Grausamkeit und Düsterkeit in Rollenspielen (an PC)
#1

Vor kurzem habe ich zum ersten Mal Dark Souls II durchgespielt und vor einigen Monaten das Warhammer40K-RP Rogue Trader. 

Nun fand ich Zeit, einige Gedanken Revue passieren zu lassen. Zunächst einmal, ich bin mir nicht sicher, ob ich zartbesaitet oder abgebrüht bin, ich glaube keines von beiden und dann doch wieder beides, schwer zu sagen. Ich kann mir sehr extreme Bücher/Filme/Serien/Comics anschauen und habe dann kein Problem damit, auf der anderen Seite gibt es manchmal recht sanfte Stories, bei denen ich vermutlich nicht einmal die vorgesehene Zielgruppe sind und sie schaffen es, mich zu Tränen zu rühren. Und manche Stories schaffen das Kunststück, ein Mittelding zwischen Beidem zu bilden.

Mit Rogue Trader hatte ich zu Anfang meine Probleme. Ich habe mehrere Anläufe gestartet und dann wieder abgebrochen. Nicht nur weil mir einige Passagen zu schwer waren und ich etwas zu blöd zu sein scheine, sie schnell genug zu begreifen, bevor das Spiel meine Party vernichtet hat (auch wenn es mittlerweile wiederum diverse Abstufungen von Easy Modes gibt bei denen man sich schon fast absichtlich umbringen muss um zu scheitern). Aber schlimmer fand ich die extreme Grausamkeit und Düsterkeit und die depressive beständige Negativität, die alles durchtränkt. Mir war klar, dass Warhammer40k ziemlich Grimdark ist, doch das war mir hier stellenweise schon zu extrem. 

Ich weiß, es ist nur ein Spiel, aber wenn ich mir bei einem Spiel die ganze Zeit über vor Augen halten muss, dass es ja nur ein Spiel ist und ich versuchen muss, mich stark von den Figuren und dem Geschehen emotional zu distanzieren, dann bin ich mir nicht sicher, ob ich das gut finden muss. Während ich normalerweise gerne in eine Geschichte versinke und mich voll und ganz davon mitreißen lassen möchte, muss ich hier genau das verhindern um emotionalen Schaden zu vermeiden, so dramatisch sich das nun auch anhört. Manchmal denke ich mir, es ist ein kleines bißchen wie Chillipfeffer. Klar, man kann tolle Sachen mit Chillipfeffer machen, aber wenn mir am Ende nur noch der Mund brennt und meine Geschmacksnerven so sehr verbrannt werden, dass ich das eigentliche Essen darunter kaum mehr schmecke, stellt sich mir eine gewisse Sinnfrage. 

Als ich es dann schließlich bei dem xten Versuch geschafft habe, konnte ich es durchspielen und es war tatsächlich mal wieder trotz allem ein Top Klasse RPG und gehört ähnlich wie die anderen Werke von Owlcat zu den besten Spielen überhaupt, auch wenn der Charme von Pathfinder WotR für mich nicht mehr erreicht wird. Das ganze Worldbulding ist unglaublich, die Geschichten sind beklemmend und intensiv und es hat wieder so extrem viele gut ausgearbeitete und liebevoll gestaltete Charaktere. Ich kann mich dennoch für mich nicht des Eindrucks erwehren, dass es ein wenig unter dieser fast schon aufgezwungenen Negativität und Entsetzlichkeit leidet, die auf mich an einigen Stellen schon fast unfreiwillig komisch wirkt, die mich dann auch wieder aus der Immersion reißt. "Oh, ja schon klar, natürlich werden trotz all meiner Bemühungen auch diese Leute jetzt einen völlig sinnlosen und unglaublich qualvollen Tod sterben weil das Spiel sicherstellen will, dass ich nicht vergesse, dass diese Galaxie total böse ist. Warum genau versuch ich es gleich nochmal überhaupt...?" 

Ich musste schon fast mit Tränen in den Augen schmunzeln, als ich unter den Mods für das Spiel sah, dass
es ein Happy Ending Mod gibt, weil irgendwie so ziemlich alle der vielen erreichbaren Endslides für dich und deine Crew natürlich ein Bad End hat, im Grunde kannst du, salopp gesprochen, eigentlich nur die jeweilige Todesart ein wenig beeinflussen.

Aber ja, die Welt ist böse, die Welten sind böse, alles ist böse. Vielleicht ist Warhammer auch einfach nichts für mich, weil ich zu zartbesaitet bin. Oder mich eigentlich garnicht emotional distanzieren will, vor allem nicht, wenn ich ein RPG spiele. Das ist natürlich nur meine persönliche und völlig subjektive und vielleicht nicht ganz faire und emotionale Meinung und die muss keiner teilen. Ebenso will ich niemandem blöd kommen, der das Spiel gut findet, denn das Spiel IST unglaublich gut. Aber teilweise eben auch... naja.

Aus meiner Sicht sehr viel besser gemacht hat es das Spiel Tyranny. Es ist auch extrem düster und extrem grausam und beklemmend, aber es artet nicht immer so extrem aus, es gibt einem nicht das Gefühl, dass es immer wieder 'noch einen draufsetzen' will und es gibt zumindest die Chance, das manche Sachen auch mal gut ausgehen. Es wirkt natürlicher und realistischer und dadurch greifbarer. 

Und das führt mich wieder hin zu Dark Souls, oder grundsätzlich fast allen FromSoftware-Spielen. Bei Dark Souls 2 habe ich auch mehrere Anläufe gebraucht, aber in erster Linie weil es wirklich fucking schwierig ist und du ohne guten Walkthrough an manchen Stellen einfach lost bist und einige Mechaniken mir einfach nicht wirklich Spaß machten sondern nur noch frustrierten. Allerdings sind diese Spiele auch sehr düster und haben ein sehr depressives Setting. Und trotzdem mir das Streifen durch die Untotenapokalypse von Dark Souls irgendwie 'näher' als mir Erklärungen von Kolonisten anzuhören, die erzählen, dass sie es auf einmal für voll die interessante Idee gehalten haben, den Leuten allen die Augen rauszuschneiden weil irgendeine Erscheinung im Fiebertraum das ihren Predigern sagte (gut, letzter Seitenhieb gegen Rogue Trader). Dark Souls 2 ist natürlich trotzdem ein einziger Fiebertraum. Während ich bei Dark Souls 1 noch halbwegs schlüssig der Handlung aus eigener Kraft folgen konnte, habe ich bei Dark Souls 2 mehrfach den Faden und die Orientierung verloren. Ohne diverse erläuternde YouTube-Videos hätte ich nicht wirklich verstanden, was eigentlich los ist, um ehrlich zu sein. Und auch irgendwann nicht mehr gewusst wo ich bin und wo ich eigentlich jetzt hin wollte. 

Auch hier ist die Welt extrem grausam und düster. Von einer kleinen Siedlung mal abgesehen sind alle Orte nur noch verwahrlose Ruinen die sich nur mit den verfallenden Resten der brachialen Gewalt einstiger Größen gigantomanisch dem unweigerlichen Untergang entgegenstellen. Riesige Palaste und Festungen, uralte Tempel und Schreine die uns in ihrem Verfall wortlos davon erzählen, was dies hier einstmals für eine prächtige Welt gewesen sein könnte. Geistlose oder halbgeistlose Untote schlurfen überall durch die Gegend und auch du selbst bist am Verwesen. Du triffst andere Charaktere, die ein ähnliches Schicksal erleiden und wie du mit dem Untotenfluch gekennzeichnet sind - sie wissen, dass sie Stück für Stück, jeden Tag ein wenig mehr, ihre Erinnerungen und ihren Verstand verlieren werden, bis sie ebenfalls geist- und erinnerungslos durch die Lande streifen. 

Untote Soldaten in verfallenen Festungen, die wenn sie nicht dich jagen manchmal alte Bäume angreifen, weil das der letzte Rest ist, der noch in ihren untoten Gehirnresten vielleicht für immer verankert ist - dass der letzte Krieg, in dem sie alle starben, ein Krieg gegen die Riesen war und die alten Bäume erinnern sie an die Riesen. Ich finde das eine sehr ergreifende und beklemmende Vorstellung. Untote Ritter, die ihrem König die ewige Treue geschworen haben und sich auch nach ihrem Tod an ihren Eid halten und sich erheben um einem Schwur nachzukommen, der seinen Sinn vor Jahrhunderten verloren hat. Und dazwischen einzelne Leute die überlebt haben und irgendwie über die Runden zu kommen versuchen. Und natürlich gibt es auch hier einige sehr, sehr grausame Schicksale. Allerdings verliert (zumindest für mich) die Schönheit nie völlig gegen die Düsterkeit und es gibt sogar eine gewisse Form von ästhetischer Finsternis und Untergangsstimmung. Und ich (ja, ich kann nur für mich sprechen) muss nie emotional distanzieren um das Spiel noch gut zu finden. Roque Trader ist also das brennende Chilli-Steak und Dark Souls das irgendwie noch angenehm stark gewürzte. 

Vielleicht ist aber auch Rogue Trader einfach nur Heavy Metal und Dark Souls ist Gothic.  Rolleyes

Wie findet ihr die Grausamkeit und Düsterkeit in RPGs?

~Ameng Xilo~
"...but never ever can be free, 'cause everything here is on me."

~Illiam'cice~
"I was never meant to be. This paintings main centerpiece. Hidden in a corner my outlines are fading. The days have turned into night. Darkness has consumed the light."

~Jaqueline Lumber~
"Fire walk with me."

~Scherbenfresse~

"Close contact with the utterly bizarre is often more terrifying than inspiring."
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Grausamkeit und Düsterkeit in Rollenspielen (an PC) - von Ameng Xilo - Vor 2 Stunden



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