretender Anführer der Abenteuergilde und Vater eines kleinen Kindes wird in den Zellen des eingestürzten Zentarimhauptquartiers verschüttet und gilt als verschollen.
Janald und seine damalige Gefährtin wurden gefangen genommen und ebenfalls in die Kerker der Feste verschleppt. Später fand man Körperteile von ihm, die darauf schließen liessen, dass er unbeschreibare Greuel erleben musste, bevor man ihn tötete. Von seiner Gefährtin fand man nichts mehr...

Gestern... fast sechs Jahre nach all dem Wahnsinn, all dem Leid, dem vergossenen Blut und den vielen Gräbern, die den Namen Wahnsinn tragen... verkünden Teile der Miliz die legalisierte Wiedereinführung des Glaubens Tyrannos in Rivin, ihre freie Verbreitung und die Straffreiheit, die damit einher geht. Lucian Grave, Anführer der Miliz, bekennt sich offen, immer noch Anhänger dieser Religion zu sein. Der Überbringer der Nachricht trug die Rüstung des erst vor kurzem einmarschierten Regiments und freute sich für seinen Herrn.

Wer soll euch jetzt noch ernst nehmen?

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"Weil das Vergessen einfacher ist, als das Ertragen des Erfahrenen, weil falsche Sicherheit wichtiger ist, als stetige Vorsicht, denn siehe Wölfe sind unter die Lämmer gekommen aber sie jagen nicht, deshalb hält man sie für Hunde."


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 Betreff des Beitrags: Re: Engelsreigen
BeitragVerfasst: Mo 1. Jun 2009, 11:32 
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Seine Haut erinnerte an die einer Schlange... und dennoch war sie sonderbar weich, trocken und zeigte nicht den geringsten Anschein von Brüchigkeit. Die gewaltige Hand, die weniger an eine Kralle erinnerte, als sie gedacht hatte lag auf ihrem Schlüsselbein und spitze lange Fingernägel, bohrten sich in ihre blasse Haut. Dabei hinterliessen sie, Blutstropfen, die sich auf dem alabasterfarbenem Untergrund einen Weg über ihren Körper bahnten immer wieder ein leichtes Beben in ihrem Inneren.
Auf ihrem Bauch, in einer fast grotesk anmutenden Geste lag die andere Klaue, beschützend auf ihr. Kahri konnte das Abbild des hochgewachsenen Elfen, in dessen Arme sie lag nicht sehen aber das war nicht wichtig, sie spürte ihn. Der leichte Hauch, der durch ihr Haar glitt, als seine Nase ihren Geruch in sich aufsog, die winzige Berührung seiner Zunge in ihrer Halsbeuge.

Ihr Kinn glitt nach hinten, so dass ihr Kopf auf einer seiner Schultern unterhalb der zwei geschwungenen Hörner zum Liegen kam. Es sind kalte Augen, fordernd und lauernd, wie die einer Schlange, die sie aus den Augenwinkeln mustern und dann ihren Körper hinab fahren. Sein langes rotes Haar vermischt sich mit ihrem schwarzen.

„Tanzt dein Herz schon Herrin?“

Seine Lippen kamen ihrer Wange nahe, sie spürte seinen Atem auf ihrer Haut.

„… Ich kann fühlen, wie du aufhörst zu kämpfen, die Schlacht gegen dich selbst...verlierst.“

Eine kurze Pause entstand, die er nutzte, um sie noch ein Stück weiter an sich zu ziehen und seine Nägel zu nehmen, die Messern gleich, über ihre Haut ihres Unterarms strichen.

„Sie werden schreien und fluchen, sie werden betteln und sich nach uns verzehren, bis sie das Gefühl haben, dass ihre kleinen schlagenden Herzen zerreissen.“

Kahri hob ihren Blick wieder und ließ ihn vom karmesinroten Bett durch den dunklen Rauch gleiten, bis hin zu dem Gitter, hinter dem für einen kurzen Moment nur zwei rote Augen aus einem konturlosen Gesicht, wutentbrannt zu ihr hinüberstarrten. Sie antwortete nur mit eisigen Schweigen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Engelsreigen
BeitragVerfasst: Do 9. Jul 2009, 08:32 
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Eine Türe schlug zu und hinterließ Stille und mit ihr kam Hand in Hand auch die Einsamkeit. Sie hatte so viel riskiert, heute Nacht, Diplomatie, Finten, Spiel auf Zeit, schließlich Kampf. Am Ende hatten zwei Unschuldige ihr Leben verloren und Khemeds Gegenmittel war in weite Ferne gerückt.

Ein bitteres Lächeln glitt über ihre Züge. Sie musste sich eingestehen, dass es ihr um die zwei Frauen, die sie heute durch ihr Pokerspiel verloren hatte, nicht im Geringsten Leid tat. Das waren nur zwei Menschen gewesen, die zur falschen Zeit, am falschen Platz in ein perfides Spiel geraten waren, dass sie schon so oft gespielt, gewonnen oder verloren hatte. Zwei Leben mehr, auf einer endlos langen Liste, an Dingen.

Die kühle Wand im Rücken linderte den beißenden Schmerz in ihrer Schulter, dort wo der Armbrustbolzen in ihr Fleisch eingedrungen war. Ihr dummen selbstgefälligen Narren, ihr sogenannten Assasinen. Der Treffer war so gut gewesen, nur ein wenig Gift an der hölzernen Spitze des Bolzens, so dicht über ihrem Herzen. Es wäre schnell gegangen. Sie hätten sich beide einen Gefallen getan.

Als Kahri getroffen wurde, erwartete sie fast mit Sehnsucht den ziehenden Schmerz, der das Gift ankündigte, doch er blieb aus, noch eine Enttäuschung. Sie alle enttäuschten immer und immer wieder.

Je weiter sie so lebte, mit all den Verirrungen, mit all der Stärke, die sie stetig vorgaukelte, desto schneller würde es letztlich gehen. Es stand immer noch auf des Messers Schneide, und heute Abend war sie gefangen in ihren Trieben, Moralvorstellungen, Verlustängsten, und den immer weniger werdenden ethischen Bedenken, dieses oder jenes zu tun, der Finsternis wieder ein Stück näher gekommen und inzwischen, hier wo sie mit ihrem Echo allein war, niemand da war, der sie ablenkte mit Dingen, die sie gut konnte, war sie ihr so nah, dass es nur noch einen ausgestreckten Finger benötigte, um mit ihr einzuschlagen und dann würde es sein wie früher, eine ganz persönliche Hölle, selbst gewählt und gewürzt mit Schmerz.

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 Betreff des Beitrags: Re: Engelsreigen
BeitragVerfasst: Fr 10. Jul 2009, 08:39 
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Sie dachten, es sei Wahnsinn oder Besessenheit. Unkontrollierte Wut oder sonst irgendeine menschliche Schwäche. Sie waren noch nie nicht um Entschuldigungen verlegen, nicht an Hilflosigkeit.


...warum reisst sie sich nicht zusammen?
...hier hat doch jeder seine Probleme, sie soll sich nicht so anstellen
...an mich denkt doch auch keiner
...am besten schweigen, sonst sagt sie noch irgendwas, dass dich denunziert oder vielleicht verletzt
...ich wäre lieber irgendwo anders, als jetzt hier...
...Es ist bestimmt das Schwert, sie ist nicht sie selbst.


Wenn es das Schwert gewesen wäre, dann wäre ja alles gut. Man hätte sie zurückgebracht, ihr ein paar tröstende Worte geschenkt, die Priester hätten sich ihre „Wunden“ angesehen und der eine oder andere Zauber hätte sie wieder zusammengeflickt...mental, körperlich...seelisch.

...bis sie wieder angefangen hätten, jeder zu seiner ihm gefälligen Zeit, mit seinen Problemen, seinen Depressionen, seinen Wehwechen, Stücke aus ihr heraus zu brechen. Sie fraßen sie auf, Stück für Stück, mit ihren Wünschen, ihren Sehnsüchten, ihrer Hilflosigkeit, ihren wankelmütigen Gefühlen. Sie wollten, wann es ihnen gefiel, wann sie es brauchten, Teile von ihr haben, um sich daran zu stärken, sich gut zu fühlen, zu genießen, Sicherheit zu bekommen...

Kahri, tue irgendwas!
Was sollen wir nun machen Kahri?
ohne dich Kahri, bin ich nichts...
Du bist so unendlich wichtig, du hast soviel Kraft, wir brauchen dich...


...und bereitwillig hatte sie immer wieder gegeben. Jeder hat seine eigenen Kämpfe geführt, das blieb unbestreitbar. Ihrer jedoch hatte dazu geführt, dass sie für so viele ihrer Freunde und auch Geliebten, kleine zerbrechliche Welten geschaffen hatte, in denen sie Familien haben konnten und die meiste Zeit ihres Lebens ins Frieden lebten...kleine Habitate des Glücks, die sie mit jeder Faser ihres Körpers schützte.

Es ist ein beschissenes Gefühl, schließlich zu erkennen, dass die Zeit aufgebraucht war, diese Welten auch für sich selbst zu schaffen. Keine Welt mehr übrig, kein Baustoff, für ihre Leidenschaften, Triebe, der Sehnsucht nach Liebe, kein Platz, um frei sein, einer Ideologie folgend, die nur sie verstand aber für die sie sich dennoch vor niemandem rechtfertigen musste.

Sie war für so viele da, unablässig, dass sie manchmal selbst darüber überrascht war, dass immer noch ein wenig mehr ging, von etwas, dass eigentlich gar nicht mehr da ist. Die Kraft, die man gibt, schöpft man auch irgendwo her, ein ganz menschlicher Kreislauf. Leider fehlte Kahri diese Komponente. Sicher, es gab immer jemanden, der dem Augenblick Kraft gab...

...und sie suchte diese Momente auch, um irgendwas zu fühlen, irgendetwas anderes zu vergessen. Windige Momente, in denen sie sich nicht mit ihren Verantwortungen auseinandersetzen musste oder mit dem Leid, jener, denen sie sich zu helfen verpflichtet hatte und denen noch nicht geholfen worden war. Sie suchte Auswege aus der Taubheit, aus den wie in Watte gepackten Wegen, auf denen sie wie ein Zombie voran schritt...

Ein wenig dem einzigen Trieb nachgehen, der noch nicht so völlig abgestumpft war, wie die anderen, ein paar Stunden absolutes Vergessen, ehe die Wirklichkeit einen wieder einholt. Wo? Egal... Wer? Das spielte nur peripher eine Rolle...War es richtig? Drauf geschissen, ob es richtig war.

Das nur ein einziger Mensch, so vehement darum bemüht war, ihre Seele zu retten, obwohl andere die Verpflichtung gehabt hätten, dies zu tun...nicht nur Verpflichtung, sondern schlichtweg aus einem Gefühl tiefer Verbundenheit, Freundschaft und der ach so gefälligen und biegsamen Liebe, ihr beizustehen – und es einfach nicht taten, lies die Erkenntnis wachsen, dass sie nicht immer geben ...und niemanden hatte, von dem sie nehmen konnte.

Es tat ihr Leid, was sie ihm sagte...natürlich trafen ihre Worte, und sie wusste auch, dass sie teilweise im Unrecht lag aber sie hatte es satt immer nur das Richtige zu sagen, Beispiel zu sein, helfende Worte zu äußern, die andere aufrichteten, dazu bewegten das Richtige zu tun

...wäre es auch nur einer gewesen, der sich so um sie bemühte, Seele lesen, Seele festhalten. Sie war auch nur ein Mensch und Menschen gehen kaputt.

Doch sie hörten ihr nur dann zu, wenn es ihnen selbst half...sie hörten weg, wenn Kahri innerlich schrie...jetzt da sie laut wurde, herrschten Schock und Verletztheit...

sie waren verletzt...sie trauerten, um ihre Wunden, die sie mit ihren Worten geschlagen hatte...

...wer betrauerte ihre Wunden?

...nur Augenblicke taten das...und als sie die Welt hinter sich ließ, kam so ein Augenblick wieder. Morgen wäre es wie gestern aber die wenigen Stunden jetzt hier, ohne Verantwortung, ohne Pflicht, ohne Schmerz...und ohne Einsamkeit halfen...halfen irgendwie...für das Morgen das ohne Diskussion kommen würde...

„Lenk mich ab...lass mich vergessen...“
„...egal wie?“
„...egal wie.“

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 Betreff des Beitrags: Re: Engelsreigen
BeitragVerfasst: Mo 20. Jul 2009, 12:06 
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Der Hügel ist kahl und grau, tückische Felsen, überwachsen mit Flechten und Moos. Grasbüschel von kargem verwaschenem Gelb biegen sich im Wind und drohen zu brechen. Der Himmel explodiert in hundert dunkle Blautöne, Blitz und Donner wiegen die Szenerie in düstere Farben. Sturm tobt unerbittlich und quält die Landschaft.

Die Frau auf dem Hügel ist den Sturmgewalten ebenso ausgesetzt, wie die Natur um sie herum. Das lange Haar wird von dem unerbittlichen Wind zerrissen, tanzt mit dem dunklen seidenen Kleid, dass sie trägt. Ihr zierlicher Körper scheint jeden Moment vom Sturm erfasst zu werden, doch sie hat keine Angst. Keine Furcht, noch Irritation zeigt sich in dem maskenhaften blassem Gesicht. Sie steht reglos dort auf dem Hügel, eine ihrer kleinen Hände um das Gelenk der andern gelegt und sieht auf die vom Sturm gepeitschte Welt hinab.

Tränen rinnen ihre Wangen hinunter. Der Wind wischt sie mitleidlos hin fort.

Plötzlich kommt Bewegung in ihre Gestalt. Die Arme ausbreitend, stößt sie sich vom Boden ab. Ein letztes Mal berühren die nackten Fußspitzen, den vom Regen aufgelösten Boden, dann schwebt sie in den Himmel hinauf. Der Kopf senkt sich in den Nacken, ihr trauriger Blick betrachtet stumm den verdunkelten kriegerischen Himmel.

Die blassen Lippen öffnen sich ganz langsam, doch sie schreit nicht. Ihre Finger spreizen sich wie Fächer neben ihrem Körper und strecken sich den Wolken entgegen. Plötzlich beginnt sie zu leuchten. Aus ihrem geöffneten Mund und den Augen entweicht gleißendes silbernes Licht, verbindet sich mit den Strahlen, die ihren Fingerspitzen entweichen zu einem einzigen gewaltigen sich um sich selbst drehenden Bund, der wie ein scharfes Schwert den dunklen Himmel zerreißt.

Die Wolkendecke, Blitze und Donner explodieren, das Licht drängt sie zurück, zerschneidet sie, treibt sie hin fort zu den Enden der Horizonte und dort dem Boden entgegen. Ein Krieg aus Naturgewalten, furchtlos mit dem Willen jeweils über den anderen zu siegen. Alles scheint sich aufzubäumen, niemand will zurückweichen... doch...

Das Licht gewinnt. Es vertreibt den Sturm, bringt ihn aus seinem Königreich namens Himmel, mit all seiner Dunkelheit, seinen Gewittern und tosenden Winden, so dicht an die Erde, dass es scheint als würden ihm dort Fesseln angelegt. Eine tosende wabbernde Wolke aus grauen und schwarzen Farben, Blitzen und immer widerhallenden Donner, der zu einem einzigen Punkt unter der schwebenden Gestalt zusammengestaut wird.

Über ihr jedoch gebärt ein blauer Himmel eine endlos erscheinende Sonne, deren Feuer den Regen auf den Steinen und dem Gras in Millionen glitzernder Diamanten verwandelt.

Ihr langes Haar begrüßt die aufgekommene Stille und legt sich wie ein seidener schwarzer Mantel auf ihren Rücken. Das Licht verschwindet in ihrem Innern, kaum das seine Schlacht gewonnen ist.

Unter ihr, wabbernd und brodelnd, wütet der von unsichtbaren Ketten gehaltene Sturm. Die Wut über das Ende seiner Herrschaft am Himmel zeigt sich in all seinen gefangenen Gewalten. Er wandelt sich stetig, wechselt seinen Gemütszustand in schwarzen Rauch, durchzuckt von donnernden drohenden Blitzen. Sie sieht ihn an, ruhig, abwartend, dann umspielt ein trauriges Lächeln ihre Lippen. Erneut kommt Bewegung in ihre schwebende Gestalt. Sie senkt die Hand nach unten hin zum dem Sturm und spreizt wieder ihre Finger.

Ein stummer Befehl, mehr braucht es nicht, dann befreit sie die Fesseln, die ihn halten und das wilde unberechenbare Tier bäumt sich in ihre Richtung auf. Ein von Blitzen durchzuckter Wirbelsturm.

Sie blicken sich an, wie alte sich kennende Feinde, doch nur ein Augenpaar leuchtet in der Sonne auf. Ihre Hand zieht sich ein wenig nur zurück, ebenso ihr Körper. Der Sturm eilt ihr nach, lauernd auf seine Beute.
Der Moment zieht sich dahin, die Sonne beginnt die Regentropfen zu trocknen. Ein kurzer tiefer Atemzug, dann schließen sich ihre Augen und sie breitet erneut ihre Arme aus.

Die wabbernde Wolke brüllt in ihrem Innern auf und stößt auf sie zu, als folge sie der Einladung nur zu gern. Kein Rückstoß, kein Schrei, als er auf ihren Körper trifft... Ihre Augen reißen auf, als die Wolke in sie eindringt...dort wo ihr Herz sitzt, tiefer und tiefer, ohne einen Kratzer, ohne eine einzige Wunde zu hinterlassen.

Als der Sturm fast in ihr verschwunden ist, aufgesaugt, sich in sie fressend, gleiten ihre Arme nach vorne und scheinen die Dunkelheit zu umarmen, sie zu begleiten auf seinem zerstörerischen Weg in ihr Inneres. Sie zieht die Beine an, dreht sich in der Luft, bis sie wie ein schlafender Fötus in der Weite des blauen Himmels erscheint.

Ein letztes Aufbäumen, ehe der Sturm restlos in ihr verschwindet. Ein letzter Blick ihrer Augen, die nun nicht mehr nur traurig erscheinen, sondern in wissendem Schmerz getaucht über die friedlich liegende Welt schweifen.

Stück für Stück löst sich ihr Körper auf, graue Asche, die zum Boden hinabschwebt. Schließlich ist sie verschwunden, ohne Kampf, ohne Widerwillen...völlig still.

Zurück bleibt, nun weniger karg und einsam, ein wilder...freier Garten.

- Wonderful Day OST -

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 Betreff des Beitrags: Re: Engelsreigen
BeitragVerfasst: Do 23. Jul 2009, 10:59 
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Die Saiten der Laute waren tiefer gestimmt, als sie dem Instrument normalerweise entsprachen aber Kahri mochte hohe Töne nicht, sie empfand sie seit je her als störend, geradezu abstoßend, denn sie erinnerten sie oft an an das klare unschuldige Lachen von jungen unbedarften Mädchen, deren Unerfahrenheit man mit einem Brotmesser...

Sie atmete durch und ihre zierlichen Finger entlockten dem geduldigen Instrument wohlklingende Töne.

Manchmal wünschte sie sich, dass sie mehr Zeit hätte, zu üben, ihre Wange an das sorgsam bearbeitete Holz zu legen, um den Vibrationen zu lauschen, die sie mit dem Streifen der Saiten erzeugte.

Die nächtliche Landschaft um sie, war still, fast still genug, als würde die Tiere und Pflanzen ihrem Spiel lauschen aber natürlich wußte sie, dass dies eine all zu romantisch angehauchte Vorstellung war, vermutlich war Kahris Lautenspiel eher eine Irritation für die nachtaktiven Tiere des Waldes.

Heute abend hatte ihre Klinge erneut Blut geleckt. Es war keine große Sache gewesen, ein paar drakovische Übergriffe, ein brennendes Haus... Kinder, die sie gerettet hatten, eine Hetzjagd durch den Wald.

Zwischen den gespielten Tönen, mischten sich Kampfrufe, das Surren von Pfeilen, keuchender Atem, gequälte Schreie.

Die Wunde an ihrer Schulter brannte und zog, jetzt da sie die Laute fast in sie hineinbohrte. Nur eine einzige Wunde, klein und unbedeutend, zu wenig Schmerz fast, um zu spüren, dass sie noch am Leben war. Sie war einfach zu schnell, um getroffen zu werden, das nächste Mal würde sie sich nicht bewegen...mehr Schmerz, mehr Leben - Liliane hatte Recht, nur im Leid, fühlen wir noch, dass wir am Leben sind...

Sein Gesicht tauchte vor ihr auf, wieder einmal. Wertlose Erinnerungen aber sie schmerzten und deshalb verzichtete sie nicht darauf. Seine Waffe lies sie leben, er beschützte sie auch jetzt noch. Ihre gegenseitigen Blicke waren immer voller Sorge, ging es ihm gut, ging es ihr gut...wo ist sie...wo ist er...was für ein Possenspiel. Verdeckte Wahrheiten, die letztlich zu wenig waren, um sie zu leben.

Sie rutschte eine Saite zu tief, das Spiel erzeugte einen Mißklang, Kahri schreckte aus ihren Gedanken hoch. Kurz darauf war die Melodie wieder sanft, beruhigend, lud zum Zuhören ein. Irgendwo da unten, nach den Bäumen und Felshügeln lag die Stadt, die sie beschützte, als eine Wächterin von vielen, doch mit den größeren Opfern, die sie im Stillen erbracht hatte und die jetzt deutlicher als irgendwann anders ihre Preise einforderten.

Bald, so hoffte sie, würde es neue Kämpfe geben, neue Wunden ... neue Narben und sie würde mit ihren Feinden tanzen und den Schmerz empfinden, der sie leben lies und von dem Schmerz in ihrem Herzen ablenkte...bis irgendwann jemand oder etwas kam, um Schmerz und Tanz...für immer zu beenden.

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"...All das ist noch nicht einmal eine Generation her, wieso wiederholt sich alles?"

"Weil das Vergessen einfacher ist, als das Ertragen des Erfahrenen, weil falsche Sicherheit wichtiger ist, als stetige Vorsicht, denn siehe Wölfe sind unter die Lämmer gekommen aber sie jagen nicht, deshalb hält man sie für Hunde."


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 Betreff des Beitrags: Re: Engelsreigen
BeitragVerfasst: Mi 2. Sep 2009, 18:07 
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„....irgendwann, egal wie hart du trainierst, egal wie sicher du dir bist, findest du auf dem Schlachtfeld deinen Meister.“

Das gewaltige Klingenblatt der Hellebarde schwang mit tödlicher Präzision und aller noch vorhandener Kraft durch die kühle Nachtluft. Blutspritzer tanzten im Mondlicht.

Kahri, die um den Körper ihres eigenen Gegners tanzte, sah nur aus den Augenwinkeln, dass die Zeit nicht ausreichen würde. Weder ihre Sinne, noch die übermenschliche Geschwindigkeit, würden Janald, unweit ihrer eigenen Position noch retten können. Zwei Armbrustbolzen hatte ihm die Schulter aufgerissen und machten seine Bewegungen zu einer einzigen Qual.

Wieder sauste das gewaltige Klingenblatt nach unten.

Rette das eigene Leben oder sei nobel und rette ein anderes... Überlege nicht, handle.

Noch in der Hocke, in die sie nach ihrem letzten Angriff geflüchtet war, senkte sie den Blick und lies die Waffe ihres Gegners auf sich zukommen.

Die einen nennen es wohl Dummheit, wenn man seinen Kopf senkt und damit dem heranstürmenden Gegner seinen Nacken feilbietet aber Kahri brauchte die Konzentration, die innere Kraft und so vertrieb sie die Furcht aus ihrem Herzen und mit ihr die tödliche Gefahr, die sich unaufhaltsam näherte. Sie war nicht allein, alles was sie sich wünschte war, das Leomar, der neben ihr kämpfte, schnell genug wäre... dass sein Instinkt ihm sagen würde, was sie tun würde.

„Töte ihn,“ entwich ihrer Kehle. Ein Nicken, dass sie nicht sah aber spürte, antwortete stumm.

Die Schatten sammelten sich, die fremde Intelligenz, die hinter der Welt des Sichtbaren lag, erwachte und reagierte auf ihr dunkles Erbe. Züngelte Schlieren aus dunkler Materie, lösten sich unter Kahri, umschlagen sie und hüllten sie ein. Dann implodierte der zierliche Körper im Schattengewebe.

Im nächsten Moment sauste die Waffe mit brachialer Gewalt hinunter, doch sie traf nur die Luft. Kahri war in die Welt der Schatten getaucht...

Nur einen einzigen Wimpernschlag später, tauchte sie aus dem Schatten von Janalds Gegner, gut sechs Schritt weiter, wieder auf. Die graumelierten Schlieren explodierten, spuckten die Tänzerin und mit ihr das hoch gerissene Kurzschwert aus.

Zeit, Geschwindigkeit, Materie - all das spielt keine Rolle, wenn die Kräfte der Welt der Schatten dir zu eigen sind.

Hinter ihr sprühten Funken. Metall schlug gegen Metall. Leomar hatte den Schlag, der Kahri gegolten hatte pariert. Seine Schnelligkeit und seine Kraft ließen den Angreifer zurück taumeln, etwas, dass der Krieger für sich ausnutzte. Das schartig wirkendes Schwert wirbelte durch die Luft und vergrub sich wie eine hungrige Bestie in den Eingeweiden seines Gegners. Mit einem dumpfen Schrei hauchte er sein nutzloses Leben aus. Einer weniger.

Die Hellebarde vor Kahri leckte ein weiteres Mal Blut und der Schrei, der aus der Kehle des Waldläufers drang, entschied den ungleichen Kampf zu Gunsten ihres Gegners. Janalds Atem erstarb und das Leben entwich seinem zerstörten Körper.

So schnell Schattentänzerin und doch viel zu langsam. Kannst du denn niemanden retten?

Ein Knurren entkam ihrer Kehle. Der wutentbrannte Blick des stehenden Kriegers vor ihr, wandte sich nun ihr zu. Der Schnitt ihrer Klinge, schien ihn nicht einmal zu stören.

Sei schnell...sei schneller als ich.

Leomars Schritte ließen den Boden unter ihr erzittern, sein keuchender Atem näherte sich. Wie viel hielt er noch aus, wie viel sie? Es war jetzt schon denkbar knapp.

Kahri machte sich klein, als sich der Hellebardenträger aus ihrer Klinge löste und ausholte. Frontal hatte sie ihm nichts entgegen zusetzen. Er würde ihren Körper zerteilen, wie ein triumphierender Schlächter sein Lamm auf die Schlachtbank führt.

Mit der freien Hand stieß sie sich auf dem blutgetränkten Boden ab, rollte zur Seite und versuchte ihre Schnelligkeit gegen seine Intelligenz gewinnen zu lassen. Nur in der Flanke hatte sie eine reelle Chance.

Dann war Leomar da. Mondlicht spiegelte sich auf der Klinge, als sie zuschlug und ihr Zeit verschaffte.

„Im Kampf denkt man nicht, man handelt, man lässt sich von seinen Instinken treiben, die in einer blutigen Symphonie, die Erfahrungen auf ihren Platz verweisen.“

Ein entsetzliches Geräusch, brachte sie aus ihrer Konzentration. Einen winzigen Moment lang herrschte vollkommene Stille. Jene Art von Stille, die alle Antworten preisgab, egal wie grausam, egal wie unwahrscheinlich sie auch waren.
Die schützende Aura, die Leomar nur wenige Augenblicke vor dem Kampf, um Kahri gelegt hatte, fiel. Wie ein Zeitlupe wendete sich ihr Blick, kaum das sie hinter ihrem Gegner wieder auf die Beine kam.

Das Bild wirkte so surreal, so undenkbar möglich. Die Hellebarde hatte sich in seinen Brustkorb verkantet. Der Krieger riss das Klingenblatt wieder aus Leomars Körper und hinterließ ein klaffendes Loch, aus dem Fleisch, Knochen und Organe heraustraten. Der blonde Krieger starb schnell, ohne Theatralik, ohne einen letzten Blick.

Auf die Stille folgte die Leere der Erkenntnis.

Es war, als wollte ihr Körper nicht gehorchen. Eine Erinnerung huschte durch ihren Geist, sie war dunkel und stammte aus einem anderen weit zurückliegenden Welt. Kahris Augen färbten sich erst schwarz, dann rot.
Shars dunkle Begierden brachen hervor, als hätten sie nur jenen einen günstigen Moment abgewartet.

Dann brach zwischem dem aufflackernden Feuer, dass den nächtlichen Himmel rot färbte, die Hölle aus.



...als es vorbei war, hockte sie im Rücken des Mannes, der Leomars Leben beendet hatte. Ihr Atem war ein einziges erschöpftes Keuchen.
Das elfische Kurzschwert, dem man den Namen "Nebelklinge" gegeben hatte, steckte bis zum Schaft in der Wirbelsäule ihres Gegenübers. Sie zog es langsam, mit aller Kraft nach oben und zeichnete einen tödlichen Weg über seinen Rücken und durch ihn hindurch. Dann lag die Waffe wieder in ihrer Hand und sie tauchte mit gierig wirkendem Blick, um ihren Gegner herum. Zwei Augenpaare begegneten einander. Vergeltung und die Gewissheit des Todes trafen mit stiller Gewalt aufeinander.

Seine Pupillen brachen langsam und mit der Erkenntnis, dass ihn jemand, der weit aus kleiner und zierlicher war als er, dessen Waffe gegenüber der seinen nur ein Zahnstocher gewesen ist, einfach so, ohne das er einen weiteren Schlag hätte landen können, gefällt hatte.

Nun wäre sein Gegner ein einfacher Mensch, wäre das gewiss eine bittere Erkenntnis gewesen.

Ein kräftiger Tritt gegen seinen Brustkorb ließ ihn wie einen nassen Sack umfallen. Er war schon tot, als er den Boden berührte aber das störte Kahri nicht. Ihre Klinge fuhr ein weiteres Mal, mit einem präzisen Schnitt in seinen Körper, dieses Mal traf sie seine Kehle.

Der Segen der Rachegöttin ist kein Geschenk, das Heilung verspricht, sondern nur die Stärke, dass zu tun, was getan werden muss -Vergeltung zu üben - wenn er schwindet, folgt die Wahrheit und mit ihr der Schmerz.

Kahri sackte auf die Knie. Die Wut und die Wahrheit über das Unauweichliche, fuhren wie ein tödlicher Hieb durch ihren Körper. Die zittrigen Hände fassten Leomars Nacken und zogen seinen Kopf zu ihrer Brust. Er schien nichts mehr zu wiegen, es war als hätte der Tod das ungleiche Kräfteverhältnis zwischen ihnen aufgehoben.

Nutzlos begann sie die Organe, Fleisch und Knochen wieder in seinen Körper zu stopfen. Ihr blutüberströmter Körper wiegte hin und her... er hatte nicht einen Kratzer.

Dann begann sie zu schreien.

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 Betreff des Beitrags: Re: Engelsreigen
BeitragVerfasst: Fr 11. Sep 2009, 09:09 
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Tribute an die Zukunft

"...Am dunkelsten ist die Nacht vor der Dämmerung..."

Kahris Blick glitt über die stille Sumpflandschaft unterhalb des Hügels an der Palisade. Die Nacht wiegte sich schon in ihren letzten Atemzügen und sofern es der stickige feuchte Nebel zuließ, würde die Sonne in weniger als einer Stunde aufgehen - selbst hier, an einem Ort wie diesem.

Der dichte Nebel hielt die Geräusche und Gerüche dessen, was hier vor wenigen Stunden geschehen war fest und und erhob sie somit zu einem lebendigen, unauschlöschbaren Teil seiner Geschichte.

Schemen tanzten vor ihr, Luftverwirbelungen und Blasen im Brackwasser erzeugten Bilder. Schreie echovierten in ihren Ohren und sie fühlte die Hitze von infernalischem Feuer auf den Wangen.

Klingenspinnen, Sumpfkrabbler, Feuerelementare, Golems - ein unheiliger Regen aus Hunderten von Kreaturen, gelenkt von einer weiteren Irren, die sich den Traum von Macht erfüllen wollte und Wahnsinn fand, stoben in alle Richtungen auseinander. Magische Blitze durchzuckten die feuergetränkte Nacht, manifestierte Klauen und Feuerbälle schlugen Brechen in die Feindreihen, suchten sich Fleisch, zermalmten Knochen, ließen Körper einfach explodieren.
Monströse Tentakel, die sich aus dem schleimigen Wasser lösten, Dornenranken und überall der reine, abartige und unverblühmte Kampf um das nackte Überleben.

Die Brust des Druiden explodierte und ließ ihm keine Zeit für den Pathos, den er sonst so gerne anbrachte. Tianaras Körper wirbelte durch die Luft und verbrannte bei lebendigem Leib. Conan und Leomar, mehr tot als lebendig, stürzten sich mit verbissenen blutverschmierten Mienen auf das immer und immer wiederkehrende Unheil.
Neben ihr verschossen Janald, Cael'nae und Finn Pfeil um Pfeil. Tikalis und Ben Jards Heilzauber erleuchteten wie ein untrügliches Zeichen der Hoffnung die Nacht, brachten auf die Beine, was dringend hätte ruhen müssen. Stunde um Stunde, bis zur totalen Erschöpfung.

Brennende Skelettarmeen stürzten sich auf die Magier. Flinn, Elona, Neftarie und Shana kämpften verzweifelt mit Mystras Segen und löschten Welle um Welle aus. Dann...war der Balor da.

Erst ein einziges Mal in ihrem Leben hatte Kahri jene Höllenkreatur, jene infernalische Gestalt mit gebrochenen brennenden Flügeln gesehen und damals war sie in wilder Panik um ihr Leben gerannt. Jetzt da sie direkt vor ihm stand und sein grausamer Blick sich tief in sie bohrte, war es zu spät ihrem Fluchtinstinkt zu folgen, eigentlich war es zu spät für alles.

Er hob seine Klaue und ballte sie zu einer Faust. Die Welle, die von ihr ausging, erfasste einen jeden, der sich mit erhobener Klinge dem Monster entgegen gestellt hatte und wirbelte sie durch die Luft. Kein Sauerstoff mehr, keine Kraft... alles verbrannte um sie herum und in ihr.

Das schmutzige Wasser, in das ihr Körper aufschlug, jeglichem Willen zu Leben verloren, kühlte den verbrannten Leib. Heilzauber um Heilzauber durchzuckten ihre Gliedmaßen, wollten sie nicht gehen lassen. Stromschläge hielten sie wie eiserne Fesseln vom Grad zwischen Leben und Tod zurück.

„...Spüre den Schmerz Kahri und lebe, du wirst heute auf diesem Schlachtfeld nicht sterben...!“





Sie schloss ihre Augen und atmete tief durch. Vor ihrem inneren Blick tanzten die Erinnerungen und verschwanden schließlich. Das Gesicht ihrer Fürstin schälte sich aus der Dunkelheit. Sie gingen aneinander vorbei, Fremde mit dem gleichen Wissen. Die Fürstin nahm eine andere Aufgabe war, eine die fast vergessen wurde zwischen all den Abscheulichkeiten der letzten Stunden... aber eben nur fast.

Die ersten Strahlen der Sonne schoben sich am Horizont aus dem Nebelschleier, brachten Licht in die Finsternis - zum ersten Mal nach endlos langer Zeit. Das Portal nach Drakovia war geschlossen, vorerst. Diavora getötet, Sarek festgenommen. Nun würde ein jeder seine Wunden lecken, sie heilen lassen oder eben nicht, um sich daran zu erinnern, wo noch Schulden eingetrieben werden würden und neue gemacht werden.

Die kleine Frau stützte sich auf ihren gespannten Bogen und wirkte älter, als sie eigentlich war.

Wenn sie glaubten, dass es nun beendet sei, dass jetzt Stille einkehren würde in den Sturm, der von je her die Gefilde Rivins beutelte, der irrte... alle Wege waren frei und so manch altbekannter Wanderer oder neuer Pilgerer würde sie nur all zu gern beschreiten...

..Schließlich war das Herz Rivins eine nur all zu lohnende Beute - warum eigentlich?

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 Betreff des Beitrags: Re: Engelsreigen
BeitragVerfasst: So 27. Dez 2009, 15:41 
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Das Gerücht, dass Shara Paine tot war, verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den Straßen. Einige flüsterte von ihrem Selbstmord, andere begrüßten ihn und wiederum andere...

Kahri erinnerte sich an Eve und wie sie wutentbrannt aus der Taverne gegangen war. Selten hatte sie die Kriegerin so emotional erlebt.
Sah man es aus relativ objektiven Augen, konnte man kaum verstehen, dass jemand tatsächlich jener Frau nachtrauerte, die schon immer zwiegespalten ihr Leben bestritten und auf sehr unkonventionelle Art, das Leben von Rivin geprägt hatte... aber wie Eve konnte auch Kahri anhand der Sache wenig Objektivität walten lassen.

Die Gespräche mit Flinn über ihr Ableben und seine Meinung darüber vertrat sie uneingeschränkt, das half aber nicht über den Stich in ihrem Herzen hinweg. Shara und sie hatten tiefgreifende Konflikte hinter sich. Einige beruhten auf Missverständnissen, andere auf Hass und dem immerwährenden Gefühl von Rache. Letztlich aber hatten sie beide etwas geschafft, was nur wenigen Todfeinde in Rivin vollbracht hatten. Frieden und schließlich in dieser doch sehr verrückten Welt von Gut und Böse... so etwas wie Freundschaft geschlossen.

Die Winternacht hinterließ vor ihrem im Schatten liegenden Gesicht kleine Nebelwolken. Zusammengekauert und vor Kälte zitternd, hockte sie auf einem Dachgiebel im Hafen und sah hinüber zur Seefeste. Dort irgendwo in einem der unzähligen Räume, hinter den Wandteppichen, die das Symbol ihres verhassten Feindes Tyrannos trugen, hatte sich die Kriegerin eine Scheiss Kugel aus einer dieser Gnomenwaffen in den Kopf gejagt und damit beeindruckend gezeigt, dass Stärke nichts war, wenn sie nicht aus dem Inneren eines Menschen hervorging, sondern nur eine aufgesetzte Maske der Schwäche war, die man vor anderen nicht zeigte.

Natürlich sagte Kahri ihre Intuition, dass egal wie menschlich diese Tragödie war, noch etwas anderes seine Bahnen gezogen hatte, dass eine Enitität Marionettenfäden gezogen hatte, in einem Theaterspiel, dass sie noch nicht verstand, vielleicht nie verstehen würde. Sie hatte versucht, die Garde mit einer Untersuchung betraut und beim Mantel so einige hundert Goldstücke gelassen, um den Ereignissen um Sharas angeblichen Selbstmord auf den Grund zu gehen - erfolglos.

Die menschliche Psyche erlaubte es zumeist nicht, dass jemand einfach so ging und das Ganze in ein "für immer" verwandelte. Abschiedsbriefe, Hinweise, die offensichtlich machten, was zu dem einen entgültigen Entschluss geführt hatte. Es gab immer einen Auslöser, ein Ereigniss, dass das Fass zum Überlaufen brachte.

Ihr Blick wanderte zu einem der kleinen Fenster, wo jemand eine Kerze entzündet hatte, vermutlich um zu lesen. Ja, da war Eve gewesen, der Shara so einiges anvertraut hatte, Dinge, welche die Schattentänzerin auch glaubwürdig nachvollziehen konnte.

Ein Kopfschütteln auf ihre eigenen Gedanken folgte... Witzigerweise gab es hier in Rivin jemanden oder etwas... der es selten zuließ, das Knotenpunkte im Spinnennetz des Schicksals dieser Stadt einfach für immer abtraten. Deshalb saß Fira wieder über ihren magischen Studien und Amrun stapfte selbstgefällig - und das dachte sie mit einem Lächeln - durch die Straßen und sie selbst hockte wie in alten Zeiten auf einem Dach. Da waren noch einige Namen mehr...also - ihr Blick glitt wieder auf die Seefeste - warum sollte das bei Shara anders sein.

Na ja, die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt und in einer magischen Welt wie dieser, stand die Hoffnung bekannterweise in der Schlange hinter dem Tod und nicht vor ihm, mit seiner Sense im Rücken.

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 Betreff des Beitrags: Re: Engelsreigen
BeitragVerfasst: Di 19. Jan 2010, 10:15 
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Zwischen deinen Rippen, irgendwo rechts neben dem Herz über den Magen gibt es eine kleine Stelle, die weder ein Organ ausfüllt, noch ein Knochen, ein Muskel oder sonst irgendetwas vergleichbares... diese Stelle ist aus anatomischer Sicht völlig desinteressant. Allerdings gehört sie dennoch zu den wichtiges Dingen, in einem menschlichen Körper überhaupt.

In Rivin kennen eine Menge Individuen diese Stelle in ihrer Brust nur zu gut. Sie beginnt zu schmerzen, wenn man, mit genügend Zeit, die ins Land gegangen ist, mit genügend Rückschlägen, Lügen und Verrat bedacht, irgendwann aufgehört hat, zu denken, dass es besser werden könnte. Wenn man in seiner Liebe verraten wird, oder sich selbst verrät. Wenn man Fehler gemacht hat, die unwiederrufliche Konsequenzen mit sich gebracht haben, falscher Stolz gehört auch dazu.

Dieses Gefühl, dass wie ein Hammer scheint, der von innen immer und immer wieder gegen dein Brustbein schlägt, ist ein widerliches kleines Ding, das bei einem falschen Gedanken, einem falschen Wort, einem Geruch oder einer falschen Berührung sofort aufzeigt, dass nicht alles in Ordnung ist.

Einige nennen dieses Gefühl liebevoll Kummer, aber deren Familien oder Freunde sind vermutlich nicht abgeschlachtet worden...andere, die damit schon mehr Erfahrung haben, nennen das Gefühl Schmerz. Und dann gibt es noch die Verzweiflung, die Aussichtslosigkeit, das geschieht dann, wenn man vergessen hat, wie es war bevor der Schmerz anfing oder vergessen hat wie er wieder aufhört. Wenn die schönen Erinnerungen, Hoffnung und Zuversicht so sehr verblassen, dass man sie nicht mehr halten kann.

Viele von uns sind in uns selbst gefangen, wenn sie diesen Schmerz in ihrer Brust erleiden, viele erkennen keinen Ausweg, obwohl bestimmt einige da wären - dazu gehöre ich.

Deshalb ist es ungemein wichtig, dass wir uns gegenseitig helfen und für einander da sind. Das wir auf unseren Nächsten aufpassen und hinter die Masken sehen, nicht verdammen oder restlos dem Zynismus verfallen, selbst im Angesicht von Verrat, Neid, Missgunst, Eifersucht und Lüge.

Also wenn du jemanden triffst, dessen Augen, verraten, dass der an sich leere Platz unter dem Brustbein nicht leer ist, sondern schmerzt... sei für ihn da. Wenn nämlich nicht kann es passieren, dass dieser Mensch verschwindet und dann fehlt, wenn du ihn irgendwann brauchst, damit er dich festhalten kann.

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 Betreff des Beitrags: Re: Engelsreigen
BeitragVerfasst: So 28. Feb 2010, 11:51 
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Wütend trat sie eines der kostbaren Bücher durch ihren Schlafraum. Es rutschte über den schwarzen Teppichboden und wurde erst durch eine der blutroten Wände aufgehalten. Innerlich tobte sie. Ihre Schulter schmerzte und das Handgelenk sendete in kleinen Impulsen immer wieder stechende Wellen durch ihren Körper.

...Sie haben noch nicht den wahren Wahnsinn dieser Welt gesehen. Und wir könnten Ihnen das nicht zeigen. Das kann nur ein Leben wie du es und jene die dir näher sind als deine Freunde es geführt haben...

...Die, die dir etwas bedeuten sind dir fern Kahri...

...Darum verrätest du uns auch nicht...


...sprich nur weiter...reiz mich..

Seine Zunge glitt über ihre Handinnenfläche. Und wie konnte er es wagen, in diesen verräterischen fremdartigen Augen mehr Leben, mehr Willen zu vereinen als sie selbst.

Die Nähe war gerade durch ihre Gefährlichkeit ein einziger Reiz. Wut und Zorn mischten sich in das gewisse Verlangen, was jemandem überfällt, der sich nur in der Dunkelheit ausleben konnte... ausleben wollte. Und das wußte er... sehr genau.

Als es eskalierte... ging er... wobei sie eher das Gefühl hatte er floh. In ihren Händen hielt sie ein kleines Band, daran befanden sich ein paar lange weiße Haare...

...
...
...

"Wie kann es sein, dass jemand wie er mich auf diese Art bis zum Äußersten reizt und mir dabei so nahe kommt, dass ich mich selbst vergesse."

"Ich habe nur Angst, dass es wieder anfängt. "

"Dass was wieder anfängt...?

"Ich die Dunkelheit suche, weil sie das einzige ist was ich wirklich ertragen kann."

"Das heißt, du erträgst es nicht wirklich, wenn Kyra bei dir wohnt? Oder dich jemand anderes besucht? Das glaube ich dir nicht."

"Das ist es nicht. Sie sind mir nicht wirklich nahe, sie kommen bis vor die Türe," sie deutete auf ihre Schläfe "aber nicht dahinter... Wesen wie er schaffen das... so problemlos dass es mir Angst macht."

"Vielleicht, weil sie direkter sind und keine Rücksicht auf unangenehme Wahheiten nehmen müssen, aber... ich würde mir darüber wirklich nicht so viele Gedanken machen."

Ja...vielleicht...vielleicht aber auch nicht.

Sie will ihn wiedersehen und darin steckt keine Bitte, nur die nötige Wut. Herausfinden, woher dieser Reiz kommt und wie viel von ihrer Krankheit, die in ihr schwellt und die er anscheindend mit der Genugtuung eines ähnliches Geistes zu wecken versucht...tödlich für sie war.

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